Bisexuelle Begierde
Livias Finger gruben sich in Antons Schulter, als der Fahrradanhänger über eine Wurzel rumpelte und sie unsanft gegen die gepolsterte Rückenlehne warf. Das Quietschen der ungeölten Federung vermischte sich mit ihrem überraschten Auflachen, während draußen die Nachmittagssonne immer wieder durch das Blätterdach blitzte wie eine defekte Discokugel.
„Du fährst wie ein Besoffener!“, rief sie nach vorn, wo Anton auf dem E-Bike saß und sich mit gespielter Empörung zu ihr umdrehte.
„Das ist künstlerische Freiheit! Außerdem hast du gesagt, du willst Abenteuer.“ Er grinste und lenkte den Anhänger bewusst über die nächste Bodenwelle, sodass Livia quietschend zur Seite kippte und mit der Hüfte gegen die mit Proviant gefüllte Kühltasche prallte.
Sie war dreiunddreißig und Redakteurin bei einem Reisemagazin. An einem verregneten Dienstag hatte sie diese verrückte Idee mit der Radtour geboren, als die Deadline für die nächste Ausgabe näher rückte und ihr partout kein origineller Aufhänger einfallen wollte. „Radeln durchs Unbekannte“ – so der Arbeitstitel. Dass sie Anton gefragt hatte, war naheliegend gewesen: Er war seit fast zehn Jahren ihr bester Freund, ehemaliger Mitbewohner und gelegentlicher Liebhaber in jenen verschwommenen Phasen, wenn beide Single und gelangweilt genug waren, um die vertraute Anziehung auszutesten, ohne dass es je kompliziert wurde. Und natürlich, weil er, anders als sie, tatsächlich einen Orientierungssinn besaß.
Der Plan war simpel gewesen: drei Tage durch den Spessart, von Aschaffenburg aus immer den Main entlang, Übernachtung in kleinen Pensionen, rustikal und unprätentiös. Was Livia nicht einkalkuliert hatte, war die gnadenlose Hitze dieser Juliwoche, die selbst den schattigsten Waldweg in einen Backofen verwandelte. Nach knapp vier Stunden Fahrt waren sie beide durchgeschwitzt und die Wasserflaschen leer. Livia hatte sich irgendwann kurzerhand vom Fahrradsitz in den Anhänger verfrachtet, weil ihre Oberschenkel brannten und ihre Motivation irgendwo zwischen den letzten beiden Steigungen verdunstet war.
„Hier!“ Anton bremste so abrupt, dass Livia mit dem Ellenbogen gegen die Seitenwand schlug. „Perfekt!“
Sie richtete sich auf und sah, was er meinte: Der Waldweg machte eine Biegung und weitete sich zu einer Lichtung, durch die ein schmaler Bach plätscherte. Moosbewachsene Steine, das Rascheln von Buchenblättern und tatsächlich – eine kleine Holzbank, wie vom Tourismusamt persönlich dort platziert. Anton stellte das E-Bike ab, löste den Anhänger und zog Livia an beiden Händen heraus, ein breites Grinsen im sonnengebräunten Gesicht.
„Siehst du? Alles richtig gemacht.“ Er deutete auf die Idylle, während er bereits den Reißverschluss der Kühltasche öffnete. „Und jetzt Mittagspause. Der Beutel mit den Falafeln müsste noch kalt sein, falls du ihn nicht als Sitzkissen missbraucht hast.“
Livia streckte sich, spürte jeden einzelnen Muskel in ihren Waden, und ließ sich dann rücklings ins weiche Gras fallen. Der Himmel über der Lichtung war von jenem ausgewaschenen Blau, das nur an richtig heißen Tagen so aussieht, als hätte jemand zu viel Wasser in die Farbe gemischt. Sie schloss die Augen, lauschte dem Bach und Antons unmelodischem Pfeifen, während er den improvisierten Proviant auspackte.
