Bisexuelle Anziehung
Der Spätsommernachmittag hing schwer und golden über Emmas Garten, als sie die letzten Vorbereitungen für den Besuch traf. Der Pavillon, eine alte Holzkonstruktion mit verwitterten Schnitzereien an den Eckpfosten, stand im hinteren Teil des Gartens, umgeben von hochgewachsenen Rosenstöcken und einem wild wuchernden Jasmin, dessen süßlicher Duft sich mit der warmen Luft verwob. Emma strich die Baumwolltischdecke glatt und prüfte mit einem raschen Blick die Anordnung der Teeschalen – handgedreht, unglasiert, jede ein Unikat vom Töpfermarkt im letzten Herbst. Der Ton war noch warm vom Sonnenlicht, als sie mit den Fingerspitzen über den Rand fuhr.
Sie hatte Lukas vor drei Wochen auf einer Lesung kennengelernt. Er hatte in der zweiten Reihe gesessen, die Stirn nachdenklich gerunzelt, während der Autor aus seinem neuen Roman las, und später an der Bar hatte er sie auf den Satz angesprochen, der auch sie nicht mehr losgelassen hatte. Sie waren ins Gespräch gekommen, hatten Nummern getauscht, und irgendwann zwischen Kaffee und Spaziergängen hatte sie ihn zu einer Teezeremonie eingeladen – halb aus echtem Interesse an der japanischen Teekultur, halb weil sie spürte, dass da etwas war, das sie noch nicht benennen konnte.
Jetzt hörte sie das leise Knirschen der Kieselsteine auf dem Gartenweg und richtete sich auf. Lukas trat zwischen den Rosenbüschen hervor, eine Leinentasche in der Hand und dieses halb verlegene Lächeln im Gesicht, das sie schon bei ihrer ersten Begegnung seltsam berührt hatte. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, schlaksig und mit einer Art von zurückhaltender Präsenz, die den Raum um ihn herum eher verdichtete als ausfüllte. Seine Augen, ein unbestimmtes Graublau, wanderten neugierig über den Pavillon, die Teeutensilien, und schließlich zu ihr.
„Das ist ja ein verwunschener Ort“, sagte er und blieb an der untersten Stufe stehen, als wartete er auf eine förmliche Einladung. Emma nickte und bedeutete ihm, die zwei Stufen hinaufzusteigen. Das Holz ächzte leise unter seinen Schritten, ein vertrautes Geräusch, das Emma seit Jahren mit Sommern und langen Nachmittagen verband.
„Ich dachte immer, Teezeremonien wären etwas unglaublich Strenges“, sagte Lukas, während er sich auf dem Kissen niederließ, das sie für ihn bereitgelegt hatte. „Mit lauter Regeln, bei denen man ständig Angst haben muss, etwas falsch zu machen.“ Emma lächelte und kniete sich gegenüber von ihm hin, die Hände ruhig im Schoß gefaltet. Sie trug ein leichtes Leinenkleid, dessen Saum sich auf den Holzplanken kräuselte, und sie war sich plötzlich bewusst, wie dünn der Stoff war, wie nah sie einander saßen in dieser stillen, duftgeschwängerten Nachmittagsluft.
„Es geht nicht um Perfektion“, sagte sie und griff nach dem Kessel, dessen Wasser sie vor seiner Ankunft erhitzt hatte. Der Dampf stieg in einer schmalen Säule auf, verwirbelte im leichten Windhauch, der durch die offenen Seiten des Pavillons strich. „Es geht um Aufmerksamkeit. Um den Moment. Darum, dass zwei Menschen sich für eine Weile wirklich begegnen.“ Sie goss das heiße Wasser über die Teeblätter in der Kanne, und der Duft von Jasmin breitete sich aus, schwer und blumig, fast körperlich in seiner Intensität.
Lukas sah ihr zu, wie sie die Kanne behutsam schwenkte, den ersten Aufguss in die Schalen verteilte. Er hatte erwartet, dass diese Zeremonie etwas Meditatives haben würde, etwas Beruhigendes – stattdessen spürte er eine wachsende Unruhe in sich, die nichts mit Nervosität zu tun hatte. Es war die Art von Spannung, die entsteht, wenn man sich einer anderen Person plötzlich sehr nah fühlt, ohne genau zu wissen, warum. Emmas Hände, schmal und sicher, bewegten sich mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn faszinierte. Die Art, wie ihre Finger die Schale umschlossen, wie sie den Tee prüfend ansah, bevor sie ihn ihm reichte.
