Verbotene Nähe zwischen Frauen
Die Straßenlaternen warfen schräge Rechtecke aus fahlem Licht durch die hohen Fenster. Irgendwo hinter den Häuserschluchten der Stadt verschwand die letzte Röte des Sonnenuntergangs, und im Tanzstudio in der dritten Etage brannte nur noch eine einzelne Reihe gedimmter Halogenspots. Yara hatte die Schuhe in der Hand, als sie die Tür aufdrückte. Sie war extra zehn Minuten zu früh, weil sie den Gedanken nicht ertrug, in einen bereits vollen Raum zu platzen und unter den Blicken der anderen Kursteilnehmer einen Platz suchen zu müssen. Doch der Saal war leer.
Nicht ganz leer.
Am Fenster stand eine Frau und blickte hinunter auf die Straße. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, das Gewicht auf ein Bein verlagert, und selbst von hinten, selbst in dieser beiläufigen Haltung, strahlte sie etwas aus, das Yara den Atem stocken ließ. Vielleicht war es der Schwung der Wirbelsäule unter dem dünnen Stoff des Tanzoberteils. Vielleicht die Art, wie die Finger der linken Hand leicht auf dem rechten Oberarm ruhten, als hielte sie sich selbst fest.
Yara blieb an der Tür stehen, die Schnürsenkel ihrer Tanzschuhe zwischen den Fingern. Sie überlegte, ob sie sich räuspern sollte, aber in diesem Moment drehte sich die Frau um, als hätte sie die Anwesenheit einer anderen Person nicht gehört, sondern gerochen oder geschmeckt.
„Du bist die Neue“, sagte sie. Keine Frage. Ihre Stimme war tiefer, als Yara erwartet hatte, ein dunkles, warmes Register, das irgendwo unterhalb ihres Brustbeins zu schwingen schien.
„Yara.“ Sie wusste nicht, warum sie lächelte. Es passierte einfach.
„Mira.“ Die Frau trat vom Fenster weg. Sie trug ein weinrotes Oberteil, das an den Schultern von einem feinen Schweißfilm glänzte, und darunter eine schwarze Leggings, die sich wie eine zweite Haut um ihre Oberschenkel schmiegte. Ihr Haar war hochgesteckt, aber ein paar widerspenstige Strähnen hatten sich gelöst und klebten an ihrem Hals. Sie musste schon vorher trainiert haben. Der Gedanke, dass dieser Körper sich bereits eine Stunde lang durch den Raum bewegt hatte, bevor Yara überhaupt angekommen war, erzeugte ein merkwürdiges Ziehen in ihrem Bauch.
„Der Kurs fängt erst in zehn Minuten an“, sagte Mira und griff nach einer Wasserflasche, die auf dem Fensterbrett stand. Ihre Kehle bewegte sich beim Trinken. Yara sah zu, wie sich die Haut über den Sehnen spannte und wieder entspannte.
„Ich weiß. Ich gehe ungern auf den letzten Drücker irgendwohin.“
Mira setzte die Flasche ab und musterte sie. Es war kein unangenehmer Blick, nichts Taxierendes oder Abschätziges, sondern etwas anderes – etwas, das Yara nicht sofort benennen konnte. Später, viel später, würde sie es als eine Art Wiedererkennen beschreiben. Als hätten ihre Körper sich schon gekannt, lange bevor ihre Namen in diesen leeren Ballsaal getreten waren.
Die ersten anderen Kursteilnehmer trafen ein. Ein Paar mittleren Alters, das sich schon an der Tür stritt, ob sie die Grundschritte vom letzten Mal vergessen hätten. Eine junge Frau mit Pferdeschwanz, die sofort ihr Handy zückte und in den Spiegel filmte. Zwei Männer, die demonstrativ ihre Hüften kreisen ließen und sich gegenseitig anfeuerten. Der Raum füllte sich mit Stimmen und Schritten und dem Quietschen von Tanzschuhen auf Parkett.
Der Kursleiter, ein drahtiger Mann mit grauen Schläfen und der unnachahmlichen Eleganz eines ehemaligen Profitänzers, klatschte in die Hände. Yara stellte sich irgendwo in die zweite Reihe. Aber Mira war plötzlich neben ihr, so nah, dass Yara das Waschmittel in ihrer Kleidung riechen konnte – etwas Zitroniges, Frisches, darunter ein Hauch von Moschus, der nur von Mira selbst stammen konnte.