„Weißt du“, sagte sie träge, ohne die Augen zu öffnen, „eigentlich fehlt hier nur noch eine Sache.“ „Ein kühles Bier?“ „Das auch. Aber ich meinte eher … jemanden, der mir den Rücken eincremt. Ich hab das Gefühl, ich verbrenne bei lebendigem Leib.“ „Warte, ich such die Sonnencreme. Du liegst einfach weiter faul rum, Prinzessin.“ Sie grinste. „So kenn ich dich. Immer zu Diensten.“ „Immer zu Diensten, solange es Falafel gibt“, korrigierte er und ließ sich neben ihr ins Gras plumpsen, das T-Shirt bereits über dem Kopf ausziehend.
Livia öffnete die Augen einen Spaltbreit und beobachtete, wie er sich die Kühltasche griff. Sein Oberkörper war immer noch so drahtig und sehnig wie vor zehn Jahren. Die Sommersprossen auf den Schultern hatten sich vermehrt. Und da war dieses lässige Selbstbewusstsein in jeder seiner Bewegungen, das sie so lange schon kannte und das sie trotzdem nicht langweilte. Komisch eigentlich, dachte sie, wie vertraut alles an ihm war und gleichzeitig so angenehm unaufdringlich, wie eine alte Jacke, die immer noch perfekt sitzt.
Wenn die Sonnencreme mehr berührt als nur die Haut
Anton drückte Livia die Tube in die Hand und ließ sich bäuchlings neben ihr nieder. „Zuerst bist du bei mir. Ich habe Rücken, du hast Mußezeit. Fairer Deal?
Sie schnaubte, setzte sich aber auf und betrachtete die sommersprossige Landschaft seines Rückens. Die Tube war angenehm kühl in ihrer Hand, die weiße Creme roch nach Kokos und diesem typischen Sonnenmilch-Duft, der unweigerlich Kindheitsurlaube heraufbeschwor. Sie verteilte großzügige Kleckse auf seinen Schulterblättern und begann, sie mit kreisenden Bewegungen zu verreiben.
Seine Haut war warm von der Sonne, die Muskeln unter ihren Fingern entspannt. Livias Berührungen waren routiniert, fast mechanisch, während ihre Gedanken abschweiften – bis Anton ein leises, zufriedenes Brummen von sich gab, das irgendwo tief in seiner Kehle vibrierte.
„Das machst du besser, als ich’s in Erinnerung hatte“, murmelte er ins Gras hinein.
„Ich habe halt Übung“, gab sie zurück und ließ ihre Finger fester über seine Wirbelsäule gleiten, die einzelnen Rippenbögen nachzeichnend. Was ursprünglich eine pragmatische Hilfestellung gewesen war, bekam plötzlich eine andere Note, und Livia bemerkte selbst überrascht, wie ihre Berührungen langsamer wurden, absichtsvoller. Sie strich mit den Daumen die Konturen seiner Schulterblätter entlang, fuhr die seitlichen Rippen hinunter, wo seine Haut besonders empfindlich war – das wusste sie noch von früher.
Anton zuckte kurz, lachte dann aber leise auf. „Du versuchst, mich zu kitzeln?“
„Vielleicht“, sagte sie gedehnt und malte mit dem Zeigefinger ein unsichtbares Muster auf sein linkes Schulterblatt. „Vielleicht auch nicht. Vielleicht genieße ich einfach nur die Aussicht.“ Sie ließ den Satz bewusst zweideutig in der Luft hängen und war selbst ein wenig überrascht über ihren neckischen Tonfall. Seit wann flirtete sie so offensiv mit Anton?
Er schien es zu bemerken. Langsam, fast bedächtig, drehte er sich unter ihren Händen um, bis er auf dem Rücken lag und zu ihr aufsah. Seine Augen, dieses verwaschene Graublau, das an regennasse Schieferplatten erinnerte, musterten sie mit neuer Aufmerksamkeit. Der Rollentausch war nicht angekündigt, vollzog sich aber so fließend, dass Livia nicht hätte sagen können, an welchem Punkt das Sonnencreme-Einreiben zu etwas anderem geworden war.
„Jetzt bin ich dran“, sagte Anton leise. Er griff nach der Tube, die Livia immer noch in der Hand hielt, und seine Finger berührten dabei ihre. Eine bewusste Verzögerung. Dann setzte er sich auf und klopfte auf das Handtuch neben sich. „Leg dich hin. Bauchlage. Und keine Widerrede, Fräulein Redakteurin. Jeder Rücken zählt.“
Livia gehorchte mit einem gespielten Augenverdrehen. Aber ihr Puls war schneller geworden – nicht vor Aufregung, sondern vor etwas, das sie schwerer benennen konnte. Es war eine Mischung aus Neugier und der plötzlichen Gewissheit, dass dieser Nachmittag eine Wendung nehmen würde, die in keinem Reiseartikel Erwähnung finden durfte.
