Bisexuelles Verlangen den Strand erobert
Lina sah, wie Ben die Hand auf den Stapel der Sonnenliegen legte, genau dorthin, wo das abblätternde weiße Metall eine scharfe Kante zeigte, und sie dachte: Er wird sich schneiden, und ich werde es sein, die ihm das Blut vom Finger wischt. Der Gedanke kam ohne Vorwarnung, so klar und körperlich, dass sie den rauen Kunststoff des Besenstiels fester umfasste. Die Strandbar lag im Zwielicht, irgendwo zwischen dem letzten Streifen Orange am Horizont und dem heraufziehenden Indigo der Nacht. Das Meer rauschte träge gegen den Sand, als wäre es müde von einem langen Julitag.
„Ich mach das schon“, sagte Ben, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme war ruhig, ein bisschen rau von der salzigen Luft. Er trug ein verwaschenes Leinenhemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben. Die Härchen auf seinen Unterarmen hoben sich in der kühler werdenden Brise.
Lina trat näher. „Alleine? Die Dinger wiegen eine Tonne.“
Jetzt drehte er sich doch um. Sein Grinsen war genau jenes, das sie den ganzen Sommer über heimlich beobachtet hatte. Es war einseitig, mit einem Anflug von Verlegenheit, als wüsste er selbst nicht so recht, was er von sich geben sollte. „Keine Sorge. Du kannst mir ja den Weg leuchten. Oder mir Gesellschaft leisten. Je nachdem, was dir lieber ist.“
Seine Augen wanderten zu ihrem Gesicht, blieben einen Moment länger als nötig an ihrem Mund hängen. Lina spürte es wie einen warmen Lufthauch. Es war nicht das erste Mal, dass Ben sie so ansah – mit dieser Mischung aus Zurückhaltung und Neugier, die seit Wochen zwischen ihnen hing wie der Geruch von Sonnencreme und Salzwasser. Nur dass heute Abend alles anders war. Der Strand war leer. Das Summen der Kühlaggregate der Bar war verstummt. Die letzten Gäste längst in ihre Ferienwohnungen oder Hotelzimmer verschwunden.
Sie hatten sich beim Abbau der Liegestühle helfen wollen, so war es ausgemacht gewesen – zwei Aushilfskräfte, die nach Saisonende noch eine Woche dranhingen, während die anderen längst wieder in ihren Städten verschwanden. Aber Lina wusste, dass diese Verabredung von Anfang an ein Vorwand gewesen war. Genauso wie das bisexuelle Verlangen, das sie seit Jahren in sich trug, nie wirklich einen Namen bekommen hatte, sondern sich in Blicken, Träumen und halbfertigen Gedanken äußerte. Bis jetzt. Bis zu diesem Moment, in dem sie Ben dabei zusah, wie er die Liegen achtlos aufeinanderwarf, und sie nichts anderes wollte, als seine Hände zu berühren.
„Ich bleibe“, sagte sie. „Gesellschaft klingt gut.“
Ben nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. Oder erhofft.
Der Sand unter ihren Füßen war noch warm, gespeicherte Hitze des Tages, die langsam in den Abend entwich. Lina kickte ihre Flipflops beiseite, spürte die feinen Körner zwischen den Zehen. Der Wind frischte auf, ließ die Palmenwedel über ihnen rascheln wie Papier. Von irgendwoher wehte der Geruch gegrillten Fleisches herüber, vermischt mit dem salzigen Atem des Meeres. Die Lichterkette über der Bar flackerte einmal, zweimal, dann blieb sie an – ein zittriges warmes Gelb, das den Ort in eine flackernde Theaterbühne verwandelte.
„Weißt du, was ich seltsam finde?“, fragte Lina und setzte sich auf eine der noch nicht verstauten Liegen. Der Kunststoff gab unter ihrem Gewicht nach, knarzte leise.
Ben lehnte sich an den Tresen, eine Bierflasche in der Hand, die er irgendwo hervorgezaubert hatte. „Was denn?“
„Dass wir den ganzen Sommer hier nebeneinander gearbeitet haben und ich so gut wie nichts über dich weiß.“
Er lachte leise. „Was willst du wissen?“
Sie zögerte. Da war diese Frage, die auf ihrer Zunge lag wie eine bittere Olive – etwas, das sie seit Tagen, vielleicht Wochen, aussprechen wollte. Aber der Mut fehlte ihr noch. Also wich sie aus. „Alles. Nichts. Keine Ahnung. Fang einfach an.“
Ben nahm einen Schluck, wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Seine Lippen waren trocken, etwas aufgesprungen von der Sonne. „Ich bin siebenundzwanzig. Studiere in Berlin. Mache das hier, weil meine Tante die Bar gehört. Und weil ich das Meer mag.“ Er hielt inne. „Und du?“
„Ich bin dreiundzwanzig. Studiere auch. Aber in Hamburg.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich mag das Meer auch. Aber das ist nicht der Grund, warum ich diesen Sommer hier bin.“
„Sondern?“
Jetzt war es heraus. Fast. Der Moment dehnte sich zwischen ihnen wie warmer Toffee, kurz bevor er reißt. Lina spürte ihren Herzschlag im Hals, in den Fingerspitzen, in den Knien. „Ich wollte mal raus. Aus meinem Kopf. Aus festgefahrenen Mustern. Aus der Idee, dass ich genau weiß, wer ich bin und was ich will.“ Sie holte Luft. „Weil ich es nämlich nicht weiß. Und das macht mir Angst. Und gleichzeitig verdammt neugierig.“
Ben stellte die Flasche ab. Das Klirren von Glas auf Holz durchbrach die Stille schärfer als beabsichtigt. „Was weißt du denn nicht?“
Lina sah ihn an. Direkt. Ohne Ausweichen. „Wen ich begehre. Oder was. Oder ob das überhaupt wichtig ist.“
Seine Pupillen weiteten sich, kaum merklich, aber sie sah es. Sah, wie sich etwas in seinem Gesicht veränderte – keine Überraschung, eher ein Erkennen. Als hätte er genau das erwartet. Oder als wüsste er selbst, wie sich diese Frage anfühlte. „Vielleicht ist es nicht wichtig“, sagte er leise. „Vielleicht zählt nur, dass du es zulässt. Dass du nicht wegläufst, wenn es passiert.“
Etwas in der Art, wie er die nächste Liege anfasste
Er brach den Blickkontakt nicht. Seine Hände arbeiteten weiter, griffen eine weitere Liege, klappten sie zusammen, stellten sie zu den anderen. Mechanische Bewegungen, die nichts mit dem zu tun hatten, was in seinem Gesicht vorging. Lina sah ihm dabei zu, wie seine Finger das kühle Metall umschlossen, wie sich die Muskeln seiner Unterarme spannten und wieder lockerten. Es war absurd – sie hatte diesen Mann einen ganzen Sommer lang beobachtet, und doch war es, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
„Was meinst du mit wegrennen?“, fragte sie.
