Lesbische Verführung
Der Gewölbekeller atmete Geschichte. Jahrhundertealtes Mauerwerk, feucht und kühl, das die Abendluft mit einer Würze durchzog, die nach Erde, nach vergorenem Korn, nach geduldiger Zeit schmeckte. Die schweren Eichenbalken über ihnen warfen lange Schatten im Kerzenschein. Zwölf Leute hatten sich zu dieser privaten Verkostung angemeldet, doch es war die Stille zwischen den Worten, die Julia vom ersten Moment an spürte. Nicht die Stille des Raumes – die war erfüllt von leisen Stimmen, dem Klirren schwerer Gläser, dem tropfenden Echo eines undichten Hahns irgendwo in der Dunkelheit. Sondern die Stille, die zwischen zwei Menschen entstehen kann. Geladen. Erwartungsvoll.
Anna saß ihr schräg gegenüber. Drei Plätze entfernt. Und doch so nah, dass Julia jede ihrer Bewegungen wahrnahm. Wie sie das Glas zum Mund führte. Wie ihre Lippen das bernsteinfarbene Whiskygold kaum berührten, bevor sie es zuließ. Wie sich ihr Kehlkopf senkte und hob. Wie sich ein einzelner Tropfen von ihrem Mundwinkel löste und sie ihn mit der Fingerspitze auffing – beiläufig, ohne Hast, als wäre es die selbstverständlichste Geste der Welt.
Julia vergaß zu atmen.
Der Gastgeber dozierte über Torfrauch und Sherryfässer. Der Gastgeber dozierte über Oloroso, der vierzehn Jahre alt ist, über die Tatsache, dass er nicht kühlgefiltert ist, über seine 46,3 Volumenprozent und über die Seele der schottischen Highlands. Julia hörte nicht zu. Sie hörte nur Annas Atem. Sah nur, wie die Kerzenflamme sich in Annas Pupillen spiegelte, winzige goldene Punkte in dunklem Grau. Irgendwann bemerkte sie, dass sie ihr eigenes Glas seit Minuten unberührt in der Hand hielt. Der Whisky war längst warm geworden. Sie setzte es ab, ohne zu trinken.
„Du magst keinen Rauch.“ Es war keine Frage. Anna sah sie an, direkt, ohne das übliche Vorbeischauen, das Fremde sich schenken.
„Woher weißt du das?“
„Weil du das Glas hältst wie einen Talisman. Nicht wie etwas, das du trinken willst.“
Julia lachte leise, überrascht von soviel Treffsicherheit. „Ich mag Rauch. Nur nicht im ersten Schluck. Ich brauche Zeit, bis ich mich drauf einlasse.“
„Zeit“, wiederholte Anna, und das Wort bekam in ihrem Mund etwas Schweres, etwas, das sich ausbreitete wie der Torfgeschmack, über den sie sprachen. „Zeit ist das Einzige, wovon ich heute Abend zu viel habe. Und zu wenig.“
Der Gastgeber bat um Aufmerksamkeit für den nächsten Dram – einen Achtzehnjährigen von der Nordküste, salzig, sagt er, als hätte das Meer ihn geküsst. Julia griff nach ihrem Glas und diesmal trank sie. Der Whisky brannte angenehm. Oder vielleicht war es etwas anderes. Vielleicht war es die Art, wie Annas Finger die Tischplatte entlangwanderten, Zentimeter für Zentimeter, ohne Ziel, aber mit Richtung. Richtung Julia.
Sie sprachen nicht mehr. Nicht direkt. Aber jede Geste wurde zur Nachricht. Wenn Anna ihr Haar zurückstrich – schwarz, schwer, zu einem lockeren Knoten gebunden, aus dem sich einzelne Strähnen lösten wie Versprechen –, dann war das kein Zufall. Wenn Julia ihr Glas genau in dem Moment abstellte, in dem Anna ihres hob, dann war das eine Antwort. Der Abend rann dahin wie der Whisky durch ihre Kehlen, langsam und brennend, und unter dem Gewölbe wurde die Luft immer dichter. Nicht vom Rauch der Kerzen. Von etwas Ungesagtem, das zwischen den beiden Frauen stand wie ein drittes, unsichtbares Glas, randvoll und noch ungekostet.