Der erste kühle Klecks Sonnenmilch landete zwischen ihren Schulterblättern und ließ sie zusammenzucken. Dann Antons Hände, warm und überraschend zielgerichtet, kein bisschen zögerlich. Sie verrieben die Creme mit langen, gleichmäßigen Bewegungen, und seine Handflächen glitten über ihre Haut, als würden sie ein Terrain erkunden, das sie längst zu kennen glaubten und doch neu vermaßen. Er arbeitete sich ihre Wirbelsäule hinunter und fand mit erstaunlicher Treffsicherheit jeden verspannten Knoten. Er verweilte an den Stellen, wo die Muskeln hart und verhärtet waren. Livia spürte, wie sie seufzend die Stirn auf ihre verschränkten Arme sinken ließ.
„Du hattest recht“, sagte sie, die Stimme schon etwas abwesend. „Das ist definitiv vorteilhafter als der Deal vorhin. Warum machst du so was nicht beruflich?“
„Weil ich dann den ganzen Tag fremde Leute anfassen müsste.“ Seine Daumen fuhren die Ränder ihrer Schulterblätter entlang. „Das hier ist … persönlicher.“ Eine winzige Pause. Dann fügte er leiser hinzu: „Viel persönlicher, als ich dachte, dass es sein würde.“
Livias Magen zog sich angenehm zusammen – nicht, weil seine Worte so überraschend gewesen wären, sondern weil er sie genau in dem Tonfall aussprach, der keine Zweideutigkeiten mehr offenließ. Sie spürte, wie er seine Hände tiefer gleiten ließ, über ihre Taille, ihre Hüften. Obwohl da noch der dünne Stoff ihrer Radlerhose zwischen seiner Haut und ihrer war, fühlte es sich an, als wäre die Barriere kaum der Rede wert. Seine Handflächen waren rau, vom Lenkergriff und von den Jahren, und Livia ertappte sich dabei, dass sie sich in seine Berührung hineinbog, kaum merklich, aber unübersehbar.
Wo drei Hände mehr wissen als zwei

Livia hatte keine Ahnung, wer von ihnen den entscheidenden Millimeter überbrückt hatte – ob sie sich auf den Rücken gedreht hatte oder ob Anton sie sanft in diese Position manövriert hatte. Jedenfalls lag sie jetzt und blickte zu ihm auf, seine Hände ruhten noch auf ihrer Taille, und zwischen ihnen summte die Luft vor unausgesprochenen Möglichkeiten.
Und dann, während irgendwo in den Buchen ein Eichelhäher schimpfte und der Bach gleichgültig weiterplätscherte, beugte sich Anton hinab und küsste sie.
Es war anders als die früheren Male. Nicht das vertraute „Ach, warum eigentlich nicht?“ ihrer gemeinsamen Geschichte, sondern etwas Neues, bewusst Gewähltes. Seine Lippen waren weicher, als sie sie in Erinnerung hatte, und seine Zunge, die erst fragend, dann fordernder in ihren Mund glitt, schmeckte nach Falafel und dem lauwarmen Wasser aus ihrer Trinkflasche. Livia erwiderte den Kuss mit einer Intensität, die beide überraschte, und ihre Hände fanden wie von selbst in seinen Nacken, zogen ihn näher, während seine Finger unter den Saum ihres Sport-Tops glitten.
Sie setzte sich ruckartig auf, zog das Top in einer fließenden Bewegung über den Kopf und merkte kaum, wie es irgendwo im Gras landete. Ihre Brüste, von der Radtour noch leicht verschwitzt, wurden sofort von der schwülen Waldluft umfangen, und Anton nahm sie mit einer Selbstverständlichkeit in beide Hände, die Livia ein leises Stöhnen entlockte. Sein Mund wanderte ihren Hals hinunter und fand die Stelle zwischen diesem und dem Schlüsselbein, die er so gut kannte. Dann wanderte sein Mund tiefer, bis seine Lippen ihre Brustwarze umschlossen und er mit der Zungenspitze kleine, provozierende Kreise zog.
