Bisexuelle Begierde unter Zitronenbäumen

bisexuelle Begierde
  • Beitrags-Kategorie:Bisex
Lesedauer 23 Minuten

Bisexuelle Begierde

Es gibt Orte, die riechen nach stillgelegten Sehnsüchten. Die alte Orangerie am südlichen Ende des Gutsparks gehörte eindeutig dazu. Es handelte sich um ein langgestrecktes Gewächshaus aus gusseisernen Rippen und blind gewordenen Scheiben. In diesem Gewächshaus hatte sich die Zeit irgendwann zwischen Nachkriegswinter und Wirtschaftswunder-Jahren verlaufen. Sarah stand auf der moosbewachsenen Schwelle, eine Hand noch am Türgriff aus angelaufenem Messing. Sie atmete den Duft ein, der ihr entgegenquoll wie ein längst vergessenes Versprechen: warmes, leicht gärendes Zitrusaroma, durchsetzt mit der herben Süße von überreifen Orangen und dem staubigen Grün alter Blätter.

„Meine Großmutter hat diesen Glaskasten immer ihre ‚sündige Ecke‘ genannt“, sagte Philipp hinter ihr, und sein Tonfall schwebte irgendwo zwischen Belustigung und etwas anderem, das Sarah noch nicht zuordnen konnte. „Wobei ich nie herausgefunden habe, ob sie damit die Früchte meinte oder das, was hier angeblich nach Einbruch der Dämmerung stattfand.“

Sarah drehte sich um. Philipp lehnte im Türrahmen, die Schultern lässig gegen das verrostete Gestänge. In seinem Gesicht stand jener eigentümliche Ausdruck, den sie in den letzten Wochen immer häufiger bemerkte. Es war eine Mischung aus Wachsamkeit und Amüsement, als er von ihr jeden Moment eine Reaktion erwartete, auf die er selbst noch keine passende Antwort wusste.

„Du hast mir eine Orangerie versprochen“, sagte sie. „Keine morbiden Familiensagas.“

„Ich habe dir eine Orangerie voller Zitrusbäume versprochen. Die morbide Familiensaga gibt es kostenlos dazu.“ Er machte eine einladende Handbewegung ins Innere, wo das Nachmittagslicht schräg durch die staubigen Scheiben fiel und die Blätter der Kübelpflanzen in ein unwahrscheinliches, beinahe unwirkliches Grün tauchte. „Und jetzt komm rein, bevor du noch anfängst, über den Zustand der Dichtungen zu dozieren. Ich weiß, du bist Landschaftsarchitektin, aber heute bist du Gast.“

Sarah schnaubte leise, trat aber über die Schwelle. Drinnen schloss sich die feuchtwarme Luft um sie wie eine zweite Haut. Die Orangerie war imposanter, als sie von außen gewirkt hatte. Sie war vielleicht zwanzig Meter lang und gesäumt von hölzernen Pflanzkübeln, aus denen Zitronen- und Orangenbäume wuchsen, die längst jede Vorstellung von gepflegter Formschnitt-Ästhetik hinter sich gelassen hatten. Einige trieben wild durcheinander, andere neigten sich so weit zur Seite, dass ihre Zweige fast den gekachelten Boden berührten. Dazwischen: vereinzelte Früchte, teils noch grün, zum Teil schon so orange, dass sie aussahen wie kleine, an Ästen hängende Oktobersonnen.

„Es riecht“, sagte Sarah und blieb mitten im Gang stehen, während ihre Sinne sich sortierten, „als hätte jemand versucht, den Sommer einzumachen, und das Glas wäre dabei halb offen geblieben. Gärig. Süß. Ein bisschen verdorben, aber auf die gute Art.“ Sie schloss für einen Moment die Augen, und als sie sie wieder öffnete, war Philipp näher herangekommen, als sie erwartet hatte. Nicht aufdringlich nah, aber nah genug, dass sie den leichten Zitrusabrieb an seinen Fingern riechen konnte.

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„Meine Großmutter hat hier ihre Orangenmarmelade gekocht“, sagte er. „Im Sommer, wenn die Früchte reif waren. Und sie hat immer behauptet, die Hitze im Glashaus würde nicht nur das Pektingelieren beschleunigen, sondern auch gewisse andere Gelüste.“ Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich war dreizehn, als sie mir das zum ersten Mal erklärte. Unvergesslich peinlich.“

Sarah lachte auf – mit einem kurzen, offenen Ton, der in der dichten Luft seltsam weich klang. „Und jetzt hast du mich hierhergebracht, um zu testen, ob diese anderen Gelüste auch bei achtundzwanzig Grad und fünfzig Prozent Luftfeuchtigkeit noch funktionieren?“

„Jetzt“, sagte Philipp und pflückte eine halbreife Zitrone von einem der unteren Zweige, „wäre ich ein schrecklich berechenbarer Mensch, wenn ich darauf antworten würde, was du jetzt von mir erwartest.“ Er hielt die Frucht in der Hand und prüfte ihre Festigkeit mit dem Daumen. Dann warf er sie mit einer fast nachlässigen Bewegung in die Luft, wo sie einmal rotierte, bevor er sie wieder auffing. „Aber ich finde, wir sollten das herausfinden. Rein wissenschaftlich. Du bist schließlich neugierig. Ich bin neugierig. Und wir sind beide alt genug, um nicht mehr so zu tun, als wüssten wir nicht, dass Neugier eine extrem unterschätzte Form von bisexueller Begierde sein kann.“

Der Satz landete. Nicht wie ein Stein, eher wie etwas, das man in stilles Wasser fallen lässt und das nun konzentrische Kreise zog, während beide so taten, als hätten sie nichts bemerkt. Sarah spürte, wie ihr Puls einen Takt schneller wurde, aber sie war zu versiert darin, solche Dinge zu überspielen. Sie hatte ein halbes Leben lang geübt. Sie griff nach der Zitrone in Philipps Hand, entwand sie ihm mit einer Bewegung, die mehr nach Herausforderung als nach Flirt aussah, und hielt sie sich unter die Nase.