„Bachata“, sagte der Kursleiter. „Wir fangen an mit dem Grundschritt. Eins, zwei, drei, tipp. Seitwärts. Und wer noch keinen Partner hat – bitte zusammenfinden. Oder wir wechseln durch, je nachdem.“
Yara sah sich um. Die Paare hatten sich bereits gefunden. Der Pferdeschwanz hatte einen der beiden Männer am Ärmel gepackt. Niemand schien übrig zu sein, niemand außer –
„Na dann“, sagte Mira und streckte ihre Hand aus. Ihre Finger waren lang, die Nägel kurz und unlackiert. „Tanzt du mit mir?“
Yara nahm die Hand. Miras Haut war warm und trocken und ein wenig rau an den Fingerkuppen. Als ihre Handflächen sich berührten, spürte Yara zum ersten Mal in ihrem Leben, was es bedeutete, wenn jemand sagte, zwei Körper würden miteinander sprechen. Es war kein Gedanke, kein bewusster Impuls. Es war einfach ein Wissen, das durch die Poren in ihren Blutkreislauf sickerte: Das hier ist anders. Das hier wird anders sein.
Ihre Finger lagen auf meinem Rücken und ich spürte jeden einzelnen, als wären es fünf glühende Punkte.
Der Grundschritt der Bachata ist eine einfache Sache, wenn man ihn erklärt bekommt. Seitwärts, zusammen, seitwärts, tipp. Die Hüften schwingen in einer Achterbewegung, die Schultern bleiben ruhig, die Knie sind weich. Aber zwischen der Theorie und dem Moment, in dem man plötzlich in den Armen einer Frau steht, die einen mit diesem undurchdringlichen, wissenden Blick ansieht, liegt ein ganzer Ozean.
Miras Hand legte sich auf Yaras Schulterblatt. Nicht zögerlich, nicht fordernd, sondern so selbstverständlich, als hätte sie das schon tausendmal getan und würde es noch viele Male tun. Ihre Finger spreizten sich leicht, der Daumen fand die Kuhle zwischen Yaras Schultermuskeln, und durch den dünnen Stoff über ihrem Top fühlte es sich an, als würde ein Stromkreis geschlossen.
„Du bist verkrampft“, sagte Mira leise. Der Kursleiter zählte irgendwo im Hintergrund die Schritte, aber seine Stimme war nur noch ein ferner Rhythmus, eine gedämpfte Trommel hinter dem Rauschen in Yaras Ohren.
„Ich bin nicht verkrampft.“
„Deine Schultern sagen was anderes.“ Miras Daumen drückte leicht zu und erzeugte eine winzige Massagebewegung, die kaum mehr als ein Gedanke war. Yara spürte, wie der Muskel unter der Berührung nachgab, und mit ihm etwas anderes, Tieferes, das sie nicht benennen konnte und auch nicht benennen wollte.
Sie begannen zu tanzen. Schritt, Schritt, Schritt, tipp. Yara konzentrierte sich auf ihre Füße, versuchte, nicht über ihre eigenen Zehen zu stolpern, aber Mira führte sie mit einer Leichtigkeit, die fast etwas Beleidigendes hatte. Sie war so sicher in ihren Bewegungen, so präzise und doch weich, dass Yara sich einfach fallen lassen konnte und wusste, sie würde aufgefangen werden.
Beim nächsten Durchlauf kam die Drehung. Mira hob den Arm, und Yara drehte sich unter ihrer Hand hindurch, einmal, zweimal, und als sie wieder zum Stehen kam, waren sie sich näher als zuvor. Yara konnte die winzigen Fältchen in Miras Augenwinkeln sehen, die feinen Linien um ihren Mund, die Andeutung einer Narbe an ihrem Kinn. Ein gelebtes Gesicht, dachte Yara. Ein Gesicht, das Geschichten erzählte, wenn man lange genug hinsah.
„Du lernst schnell“, sagte Mira. Ihr Atem roch nach Pfefferminz und etwas anderem, etwas Dunklerem, das Yara an Whiskey denken ließ, obwohl sie wusste, dass das nicht sein konnte.
„Vielleicht liegt es an der Lehrerin.“
Mira lachte. Es war ein kurzes, brüchiges Lachen, das nicht ganz zu ihrer souveränen Erscheinung passte, und genau dieses Unperfekte ließ Yaras Herz schneller schlagen. Da war etwas unter der Oberfläche, ein Sprung in der Fassade, und Yara wollte ihre Finger in diesen Spalt legen und nachfühlen, was darunter lag.