Ben richtete sich auf. Er war nicht besonders groß, aber er hatte etwas an sich, das den Raum um ihn herum einzunehmen schien. Eine Ruhe, eine Körperlichkeit, die Lina schon an ihrem ersten Arbeitstag aufgefallen war. Damals hatte sie es auf die Sonne geschoben, auf die entspannte Atmosphäre, auf das Salz in der Luft. Jetzt wusste sie es besser.
„Ich meine“, er trat näher, langsam, wie jemand, der sich einem scheuen Tier nähert, „dass die meisten Menschen genau dann einen Rückzieher machen, wenn es ernst wird. Wenn die Fantasie zur Möglichkeit wird. Wenn da plötzlich jemand vor ihnen steht und das Gleiche will wie sie.“ Er blieb einen Meter vor ihr stehen. „Ist das bei dir so?“
Lina schüttelte den Kopf, ohne nachzudenken. „Nein. Ich bin nicht hier, um wegzurennen. Ich bin hier, weil ich wissen will, wie es sich anfühlt. Nicht nur in meinem Kopf. Sondern wirklich.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, dann ließ sie sie wieder sinken. Ihre Finger kribbelten. „Ich habe so lange gedacht, dass ich mich entscheiden muss. Entweder ohnehin. Dass Begehren entweder in die eine Richtung geht oder in die andere. Aber so funktioniert es nicht. Nicht bei mir. Das habe ich diesen Sommer verstanden. Durch dich, glaube ich. Durch die Art, wie du mit den Gästen redest. Wie du lachst. Wie du mich ansiehst, wenn du denkst, ich merke es nicht.“
Ben schwieg einen Moment. In seinen Augen spiegelte sich die Lichterkette, kleine goldene Punkte, die tanzten. Dann lächelte er. Nicht das verlegene Grinsen von vorhin, sondern ein Lächeln, das tiefer kam. „Ich habe gehofft, dass du es merkst. Und gleichzeitig hatte ich Angst davor.“
„Wovor?“
„Dass du es nicht erwiderst. Oder dass du es erwiderst und dann doch einen Rückzieher machst.“ Er holte Luft. „Oder dass es dir nur um mich geht. Und nicht um sie.“
Lina runzelte die Stirn. „Um wen?“
Ben drehte sich um, ging zur Kühlbox, öffnete sie und holte eine zweite Flasche Bier heraus. Er öffnete sie am Rand des Tresens, ein geübter Handgriff, und reichte sie Lina. Ihre Finger berührten sich dabei, kurz, aber es war genug, um einen kleinen elektrischen Schlag durch ihren Arm zu jagen.
„Kennst du Mira?“, fragte er.
„Die aus der Küche? Die mit den blonden Haaren?“
Er nickte. „Sie ist meine Freundin. Seit drei Jahren. Und sie ist heute Abend auch noch hier. In der Küche. Sie macht den Kühlraum sauber. Aber sie kommt gleich raus, wenn sie fertig ist.“ Er ließ die Information einen Moment wirken, beobachtete Linas Gesicht genau. „Bevor hier irgendwas passiert, sollst du das wissen. Und bevor du denkst, dass ich ein Arschloch bin, der hinter dem Rücken seiner Freundin – nein. So ist es nicht. Mira weiß Bescheid. Wir haben darüber gesprochen. Über das, was wir wollen. Was wir beide wollen. Und wir wollen dasselbe. Aber nur, wenn du es auch willst. Nur wenn du genau weißt, worauf du dich einlässt.“
Lina spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Nicht vor Enttäuschung oder Eifersucht – sondern vor etwas anderem, das sie nicht sofort benennen konnte. Vielleicht Erleichterung. Oder Neugier. Oder die Erkenntnis, dass das, was sie so lange nur in Gedanken durchgespielt hatte, plötzlich Gestalt annahm. Eine konkrete Gestalt, mit zwei Namen und einer Küche im Hintergrund, aus der das leise Klappern von Töpfen drang.