„Bisexuelle Begierde“, wiederholte sie, und der Begriff fühlte sich auf ihrer Zunge an wie ein neues Wort in einer vertrauten Sprache. „Das klingt nach einem Titel für ein miserables Paperback mit goldgeprägtem Rücken und zu vielen Adjektiven pro Seite. Und du liest so etwas vermutlich. Heimlich. Unter der Bettdecke, mit einer Taschenlampe, wie früher.“

Philipp grinste, und es war dieses Grinsen, das Sarah von Anfang an so gleichzeitig angezogen und irritiert hatte: breit genug, um charmant zu sein, schmal, um nie ganz aufrichtig zu wirken. „Ich habe nie unter der Bettdecke gelesen. Ich hatte ein Hochbett. Da braucht man keine Taschenlampe, da hat man den Fenstersims und das Mondlicht, das direkt auf die Seiten fällt. Sehr atmosphärisch. Sehr ungesund für die Augen.“

„Du lenkst ab“, sagte Sarah.

„Tue ich das?“ Er trat einen Schritt zurück, lehnte sich gegen einen der massiven Holzkübel und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann lass uns nicht ablenken. Wir sind hier, es ist warm, es riecht nach überreifen Orangen und der Möglichkeit von etwas, das ich nicht benennen muss, weil du es längst selbst benannt hast. Also, Sarah – was machen wir jetzt?“

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Sie sah ihn an. Das Licht fiel durch das Glasdach und legte goldene Streifen über sein Haar. Dieses war in den letzten Jahren an den Schläfen etwas heller geworden, was ihm, unfairerweise, besser stand als das gleichmäßige Dunkelbraun seiner späten Zwanziger. Sie kannte ihn seit fast einem Jahrzehnt, auf eine lose, freundschaftliche Art, die nie wirklich definiert worden war. Man traf sich auf Vernissagen, auf den Geburtstagen gemeinsamer Freunde, tauschte sich über Renovierungsprojekte aus – er als Architekt, sie als Landschaftsarchitektin, zwei Menschen, die beruflich ständig über Räume sprachen und privat nie ganz geklärt hatten, welchen Raum sie füreinander eigentlich einnahmen. Bis heute. Bis zu dieser Einladung, bei der es angeblich nur um eine alte Orangerie gehen sollte, die er renovieren wollte und für die er ihre Expertise brauchte.

„Also schön“, sagte Sarah und legte die Zitrone auf den Rand eines Pflanzkübels, mit einer Präzision, die mehr sagte als Worte. „Wir machen jetzt Folgendes: Du zeigst mir diese Orangerie, jeden Winkel, jede Pflanze, jede Geschichte, die deine Großmutter dir erzählt hat. Und dann sehen wir weiter.“

Der Duft von überreifen Orangen und unbeantworteten Fragen

Die Orangerie offenbarte sich ihnen nicht auf einmal, sondern in Schichten. Wie ein Raum, der sich weigerte, auf den ersten Eindruck verstanden zu werden. Philipp führte sie durch den Mittelgang, vorbei an den wild wuchernden Zitrusbäumen, und mit jedem Schritt wurde die Luft schwerer, süßer, als atmeten sie nicht Sauerstoff, sondern etwas Destilliertes. Sarah ließ ihre Finger über die Blätter gleiten – ledrig und warm, als hätten sie Körpertemperatur gespeichert – und versuchte, sich auf das Fachliche zu konzentrieren, worin sie immer talentiert gewesen war. Sie dachte an Bewässerungssysteme, an die Frage, ob diese Kübel noch zu retten waren, an die Lüftungsklappen unter dem Dachfirst, die definitiv ersetzt werden mussten. Aber ihre Gedanken glitten immer wieder ab, wurden ungenau, verschwommen, wie eine Kamera, die nicht fokussieren wollte.

Vielleicht lag es an der Hitze. Vielleicht an der Tatsache, dass Philipp beim Gehen immer wieder ihre Schulter streifte, rein zufällig natürlich, aber in einer Frequenz, die statistisch unwahrscheinlich war. Vielleicht an der Art, wie er über seine Großmutter sprach – mit einer Zärtlichkeit, die nichts mit Sentimentalität zu tun hatte. Es war Zärtlichkeit entstanden, weil er einen echten, unverstellten Respekt vor einer Frau hatte. Diese Frau hatte offenbar ihr ganzes Leben lang getan, was sie wollte, und sich nie darum geschert, was andere über sie dachten.

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„Sie hat hier nicht nur Marmelade gekocht“, sagte Philipp, während sie vor einem besonders mächtigen Orangenbaum stehen blieben, dessen Stamm sich in einer fast obszönen Drehung um die eigene Achse wand. „Sie hat hier auch Besuch empfangen. Besuch von Menschen, die nicht in den Gästebüchern der Familie auftauchen sollten. Du verstehst, was ich meine?“

„Ich verstehe, dass du mir etwas erzählen willst, ohne es zu erzählen“, sagte Sarah. „Diese Angewohnheit hast du übrigens immer. Schon damals, bei dieser Diskussion über die Dachterrasse am Moltkeplatz, hast du eine Viertelstunde gebraucht, um mir zu sagen, dass du die Statik für problematisch hältst. Du wolltest nicht mit der Tür ins Haus fallen. Und diesmal geht es nicht um Statik, oder?“

Philipp lehnte sich gegen den Stamm des Orangenbaums, der unter seinem Gewicht leise knarrte. „Nein. Diesmal geht es um etwas anderes.“ Er zögerte. Seine Finger fanden eine Orange, die in Kopfhöhe hing, und begannen, sie gedankenverloren zu umkreisen wie etwas, das man nicht pflücken, aber auch nicht loslassen will. „Sarah, ich muss dir etwas gestehen. Ich habe dich nicht hierhergebeten, weil ich deine fachliche Meinung zu einem Gewächshaus brauche, das wahrscheinlich ohnehin unter Denkmalschutz steht und das ich vielleicht nie renovieren werde. Ich habe dich hierhergebeten, weil – Er brach ab. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag wirkte er nicht wie jemand, der alles unter Kontrolle hatte, sondern wie eine Person, die einen Satz begonnen hatte, ohne sein Ende zu wissen.