„Riech zuerst“, sagte sie leise. „Dann ein kleiner Schluck. Lass ihn auf der Zunge liegen, bevor du schluckst.“ Ihre Blicke trafen sich, als er die Schale an die Lippen setzte, und etwas in diesem kurzen, stummen Austausch ließ ihn den Tee heißer empfinden, als er tatsächlich war. Oder vielleicht war die Hitze in seiner Kehle auch ganz woanders entstanden.
Was der erste Schluck verschwieg und die Finger verrieten
Emma beobachtete Lukas beim Trinken, und sie ertappte sich dabei, wie ihr Blick an seinem Mund hängenblieb – daran, wie sich seine Lippen um den Rand der Schale legten, wie sein Adamsapfel sich beim Schlucken bewegte. Sie kannte ihn kaum, und doch war da dieses Kribbeln unter ihrer Haut, dieses unterschwellige Pulsieren, das sie sich nicht erklären konnte. Oder besser: nicht erklären wollte. Es war lange her, dass sie für jemanden etwas empfunden hatte, das über Freundschaft hinausging – zu lange, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf, die sie gewöhnlich ignorierte.
„Der Tee ist unglaublich“, sagte Lukas und stellte die Schale behutsam zurück auf das Tablett. „Ich habe noch nie so bewusst getrunken. Man schmeckt plötzlich Schichten, die man sonst gar nicht wahrnimmt.“ Er zögerte, als suchte er nach Worten, die nicht zu viel verrieten. „Man fragt sich, ob man auch Menschen so schmecken könnte. Wenn man sich nur genug Zeit ließe, sie wirklich wahrzunehmen.“
Emma hob eine Augenbraue. Der Satz hing zwischen ihnen, eine Einladung, die sie ausschlagen oder annehmen konnte. Sie entschied sich für einen Mittelweg. „Vielleicht ist das der Grund, warum wir diese Zeremonien überhaupt erfunden haben“, sagte sie und schenkte ihnen beiden neu ein. „Um uns darin zu üben, präsent zu sein. Für Tee. Für Menschen. Für das, was zwischen ihnen entsteht.“ Ihre Finger streiften seine, als sie ihm die Schale reichte, ein flüchtiger Kontakt, den sie beide über Gebühr lang ausdehnten.
Lukas spürte Emmas Berührung wie einen kleinen elektrischen Schlag. Er war nicht blind für die Signale, die sie aussandte – die Art, wie ihr Atem sich leicht beschleunigt hatte, wie ihre Pupillen sich geweitet hatten, als sie sich in die Augen sahen. Und er war überrascht, wie sehr ihn das anzog. In den letzten Jahren hatte er sich vor allem zu Männern hingezogen gefühlt, hatte eine Reihe von Beziehungen und Affären gehabt, die ihm das Gefühl gegeben hatten, endlich bei sich selbst angekommen zu sein. Dass er jetzt hier saß und von den schmalen Handgelenken dieser Frau, dem Ansatz ihres Schlüsselbeins unter dem dünnen Leinen, dem Duft, der von ihrer warmen Haut aufstieg, so gefesselt war, irritierte und erregte ihn zugleich.
Er trank einen Schluck, tiefer diesmal, und ließ den Tee über seine Zunge rollen. Emma hatte die Augen halb geschlossen, als lauschte sie einer inneren Musik, und er fragte sich, ob sie spürte, wie sehr er sie in diesem Moment begehrte. Es war kein plumpes, zielgerichtetes Wollen – es war ein Sog, ein Dürsten, das mit jedem Atemzug zunahm und sich in seinen Lenden sammelte, warm und drängend.