„Du willst, dass ich mit euch beiden –“
„Ich will gar nichts. Noch nicht. Ich will nur, dass du Bescheid weißt. Dass du Zeit hast, darüber nachzudenken. Dass du weißt, dass die Tür offensteht, wenn du bereit bist. Heute Abend. Oder morgen. Oder nie. Aber wenn du bereit bist, dann sind wir es auch. Beide.“ Ben nahm wieder einen Schluck Bier. Seine Stimme klang jetzt fester, sicherer. Kein Flattern mehr. „Und bevor du fragst: Nein, wir haben das noch nie gemacht. Es ist nicht so, dass wir ständig auf der Suche nach jemandem sind. Es ist etwas, das zwischen uns gewachsen ist. Ein Wunsch. Ein gemeinsamer Wunsch. Und als du diesen Sommer hier angefangen hast, da wussten wir beide: Wenn es jemals passiert, dann mit dir. Oder es passiert nie.“
Die Worte hingen im Raum, so greifbar, dass Lina meinte, sie anfassen zu können. Sie trank einen Schluck Bier, das kalte Prickeln auf ihrer Zunge, und dachte über das nach, was Ben gesagt hatte. Es klang nicht einstudiert. Es klang nicht wie eine billige Anmache. Es klang ehrlich. Und es erklärte die Blicke, die Mira ihr in den letzten Wochen zugeworfen hatte – Blicke, die Lina immer als freundlich, vielleicht ein bisschen neugierig interpretiert hatte. Aber im Nachhinein waren sie mehr gewesen. Viel mehr.
„Ich wusste nicht, dass sie mich so ansieht“, murmelte Lina.
„Das war auch besser so. Sonst wärst du vielleicht weggerannt.“ Ben lächelte schief. „Wärst du?“
Lina schüttelte den Kopf, langsam, fast verwundert über sich selbst. „Nein. Ich glaube nicht. Ich glaube, ich bin genau deshalb hier. Um nicht mehr wegzurennen.“ Sie stellte das Bier ab. Ihre Hände zitterten ein bisschen. „Wo ist sie jetzt? Mira?“
„Ich bin hier.“
Die Stimme kam von der Tür zur Strandbar. Lina drehte sich um und sah Mira im Türrahmen stehen. Sie trug eine weite Leinenhose und ein ärmelloses Top, ihre blonden Haare zu einem lockeren Knoten gebunden, aus dem sich einzelne Strähnen gelöst hatten. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt, ihre Hände waren rau von der Arbeit in der Küche. Und ihre Augen – graugrün, mit winzigen Lachfältchen in den Winkeln – sahen Lina an, als würde sie auf etwas warten. Oder hoffen.
Wo sich zwei Blicke treffen und ein dritter dazukommt

Mira trat aus dem Schatten der Tür in das flackernde Licht der Lichterkette. Sie war barfuß, Lina bemerkte es sofort, ihre schmalen Füße hinterließen Abdrücke im Sand, die der Wind sofort wieder verwischte. Sie ging nicht zu Ben, sondern zu Lina, langsam, ohne Eile, und blieb vor ihr stehen.
„Ben hat dir alles gesagt?“, fragte sie. Ihre Stimme war weicher als in der Küche, weniger geschäftig, fast ein bisschen heiser.
Lina nickte. „Er hat gesagt, dass ihr beide – dass ihr das wollt. Mit mir. Dass ihr mich den ganzen Sommer beobachtet habt.“ Sie schluckte. „Und dass ihr darauf gewartet habt, dass ich es merke. Oder dass ich bereit bin. Oder beides.“
Mira lächelte. Es war kein triumphierendes Lächeln, kein verschwörerisches Grinsen. Es war einfach nur warm. „Und? Bist du bereit?“
Die Frage war direkt, ohne Umschweife, ohne Spielchen. Und genau das war es, was Lina den letzten Stoß gab. Keine Spielchen, keine Rätsel, keine halbgaren Andeutungen. Nur drei Menschen an einem leeren Strand, mit einem Stapel Liegestühle und einer Frage, die so einfach war, dass die Antwort fast von selbst kam.
„Ja“, sagte Lina. „Ich bin bereit. Ich will es. Ich will euch beide.“ Sie sprach die Worte klar aus, jedes einzelne bewusst, und spürte, wie sich etwas in ihr löste. Ein Knoten, den sie so lange mit sich herumgetragen hatte, dass sie seine Existenz vergessen hatte. Das bisexuelle Verlangen, das so lange kein Gesicht gehabt hatte, bekam jetzt zwei. Und beide sahen sie genauso an, wie sie angesehen werden wollte – hungrig, aber geduldig. Bestimmt, aber fragend.
Mira trat noch einen Schritt näher. Jetzt war sie so dicht vor Lina, dass der Duft ihrer Haut zu riechen war – Kokosöl, Zitrusfrucht, etwas Würziges darunter. Sie hob die Hand, zögerte einen Moment, dann legte sie ihre Finger an Linas Wange. Die Berührung war federleicht, ein Hauch nur, aber Lina spürte sie bis in die Zehenspitzen.
„Du zitterst ja“, flüsterte Mira.
„Vor Aufregung. Nicht vor Angst.“ Lina drehte den Kopf ein wenig, so dass ihre Lippen fast Miras Handfläche berührten. „Ich will das. Ich will dich spüren. Und ihn. Ich will wissen, wie es sich anfühlt, zwischen euch zu sein. Keine Gedanken mehr. Nur noch das hier.“ Sie legte ihre Hand auf Miras und drückte sie fester an ihre Wange. Die Geste war zärtlich und fordernd zugleich, eine stumme Bitte um mehr.