„Weil was?“, fragte Sarah, und ihre Stimme war leiser, als sie beabsichtigt hatte.

„Weil ich in den letzten Monaten immer wieder an dich gedacht habe. Nicht auf die Art, auf die man an eine befreundete Kollegin denkt. Sondern auf eine Art, die ich mir selbst nicht ganz erklären kann.“ Er ließ die Orange los, und sie schwang am Zweig zurück wie ein kleines, orangefarbenes Pendel. „Ich bin fünfunddreißig, ich hatte Beziehungen – mit Frauen, mit Männern, mit Menschen, bei denen es kompliziert war. Ich dachte, ich hätte alles sortiert. Und dann kamst du auf diesem lächerlichen Sommerfest vor drei Monaten in deiner grünen Bluse, die übrigens eine Frechheit war.

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„Die grüne? Mit den Knöpfen, die immer aufgingen?“

„Genau die. Du hast dich zu mir gesetzt und hast über den mangelhaften Wasseranschluss im Hof geredet. Irgendwas in mir hat – während du redetest – eine unbestimmte Handbewegung gemacht, die die gesamte Orangerie, die Zitrusbäume und die erinnerungswürdige Luft, in der sie standen, einschloss. „Ich will nicht sagen: Es hat Klick gemacht. Das wär zu einfach. Aber es hat etwas verschoben. Etwas, das ich vorher nicht gesehen hatte. Oder nicht sehen wollte. Und jetzt sind wir hier, in einer alten Orangerie, die nach den Geheimnissen meiner Großmutter riecht, und ich frag mich, ob du das auch spürst oder ob ich nur ein übertrieben hoffnungsvoller Idiot bin, der zu viele romantische Komödien gesehen hat.“

Sarah atmete aus, und es war ein langer Atemzug, der mehr mitnahm als Luft. „Ich spüre es“, sagte sie. „Seit ungefähr zwanzig Minuten. Seit du das Wort ‚sündige Ecke‘ gesagt hast. Und ich weiß nicht, ob das an dieser Orangerie liegt oder an dir. Oder an diesem unverschämten Zitrusduft, der hier alles durchdringt wie ein Parfüm, das man nicht bestellt hat und das einem trotzdem gefällt. Aber ich spüre es.“ Sie machte eine Pause. „Und jetzt würde ich gerne wissen, was du vorhast. Weil ich nämlich kein Fan davon bin, Dinge zu spüren, die dann nicht passieren. Das ist wie Vorspeise ohne Hauptgang. Unbefriedigend. Und ein bisschen grausam, wenn du mich fragst.“

Philipp schob sich vom Baumstamm weg und kam auf sie zu, langsam, als hätten sie alle Zeit der Welt – was natürlich nicht stimmte. Denn draußen wanderte die Sonne bereits tiefer, und irgendwann würde jemand kommen, um das Gelände abzuschließen. Aber das war ein Problem für später und für andere Leute. „Ich habe nichts vor“, sagte er. „Das ist ja das Problem. Ich habe Pläne, Überlegungen, vage Szenarien, die ich mir ausgemalt habe wie ein Teenager, der nicht schlafen kann. Aber ich weiß es nicht. Weil du nicht planbar bist. Du warst es noch nie. Und das ist einer der Gründe, warum ich dich – Er ließ den Satz in der Luft hängen, wo er sich mit dem Duft der überreifen Orangen vermischte und etwas Neues bildete, das weder Sarah noch Philipp allein gehörte.

„Weißt du was?“, sagte Sarah, und sie spürte, wie ihr Mundwinkel sich nach oben zog, ohne dass sie es bewusst gesteuert hätte. „Ich finde, wir sollten aufhören zu reden. Nicht für immer. Nur für jetzt. Weil wir beide zu gut darin sind, Dinge zu zerreden, bis sie so kompliziert werden, dass sie nicht mehr stattfinden können. Und ich will, dass das hier stattfindet. Was immer es ist. Ich will nicht nach Hause fahren und mich fragen, wie es gewesen wäre, wenn ich den Mund gehalten und stattdessen etwas anderes getan hätte.“

Philipp sah sie an, und in seinen Augen lag etwas, das sie nur beschreiben konnte als eine Mischung aus Erleichterung und blankem, unverhohlenem Verlangen. „Also“, sagte er, und seine Stimme war jetzt eine Oktave tiefer als vorher. „Das ist eine Ansage, mit der ich arbeiten kann.“

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Bitte berühren – die Früchte, die Haut, die schmalen Grenzen dazwischen

Die ersten Sekunden waren seltsam. Nicht unbeholfen – dafür kannten sie sich zu lange. Dafür hatten sie zu oft auf eine fast körperliche Weise miteinander geredet, bei der Worte die Distanz nur halb überbrückten und der Rest zwischen den Zeilen stattfand. Aber seltsam im Sinne von neuartig. Sarah wusste nicht, wer zuerst die Hand ausstreckte. Später würde sie sich einbilden, dass es eine synchrone Bewegung gewesen sei, zwei Körper, die denselben Impuls zur selben Zeit hatten. Aber das war eine romantische Verklärung, und sie war zu ehrlich für solche. Vermutlich war es Philipp. Vermutlich hatte er ihre Fingerspitzen berührt, genau dort, wo sie noch immer auf dem Rand des Holzkübels ruhten, und hatte sie dann langsam, fast fragend, zu sich herangezogen.

„Ich mag deine Hände“, sagte er, und es war so beiläufig, so ohne jede Betonung, als hätte er gesagt: Ich mag diesen Baum oder diese Farbe oder diesen bestimmten Winkel des Lichteinfalls. Dabei war es das Intimste, was er je zu ihr gesagt hatte. Sarah fragte sich kurz, ob Männer eigentlich wussten, was sie da taten mit solchen Sätzen, die wie zufällig aus dem Mund fielen und beim Aufprall eine ganze Landschaft veränderten.