„Gott, Anton …“, flüsterte Livia, ließ den Kopf in den Nacken fallen und genoss für einen endlosen Moment das Zusammenspiel von warmer Sonne auf ihrer Haut und seinem warmen Mund an ihren Brüsten. Seine Hände waren inzwischen weitergewandert, nestelten am Bund ihrer Radlerhose, und sie hob bereitwillig die Hüften, damit er sie ihr abstreifen konnte. Der Stoff blieb kurz an ihren Knöcheln hängen. Ehe er mitsamt ihren Socken und Radschuhen irgendwo im Gras landete, kniete Anton vor ihr, selbst noch halb bekleidet, und betrachtete sie mit einer Mischung aus Begehren und fast komischer Ehrfurcht.
„Du siehst aus wie …“, begann er.
„Sag jetzt nichts von einer Waldnymphe oder so einem Mist“, unterbrach Livia ihn, aber sie lächelte dabei, und dann zog sie ihn an seiner Gürtelschlaufe zu sich heran und öffnete den Reißverschluss seiner Shorts, während er ihren Hals küsste.
Was dann geschah, hatte nichts mehr mit routiniertem Sex unter Freunden zu tun. Sie schälten sich gegenseitig aus den letzten Kleidungsresten, und Anton legte sie behutsam rücklings auf das Handtuch, das viel zu klein war, aber das war jetzt völlig egal. Seine Lippen wanderten über ihren Bauch, über die empfindliche Haut unterhalb des Nabels. Livia öffnete bereitwillig die Schenkel. Sie spürte die Waldluft an ihren intimsten Stellen und dann seinen Atem, heiß und verheißungsvoll.
Als seine Zunge sie zum ersten Mal berührte, zuckte ihr ganzer Körper zusammen. Anton hielt sie mit beiden Händen an den Hüften fest und begann mit langsamen, genießerischen Bewegungen, die exakt ihre empfindlichste Stelle umkreisten, ohne sie direkt zu stimulieren. Es war ein altbekanntes Spiel, das er perfektionierte, während Livia sich unter ihm wand und immer lauter stöhnte. Ihre Hände krallten sich in das Gras neben dem Handtuch und rissen kleine Büschel aus. Sie war dankbar für die Abgeschiedenheit dieser Waldlichtung, denn die Geräusche, die sie von sich gab, waren kaum noch zu kontrollieren.
Dann endlich, als sie schon dachte, sie könnte die köchelnde Spannung nicht mehr aushalten, legte sich sein Mund mit vollem Druck auf ihre Klitoris. Seine Zunge begann jenen Rhythmus, den er kannte und den sie liebte. Gleichzeitig glitten zwei seiner Finger in sie und fanden exakt jene Stelle an ihrer vorderen Scheidenwand, die reagierte, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Livia kam mit einem erstickten Aufschrei, der von den Buchen widerhallte, während ihr Becken sich rhythmisch gegen sein Gesicht presste und ihre Schenkel seinen Kopf umschlossen wie eine Muschel.
Anton ließ ihr keine Zeit zum Verschnaufen. Noch während die letzten Wellen der Erregung durch ihren Körper liefen, richtete er sich auf, und sie sah seinen erigierten Penis, hart und feucht an der Spitze. Livia, immer noch zitternd, streckte die Hand aus und umfasste ihn, und Anton stöhnte auf, als ihre Finger sich um seinen Schaft schlossen.
„Warte“, flüsterte Livia überraschend, „ich will dich schmecken.“ Sie zog ihn zu sich und nahm ihn in den Mund, spürte das vertraute Gewicht auf ihrer Zunge und den salzigen Geschmack seiner Erregung. Aber während sie ihn mit Lippen und Zunge verwöhnte, wanderte ihre linke Hand über ihren eigenen Bauch und zwischen ihre Schenkel. Sie begann, sich selbst zu berühren – erst zögernd, dann absichtsvoller, während sie ihn im Mund behielt.