„Darf ich dir noch eine Tasse eingießen?“, fragte Emma, und ihre Stimme war eine Spur rauer als zuvor. Statt zu antworten, legte Lukas seine Hand auf ihre, die noch immer die Kanne umfasst hielt. Eine einfache Geste, fast schüchtern, aber sie genügte, um das leise Knistern zwischen ihnen in ein offenes Prickeln zu verwandeln. Emma stellte die Kanne ab, sehr langsam, als könnte jede hastige Bewegung den Zauber brechen. Dann drehte sie ihre Hand um, sodass ihre Handflächen aneinanderlagen, und verschränkte ihre Finger mit seinen.
„Ich bin nicht sicher, was hier gerade passiert“, flüsterte sie, ohne ihn anzusehen. Ihr Daumen strich über seinen Handrücken, fuhr die Linien der Venen nach, die sich unter der Haut abzeichneten.
„Ich auch nicht“, sagte Lukas. „Aber ich will nicht, dass es aufhört.“ Er spürte, wie sein Herz gegen seine Rippen schlug, als wollte es aus dem Brustkorb springen, direkt in diese warme Hand, die seine hielt. Der Jasmin duftete jetzt durchdringend süß, fast betäubend, und in der Stille des Gartens war jedes Rascheln der Blätter, jeder ferne Vogelruf so deutlich, als hätte jemand die Welt scharfgestellt.
Emma löste ihre Hand behutsam aus seiner und griff nach der Teekanne, nur um etwas zu tun zu haben, einen Anker in der Routine. Aber ihre Finger zitterten leicht, und ein paar Tropfen des heißen Tees fielen auf den Holztisch, bildeten eine kleine, dunkle Pfütze, die langsam in die Maserung sickerte. Sie starrte darauf, als enthielte dieses zufällige Muster die Antwort auf Fragen, die sie noch nicht zu stellen wagte. Die Wahrheit war einfach und verwirrend zugleich: Sie wollte diesen Mann berühren, und zwar nicht nur seine Hände. Sie wollte wissen, wie sich seine Haut unter ihren Lippen anfühlte, wie er schmeckte, ob die Spannung, die sie in ihm spürte, sich lösen würde, wenn sie einander näher kamen.
Zwischen den Knien ein Zittern, das kein Tee mehr stillte
Lukas war derjenige, der die Distanz schließlich überbrückte. Er rutschte von seinem Kissen herunter, kniete sich neben Emma und legte eine Hand an ihre Wange. Ganz behutsam, als hielte er etwas Zerbrechliches. Ihre Haut war warm und ein kleines bisschen feucht von der Nachmittagshitze, und als sie ihr Gesicht in seine Handfläche schmiegte, spürte er, wie sich etwas in ihm löste und gleichzeitig zusammenzog.
„Ich möchte dich küssen“, sagte er leise, und es war keine Frage. Emma nickte kaum merklich, ihre Lippen öffneten sich einen Spalt breit, und dann beugte er sich vor und legte seinen Mund auf ihren.
Der Kuss begann zögerlich, ein tastendes Erkunden, aber innerhalb von Sekunden wurde er tiefer, fordernder. Emma schmeckte den Jasmintee auf seinen Lippen, darunter etwas Eigenes, Würziges, das sie mehr wollte. Sie legte eine Hand in seinen Nacken, spürte die kurzen Haare an ihrem Handgelenk, zog ihn näher. Seine Zunge glitt in ihren Mund, und sie empfing sie mit einem leisen, kehligen Laut, der sie selbst überraschte.
Lukas spürte, wie sich seine Erregung unübersehbar in seiner Hose bemerkbar machte, und einen Moment lang zuckte er innerlich zurück – war das zu schnell, zu direkt? Aber dann rutschte Emmas Hand von seinem Nacken über seine Schulter, seinen Brustkorb, blieb an seinem Hosenbund liegen. Eine Frage, auf die er die Antwort bereits wusste. Er nickte in den Kuss hinein, und ihre Finger öffneten den Knopf, zogen den Reißverschluss herunter. Die Erleichterung, als der Druck nachließ, war fast schmerzhaft.
Emma löste sich von seinen Lippen, um Luft zu holen, und sah an sich herab. Ihre Hand hatte seinen Schwanz aus der Hose befreit, und er war hart und warm in ihrer Handfläche, die Haut samtweich über der pochenden Härte darunter. Sie strich mit dem Daumen über die Spitze, spürte die Feuchtigkeit, die sich dort sammelte, und ein heißer Schauer lief ihren Rücken hinab. Sie wollte mehr. Sie wollte alles.