„Meine Hände?“, fragte sie, und es gelang ihr, ihre Stimme ruhig zu halten, obwohl sie innendrin bereits eine ganze Oktave höher war als alles, was sie nach außen dringen ließ. „Das ist spezifisch. Normalerweise sagen Leute: „Ich mag deine Augen.“ Oder dein Lachen. Oder etwas, das in diesen generischen Komplimentkatalog fällt, den alle abspulen, weil sie nicht kreativ genug für ein echtes sind. Aber du sagst: „Ich mag deine Hände.“ Was soll ich damit anfangen?“

„Alles“, sagte Philipp. „Oder nichts. Ich habe keine Erwartungen.“ Und dann hob er ihre Hand an seine Lippen, nicht um sie zu küssen, sondern um mit dem Mundwinkel ihre Knöchel zu berühren. Es war eine flüchtige, fast spielerische Bewegung, die mehr Ähnlichkeit mit einem Atemzug hatte als mit einer Berührung.

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Sarah spürte, wie etwas in ihr nachgab – nicht dramatisch, kein Dammbruch, sondern eher das leise Knacken eines Schlosses, das man zu lange nicht geölt hatte. „Also gut“, sagte sie. „Wenn wir das jetzt machen, dann machen wir es aber. Kein halbherziges Getaste, keine Unentschlossenheit, die sich hinterher als künstlerische Freiheit verkauft. Ich bin zu alt für vages Herumgefummel, bei dem keiner weiß, wo die Reise hingeht. Entweder wir wissen es oder wir finden es heraus. Aber nichts dazwischen. Einverstanden?“

Philipp nickte, und sein Grinsen war jetzt breiter, fast ungläubig. Es war, als hätte er nicht erwartet, dass sie so direkt sein würde, obwohl er sie lange genug kannte, um zu wissen, dass Direktheit ihre bevorzugte Umgangsform war. „Einverstanden. Volle Transparenz. Kein künstlerisches Gefummel. Volle – Er suchte nach dem richtigen Wort. „Volle Absicht. Ist das gut?“

„Das ist hervorragend“, sagte Sarah, zog ihre Hand aus seiner und legte sie stattdessen in seinen Nacken, wo das Haar sich kräuselte, feucht von der schwülen Luft in der Orangerie. Sie spürte seinen Puls, deutlich, gegen ihre Fingerkuppen, eine verlässliche kleine Trommel, die nichts beschönigte. Er war nervös. Er war genauso erleichtert, weil es bedeutete, dass sie hier keine ungleichen Karten spielten, und alles dadurch einfacher wurde. Sie zog seinen Kopf zu sich heran, langsam, gab ihm Zeit, auszuweichen – er wich nicht aus – und küsste ihn.

Der Kuss war keine Offenbarung. Kein Feuerwerk, kein musikalisches Crescendo mit Streichern und Pauken. Es war ein erster Kuss zwischen zwei Menschen, die beide wussten, worauf das hinauslief, und die beschlossen hatten, den Prolog nicht zu überspringen. Sarah spürte seine Lippen, weich und ein wenig trocken von der Hitze. Sie spürte auch den leichten Druck seiner Zähne, als er den Mund öffnete und sie hineinließ in eine Wärme, die nichts mit der Temperatur der Orangerie zu tun hatte. Seine Zunge fand ihre, vorsichtig zuerst, dann mit mehr Nachdruck, und Sarah dachte kurz: Wir küssen uns wie Leute, die zu lange gewartet haben und jetzt nicht mehr wissen, ob sie langsam anfangen oder schnell. Sie entschied sich für langsam, zog sich ein Stück zurück, hielt sein Gesicht zwischen ihren Händen und betrachtete es, als sähe sie es zum ersten Mal.

„Ich muss dir etwas sagen“, flüsterte sie. „Und ich will nicht, dass du es falsch verstehst oder dass du denkst, es wäre ein Rückzieher, weil es keiner ist. Aber ich habe so etwas noch nie gemacht. Nicht mit einer Frau, nicht mit einem Mann, von dem ich vorher dachte, er wäre nur ein Freund. Ich weiß nicht, was ich tue. Und das ist kein Geständnis, das auf Mitleid zielt oder auf sanfte Behandlung. Es ist nur eine Information. Damit du weißt, worauf du dich einlässt.“ Ihre Daumen strichen über seine Wangenknochen, fuhren die Konturen nach, die sie so oft gesehen und nie wirklich wahrgenommen hatte. „Ich habe keine Erfahrung mit bisexueller Begierde, die aus heiterem Himmel kommt und nicht mehr nach Hause gehen will. Aber ich habe Lust darauf, es herauszufinden. Mit dir. Jetzt. Hier, zwischen all diesen verdammten Orangenbäumen, die wahrscheinlich schon Schlimmeres gesehen haben und sich sowieso nichts mehr denken.“

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Philipp lachte leise, und das Lachen vibrierte gegen ihre Handflächen, während sein Atem schneller ging als zuvor. „Du wirst nicht glauben, wie wenig mich das stört“, sagte er. „Ich bin hier nicht der Lehrer. Ich bin nicht der Mann mit dem großen Erfahrungsvorsprung, der dir jetzt zeigt, wie es geht. Ich bin einfach nur – Er stockte. „Ich bin einfach nur jemand, der dich will. Auf eine Art, die fast wehtut, wenn du es genau wissen willst. Und wenn du sagst, du hast keine Erfahrung, dann sag ich: Umso besser. Dann entdecken wir es gemeinsam. Jeden Schritt. Jede – er griff nach dem Saum ihrer Bluse, nicht fordernd, sondern fragend, ließ seine Finger auf dem Stoff ruhen, als wär er eine Grenze, die er nicht ohne Erlaubnis überschreiten würde. „Jede Einzelheit. Und jetzt sag mir, ob ich das darf. Ob ich dich aus dieser Bluse schälen darf, die mir seit drei Monaten den Schlaf raubt und die ich jedes Mal, wenn ich sie sehe, ein bisschen mehr hasse, weil sie immer noch an dir ist und nicht auf dem Boden meines Schlafzimmers, wo sie hingehört.“

Mehr Hände als erwartet, mehr Haut, mehr Wahrheit

Die Knöpfe der grünen Bluse gaben nacheinander nach, jeder einzelne mit einem leisen Widerstand, den Sarah mit geschlossenen Augen registrierte wie eine kleine Kapitulation. Sie hatte sich diesen Moment nicht ausgemalt. Sie war nie jemand gewesen, der Erlebnisse vorwegnahm, weil die Realität sie meistens enttäuschte und weil Erwartungen die sicherste Methode waren, um Enttäuschungen vorzubereiten. Aber wenn sie es getan hätte, wäre es anders gewesen. Weniger unordentlich. Mehr nach einem Drehbuch, das sie kontrollierte. Jetzt spürte sie Philipps Finger an ihrem Schlüsselbein, wie sie den Stoff beiseiteschoben, Zentimeter für Zentimeter, und sie dachte: Ich kontrolliere gar nichts. Und das ist in Ordnung.