Ben war hinter Mira getreten, leise, als wollte er den Moment nicht stören. Aber Lina spürte seine Anwesenheit wie eine zweite Wärmequelle in ihrem Rücken. Seine Hände legten sich auf ihre Schultern, massierten sanft die verspannten Muskeln unter dem dünnen Stoff ihres Shirts. Lina schloss die Augen. Zwei Menschen, vier Hände, und jeder Nerv in ihrem Körper schien sich auf diese Berührungen zu konzentrieren. Es war, als hätte sie ihr ganzes Leben lang auf genau diesen Moment gewartet – auf die Gleichzeitigkeit. Auf die Fülle. Auf das Gefühl, begehrt zu werden von allem, was sie selbst begehrte.
Mira beugte sich vor. Langsam, fast unendlich langsam, näherte sie ihr Gesicht dem von Lina. Ihre Lippen waren nur einen Atemzug entfernt, und Lina konnte die feinen Linien auf Miras Lippen erkennen, den hauchdünnen Glanz von Salbe oder Lippenbalsam, den leichten Kaffeegeruch in ihrem Atem. Dann küsste Mira sie. Nicht zaghaft, nicht prüfend – sondern mit einer Bestimmtheit, die Lina den Atem raubte. Miras Lippen waren weich und fest zugleich, ihre Zunge suchte nicht sofort den Weg, sondern verweilte an Linas Unterlippe, als wollte sie sie kosten. Lina erwiderte den Kuss, öffnete den Mund ein wenig, ließ Mira die Führung übernehmen. Es war anders als Männer zu küssen, weicher, geschmeidiger, aber nicht weniger fordernd. Miras Hand wanderte von ihrer Wange in ihren Nacken, spielte mit den kurzen Härchen am Haaransatz, und Lina stöhnte leise in den Kuss hinein.
Ben hatte aufgehört, ihre Schultern zu massieren. Stattdessen spürte Lina seine Lippen an ihrem Hals, dicht unter dem Ohr, genau dort, wo der Pulsschlag pochte. Seine Hände lagen jetzt auf ihren Hüften, während seine Daumen kleine Kreise auf ihrer Haut über dem Hosenbund zeichneten. Lina fühlte sich wie eingeklemmt zwischen zwei Polen, umgeben von Wärme und Berührungen und dem salzigen Geruch von Strand und Schweiß und Erregung. Sie öffnete die Augen, sah Miras Gesicht direkt vor sich, ihre halbgeschlossenen Lider, die feuchten Lippen. Und sie sah Ben in Miras Augen, eine Spiegelung, seine Gestalt hinter ihr, seine Hände an ihrem Körper.
„Ich will euch beide sehen“, flüsterte Lina. „Ganz. Ohne das hier.“ Sie zupfte an ihrem eigenen Shirt, dann an Miras Top. Ein Verlangen, das sie selbst überraschte: nicht nur berührt zu werden, sondern zu sehen. Zu vergleichen. Zu erleben, wie sich ihr bisexuelles Verlangen an zwei Körpern gleichzeitig entzündete.
Mira lächelte, trat einen Schritt zurück und zog sich das Top über den Kopf. Darunter trug sie nichts. Ihre Brüste waren klein und fest, die Brustwarzen von der kühlen Abendluft sofort hart aufgerichtet. Sie zögerte nicht, keinen Moment der Scham – sie stand einfach da, ließ Lina schauen, gab ihr die Zeit, die sie brauchte. Lina schluckte. Es war das erste Mal, dass sie eine andere Frau so sah, nicht auf einem Bildschirm, nicht in einer Fantasie, sondern wirklich, zum Greifen nah. Es war mit dem Geruch ihrer Haut und der Feuchtigkeit auf ihren Lippen. Es fühlte sich richtig an. Natürlich. Genau so, wie es sein sollte.
Ben löste sich von ihrem Rücken und zog sein Hemd aus, dann seine Shorts. Die Dunkelheit hatte den Strand fast vollständig verschluckt, nur die Lichterkette warf ihr flackerndes Gelb auf drei sich entkleidende Körper, auf drei Schatten, die sich verbanden und wieder trennten. Lina zog sich aus, zuerst das Shirt, dann die Shorts, dann den Rest. Der abendliche Wind strich über ihre nackte Haut, kühl und belebend, und sie spürte jede Faser ihres Körpers mit einer Intensität, die sie noch nie erlebt hatte.
Sie standen zu dritt im Sand, nackt, drei Menschen mit unterschiedlichen Körpern und derselben Frage in den Augen. Lina blickte von Mira zu Ben und wieder zurück. Miras Hüften waren schmaler als ihre eigenen, ihre Schultern weicher, die Kurven ihrer Taille zarter. Bens Brust dagegen war fest, mit einem dünnen Streifen dunklen Haars, der zum Bauchnabel hinablief und sich unter dem Bund seiner Shorts verloren hatte, bevor er sie ausgezogen hatte. Jetzt sah sie ihn ganz, die schlanke Linie seiner Hüften, den halb erigierten Schwanz, der im warmen Licht der Lichterkette feucht schimmerte. Sie sah beides, die weibliche und die männliche Form, und sie wollte beides. Ohne Hierarchie. Ohne Entweder-oder.