„Zieh mich aus“, flüsterte sie, und Lukas’ Hände zitterten, als er nach den Trägern ihres Kleides griff. Er schob sie über ihre Schultern, befreite ihre Brüste, und senkte dann den Kopf, um eine der Brustwarzen in den Mund zu nehmen. Emma stöhnte auf, legte den Kopf in den Nacken, während seine Zunge Kreise um die harte Spitze zog. Sie spürte, wie sich ihr eigenes Begehren zwischen ihren Beinen sammelte, feucht und pochend, und sie griff nach unten, schob ihr Kleid über die Hüften, zog es aus, bis sie nackt vor ihm kniete. Nur der dünne Slip blieb, den er ihr mit einer fast ungeduldigen Bewegung von den Hüften streifte.
Lukas betrachtete sie. Ihre Haut schimmerte im gedämpften Licht des Pavillons, ihre Brüste hoben und senkten sich mit ihrem beschleunigten Atem, und zwischen ihren Schenkeln lockte dunkles, feuchtes Haar. Er beugte sich vor, presste seine Lippen auf ihren Bauch, wanderte tiefer, und Emma spreizte instinktiv die Beine, um ihm Platz zu machen. Sie lehnte sich zurück, stützte sich auf die Handflächen, während seine Zunge sie fand – erst zögerlich, dann sicherer, als ihre Hüften ihm entgegenkamen. Er schmeckte sie, salzig, weiblich und unverwechselbar sie selbst, und er spürte, wie sie unter seiner Berührung bebte, wie ihre Finger sich in sein Haar krallten und ihn noch tiefer drängten.
„Oh Gott, ja“, keuchte sie, als seine Zunge ihre Klitoris fand und mit präzisen, kreisenden Bewegungen reizte. Die Spannung in ihr wuchs, ein straff gespanntes Seil, das jeden Moment reißen konnte. Lukas spürte es, spürte, wie sie sich ihm entgegenwarf, wie ihre Schenkel zitterten – und dann kam sie mit einem erstickten Schrei, den sie in ihre geballte Faust presste, während die Wellen der Lust durch ihren Körper rollten.
Er hielt sie, bis sie ruhiger atmete, strich mit den Händen über ihre Hüften, ihre Oberschenkel, ihre immer noch bebenden Flanken. Dann richtete er sich auf, und Emma griff nach ihm, zog ihn zu sich heran, küsste ihn und schmeckte sich selbst auf seinen Lippen – eine intime Vertrautheit, die sie noch nie zuvor erlebt hatte. Sie wollte ihn jetzt in sich spüren, wollte die Leere füllen, die sein Mund in ihr hinterlassen hatte.
Als zwei Körper eine Sprache fanden, die keiner von uns je gelernt hatte

Emma schob Lukas sanft auf den Rücken, kniete sich über ihn und hielt inne. Sie sah ihn an – die geröteten Wangen, die verschleierten Augen, den Mund, der leicht geöffnet war – und ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, klar und unausweichlich: Sie begehrte diesen Mann mit einer Intensität, die sie nicht für möglich gehalten hätte. Dass sie sich auch zu Frauen hingezogen fühlen konnte, hatte sie vor Jahren akzeptiert, gelebt, genossen. Aber diese bisexuelle Anziehung, die sie nun für Lukas empfand, war anders – unerwartet, überwältigend, absolut.
„Was ist?“, murmelte Lukas, und sie merkte, dass sie zu lange reglos verharrt hatte. Statt zu antworten, senkte sie sich auf ihn herab, führte ihn mit der Hand in sich hinein, ein langsames, gleitendes Eindringen, das sie beide aufstöhnen ließ. Er füllte sie vollkommen aus, und sie begann, sich zu bewegen, erst langsam, fast fragend, dann sicherer, als ihr Rhythmus sich fand.
Lukas hatte die Hände auf ihre Hüften gelegt, ließ sie das Tempo bestimmen, während er gegen die überwältigende Empfindung ankämpfte, zu früh zu kommen. Sie war so eng, so warm, und die Art, wie sie sich auf ihm bewegte, wie ihre Brüste bei jedem Stoß leicht wippten, ihre halb geöffneten Lippen, hinter denen kleine, lustvolle Laute entwichen – das alles drohte ihn zu überwältigen.