Der Kursleiter wechselte die Musik. Ein langsameres Stück, eine melancholische Gitarre, eine Frauenstimme, die etwas auf Spanisch sang, das Yara nicht verstand, aber irgendwo in ihrer Brust wusste ihr Körper jede Silbe. Miras Hand wanderte tiefer auf Yaras Rücken, hinunter zur Taille, und sie fragte sich, ob das noch Teil des Tanzes war oder ob sie längst aufgehört hatten, Bachata zu tanzen, und etwas Eigenes begonnen hatten.
Schritt, Schritt, Schritt, tipp. Yaras Hüfte berührte Mira. Nur eine Sekunde lang, nur einen Atemzug, aber es war genug. Der Druck von Miras Beckenknochen gegen ihren Oberschenkel. Die Wärme, die durch beide Stoffschichten drang. Und dann, unmissverständlich, der leichte Gegendruck, mit dem Mira die Berührung erwiderte, ehe sie sich wieder löste.
Um sie herum tanzten die anderen Paare, lachten, stolperten, korrigierten sich. Der Pferdeschwanz war inzwischen bei dem anderen Mann gelandet, während der Kursleiter durch die Reihen ging, um hier eine Schulter zurechtzuschieben und dort ein Kinn zu heben. Niemand sah zu ihnen hin. Niemand bemerkte, dass Yaras Atem sich verändert hatte, flacher geworden war, schneller, und dass ihre Hand auf Miras Schulter nicht mehr nur lag, sondern sich festhielt.
„Alles okay?“, fragte Mira.
Yara nickte. Sie konnte nicht sprechen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, aber nicht vor Angst. Es war etwas anderes – ein Gefühl, das sie seit Jahren nicht mehr empfunden hatte, vielleicht noch nie so intensiv. Die Art von Erregung, die nicht zwischen den Beinen beginnt, sondern irgendwo hinter dem Brustbein, und dann langsam, unaufhaltsam nach unten wandert wie warmer Honig.
Mira sah sie an. Ihre Augen waren braun, aber nicht einfach nur braun – sie hatten grüne Sprenkel und goldene Punkte, und jetzt, im gedimmten Licht des Saals, wirkten sie fast schwarz. Sie blickte Yara an mit einer Intensität, die nichts forderte und trotzdem alles verlangte. Und dann, ohne den Blickkontakt zu lösen, zog sie Yara ein winziges Stück näher zu sich heran.
Näher, als der Tanz es vorgab. Näher, als man es unter Fremden tun sollte. So nah, dass Yara Miras Herzschlag spüren konnte, ein dumpfes, gleichmäßiges Pochen, das durch beide Brustkörbe dröhnte wie ein zweiter, heimlicher Rhythmus unter der Musik.
Schweißperlen auf dem Dekolleté und das Zittern in den Knien, das nichts mit Anstrengung zu tun hatte

Der Kurs zog sich hin. Oder vielleicht verging die Zeit auch nur anders, gedehnt und verdichtet zugleich, wie Sirup, der vom Löffel tropft. Yara wusste es nicht. Sie wusste nur, dass das Stück zu Ende war und ein neues begann und dass Miras Körper unter ihren Händen immer vertrauter wurde, ohne ein wenig von seiner Fremdheit zu verlieren.
Die nächste Übung war der sogenannte „Körperwellen“-Abschnitt. Der Kursleiter stellte sich vor den Spiegel und demonstrierte, wie die Bewegung von den Knien ausging, durch die Hüften wanderte, den Bauch erfasste und schließlich die Brust erreichte. Eine fließende, wellenartige Bewegung, die Yara an Seegras erinnerte, das sich in einer Strömung wiegt.
„Jetzt mit Partner“, sagte der Kursleiter. „Gegenüberstellen. Die Bewegungen spiegeln, ohne Berührung. Nur schauen und fühlen. Die Energie eures Gegenübers aufnehmen und zurückgeben.“
Mira stellte sich vor Yara hin. Sie waren etwa eine Armlänge voneinander entfernt, und doch fühlte es sich an, als stünden sie nackt voreinander. Yara hob die Arme, begann, die Welle durch ihren Körper zu schicken, und Mira tat es ihr gleich. Aber wo Yaras Gesten noch etwas Eckiges hatten, etwas Zögerndes, waren Miras Bewegungen fließend und geschmeidig, eine einzige, ununterbrochene Welle, die von den Knien aufwärts wanderte und ihren ganzen Körper erfasste.