Mira war die Erste, die sich wieder bewegte. Sie trat zu Lina, nahm ihre Hand und zog sie sanft zu einer der gepolsterten Liegen, die noch nicht weggeräumt waren und nun wie eine einladende Bühne im Sand standen. Sie drückte Lina sanft auf den Rücken, legte sich neben sie, halb über sie, und begann, ihren Hals zu küssen, entlang des Schlüsselbeins, immer tiefer. Ihre Lippen fühlten sich anders an als Bens – weicher, geschmeidiger, aber genauso hungrig. Lina bog den Rücken durch, als Miras Zunge ihre Brustwarze umspielte, erst die eine, dann die andere, während ihre Hand über Linas Bauch strich, langsam abwärts, immer tiefer.
Bens Gewicht ließ die Liege auf der anderen Seite von Lina einsinken. Er legte sich neben sie, stützte sich auf einen Ellbogen und sah zu, beobachtete die beiden Frauen mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Staunen und Erregung lag. Seine Hand fand Linas freie Hand, verschränkte seine Finger mit ihren, und das war so unerwartet zärtlich, dass Lina fast lachen musste. Sie lag auf einer Sonnenliege am menschenleeren Strand, eine Frau zwischen ihren Schenkeln und ein Mann, der ihre Hand hielt, und es fühlte sich an wie das Normalste der Welt.
Miras Finger erreichten ihr Ziel. Lina keuchte auf, als die fremden Finger sie fanden, feucht und warm, und sie mit einer Sicherheit berührten, die keine Fantasie jemals hätte vorwegnehmen können. Miras Zeigefinger strich über ihre empfindlichste Stelle, kreiste langsam, während ihr Daumen rhythmisch Druck ausübte. Linas Hüften bewegten sich unwillkürlich, folgten dem Rhythmus, und ihr Atem ging schneller. Sie drehte den Kopf zur Seite, fand Bens Gesicht direkt neben ihrem, sah seinen halboffenen Mund und die geweiteten Pupillen. Sein Schwanz war jetzt vollständig erigiert, die Spitze glänzend, und Lina streckte ihre freie Hand aus und legte sie um seine Härte. Ben stöhnte leise, als sie ihn berührte, fest und warm, und begann, sich in ihrer Faust zu bewegen.
Es war dieses Gleichzeitige, das Lina überwältigte: Miras Finger zwischen ihren Beinen, Bens harter Schwanz in ihrer Hand, die Geräusche des Meeres und das Ächzen der Liege unter ihren drei Körpern. Sie spürte, wie die Erregung in ihr anstieg, eine Welle, die von tief unten kam und unaufhaltsam nach oben drängte. Ihre Hüften bewegten sich jetzt im Takt mit Miras Hand, ihre Faust arbeitete an Ben, während die andere in seiner verschränkt blieb. Drei Menschen, ein Rhythmus, ein gemeinsamer Drang.
Dann geschah etwas, das Lina aus ihrem eigenen Rhythmus riss: Ben beugte sich über sie hinweg und küsste Mira. Über Linas Körper hinweg fanden sich ihre Gesichter, ihre Lippen, ihre Zungen. Lina sah unter sich zwei Menschen, die sich liebten und sie gleichzeitig in ihre Liebe einschlossen wie in eine warme Decke. Der Anblick war so intim, so privat, dass sie den Blick abwenden wollte – aber dann dachte sie: Nein. Ich bin Teil davon. Ich bin diejenige, die zwischen ihnen liegt. Und sie sah zu, sah, wie Bens Zunge in Soulmates Mund glitt, wie Mira leise seufzte, ohne ihre rhythmischen Bewegungen an Lina auch nur einen Moment zu unterbrechen.
Was die Nacht verschlingt und wieder ausspuckt
Die Welle baute sich auf, unaufhaltsam, ein unterirdisches Beben, das von Linas Unterleib ausging und durch ihren ganzen Körper strömte. Miras Finger arbeiteten jetzt schneller, gezielter, als hätten sie in den letzten Minuten genau gelernt, was Lina brauchte. Und vielleicht hatten sie das auch – vielleicht war das die Magie dieses Abends, dass keine Worte nötig waren, nur die stumme Sprache der Körper, die einander lasen wie offene Bücher.
Lina ließ Bens Schwanz los, um sich ganz auf das konzentrieren zu können, was in ihr vorging. Es war zu viel und genau richtig zugleich. Die feuchten Geräusche unter Miras Fingern, Ben, der jetzt sanft ihre Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und daran zog, Miras heißer Atem an ihrem Ohr.
„Komm“, flüsterte Mira. Kein Befehl, sondern eine Einladung. „Ich will dich spüren. Ich will, dass du dich fallen lässt. Für uns. Für mich. Für ihn. Für dich selbst. Komm jetzt.“
Und Lina kam. Es war keine sanfte Welle, die sie überspülte, sondern eine Explosion, die sie auseinanderriss und neu zusammensetzte. Ihr Rücken spannte sich, ihre Finger krallten sich in das Polster der Liege, und ein Schrei entrang sich ihrer Kehle, der halb Stöhnen und halb Lachen war. Die Wellen pulsierten durch sie hindurch, eine nach der anderen. Sie spürte, wie sich ihre Muskeln um Miras Finger zusammenzogen, immer wieder, minutenlang. Währenddessen hielt Mira ihre Hand ruhig und war einfach nur da, als stummer Anker inmitten des Sturms.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie schwer atmend auf der Liege. Ihr ganzer Körper kribbelte, als hätte jemand kleine elektrische Nadeln in ihre Haut gestochen. Sie öffnete die Augen und sah Mira und Ben nebeneinander stehen, Hand in Hand, und auf sie herunterblicken. Sie lächelten beide, nicht triumphierend, sondern zärtlich, fast ein bisschen stolz.