„Warte“, keuchte er, und Emma hielt inne, sah ihn fragend an. Er zog sie zu sich herunter, küsste sie, tief und fordernd, und flüsterte an ihrem Ohr: „Ich will, dass du dich umdrehst. Auf alle Viere.“ Die Worte kamen über seine Lippen, bevor er sie bedenken konnte, und einen kurzen Moment fürchtete er, zu direkt gewesen zu sein. Aber Emmas Pupillen weiteten sich, und sie nickte, löste sich von ihm, kniete sich auf die Kissen und stützte sich auf ihre Unterarme.
Er kniete hinter ihr, ließ seine Hände über ihren Rücken gleiten, die Rundung ihres Gesäßes, die weiche Haut ihrer Schenkel. Dann drang er von hinten in sie ein, tiefer diesmal, und Emma schob sich ihm entgegen, ein Laut zwischen Stöhnen und Lachen, der die angestaute Spannung löste. Er begann, sich in ihr zu bewegen, griff nach ihren Hüften, um den Rhythmus zu halten, und sie begegnete jedem Stoß mit einer rollenden Gegenbewegung.
„Härter“, bat sie, die Stimme brüchig vor Lust, und er gab ihr, worum sie bat, trieb sich in sie mit einer Dringlichkeit, die jede Zurückhaltung vergessen ließ. Das Holz des Pavillons ächzte unter ihren Bewegungen, der Duft von Jasmin und Sex vermischte sich in der warmen Luft, und irgendwo am Rande ihres Bewusstseins hörte Emma Vögel, die in den Bäumen zwitscherten, eine vollkommen irreale Begleitung zu dieser animalischen Vereinigung.
Sie kam ein zweites Mal, heftiger als zuvor, krallte die Finger in die Kissen und presste ihr Gesicht in den Stoff, um den Schrei zu ersticken, der aus ihr herausbrechen wollte. Lukas spürte, wie sie sich um ihn zusammenzog, und das war genug, um ihn über die Kante zu treiben. Er stöhnte ihren Namen, als er in ihr kam, eine Serie von heftigen Zuckungen, die seinen ganzen Körper erfassten, als wollten sie ihn von innen nach außen kehren.
Danach sanken sie ineinander, verschlungen und atemlos, und das Schweigen, das sich über sie legte, war vollkommen. Emma spürte seinen Herzschlag an ihrer Schulter, das Nachbeben in ihren eigenen Schenkeln, das leise Rinnen seiner Wärme an ihrer Innenseite, und sie wusste, dass nichts an diesem Nachmittag zufällig gewesen war. Sie hatte Lukas nicht nur begehrt – sie hatte sich selbst in diesem Begehren neu entdeckt, eine Offenheit gespürt, die keine Schubladen mehr brauchte.
Lukas strich mit den Fingerspitzen über ihren Rücken, folgte der Linie ihrer Wirbelsäule, verweilte an den Grübchen oberhalb ihres Gesäßes. In seinem Kopf drehten sich die Gedanken träge und schwer, wie Blätter in einem langsamen Strudel. Er hatte sich als schwul definiert, jahrelang, hatte es vor Freunden und Familie verteidigt, hatte geglaubt, dieser Teil seiner Identität sei unverrückbar. Und jetzt lag er hier, in einem Gartenpavillon, mit dem Geschmack einer Frau auf seinen Lippen und der überwältigenden Gewissheit, dass dies kein Ausrutscher gewesen war, sondern eine Erweiterung. Eine Heimkehr zu etwas, das er nie wirklich verlassen hatte, weil er es nie zugelassen hatte.
„Ich glaube, ich muss einiges überdenken“, murmelte er gegen ihre Schläfe, und Emma lachte leise, ein warmes, gelöstes Lachen, das aus ihrem Bauch zu kommen schien.
„Willkommen im Club“, sagte sie und küsste sein Schlüsselbein. Der Tee auf dem Tisch war kalt geworden, aber keiner von ihnen dachte daran, neuen aufzugießen.