Yara konnte nicht anders, als hinzusehen. Der Schweiß glänzte auf Miras Stirn und in der Mulde zwischen ihren Schlüsselbeinen. Ein einzelner Tropfen löste sich, lief langsam hinab, verschwand im Ausschnitt ihres Oberteils. Yara folgte ihm mit den Augen, und als sie den Blick hob, sah sie, dass Mira sie beobachtete. Nicht die Welle, die durch Yaras Körper lief, sondern Yara selbst. Ihr Gesicht. Ihre Augen.
Die Musik wurde schneller. Congas und ein treibender Bass, der direkt in den Solarplexus fuhr und dort vibrierte wie ein zweiter Herzschlag. Der Kursleiter rief Kommandos, die Yara nicht mehr verstand. Sie war ganz bei Mira, ganz bei den paar Zentimetern Luft zwischen ihnen, die sich mit jeder Bewegung aufzuladen schien wie die Luft vor einem Sommergewitter.
„Jetzt die Körperwelle mit Handkontakt“, sagte der Kursleiter irgendwo im Off. „Legt eine Hand auf die Schulter eures Partners, die andere auf die Hüfte. Spürt die Bewegung durch seine Hand, nicht nur mit den Augen. Los geht’s: von unten nach oben, langsam aufbauend, genau –“
Mira trat näher. Keine Armlänge mehr, sondern nur noch eine Handbreit. Ihre Finger legten sich auf Yaras Schulter, exakt dieselbe Stelle wie zu Beginn des Abends, aber diesmal mit einem anderen Gewicht. Und ihre andere Hand, ihre rechte, legte sich auf Yaras Hüftknochen. Nicht auf die Taille. Auf den Knochen selbst, dort, wo die Haut dünn ist und die Nervenenden dicht unter der Oberfläche liegen.
Yara zuckte nicht. Sie erstarrte auch nicht. Sie tat etwas anderes, etwas, das sie sich nie zugetraut hätte: Sie ließ es zu. Sie öffnete die Tore, die sie normalerweise geschlossen hielt, und ließ die Berührung in sich hineinströmen wie warmes Wasser, das durch einen trockenen Flusslauf flutet.
Miras Daumen bewegte sich. Eine winzige Kreisbewegung auf dem Beckenkamm, nicht größer als eine Münze, aber es fühlte sich an, als würde jemand ein Streichholz an Yaras Wirbelsäule entlangreiben. Das Knistern war fast hörbar. Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf, und ihre Brustwarzen zogen sich unter dem dünnen Stoff ihres Tops zusammen. Zwischen ihren Beinen begann ein dumpfer, rhythmischer Puls, der exakt mit der Bassdrum der Musik synchron lief.
Sie tanzten. Die Körperwelle ging durch Yara, von den Knien aufwärts. Mira spürte jede Phase, jeden Impuls, weil ihre Hand auf Yaras Hüfte lag und die zweite auf ihrer Schulter. Außerdem führte sie selbst die gleiche Bewegung aus und ihre Körper wurden plötzlich wie zwei Instrumente, die denselben Ton spielten. Dadurch erzeugten sie eine Resonanz, die lauter war als beide einzeln.
Yaras Finger fanden Miras Taille. Der Stoff war feucht vom Schweiß, und darunter konnte Yara die Rippenbögen spüren, die sich mit jedem Atemzug weiteten und senkten. Sie ließ ihre Hand ein Stück nach hinten wandern, zum Rücken, zu der Stelle, wo sich die Wirbelsäule leicht nach innen wölbt. Dort blieb sie liegen, ihre Handfläche flach auf Miras Haut, die jetzt, durch den Stoff, eine feuchte Wärme abstrahlte, die ganz und gar berauschend war.
Mira schloss die Augen. Nur für einen Moment, nur für die Dauer eines Schrittes, aber es war genug. In diesem kurzen, schwerelosen Augenblick, in dem ihre Lider fielen und ihre Lippen sich leicht öffneten, sah Yara alles, was sie wissen musste. Das war kein Tanz mehr. Das war etwas anderes. Und sie waren beide darin verfangen, rettungslos, und keine von ihnen wollte gerettet werden.