„Alles okay?“, fragte Ben.
Lina lachte heiser. „Alles okay? Ich glaube, das Wort „okay“ ist die dümmste Untertreibung, die ich je gehört habe. Mir ist, als wäre ich gerade drei Meter über dem Boden geschwebt und hätte den Himmel berührt. Und ihr fragt mich, ob alles okay ist?“
Mira kicherte. Dann beugte sie sich zu Lina hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, so sanft, dass es fast mütterlich wirkte. Aber die Hand, die dabei über Linas Brust strich, war alles andere als mütterlich. „Wir sind noch nicht fertig. Ich habe die Absicht, dich zu schmecken. Und dann wünsche ich, zuzusehen, wie Ben dir zeigt, was er kann. Wenn du magst.“
Lina nickte. Ihre Stimme versagte, aber ihr Nicken war eindeutig genug. Sie wollte alles. Sie wollte nichts verpassen. Sie wollte sich vollsaugen mit diesen Bildern, diesen Berührungen, für all die Jahre, in denen sie gezweifelt hatte, sich versteckt hatte, nicht wusste, wohin mit ihrem bisexuellen Verlangen.
Mira schob sich zwischen Linas Beine, die immer noch weit geöffnet waren, die Oberschenkel feucht glänzend im Schein der Lichterkette. Sie legte ihren Kopf auf Linas Bauch und ließ ihre Zunge um den Nabel kreisen, dann tiefer, immer weiter. Währenddessen kniete Ben sich neben Linas Kopf und führte seinen Schwanz, immer noch hart, an ihre Lippen. Lina öffnete den Mund, nahm ihn auf, schmeckte ihn – salzig, ein bisschen bitter, warm und lebendig. Sie schloss ihre Lippen um ihn, sog sanft und ließ ihre Zunge spielen, während Miras Zunge weiter unten ihre Arbeit aufnahm.
Es war ein Gleichgewicht der Sinne, das Lina noch nie erlebt hatte. Während ihr Mund mit Ben beschäftigt war, brachte Mira sie erneut an den Rand der Ekstase – nur diesmal mit ihrer Zunge, weicher, feuchter, beweglicher als die Finger zuvor. Lina spürte jede einzelne Bewegung, jedes Lecken, jedes Saugen, und sie versuchte, sich auf Ben zu konzentrieren, aber immer wieder entglitt ihr die Kontrolle. Sie stöhnte in Bens Schwanz hinein, was ihn wiederum lauter stöhnen ließ, und so entstand ein Kreislauf der Erregung, der alle drei miteinander verband.
Mira arbeitete sich jetzt intensiver vor, ihre Zunge konzentrierte sich auf Linas empfindlichste Stelle, während zwei Finger wieder in sie eindrangen, dieses Mal tiefer, rhythmischer. Lina spürte, wie sich ein zweiter Höhepunkt ankündigte. Diesmal war er weniger explosiv, dafür tiefer und anhaltender. Es war ein Beben, das von innen kam und sich nicht in einem Schrei entlud, sondern in einem langen, kehligen Stöhnen, das in Bens Schaft vibrierte. Ben keuchte, zog sich aus ihrem Mund zurück, und Lina sah im fahlen Licht, wie seine Hand an seinem Schwanz entlangfuhr, immer schneller, während sein Blick zwischen den beiden Frauen hin- und herwanderte: Mira, deren Gesicht zwischen Linas Beinen kaum zu sehen war, nur die bewegte blonde Haarflut, und Lina, deren Körper sich unter Miras Zunge wand wie ein Fisch an Land.
Ben kam mit einem unterdrückten Fluch und spritzte auf Linas Oberkörper warme Tropfen, die auf ihrer Haut brannten und gleichzeitig ein seltsames Gefühl von Triumph in ihr auslösten. Sie hatte das getan. Sie hatte ihn dazu gebracht. Sie und Mira, zusammen, ohne Konkurrenz, ohne Eifersucht, nur das gemeinsame Ziel, einander Lust zu bereiten.
Mira ließ von Lina ab und kroch zu ihr hoch, leckte ihr über die Wange, die Lippen, die Stirn. Ihre eigenen Schenkel glänzten vor Erregung, und als Lina ihre Hand dorthin legte, die Feuchte spürte, die Hitze, zuckte Mira zusammen und stöhnte laut auf. Lina zog sie auf sich, legte Miras Bein über ihren Oberschenkel, so dass ihre empfindlichsten Stellen aneinanderrieben, während ihre Münder sich fanden und ihre Zungen ineinander glitten. Es war unbeholfen, ein bisschen ungelenk, zwei Frauen, die noch nicht wussten, wie ihre Körper am besten zueinander passten – aber genau das machte es so echt, so ungeschönt, so voller Entdeckerlust.