Ihr BH war ein unauffälliges, beiges Teil mit einem winzigen Satinschleifchen zwischen den Körbchen, das sie vorher noch nie bemerkt hatte, aber jetzt, als Philipps Daumen dagegenfuhr, auf einmal das erotischste Detail ihrer gesamten Garderobe wurde. Sein Daumen – nein, beide Daumen – strichen über den Satin. Sarah spürte, wie ihre Brustwarzen hart wurden, noch bevor irgendjemand sie berührt hatte, als hätte ihr Körper beschlossen, dem Gehirn vorzugreifen und die Frage nach Erregung bereits mit Ja zu beantworten.

„Darf ich?“, fragte Philipp, und seine Stimme war jetzt nicht mehr tief, sondern einfach nur echt. Kein Spiel. Kein Tonfall, den er irgendwo aufgeschnappt hatte. Nur eine Frage, die er ihr stellte, weil er sie stellen wollte, nicht weil er sie stellen musste.

„Du darfst“, sagte Sarah. „Du darfst alles. Ich hab’s doch gesagt. Kein halbherziges – ah.“

Seine Hände waren unter den Körbchen, hatten die Brüste freigelegt, bevor sie den Satz beenden konnte, und sein Mund war über ihrer linken Brustwarze, bevor sie wusste, wie er dorthin gekommen war. Wärme, Nässe, ein Sog, der sich anfühlte wie etwas, das sie schon einmal gespürt hatte und das jetzt in einer neuen Frequenz zurückkam. Sie lehnte sich gegen den Holzkübel, spürte das raue, verwitterte Holz im Rücken, während Philipp vor ihr kniete – wann war er auf die Knie gegangen? – und seine Zunge Kreise zog, die immer enger wurden, je näher sie dem Zentrum kamen.

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Sarah hatte Sex gehabt. Nicht viel, aber genug, um zu wissen, was ihr gefiel und was nicht. Sie mochte Direktheit, sie mochte Hände, die wussten, wohin sie wollten, sie mochte es, wenn ein Partner nicht zu viel fragte, aber auch nicht zu wenig. Philipp fragte genau richtig – ein einziges Mal, dann ließ er seine Hände für sich sprechen, und sie sprachen eine Sprache, die Sarah fließend verstand, obwohl sie sie nie gelernt hatte. Sie wanderten ihren Rücken hinunter, folgten der Wirbelsäule wie einer Landkarte, die sie beide zum ersten Mal lasen, und blieben an ihrem Hüftknochen liegen, genau dort, wo der Bund ihrer Hose begann.

„Du hast zu viele Kleidungsschichten an“, murmelte Philipp gegen ihre Haut, und der Satz kitzelte zwischen ihren Rippen, wo sie besonders empfindlich war. „Das ist ein generelles Problem bei dir. Du schichtest. Wie eine Zwiebel. Aber ich will keine Zwiebel. Ich will dich.“

„Dann schäl mich“, sagte Sarah, und es sollte herausfordernd klingen, aber es kam eher atemlos heraus, was auch vortrefflich war, weil Atemlosigkeit ehrlicher war als jede Herausforderung, die sie hätte formulieren können.

Ihre Hose war schneller offen, als sie gedacht hätte – Philipp hatte offenbar Übung mit Knöpfen, die nicht seine eigenen waren. Dann glitt seine flache Hand in ihren Slip, nicht hinein, sondern darüber. Der Druck war so genau, so präzise platziert, dass Sarah ein Geräusch machte, das sie an jemand anderem nie gehört hatte. Dieses Geräusch würde ihr im Nachhinein peinlich sein, aber im Moment war es einfach nur wahr. Sie war feucht. Sie war so feucht, dass es sie selbst überraschte, als wäre ihr Körper ihr ein Stück vorausgeeilt und hätte entschieden, dass all das Reden der letzten Stunde genug Vorspiel gewesen war und dass es jetzt an der Zeit für etwas war, das weniger mit Worten und mehr mit Händen und Mündern und Haut zu tun hatte, die aufeinandertrafen und sich nicht mehr entschuldigten.

„Ich habe vor, dich zu schmecken“, sagte Philipp. Es war kein Wunsch, es war eine Feststellung, so sachlich wie sein Satz über den mangelhaften Wasseranschluss. Sarah dachte: Wenn ich jetzt lache, ist es vorbei, und wenn ich nicht lache, ist es erst der Anfang.

Sie lachte nicht.

Stattdessen half sie ihm, ihren Slip herunterzuziehen – ein lächerliches, unpraktisches Manöver. Dabei verlor sie kurz das Gleichgewicht und taumelte gegen den Holzkübel, was eine halbreife Orange von ihrem Zweig löste. Diese rollte zwischen ihre Füße und blieb dort liegen wie ein kleiner, orangefarbener Zeuge, den niemand gerufen hatte und der jetzt trotzdem alles mit ansah. Dann war sie nackt genug – nicht vollständig, aber so viel, um das zu ermöglichen, was als Nächstes kam. Philipp kniete wieder vor ihr, diesmal mit einem Ziel, das sie beide kannten, ohne es aussprechen zu müssen.