Der letzte Schluck Jasmintee schmeckte nach mehr als nur Tee
Sie zogen sich nicht gleich an. Stattdessen blieben sie nebeneinander auf den Kissen liegen, nackt und träge, die Glieder schwer von der Nachmittagshitze und der verausgabten Lust. Irgendwann richtete Emma sich auf, goss den erkalteten Tee in die Schalen und reichte Lukas eine, ohne auf Konventionen zu achten. Es war nur noch eine Geste, eine Fortsetzung der Nähe mit anderen Mitteln.
„Warum hast du mich eingeladen?“, fragte Lukas nach einer Weile. Er hatte den Kopf auf seinen verschränkten Arm gebettet und sah sie an. „Ich meine, wirklich. Es war doch nicht nur der Tee.“ Die Frage hing zwischen ihnen, direkt und ohne Ausflüchte, und Emma wusste, dass sie ihm eine ehrliche Antwort schuldete. Nicht weil er sie einforderte – das tat er nicht –, sondern weil dieser Nachmittag alles Unehrliche zwischen ihnen verbrannt hatte wie ein Blitzschlag, der einen Baum spaltet.
„Ich wusste es selbst nicht genau“, sagte sie langsam, wählte die Worte mit Bedacht. „Ich empfand dich als interessant, auf eine Art, die ich nicht einordnen konnte. Es hatte nichts mit Mann oder Frau zu tun. Es war einfach … du. Deine Art zu schauen. Die Pausen, bevor du antwortest. Wie du den Kopf neigst, wenn du zuhörst.“ Sie nahm einen Schluck von dem kalten Tee, der jetzt bitter schmeckte, aber seltsam passend. „Ich glaube, ich habe gehofft, dass du mir hilfst, es zu verstehen. Was immer es ist.“
Lukas schwieg. Die Sonne war weitergewandert, fiel jetzt in schrägen, goldenen Bahnen durch die Ranken des Jasmins, malte Muster auf ihre Haut. Er betrachtete die Lichtflecken auf ihrem Bauch, ihren Brüsten, ihrem Gesicht, und er empfand eine Zärtlichkeit, die ihn überraschte. Nicht nur Begehren – das war da, unverändert –, sondern eine tiefere, ruhigere Regung, die wie eine Hand auf seiner Brust lag.
„Ich dachte, ich wüsste, wer ich bin“, sagte er schließlich. Seine Stimme war leise, fast ein Flüstern. „Schwul“, dachte ich. Das ist das Label, und es passt. Aber dann saß ich hier und schaute dir beim Tee-Eingießen zu, und ich wollte dich auf eine Weise, die nicht in dieses Label passt.“ Er machte eine Pause, suchte nach Worten. „Es war nicht so, dass ich dich trotzdem begehrte. Ich begehrte dich genau so, wie du bist. Deinen Körper. Deine Weiblichkeit. Und das hat mich nicht weniger schwul gemacht, sondern … mehr. Mehr von mir selbst. Verstehst du?“
Emma nickte. Sie verstand es sehr genau, vielleicht besser, als er ahnte. Seit ihrer Jugend hatte sie mit der Idee gerungen, sich festlegen zu müssen, hatte sich erst als Hetero, dann als Bi definiert, dann wieder alles infrage gestellt. Erst in den letzten Jahren war sie zu dem Schluss gekommen, dass Begehren keine Frage der Kategorie war, sondern der Person. Dass jeder Mensch ein eigenes Universum war, das man betreten oder nicht betreten konnte, unabhängig vom Geschlecht.
„Ich glaube nicht, dass man sich entscheiden muss“, sagte sie und legte eine Hand auf seine Brust, spürte seinen Herzschlag unter den Rippen. „Man kann einfach … offen sein. Für das, was kommt. Für wen es kommt.“ Sie küsste ihn auf den Mundwinkel, sanft diesmal, ohne Dringlichkeit. „Diese bisexuelle Anziehung, die ich für dich empfinde – sie fühlt sich nicht an wie ein Kompromiss. Sie fühlt sich an wie Weite.“
Lukas drehte sich zu ihr, legte einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. Nackt lagen sie da, Angesicht zu Angesicht, und die Intimität dieses Moments war beinahe schmerzhaft in ihrer Klarheit. „Was jetzt?“, fragte er, und es war keine Sorge in seiner Stimme, nur Neugier. Die Frage nach dem Danach, die sie beide nicht überhören konnten.