Die Musik endete. Der Kursleiter klatschte in die Hände und kündigte eine kurze Pause an, und um sie herum lösten sich die Paare, suchten Wasserflaschen und Handtücher, lachten und redeten. Aber Yara und Mira standen noch immer, einander zugewandt, die Hände noch immer auf den Körpern der anderen, als hätte jemand vergessen, sie aus dieser innigen Nähe zu entlassen. Der Schweiß trocknete auf Yaras Stirn, und sie spürte Miras Atem auf ihrem Gesicht; das Zittern in ihren Knien hatte längst nichts mehr mit Anstrengung zu tun.
Im Spiegel sah ich, wie ihre Hand unter den Bund meiner Leggings glitt und die Welt sich auflöste.
Mira bewegte sich zuerst. Sie zog ihre Hand nicht zurück, sondern ließ sie von Yaras Hüfte zu deren Handgelenk gleiten, eine fließende Bewegung, die keine Unterbrechung duldete. Ihre Finger schlossen sich um Yaras Puls, und für einen Moment dachte Yara, Mira würde einfach ihren Herzschlag messen. Vielleicht tat sie das auch. Vielleicht waren es genau diese schnellen, flatternden Schläge, die ihr sagten, was sie wissen musste.
„Komm mit“, sagte Mira, und es war keine Frage.
Sie zog Yara aus dem Saal. Nicht zur Tür hinaus, sondern in die Ecke hinter dem letzten Pfeiler. Dort bildeten die Spiegelpaneele an der Wand einen toten Winkel und die gedimmten Spots reichten nicht mehr hin. Der Ballsaal war seltsam still geworden, obwohl die anderen noch da waren, irgendwo, hinter ihnen, vor ihnen. Aber ihre Stimmen waren nur noch ein fernes Murmeln, das vom Parkett und den hohen Decken geschluckt wurde.
Mira lehnte mit dem Rücken an einem der Spiegel, und Yara stand vor ihr, so nah, dass Miras Knie zwischen ihren Beinen waren. Miras Hand lag noch immer um ihr Handgelenk, der Daumen auf der Innenseite, genau über der Vene, und sie drückte leicht zu, nur für eine Sekunde, und Yara spürte, wie der Druck von dieser kleinen Stelle aus ihren ganzen Körper erfasste, eine Welle, die von innen kam und alles mitriss, was sich ihr in den Weg stellte.
„Ich habe die Absicht, dich zu küssen“, sagte Mira. Ihre Stimme war leise, aber nicht flüsternd. Sie klang, als hätte sie diesen Satz schon hundertmal im Kopf gesagt und spräche ihn jetzt zum ersten Mal laut aus.
„Dann tu es“, sagte Yara.
Miras Lippen waren weicher, als Yara erwartet hatte. Sie hatten nichts Forderndes, nichts Hartes, sondern legten sich auf Yaras Mund wie ein Versprechen, das noch nicht ausformuliert war. Yara schmeckte Salz von Miras Oberlippe und darunter die Süße vom Energy-Drink, den Mira in der Pause getrunken hatte, und noch tiefer, unter allem, den ursprünglichen, erdigen Geschmack einer anderen Frau, den sie nicht beschreiben konnte und nie würde erklären können, weil Worte dafür nicht gemacht waren.
Der Kuss wurde tiefer. Miras Zunge fuhr an Yaras Unterlippe entlang, und diese öffnete den Mund und ließ sie hinein, und plötzlich war da nichts als Hitze und Nässe und der sanfte, rhythmische Druck, mit dem ihre Zungen sich umeinander wanden. Miras freie Hand legte sich in Yaras Nacken, die Finger gruben sich in die feuchten Haarwurzeln, und Yara stieß ein Geräusch in Miras Mund aus, das sie selbst überraschte, ein dunkles, kehliges Stöhnen, das sie sich nicht zugetraut hätte.
„Leise“, murmelte Mira gegen ihre Lippen, aber sie lächelte dabei, und Yara spürte dieses Lächeln mehr, als dass sie es sah, ein Zucken der Lippenwinkel, das sich direkt in ihre Brust übertrug.
Miras Hand löste sich von Yaras Puls und wanderte hinab, über den Unterarm, die Ellenbeuge, den Oberarm. Ihre Finger waren leicht, kaum mehr als ein Hauch, aber sie hinterließen eine brennende Spur auf Yaras Haut, als wäre jeder Berührungspunkt ein glühender Docht. An der Schulter angekommen, zögerte sie. Nicht aus Unsicherheit, sondern so, wie jemand vor dem ersten Bissen einer köstlichen Speise zögert, um die Vorfreude auszukosten.