Anton bemerkte es. Sein staunender Blick und das tiefe, kehlige Stöhnen, das er nicht unterdrücken konnte, als er ihre Finger zwischen ihren eigenen Schamlippen verschwinden sah, während sie gleichzeitig seinen Penis mit der Zunge umspielte. Dieser Blick und das Stöhnen zeigten ihr, dass er diese Seite an ihr noch nie gesehen hatte. Die bisexuelle Begierde, die schon länger in ihr geschlummert hatte, immer nur angedeutet in halbvollen Phantasien und unausgesprochenen Wünschen, brach sich hier und jetzt Bahn. Dies geschah auf dieser Waldlichtung, unter Buchen und blassblauem Himmel, mit ihrem besten Freund als staunendem Zeugen.
Zwei werden zu einem Dreieck aus Lust.
Livia ließ von ihm ab, lehnte sich zurück und sah ihn an, ihre Finger immer noch zwischen ihren Beinen, ihre Lippen glänzend. „Erinnerst du dich an Nadja?“, fragte sie, und ihre Stimme klang rau und sinnlich zugleich.
Anton brauchte einen Moment, um den Namen zuzuordnen. „Die Fotografin von deinem Magazin?“
„Genau die.“ Livia zog ihre Finger langsam aus sich heraus und betrachtete sie, als sähe sie sie zum ersten Mal. „Wir hatten neulich ein Shooting zusammen. Spätabends, nach dem offiziellen Teil. Sie hat mir von ihren Freundinnen erzählt, von diesen Partys, auf denen sie …“ Sie stockte, nicht aus Verlegenheit, sondern weil sie die richtigen Worte suchte. „Ich habe gemerkt, dass ich ihr zuhöre, als würde sie eine Sprache sprechen, die ich verstehe, ohne sie je gelernt zu haben. Ich wollte plötzlich wissen, wie ihre Haut sich anfühlt. Wie sie schmeckt. Wie es wäre, mit ihr und einer anderen Frau und vielleicht …“ Ihr Blick wanderte bedeutungsvoll zu Anton. „… einem Mann, dem ich vertraue, etwas völlig Neues auszuprobieren.“
Anton schwieg einen Moment, aber seine Augen funkelten vor Erregung und Neugier. „Und was genau“, fragte er mit belegter Stimme, „hast du dir dabei vorgestellt?“
Statt zu antworten, griff Livia in die Kühltasche, die immer noch halb geöffnet neben ihnen lag, und zog eine halbvolle Flasche Mineralwasser heraus. Sie schraubte den Deckel ab, nahm einen tiefen Schluck und goss dann langsam den Rest über ihre Brüste. Das Wasser rann in kalten Rinnsalen über ihren Bauch, vermischte sich mit dem Schweiß und der Sonnenmilch, rann tiefer, benetzte die Locken zwischen ihren Schenkeln. Dann nahm sie Antons Hand und führte sie dorthin, wo ihre eigenen Finger eben noch gewesen waren.
„Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn du zusiehst. Wenn du uns beide beobachtest. Wie Nadjas Kopf zwischen meinen Schenkeln liegt und ich gleichzeitig deinen Schwanz in mir spüre. Oder wie ich sie küsse, während du sie von hinten nimmst und ich jeden Stoß spüre, weil unsere Körper aneinandergepresst sind wie … wie drei Puzzleteile, die endlich zueinander gefunden haben.“
Antons Atem ging jetzt stoßweise. Seine Finger hatten ihre Bewegung aufgenommen, und Livia bog sich ihm erneut entgegen, während ihre Worte die Vorstellung im Raum zwischen ihnen fast greifbar machten.