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Seine Zunge war warm und ungeduldig und fand sie sofort, als hätte er eine Landkarte im Kopf, die er nicht erst lesen musste. Sarah spürte den ersten Kontakt wie einen kleinen elektrischen Schlag, der von ihrer Klitoris ausging und sich in Wellen durch ihren ganzen Unterleib ausbreitete, während ihre Hände sich in seinen Haaren verkrallten und sie dachte: So fühlt sich das also an. Es fühlte sich nicht anders als sonst an, aber gleichzeitig anders, weil es seine Zunge war, weil er es war, weil sie ihn kannte und gleichzeitig nicht kannte, und weil beides gleichzeitig stimmte und sich nicht widersprach, sondern wie zwei Hälften eines Satzes ergänzte, den sie erst jetzt zu Ende dachte.

Er leckte sie, langsam zuerst, dann schneller, als sie anfing, ihre Hüften gegen sein Gesicht zu bewegen. Er ließ es zu und ließ sie das Tempo bestimmen, während seine Hände ihre Schenkel umfassten und sie festhielten, als könnte sie jeden Moment davonfliegen, wenn er nicht aufpasste. Seine Zunge umkreiste ihre Klitoris und fand den Rhythmus, den sie brauchte, ohne dass sie ihn hätte erklären müssen. Er las ihn einfach von ihren Bewegungen ab, von den kleinen Lauten, die sie machte, von der Art, wie ihre Atmung stoßweise wurde und ihre Finger sich in seine Kopfhaut gruben, als suchten sie Halt an etwas, das längst nicht mehr Schutz bot, sondern seit geraumer Zeit Bewegung geworden war.

„Ich bin –“, sagte Sarah, und der Satz blieb unvollendet, weil sie nicht wusste, was sie war. Nah dran? Kurz davor? In einer Zone, in der Grammatik keine Rolle mehr spielte und nur noch Körper zählten? Sie entschied sich für: „Ja. Jetzt. Nicht aufhören. Um Gottes willen, nicht aufhören. Ich bin gleich – ich bin –“

Sie war.

Der Orgasmus kam nicht überraschend, er war die ganze Zeit da gewesen, hatte sich aufgebaut wie ein Gewitter, das seit Stunden hinter dem Horizont lauerte und nur darauf wartete, endlich loszubrechen. Er begann in ihrem Unterleib, zog sich von dort in Wellen nach außen, erfaßte ihre Schenkel, ihren Bauch, ihre Brust. Für einen Moment war sie nichts als ein Körper, der sich zusammenzog und wieder losließ. Währenddessen trug Philipps Zunge sie durch jede einzelne Kontraktion, ohne langsamer zu werden und ohne auch nur eine Sekunde von dem Rhythmus abzuweichen, den sie beide gefunden hatten. Sie schrie nicht – sie war keine Schreierin, nie gewesen –, aber sie machte einen Laut, der irgendwo zwischen Stöhnen und seinem Namen lag, und dieser Laut hallte in der alten Orangerie wider, als wäre der Raum dafür gebaut worden, als hätten die Zitrusbäume und die blinden Scheiben und die staubige Luft nie etwas anderes gehört als diesen einen Ton, der besagte: Hier. Jetzt. Mit dir.

Als sie wieder atmen konnte, als ihr Körper wieder ihr gehörte und nicht mehr ein eigenständiges Wesen war, das sie nur noch aus der Ferne beobachtete, zog sie Philipp an den Schultern hoch. Er kam bereitwillig, sein Gesicht glänzte, und sie küsste ihn, schmeckte sich selbst auf seinen Lippen und fand es weniger fremd, als sie erwartet hatte. Es war nur ein Geschmack. Ihr Geschmack, vermischt mit seinem Speichel und dem Zitrusduft, der alles durchdrang. Nichts, wovor man Angst haben musste.

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„Jetzt du“, sagte sie, und ihre Stimme war heiser, als hätte sie geschrien, obwohl sie es nicht getan hatte. „Ich will dich auch schmecken. Ich will – ich will alles. Ich will deinen Schwanz in meinem Mund, und ich will erfahren, wie du schmeckst, und dann will ich wissen, wie du dich in mir anfühlst, und ich will nicht mehr warten. Hast du –?

„Kondom“, sagte Philipp. „Hinten in der Tasche. Ich war ein hoffnungsvoller Idiot und hab eins eingesteckt, nur für den Fall. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich bin auch nicht beschämt. Es ist einfach nur praktisch veranlagt von mir. Und jetzt sag mir, ob du das immer noch willst oder ob du eine Pause brauchst oder ob –

Sarah sagte nichts. Stattdessen zog sie an seinem Gürtel.

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Sie kamen gemeinsam, und das war kein Klischee, sondern einfach nur Timing. Gutes Timing, das Resultat zweier Menschen, die aufeinander gehört hatten – mit den Ohren, mit den Körpern, mit jener seltsamen Frequenz, die zwischen Menschen entsteht. Diese Frequenz entsteht, wenn sie sich lange genug kennen und plötzlich beschließen, sich auf eine neue Art zu begegnen.

Danach lagen sie auf dem warmen, von der Nachmittagssonne aufgeheizten Steinboden zwischen zwei Zitronenbäumen. Deren Schatten boten ihnen ein unzureichendes, aber egalitäres Dach. Sarah dachte über das Wort „danach“ nach und darüber, dass es eines jener Wörter war, die immer größer klangen als der Moment, den sie beschrieben. Dieses Danach war kein überwältigender, kein dramatischer, kein solcher Abschnitt, der irgendetwas für immer veränderte. Es war einfach nur der Moment nach dem Sex, mit all seinen kleinen, lächerlichen, unendlich tröstlichen Details: Philipps Atem, der langsamer wurde; das leise, fast unhörbare Summen einer Biene, die sich irgendwo in die Orangerie verirrt hatte; eine Orangenschale, die von irgendeinem der Bäume gefallen war und jetzt neben Sarahs Schulter lag wie ein Souvenir, das sie nicht gekauft hatte und das sie trotzdem für immer an diesen Nachmittag erinnern würde.