Bens Hand kam hinzu und legte sich auf das, was zwischen ihnen nicht ganz zusammenfand. Seine Finger ergänzten, was fehlte. Plötzlich rieben sie sich zu dritt aneinander, eine Masse aus Haut und Feuchtigkeit und Gier. Mira war die Erste von beiden, die kam. Lina spürte es an den zuckenden Muskeln ihrer Oberschenkel, an dem abrupten Innehalten ihres Atems, an dem langgezogenen hohen Ton, der aus ihrer Kehle drang. Lina folgte ihr Sekunden später, überrascht von der eigenen Intensität und überrollt von einer Welle, die sie nicht hatte kommen sehen.
Danach lagen sie ineinander verschlungen da, schweigend, keuchend, ihre Herzen rasten im Dreiertakt. Die Lichterkette flackerte und erlosch, dann sprang sie wieder an, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob die Nacht schon vorbei war oder gerade erst begann. Der Wind hatte aufgefrischt und trug jetzt den kühlen Geruch von feuchtem Sand und fernen Algen mit sich. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund, und das Meer rauschte unermüdlich gegen den Strand, als wollte es die Zeit anhalten, diesen Moment konservieren wie eine Flaschenpost.
Was vom Abend übrig bleibt, wenn die Lichter ausgehen
Lina wachte auf, ohne zu wissen, wann sie eingeschlafen war. Sie lag immer noch auf der Liege, aber jemand hatte eine Wolldecke über sie gebreitet – wahrscheinlich Mira, die immer einen Vorrat für kühle Abende in der hintersten Ecke des Geräteschuppens hatte. Der Himmel über ihr war jetzt tiefschwarz, übersät mit mehr Sternen, als sie je in der Stadt gesehen hatte. Die Milchstraße zog sich wie ein silbriger Schleier über das Firmament, und für einen Moment war Lina einfach nur dankbar, hier zu sein, in diesem Augenblick, an diesem Ort, mit diesen Menschen.
Ben saß auf dem Tresen der Strandbar, wieder angezogen, eine neue Flasche Bier in der Hand. Mira lehnte neben ihm, ebenfalls angezogen, ihren Kopf an seine Schulter. Sie sprachen leise miteinander, aber als sie bemerkten, dass Lina wach war, verstummten sie und sahen zu ihr herüber.
„Na, wieder unter den Lebenden?“, fragte Ben.
Lina streckte sich, spürte jeden Muskel, jede Stelle, die vor Stunden noch unter fremden Händen und Lippen gebebt hatte. Sie setzte sich auf, zog die Decke um ihre Schultern. „Ich glaube, ich habe kurz das Bewusstsein verloren. Ich weiß nicht für wie lange. War das normal?“
Mira lachte leise. „Definiere normal. Für das, was heute Abend passiert ist, gibt es kein Normal. Aber ja, uns beiden ging es genauso. Wir lagen auch einfach nur eine Weile da und haben nichts gesagt. Weil es nichts zu sagen gab. Oder weil es zu viel zu sagen gab. Je nachdem, wie man es sieht.“ Sie löste sich von Ben und kam zu Lina herüber, setzte sich auf den Rand der Liege. Ihre Hand fand Linas Hand unter der Decke, drückte sie kurz. „War es das, was du gesucht hast? Diesen Sommer? Diesen Abend?“
Lina dachte einen Moment lang nach. Nicht, weil sie die Antwort nicht wusste, sondern weil sie die richtigen Worte finden wollte. Sie fühlte sich anders als vorher. Nicht grundlegend verändert – sie war immer noch dieselbe Lina, die morgens ihren Kaffee schwarz trank, die Mathebücher las und bei romantischen Komödien heulte. Aber sie fühlte sich auch wie jemand, der ein lange verschlossenes Zimmer in seiner Wohnung endlich geöffnet und das Licht angeknipst hatte. Sie stellte fest, dass es gar nicht so staubig und dunkel war wie befürchtet. Sondern hell, freundlich und voller Möglichkeiten.
„Es war genau das“, sagte sie schließlich. „Weder mehr noch weniger.“ Ich habe heute Nacht etwas über mich gelernt, das ich mein ganzes Erwachsenenleben lang verdrängt habe. Dass mein bisexuelles Verlangen kein Problem ist, das gelöst werden muss. Sondern einfach ein Teil von mir. Wie meine Augenfarbe oder meine Angst vor Wespen oder meine Begabung, immer das falsche Gleis am Bahnhof zu erwischen. Es ist da. Es gehört zu mir. Und es hat zwei wunderschöne Gesichter und vier Hände und eine Zunge, die Dinge mit mir anstellen kann, die ich nie für möglich gehalten hätte.“ Sie grinste, und Mira grinste zurück.
Ben kam zu ihnen, setzte sich auf die andere Seite von Lina, so dass sie wieder in der Mitte war, eingerahmt von zwei Menschen, die sie kaum kannte und die ihr doch in dieser einen Nacht so nah gekommen waren wie kaum jemand zuvor. Er legte den Arm um sie, nicht fordernd, sondern einfach nur tröstlich, wie ein Freund, der nach einer durchzechten Nacht dafür sorgt, dass man sicher nach Hause kommt.
„Was passiert jetzt?“, fragte Lina. Die Frage hing im Raum, schwer und zugleich leicht, denn alle wussten, dass sie keine einfache Antwort hatte.