„Ich weiß nicht, ob Nadja das will“, sagte sie, die Augen halb geschlossen, „aber ich weiß seit diesem Abend, dass ich es will. Dass diese Neugier in mir nicht verstummt, nur weil ich sie ignoriere. Ich will den Körper einer Frau unter meinen Händen spüren, Anton. Ich möchte ihre Brüste an meinen Lippen, ihren Geschmack auf meiner Zunge. Und ich will, dass du dabei bist, nicht als Zuschauer, sondern als Teil davon. Weil ich dir mehr vertraue als irgendjemandem sonst und weil …“ Sie öffnete die Augen und sah ihn direkt an. „… weil die Vorstellung, deine Erregung zu sehen, während du siehst, wie ich eine Frau zum Orgasmus bringe, mich fast wahnsinnig macht vor Lust.“
Damit zog sie ihn auf sich. Anton drang ohne weiteres Vorspiel in sie ein und fand sie unglaublich feucht und bereit. Livia schlang ihre Beine um seine Hüften und zog ihn so tief in sich hinein, wie es nur ging. Ihre Erregung steigerte sich ins Unermessliche, befeuert von den Bildern, die sie heraufbeschworen hatte: Nadjas dunkle Locken auf einem fremden Kissen, die geschwungene Linie ihrer Taille, die Vorstellung, wie ihre Brüste sich anfühlten, wie ihre Zunge schmeckte, während Anton gleichzeitig in sie eindrang und den Rhythmus vorgab, schnell, hart und genau so, wie sie es jetzt ertrug.
Der Orgasmus kam schnell und überwältigend. Livia schrie auf, ungehemmt, ihre Fingernägel gruben sich in Antons Schultern, während ihr Becken sich ihm entgegenwarf und die Wellen der Lust sie durchliefen wie ein elektrischer Strom. Anton folgte ihr nur Sekunden später, stieß ein letztes Mal tief in sie hinein und ergoss sich mit einem heiseren Stöhnen, das sich mit ihrem Schrei vermischte und von den Buchen widerhallte.
Sie blieben ineinander verschlungen liegen, keuchend, verschwitzt, erfüllt von einer Zufriedenheit, die tiefer ging als bloße körperliche Erschöpfung. Livias Hand lag auf seinem Rücken und fühlte seinen rasenden Herzschlag, der sich langsam beruhigte, während ihre Beine immer noch um seine Hüften geschlungen waren und sein Kopf an ihrer Schulter ruhte.
Das neue Terrain ist ein Kompass ohne Nadel.
Der Bach plätscherte noch immer, und die Nachmittagssonne wanderte weiter über die Lichtung, als hätte sie nichts bemerkt. Livia spürte, wie Antons Atem flacher und ruhiger wurde, wie sein Gewicht auf ihr sich langsam entspannte. Irgendwann rollte er sich von ihr herunter und blieb neben ihr auf dem Rücken liegen, den Blick zum Himmel gerichtet.
„Weißt du, was das Komische ist?“, sagte er nach einer langen Stille.
„Dass wir das nicht schon früher so gemacht haben?“
„Das auch. Aber eigentlich meinte ich: Seit zehn Jahren kennen wir uns jetzt, und ich dachte, ich wüsste alles über dich. Jede kleine Marotte, jeden Witz, jede Geschichte. Und dann kommst du und erzählst mir von dieser … dieser Seite an dir, von der ich keine Ahnung hatte, und plötzlich bist du mir wieder völlig neu.“ Er drehte den Kopf zu ihr, und sein Blick war ernst. „Ich mag das. Dass wir uns noch überraschen können. Nach all den Jahren.“
Livia lächelte und griff nach seiner Hand, ihre Finger verschränkten sich mit seinen. „Es hat mich selbst überrascht. Ich dachte immer, bisexuelle Begierde sei etwas, das man entweder hat oder nicht – wie grüne Augen oder Plattfüße. Aber es ist eher wie … ein Muskel, den du nie benutzt hast und von dem du nicht wusstest, dass er existiert, bis du ihn plötzlich spürst, als hättest du ihn schon immer gehabt.“ Sie drückte seine Hand. „Ich habe das nicht geplant. Und ich bin auch nicht im Bilde darüber, wie es weitergeht. Ob ich Nadja überhaupt darauf anspreche. Ob sie Interesse hat. Ob es mit uns dreien funktionieren würde oder ob die Realität die Phantasie zerschießt wie eine Seifenblase.“
„Das klingt nach einem Artikel, den ich gern lesen würde“, bemerkte Anton trocken.