„Also“, sagte Philipp und drehte den Kopf zur Seite, um sie anzusehen, ohne aufstehen zu müssen. Seine Haare waren verwuschelt, sein Gesicht war gerötet von der Hitze und dem, was sie getan hatten. In seinem Ausdruck lag etwas, das Sarah nur beschreiben konnte als eine vollkommene, fast kindliche Zufriedenheit. „War das jetzt wissenschaftlich genug für dich? Oder brauchen wir eine Wiederholung? Für die Statistik?“

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Sarah lachte, und es war ein echtes Lachen, kein gespieltes, kein höfliches, keines, das eine Pause überbrücken sollte. „Du bist unverbesserlich“, sagte sie. „Wir haben gerade in einer Orangerie, die wahrscheinlich seit dreißig Jahren nicht mehr gelüftet wurde, Sex gehabt, und zwar so gut, dass ich immer noch spüre, wo deine Hände waren, während du von Statistik redest.“ Merkst du eigentlich, wie absurd du bist? Oder ist das eine architektonische Berufskrankheit – alles in Grundrisse und Messdaten zu denken?“

„Wahrscheinlich letzteres“, sagte Philipp. „Aber ich kann auch anders. Soll ich dir sagen, wie wunderschön du bist? Wie dein Haar in der Sonne leuchtet und wie deine Haut salzig schmeckt und wie ich mir in diesem Moment wünsche, wir könnten diesen Nachmittag in ein Einmachglas stecken und konservieren wie die Orangenmarmelade meiner Großmutter?“

„Das war jetzt hervorragend“, sagte Sarah. „Fast zu gut. Hast du das geübt?“

„Ich habe es spontan erfunden. Aus dir. Du bist meine Inspiration.“ Er setzte sich auf, stützte sich auf die Ellenbogen und betrachtete sie mit einem Ernst, der hinter all dem Geplänkel lauerte. Denn das Geplänkel trugen sie beide wie einen Schild vor sich her, weil es einfacher war, Dinge mit Witz zu bewältigen als mit Wahrheit. „Sarah. Ich muss dich etwas fragen. Und es ist keine Fangfrage und kein Versuch, diesen Nachmittag in etwas zu verwandeln, das er nicht ist. Aber – was passiert jetzt? Mit uns? Morgen, übermorgen, nächste Woche? Ich weiß, wir haben gesagt, wir reden nicht zu viel, und wir haben es auch nicht getan, und das war vorteilhaft. Aber jetzt ist danach, und danach ist die Zeit, in der man reden muss, ob man will oder nicht. Also rede ich. Oder treffender: Ich frage. Was passiert jetzt?

Sarah richtete sich ebenfalls auf, zog ihre Knie an die Brust und umschlang sie mit den Armen. Es war eine Geste, die ebenso viel mit Nachdenklichkeit wie mit Nacktheit zu tun hatte und die beides nicht versteckte, sondern nebeneinanderstellte. „Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich. „Ich könnte dir jetzt eine Antwort geben, die sich gut anfühlt und die wir beide gerne hören würden, aber sie wäre nicht wahr. Die Wahrheit ist: Ich habe heute etwas entdeckt, das ich vorher nicht über mich wusste. Oder vielleicht wusste ich es, aber ich hatte nie einen Namen dafür. Bisexuelle Begierde klang für mich immer nach etwas, das anderen Leuten passiert – solchen, die aufregender sind als ich, freier, mutiger. Ich bin doch nur Sarah. Ich bin Landschaftsarchitektin, ich mag Stauden und durchlässige Bodenbeläge und ich habe noch nie in meinem Leben eine Frau geküsst, geschweige denn etwas, das darüber hinausgeht. Und jetzt sitze ich hier, habe gerade mit einem Mann geschlafen, den ich seit fast einem Jahrzehnt kenne. Gleichzeitig fühle ich mich so, als hätte ich heute etwas über mich erfahren, das bedeutender ist als dieser eine Nachmittag. Als wäre eine Tür aufgegangen, von der ich nicht mal wusste, dass sie existiert. Und ich stehe im Türrahmen und schaue hindurch. Ich sehe Dinge, die ich noch nie gesehen habe, und sie machen mir Angst. Sie machen mich auch neugierig, und beides gleichzeitig. Ich weiß nicht, welches Gefühl gewinnen wird. Aber ich wünsche es herauszufinden. Das ist das Einzige, was ich dir jetzt mit Sicherheit sagen kann: Ich wünsche es herauszufinden. Mit dir. Oder mit wem auch immer. Aber ich will nicht mehr so tun, als wäre diese Tür nicht da, nur weil es einfacher ist, sie zuzulassen und den Schlüssel wegzuwerfen.“

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Philipp nickte langsam. In seinem Nicken war nichts von Enttäuschung, nichts von Ungeduld, nichts von jener männlichen Anspruchshaltung, die Sarah bei anderen Männern so oft gespürt hatte und die hier, bei ihm, einfach nicht stattfand. „Das ist eine gute Antwort“, sagte er. „Das ist sogar die ideale Antwort, die du mir hättest geben können.“ Weil sie ehrlich ist. Und weil sie mir nichts verspricht, das du nicht halten kannst. Ich will nicht dein Projekt sein. Ich will nicht der Mann sein, der dir zeigt, wie das geht. Ich will einfach nur – Er suchte nach Worten, fand sie, verwarf sie wieder. „Ich will einfach nur da sein, wenn du die Tür öffnest. Und wenn du hindurchgehst, will ich neben dir gehen, nicht vor dir. Und wenn du zurückkommst, weil es zu viel war oder weil die Aussicht dir nicht gefällt oder weil du einfach nur müde bist, dann will ich auch da sein, ohne zu sagen: „Ich hab’s dir ja gleich gesagt.“ Kannst du damit etwas anfangen?“

„Ja“, sagte Sarah. „Ich kann sehr viel damit anfangen. Mehr, als du ahnst.“ Sie lehnte sich zu ihm herüber und küsste ihn. Diesmal ohne Ziel, ohne Absicht. Einfach nur als Geste, die besagte, was Worte nicht sagten und was sie vielleicht später sagen würde, wenn sie die richtigen gefunden hatte. „Und jetzt lass uns aufstehen, bevor der Gutsverwalter kommt und zwei halbnackte Leute in seiner Orangerie findet. Ich bin bisher nicht bereit für diese Art von Öffentlichkeit. Ich muss erst mal meine eigene Öffentlichkeit finden, sozusagen. Die innere. Du weißt schon.“

Sie standen auf und sammelten ihre Kleider ein. Die grüne Bluse war unter einen Kübel geraten und der Slip hing an einem Zweig, als hätte jemand ihn dort als eine Art skurrile Dekoration platziert. Dann zogen sie sich an, ohne Eile, aber auch ohne Zögern. Draußen wanderte die Sonne jetzt wirklich tiefer. Durch die blinden Scheiben fiel das Licht in einem Winkel herein, der alles in Gold tauchte und selbst den Staub auf den Blättern kostbar aussehen ließ. Sarah bückte sich nach der Orange, die vorhin vom Baum gefallen war, und hob sie auf.