Dann wanderte ihre Hand weiter. Hinab über das Schlüsselbein, die flache Ebene des Brustbeins, und dann, langsam, unendlich schleppend, umschloss sie Yaras Brust. Der Stoff des Tops war dünn und feucht, und Miras Handfläche war warm, und als ihr Daumen über Yaras Brustwarze strich, fuhr ein Blitz durch ihren Körper, der alles auslöschte, was nicht zu diesem Moment gehörte.
Yara küsste Miras Hals. Die Haut unter ihren Lippen war salzig, und sie konnte den Puls spüren, der hart und schnell unter der dünnen Haut am Kehlkopf schlug. Sie ließ ihre Zunge darüber gleiten, folgte dem Verlauf einer Sehne bis zum Ohrläppchen, nahm es zwischen die Lippen und sog leicht daran. Mira stöhnte auf, ein erstickter Laut, halb gedämpft von ihrer eigenen Hand, die sie sich vor den Mund presste.
„Mehr“, hauchte Yara, und es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie dieses Wort zu einem anderen Menschen sagte.
Miras Hand wanderte tiefer. Über die Wölbung von Yaras Bauch, die sich unter der Berührung zusammenzog, kam eine Welle von Muskelkontraktionen, die direkt aus Yaras Körpermitte stammte. Die Finger fuhren unter den Bund der Leggings, strichen über das warme Fleisch des Unterbauchs. Yara spürte, wie alles in ihr sich zusammenzog und sich auf diesen einen Punkt konzentrierte. Es war die pochende Leere zwischen ihren Beinen, die so dringend gefüllt werden wollte.
„Sieh in den Spiegel“, flüsterte Mira.
Yara hob den Kopf und blickte über ihre Schulter. Die Spiegelwand lag im Halbdunkel, aber sie sah sich selbst, ihren eigenen Körper, der sich an Miras Körper presste, und sie sah deren Hand, die unter dem Bund ihrer Leggings verschwunden war. Es war ein Bild, das sie nie vergessen würde. Die Konturen ihrer verschlungenen Leiber, die nassen Flecken auf ihrer Kleidung, ihre aufgeplatzten Lippen und weit geöffneten Augen waren deutlich zu sehen. Und dazwischen war diese Hand, die sich weiter, tiefer hineinschob, die Finger spitz zulaufend, bis die Knöchel am Bund anlagen und die Handfläche flach auf ihrem Venushügel ruhte.
Mirass Mittelfinger fand sie sofort. Kein Suchen, kein Tasten. Sie wusste einfach, wohin sie greifen musste, als hätte sie Yaras Körper schon ihr ganzes Leben lang gekannt. Und als ihre Fingerkuppe in die feuchte, heiße Enge zwischen Yaras Schamlippen glitt, stieß Yara einen Laut aus, den sie noch nie in ihrem Leben von sich gegeben hatte. Ein tiefes, raues Aufstöhnen, das aus ihrem Bauch kam und ihren ganzen Brustkorb vibrieren ließ.
Mira begann, ihre Finger zu bewegen. Langsame, gleitende Kreise auf der empfindlichsten Stelle von Yaras Körper. Mit jeder Kreisbewegung schob sie die Vorhaut ein kleines Stück zurück und legte den schwellenden Punkt darunter frei. Dann umkreiste sie ihn, ohne ihn direkt zu berühren. Yara presste ihre Stirn an die kühle Glasfläche des Spiegels und sah zu, wie Miras Hand unter dem Stoff arbeitete, die Sehnen auf dem Handrücken sich mit jeder Bewegung strafften und entspannten.
„Ja“, keuchte Yara. „Genau da. Hör nicht auf. Bitte, hör nicht auf.“
Mira hörte nicht auf. Sie erhöhte den Druck, ihre Kreise wurden enger, und jetzt berührte sie direkt, was Yara am meisten brauchte, und die Welt um sie herum begann sich aufzulösen. Die fernen Stimmen der anderen Kursteilnehmer, die Musik aus dem Lautsprecher, die kalte Fläche des Spiegels an ihrer Stirn – alles wurde unwichtig, alles verschwand hinter dem weißen Rauschen, das in Yaras Ohren aufstieg. Miras Finger trieben sie höher und höher, auf eine Welle zu, die sich am Horizont zusammenbraute, gewaltig und unausweichlich wie eine Flut.