„Jetzt ziehen wir uns irgendwann an“, sagte Emma und lächelte. „Und dann machen wir neuen Tee. Und reden weiter. Sie strich eine Haarsträhne aus seiner Stirn. „Und vielleicht treffen wir uns nächste Woche wieder. Oder übernächste. Und schauen, was daraus wird. Ohne Etikett.“ Sie küsste seine Nasenspitze. „Ohne Kategorie. Nur wir beide. Und was auch immer wir füreinander sind oder werden.“
Lukas nickte langsam. Er konnte spüren, wie sich die alten Schubladen in seinem Kopf leise schlossen, nicht gewaltsam, sondern sachte, als würde eine Tür ins Schloss fallen, hinter der ohnehin nichts Wertvolles gelagert war. Was blieb, war Emma. Ihr Geruch auf seiner Haut, ihr Geschmack auf seiner Zunge, die Wärme ihres Körpers an seinem.
Sie standen schließlich auf, sammelten ihre Kleider ein, halfen einander beim Anziehen mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie das schon hundertmal getan. Emma füllte den Kessel mit frischem Wasser und zündete die Flamme unter dem Stövchen an, während Lukas die Kissen aufschüttelte und ein paar verwelkte Jasminblüten vom Tisch fegte. Der Garten lag jetzt in der sanften Dämmerung des frühen Abends, die Vögel waren verstummt, und in der Stille hörten sie nur das leise Zischen des Wassers, das langsam zu kochen begann.
„Weißt du, was ich mir wünsche?“, sagte Emma, während sie frische Teeblätter in die Kanne gab. „Dass das hier kein Geheimnis bleibt. Nicht im Sinn von Ausposaunen – aber dass ich mich nicht verstecken muss. Dass wir offen sein können. Für uns selbst und für andere.“ Sie sah ihn an, und ihre Augen waren ernst. „Ich habe so lange gebraucht, um zu verstehen, dass meine Anziehung zu Menschen nicht in eine Schublade passt. Ich will nicht wieder zurück in eine andere Schublade, nur weil es bequemer ist.“
Lukas trat zu ihr, legte die Arme von hinten um sie und zog sie an seine Brust. „Keine Schubladen mehr“, sagte er in ihr Haar. „Nur das hier. Nur wir.“ Er spürte, wie sie sich entspannte, wie sie tiefer in seine Umarmung sank, und er wusste, dass sie am Anfang von etwas standen, das kein Ende zu haben brauchte – nicht im herkömmlichen Sinn einer Beziehung, sondern im Sinn einer Wahrheit über sich selbst, die sie beide lange gesucht und an diesem Nachmittag endlich gefunden hatten.
Der neue Tee war fertig, als die erste Fledermaus lautlos über den Pavillon strich. Sie tranken ihn in kleinen Schlucken, sahen dem dunkler werdenden Himmel zu und sprachen über alles und nichts. Über Bücher, die sie liebten, über Reisen, die sie machen wollten, über die Farbe des Abendlichts auf den Rosenblättern. Sie sprachen nicht mehr über Etiketten oder Kategorien, nicht über schwul oder bi oder hetero. Sie sprachen über sich selbst, und das genügte.
Als Lukas später aufbrach, küsste er sie an der Gartentür, und es war kein Abschied, sondern ein Versprechen. Der Jasmin duftete noch immer, schwer und süß, und Emma blieb noch lange auf den Stufen des Pavillons sitzen, die leeren Teeschalen vor sich, und dachte über die seltsame Wendung nach, die dieser Nachmittag genommen hatte. Sie fühlte sich leichter, als sie sich seit Jahren gefühlt hatte – nicht, weil sie Antworten gefunden hatte, sondern weil sie endlich akzeptierte, dass die Fragen selbst das Entscheidende waren.
Die bisexuelle Anziehung, die sie für Lukas empfand, war nicht das Ende einer Suche. Sie war der Anfang. Und sie war bereit.
– ENDE –
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