Ben und Mira tauschten einen Blick, jenen stummen, der nur zwischen Menschen möglich ist, die sich wirklich kennen und lieben. Dann sagte Mira: „Was immer du willst. Das hier war kein einmaliges Experiment, nur damit du weißt, wie es sich anfühlt. Es sei denn, du willst, dass es das war. Dann ist es auch in Ordnung. Aber wenn du willst – wir sind noch eine Woche hier. Bis die Bar endgültig dichtmacht und wir zurück nach Berlin fahren. Sieben Tage. Sieben Nächte. Keine Verpflichtungen, keine Erwartungen, nur die Möglichkeit, das weiter zu erkunden, was heute Abend angefangen hat. Wenn du das willst.“
Lina spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Eine Woche. Das war nicht genug und gleichzeitig unendlich viel Zeit. Genug, um herauszufinden, ob das, was sie heute Nacht erlebt hatte, wirklich ein Teil von ihr war oder nur eine einmalige Ekstase. Genug, um die beiden Menschen an ihrer Seite kennenzulernen, ihre Geschichten zu hören, ihre Körper zu erforschen, ihre Art zu lieben zu verstehen. Genug, um zu entscheiden, ob sie das, was sie jahrelang verdrängt hatte, zu einem selbstverständlichen Teil ihres Lebens machen wollte.
„Ich will“, sagte sie einfach. Keine erhabenen Worte, kein Überschwang – nur die schlichte Wahrheit. „Ich will euch kennenlernen. Nicht nur eure Körper, sondern auch eure Geschichten. Wie ihr euch gefunden habt. Was ihr in Berlin macht. Ob Mira wirklich so gut kocht, wie die Gäste immer behaupten.“ Sie lächelte. „Und ja, ich will auch mehr von dem, was heute Nacht passiert ist. Viel mehr. Ich will lernen, wie man eine Frau berührt, ohne dass es sich seltsam anfühlt. Ich will lernen, wie es ist, mit einem Mann und einer Frau gleichzeitig zusammen zu sein. Ich will das alles. Und wenn ich nach dieser Woche zurück nach Hamburg fahre, dann werde ich es nicht bereuen. Egal, wie es ausgeht. Weil ich dann endlich weiß, wer ich bin. Nicht nur im Kopf. Sondern wirklich. Versteht ihr?“
Ben nickte langsam. „Wir verstehen. Vielleicht besser, als du denkst. Miras und meine Beziehung war nie ganz einfach. Wir haben lange gebraucht, um zu verstehen, dass wir beide mehr wollen als das, was uns die Gesellschaft als normal verkauft. Dass unsere Liebe zueinander nicht schwächer wird, wenn wir andere Menschen in unser Bett lassen. Im Gegenteil.“ Er zog Mira an sich und küsste sie auf die Schläfe. „Es hat fast was Befreiendes, oder? Zu wissen, dass man nicht kaputt ist, nur weil man mehr will, als in die Schublade passt, die einem zugewiesen wurde. Man bekommt keine Bedienungsanleitung für das eigene Begehren mitgeliefert. Man muss es selbst herausfinden. Und wir finden es immer noch heraus. Jeden Tag. Und heute Nacht mit dir war ein neues Kapitel. Ein wunderschönes.“
Die Lichterkette flackerte ein letztes Mal und erlosch dann endgültig. Nur die Sterne und das schwache Leuchten der entfernten Strandpromenade spendeten noch Licht. Es war nach Mitternacht, vielleicht zwei, vielleicht drei – Lina hatte jedes Zeitgefühl verloren, aber das war in Ordnung. Zeit war heute egal. Sie hatte die ganze Nacht. Sie hatte die ganze Woche. Und dann hatte sie den Rest ihres Lebens, um mit dem anzufangen, was sie in dieser Strandbar entdeckt hatte, beim Abbau der Liegestühle nach Sonnenuntergang.
Mira stand auf und streckte die Hand nach Lina aus. „Komm. Wir gehen nochmal rein. Ich habe noch eine Flasche Wein im Kühlschrank. Und ich würde dir gerne ein paar Dinge zeigen. In der Küche. Am Herd. Keine Sorge, es geht wirklich ums Kochen – heute Nacht jedenfalls noch.“ Sie zwinkerte. „Alles andere hat Zeit bis morgen. Oder übermorgen. Oder wann immer du so weit bist.“
Lina ergriff die Hand und konnte hochgezogen werden. Die Decke fiel von ihren Schultern, und die kühle Nachtluft traf sie mit einer Intensität, die sich anfühlte wie eine zweite Geburt. Sie war nackt, in der Dunkelheit, und sie schämte sich nicht. Sie hob ihre Kleider vom Sand auf und zog sie an, ohne Eile. Dann folgte sie Mira zur Strandbar, während Ben die restlichen Liegen allein zusammenklappte und an den gewohnten Stapelplatz trug, wo sie auf den nächsten Morgen warten würden.
Die Tür fiel ins Schloss, und die Strandbar lag wieder einsam am Meer, mit dem Rauschen der Wellen und dem ewig gleichen Lied des Windes in den Palmen. Aber etwas hatte sich verändert in dieser Nacht – nicht an dem Ort, aber an den Menschen, die ihn für ein paar Stunden bevölkert hatten. Lina wusste, dass sie morgen aufwachen würde, und das bisexuelle Verlangen würde immer noch da sein. Aber es würde ihr nicht mehr wie ein Fremdkörper erscheinen, den sie verstecken musste. Sondern wie eine Tür, die sie geöffnet und hinter der sie zwei Menschen gefunden hatte, die sie ohne Vorbehalte willkommen hießen.
Und das, fand Lina, während sie Miras Schritten in die dunkle Küche folgte und das leise Lachen der anderen Frau hörte, war die schönste Entdeckung dieses Sommers.
– ENDE –
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