Yaras Finger krallten sich in Miras Oberarm. Ihre Fingernägel gruben sich in den feuchten Stoff. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht laut aufzuschreien, während die Welle sie erfasste und durch ihren Körper rollte. Es war eine Explosion von Wärme und Licht und unendlicher, alles verschlingender Lust, die in ihrem Unterleib begann und sich ausbreitete, in ihre Beine, ihre Brust, ihre Fingerspitzen, bis sie nichts mehr war als ein einziges, pulsierendes Bündel aus Empfindung.
Sie kam zitternd zum Stehen, die Stirn noch immer am Spiegel, der Atem flach und schnell. Mirass Hand ruhte noch in ihrer Leggings, die Finger nass und warm an ihrem Körper, und Yara dachte, dass sie nie wieder an Tanzkurs, nie wieder an Bachata, nie wieder an irgendetwas in ihrem Leben würde denken können, ohne an diesen Moment zu denken.
Die Straßenlaternen zeichneten helle Rechtecke auf unsere nackten Schultern, als wir endlich Worte fanden
Die Musik setzte wieder ein. Irgendwo hinter dem Pfeiler begann der Kursleiter mit dem Cool-down, einer langsamen Rumba, und die Stimmen der anderen Tänzer schwollen an und ebbten ab wie Wellen an einem fernen Strand. Aber Yara und Mira standen noch immer in ihrer Ecke, zwei Frauen, die sich eben erst gefunden hatten und sich doch vorkamen wie zwei Hälften einer lang vergessenen Gleichung.
Mira zog ihre Hand vorsichtig aus Yaras Leggings zurück. Sie bewegte sich dabei so behutsam, als würde sie ein schlafendes Kind zudecken oder eine kostbare Vase an ihren Platz stellen. Yara spürte jeden Millimeter, den Miras Finger auf ihrer feuchten Haut zurücklegten, jede zarte Reibung, die jetzt, nach dem Höhepunkt, fast zu intensiv war, fast schmerzhaft, dabei vollkommen, absolut richtig.
„Alles okay?“, fragte Mira.
Yara lachte. Es war ein feuchtes, halbersticktes Lachen, das tief aus ihrer Brust kam. Sie wusste selbst nicht, ob sie lachte, weil die Frage so absurd war oder weil sie noch nie so okay gewesen war wie in diesem Moment.
„Ja“, sagte sie. „Alles okay. Alles mehr als okay.“
Sie löste sich vom Spiegel, drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken gegen das kühle Glas und zog Mira zu sich heran. Jetzt waren sie auf Augenhöhe, ihre Körper dicht beieinander. Yara konnte jede Einzelheit von Miras Gesicht sehen: die feuchten Wimpern, die leicht verschwollenen Lippen, das wilde, fast erschrockene Glitzern in ihren Augen.
„Du weißt nicht, wie lange ich das schon wollte“, sagte Mira. Ihre Stimme war heiser, brüchig an den Rändern. „Nicht das – nicht nur das. Sondern das mit dir. Das mit uns. Ich wusste es in dem Moment, als du durch die Tür gekommen bist. Ich wusste, dass du es bist. Ich kann es nicht erklären, es ist –
„Ich weiß“, sagte Yara. Und sie wusste es wirklich. Es gab keine rationalen Erklärungen für das, was zwischen ihnen passiert war, für diese lawinenartige Beschleunigung, mit der sie von zwei Fremden im Tanzsaal zu zwei Frauen geworden waren, die sich im Schutz eines Spiegels gefunden und verloren und wiedergefunden hatten. Aber sie brauchte auch keine Erklärungen. Ihr Körper wusste alles, was sie wissen musste, und ihr Herz, das noch immer hart und schnell gegen ihre Rippen schlug, wusste es auch.
Mira hob die Hand und strich eine lose Strähne aus Yaras Gesicht. Die Geste war zärtlich, fast mütterlich, und stand in solch krassem Gegensatz zu dem, was ihre Hand eben noch getan hatte, dass Yara beinahe wieder gelacht hätte. Aber stattdessen schloss sie die Augen und ließ die Berührung zu. Sie genoss diesen einfachen, unendlich intimen Moment, in dem Miras Fingerkuppe über ihre Schläfe, ihre Wange, ihren Kieferknochen fuhr, als wollte sie sich Yaras Gesicht einprägen wie eine Blinde.