„Nimm sie mit“, sagte Philipp. „Als Beweis. Oder als Erinnerung. Oder einfach, weil sie reif ist und weil es eine Schande wäre, sie hier verkommen zu lassen. Großmutter hätte das gesagt: „Nimm sie mit.“ Iss sie. Mach Marmelade daraus. Aber lass sie nicht liegen. Früchte sind keine Dekoration. Sie sind zum Verzehr da.“ Er hielt einen Moment inne. „Und bisexuelle Begierde ist es auch. Sie ist zum Verzehr da. Zum Ausleben. Zum Genießen. Sie ist keine Dekoration für dein Innenleben, die du anschauen und dann wegstellen kannst, wenn sie dir zu anstrengend wird. Sie ist eine Frucht. Du musst sie aufheben und in den Mund stecken und schmecken und entscheiden, ob du mehr davon willst. Alles andere ist Verschwendung. Und ich bin kein Fan von Verschwendung. Das ist vielleicht das Einzige, was ich von meiner Großmutter wirklich gelernt habe, abgesehen von der Orangenmarmelade und der Tatsache, dass man nie zu alt ist für eine sündige Ecke. Aber das ist eine andere Geschichte, und die erzähle ich dir ein anderes Mal. Wenn du bereit bist für mehr sündige Ecken. Und ich glaube, du bist bereit. Oder du wirst es sein. Bald, in einer Woche, in einem Monat, in einem Jahr. Die Zeit spielt keine Rolle. Nur die Bereitschaft spielt eine Rolle. Und die hast du heute bewiesen. Also: Gehen wir?“

Sarah steckte die Orange in die Tasche ihrer Jacke, wo sie einen kleinen, unübersehbaren Buckel machte, und nickte. „Gehen wir. Aber ich will noch eine Sache wissen, bevor wir gehen. Deine Großmutter. Hat sie auch – ich meine, war sie auch –, du weißt schon. Hat sie auch diese bisexuelle Begierde, von der du die ganze Zeit redest, oder war sie einfach nur eine alte Frau mit einem Faible für Zitrusfrüchte und unkonventionelle Besuchszeiten?“

Philipp lachte auf, und es war ein Lachen, das die ganze Orangerie zu füllen schien und das noch in Sarahs Ohren klang, als sie schon längst draußen waren und die Tür aus angelaufenem Messing hinter ihnen ins Schloss fiel. „Weißt du“, sagte er, während sie den Kiesweg zurückgingen, der zum Gutshaus führte, „ich habe keine Ahnung. Und das war auch nie der Punkt. Der Punkt war: Sie hat getan, was sie wollte. Und sie hat sich nie dafür entschuldigt. Und sie hat nie jemanden um Erlaubnis gebeten. Und wenn du mich fragst, ist das die einzige Art, wie man mit einer Begierde leben kann, die nicht ins Gästebuch der Familie passt. Man lebt sie einfach. Und die anderen sollen sich wundern oder nicht, je nachdem, wie gut sie mit Überraschungen umgehen können. Aber du – Er blieb stehen und sah sie an. In seinen Augen lag etwas, das sie noch nie an ihm gesehen hatte und das sie, wenn sie es hätte benennen müssen, Zärtlichkeit genannt hätte. Aber Zärtlichkeit war ein zu bedeutungsvolles Wort für diesen Moment, also ließ sie es unbenannt. „Du gehst gut mit Überraschungen um. Das habe ich heute gelernt. Und dafür bin ich dir dankbar. Und jetzt lass uns nach Hause gehen und die Orange essen und darüber nachdenken, wann wir das nächste Mal in eine sündige Ecke fahren. Ich kenne da noch ein paar. Das Gut ist voll davon. Meine Großmutter war eine sehr gründliche Frau. Sie hat nichts dem Zufall überlassen. Und ihre Enkel tun das auch nicht. Also, was sagst du? Nächsten Samstag?

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Sarah lächelte, und es war ein Ausdruck, der von innen kam und den sie nicht mehr kontrollieren wollte. „Nächsten Samstag“, sagte sie. „Aber bring mehr Kondome mit. Und eine Zitrone. Ich mag Zitronen. Die sind saurer. Die passen besser zu mir. Und zu dem, was ich vorhabe. Was immer das ist. Ich werde es herausfinden. Versprochen. Und mit diesem Versprechen endet die Geschichte erst mal. Oder sie fängt an. Je nachdem, wie man es sieht. Ich sehe es als Anfang. Und Anfänge sind bekanntermaßen das Beste an jeder Geschichte. Also: Auf den Anfang. Und auf deine Großmutter. Und auf die Zitrusfrüchte. Und auf – sie machte eine Pause und sah ihn an, und der Satz blieb unvollendet, aber das machte nichts, weil sie ihn in ihrem Kopf zu Ende dachte und weil sie wusste, dass er dasselbe dachte, und darum ging es ja: dass zwei Menschen dasselbe dachten, ohne es auszusprechen, und dass das genügte, zumindest für jetzt, zumindest für diesen einen Nachmittag, der nach Zitrus roch und nach Schweiß und nach der Möglichkeit von etwas, das sie beide noch nicht benennen konnten und das sie trotzdem schon in den Händen hielten: eine bisexuelle Begierde, so reif wie die Früchte in der alten Orangerie, so süß und so fremd und so voller Versprechen, dass es fast wehtat, sie anzuschauen. Aber nur fast. Und fast war genug. Fast war der Anfang. Und Anfänge waren alles.

– ENDE –

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