„Der Artikel geht an meiner Chefin vorbei. Die kriegt die Version mit idyllischen Radwegen und romantischen Pensionen.“ Sie setzte sich auf und begann, ihre Sachen zusammenzusuchen, die etwas weniger idyllisch im Gras verstreut lagen. „Aber der wahre Bericht … wer weiß. Vielleicht schreibe ich den mal für mich. Oder für dich. Oder für Nadja.“ Sie zog ihr Top über den Kopf und sah ihn an, während sie die Radlerhose aus dem Gebüsch fischte, wo sie gelandet war. „Würdest du das wollen? Dass so was passiert?“
Anton richtete sich ebenfalls auf. Seine Antwort kam nicht sofort, und Livia schätzte das an ihm – dass er nachdachte, bevor er sprach, statt in bedeutenden Momenten Leichtsinn vorzutäuschen.
„Ich würde es wollen, wenn du es willst“, sagte er schließlich. „Nicht als Gefallen oder weil ich das Gefühl hätte, dir etwas schuldig zu sein. Sondern weil es tatsächlich … aufregend klingt? Und weil ich den Gedanken mag, dass wir zusammen etwas entdecken, das für uns beide neu ist.“ Er zog sich die Shorts an und stand auf, reichte ihr die Hand, um sie hochzuziehen. „Aber ich würde auch wollen, dass du mir vorher genau sagst, was du dir vorstellst. Nicht im Sinne eines Skripts, sondern in Bezug auf deine Grenzen. Was du auf keinen Fall willst. Damit ich weiß, worauf ich achten muss, falls es wirklich passiert. Ich hab keine Ahnung von Dreier-Dynamiken, aber ich kann mir vorstellen, dass die kompliziert genug sind, auch ohne dass wir blind reinrennen.“
Livia stand jetzt vor ihm, angezogen, aber immer noch barfuß. Sie spürte eine Welle der Zuneigung für diesen Mann, der so pragmatisch und gleichzeitig so offen war, der ihren wildesten Phantasien angehört und keine Sekunde gezögert hatte, sie ernst zu nehmen.
„Abgemacht“, sagte sie und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Wange zu küssen – ein vertrauter, fast geschwisterlicher Kuss, der seltsam perfekt zu dieser neuen Nähe passte. „Wir reden. Vorher, nachher und notfalls zwischendurch. Und jetzt pack endlich die Sachen zusammen, ich will noch vor Einbruch der Dunkelheit in der Pension sein und eine heiße Dusche nehmen. Nach dieser Lichtung brauche ich dringend Zivilisation – und Seife.“
Anton grinste und begann, die Überreste ihres Picknicks in die Kühltasche zurückzustopfen. Der Fahrradanhänger stand immer noch da, wo er ihn abgestellt hatte, geduldig wartend, als wäre nichts geschehen. In ihm lagen die Wanderschuhe und die Karten und das kleine Notizbuch, in das Livia ihre Reisenotizen kritzelte. Sie würde heute Abend viel zu schreiben haben, auch wenn die interessantesten Passagen wohl nie für den Druck bestimmt sein würden.
Die Sonne stand jetzt tiefer, tauchte die Lichtung in goldenes Nachmittagslicht, und als sie aufbrachen und Anton den Anhänger wieder ans Bike koppelte, blickte Livia noch einmal zurück. Der Bach glitzerte, das Gras war plattgedrückt, wo sie gelegen hatten, und etwas weiter oben am Hang wiegte sich eine Buche im kaum merklichen Wind, als würde sie leise Beifall klatschen.
„Weißt du was?“, sagte Livia, während sie sich auf den Rücksitz des Anhängers fallen ließ und die Sonnenbrille aufsetzte. „Ich glaube, diese Tour war die beste Idee, die ich seit langem hatte.“ „Sagte sie und saß wieder im Anhänger, statt selbst zu strampeln“, bemerkte Anton, während er aufsattelte. „Jemand muss ja die Aussicht genießen. Und die Inspiration.“ „Für den Artikel?“ „Unter anderem.“ Livia lehnte sich zurück und schloss die Augen, spürte, wie der Anhänger sich in Bewegung setzte und die ersten Meter über den Waldweg holperte. In ihrer Tasche summte ihr Handy – eine Nachricht von Nadja, die fragte, wie die Tour laufe und ob sie am nächsten Wochenende Zeit für einen Kaffee hätte.
Livia tippte nur drei Worte in die Antwort, bevor sie das Handy wieder wegsteckte und lächelnd den Fahrtwind auf ihrer sonnengewärmten Haut genoss: Lange Geschichte. Ja.
– ENDE –
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