„Ich will dich wiedersehen“, sagte Mira. „Nicht nur im Tanzkurs. Ich will – ich will dich kennenlernen. Wirklich kennenlernen. Deine Wohnung, deine Bücher, deine morgendlichen Kaffeegewohnheiten. Alles, was ich noch nicht über dich weiß, und das ist im Moment fast alles, und ich will es wissen. Jedes verdammte Detail.“
„Die morgendlichen Kaffeegewohnheiten sind nicht besonders aufregend. Milch, kein Zucker, und ich trinke aus derselben Tasse seit sieben Jahren, weil sie perfekt in meiner Hand liegt, und sie hat einen Sprung, aber ich weigere mich, sie wegzuwerfen, weil –“
Mira küsste sie. Nicht fordernd, sondern sanft, fast andächtig, und ihre Lippen nahmen Yara die Worte vom Mund, stillten den Redefluss, den sie immer dann anwarf, wenn sie nervös wurde. Und dann löste sie sich wieder, und ihre Augen waren so nah, dass Yara jeden einzelnen grünen Sprenkel sehen konnte, und sie sagte: „Siehst du? Genau das meine ich. Ich will wissen, warum du diese Tasse nicht wegwirfst. Ich will alles wissen.“
Draußen vor den hohen Fenstern war der Himmel endgültig schwarz geworden. Die Straßenlaternen zeichneten helle Rechtecke auf den Parkettboden und auf die Spiegelwand hinter ihnen. In diesem seltsamen Zwielicht, das zur Hälfte aus Kunstlicht und zur Hälfte aus Nacht bestand, sahen sie beide aus wie Wesen aus einer anderen Welt. Ihre nackten Schultern, die Hälse, die sich einander zuneigten – Yara sah sie im Spiegel und dachte, dass sie noch nie ein schöneres Bild gesehen hatte. Zwei Frauen, die eine die Spiegelung der anderen, und doch jede ganz sie selbst.
Der Kurs würde gleich enden. Die anderen würden ihre Taschen packen und nach Hause gehen, allein oder zu zweit, zufrieden oder enttäuscht vom Abend. Aber für Yara und Mira begann etwas anderes, etwas, das nicht mit dem Verlassen des Tanzstudios enden würde. Sie spürte es in dem leisen, hartnäckigen Pochen unter ihrer Haut, dem Nachbeben der Lust, das noch nicht ganz abgeklungen war. Es war auch in der Art zu spüren, wie Miras Daumen auf ihrem Handgelenk ruhte, den Pulsschlag fühlend. Es sah so aus, als wollte sie sichergehen, dass beides echt war – Yaras Herz und der Moment und sie selbst.
„Also“, sagte Yara und schob sich von der Spiegelwand weg, griff nach Miras Hand und verschränkte ihre Finger mit den ihren, „wollen wir irgendwo einen Kaffee trinken? Ich kenne einen Ort, der um diese Zeit noch offen hat. Er hat nichts Besonderes – Neonlicht und Plastikstühle –, aber er ist nahe an meiner Wohnung. Und meine Kaffeetasse hat einen Sprung, wie gesagt, aber für zwei Tassen reicht es noch.“
Mira lächelte. Es war ein anderes Lächeln als zu Beginn des Abends, offener, ungeschützter, und es erreichte ihre Augen und ließ die kleinen Fältchen in ihren Winkeln tanzen. „Das klingt perfekt“, sagte sie. „Bring mich hin.“ Und in diesen drei Wörtern lag alles, was sie einander noch nicht gesagt hatten, alles, was sie noch sagen würden, und das Versprechen, dass dieser Abend nur der Anfang war.
Sie gingen durch den leeren Ballsaal zur Tür, vorbei an den Spiegeln, die ihre Spiegelbilder warfen. Es waren zwei Frauen, Hand in Hand, die Schuhe in der anderen Hand, mit zerzausten Haaren und feuchten Tanzoberteilen und einem Leuchten auf den Gesichtern, das von innen kam und mit den Straßenlaternen draußen nichts zu tun hatte. Der Geruch von Bodenwachs und Schweiß lag in der Luft. Und darunter, zart und unvergesslich, lag der Geruch ihrer beider Haut, vermischt zu einem einzigen Duft, der neu war und doch so vertraut wie die eigene Erinnerung.
Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss. Im Treppenhaus war es still, nur ihre Schritte hallten auf den Stufen, und Yara dachte, dass sie noch nie in ihrem Leben so leicht gegangen war.
– ENDE –
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