Ein Paar verabschiedete sich. Dann noch eins. Die Runde lichtete sich, und mit jedem, der ging, rückten Julia und Anna einander näher, ohne dass einer von ihnen aufgestanden wäre. Es war der Raum selbst, der schrumpfte. Die Wände kamen auf sie zu, wohlwollend, verschwörerisch. Der Gastgeber fragte, ob noch jemand einen Absacker wolle. „Einen letzten“, sagte er, „bevor die Fässer schlafen gehen.“ Julia schüttelte den Kopf. Anna tat es ihr gleich. Sie blieben sitzen, als der Mann die Treppe hinaufstieg. Als seine Schritte verhallten. Als die Tür oben ins Schloss fiel und sie allein waren im Gewölbekeller, umgeben von zwölf brennenden Kerzen und dem Duft nach Jahrhunderten. Die letzte Flüsterrunde gehörte ihnen.
Als das Schweigen schwerer wurde als jeder Tropfen
Die Tür war zugefallen. Oben. Weit oben. Die Treppe aus Stein, fünf Stufen, dann ein Absatz, dann noch einmal sieben. Julia kannte die Entfernung, weil sie sie beim Hereinkommen gezählt hatte – ein alter Tick, den sie sich in unbekannten Räumen angewöhnt hatte, um sich zu verorten. Jetzt brauchte sie keine Verortung mehr. Jetzt war ihr Ort genau hier. Genau dieser Stuhl. Genau diese drei Schritte Distanz zu Anna fühlten sich plötzlich wie drei Schritte zu viel an.
Anna stand auf. Nicht langsam, nicht zögernd, sondern mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die wusste, dass jetzt der Moment war, in dem aus Distanz Nähe werden würde oder gar nichts. Sie ging um den schweren Eichentisch herum, vorbei an den leeren Gläsern, den halbvollen Karaffen, den umgestürzten Verkostungsnotizen. Ihre Hüfte streifte die Tischkante. Die Kerzenflammen zuckten, als gäben sie ein unhörbares Signal.
„Ich hab den ganzen Abend überlegt, was ich sagen soll, wenn wir allein sind.“ Anna blieb neben Julias Stuhl stehen, lehnte sich nicht an, stützte sich nirgendwo ab, stand einfach da, die Arme locker an den Seiten, die Schultern entspannt. „Und jetzt ist mir eingefallen, dass ich gar nichts sagen will. Nicht als Erstes.“
Julias Herz schlug gegen ihre Rippen. Kein Flattern – ein Pochen. Fest. Rhythmisch. Wie ein Schlagzeug, auf das jemand endlich den richtigen Takt gefunden hatte. Sie hob den Kopf, und der Höhenunterschied zwischen ihnen – Anna stehend, sie sitzend – war auf einmal kein Hindernis mehr, sondern eine Einladung. Annas Bluse war weiß, der oberste Knopf offen, das Schlüsselbein sichtbar. Es gibt Körperstellen, die man nicht als erogen bezeichnet, bis man sie an einem bestimmten Menschen sieht. Julias Blick blieb an diesem Schlüsselbein hängen und sie wusste, dass sie es berühren würde. Heute Nacht. Bald.
„Wie riecht deine Haut?“ Die Frage kam von Julia, bevor sie sie aufhalten konnte. Ungeschützt. Direkt.
Anna lächelte. Es war kein verführerisches Lächeln, kein einstudiertes. Es war das Lächeln einer Frau, die eine ehrliche Frage zu schätzen wusste. „Komm her und find’s raus.“
Julia stand auf. Die Bewegung brachte sie so dicht vor Anna, dass sich ihre Körper fast berührten – beinahe, nur die letzten Millimeter waren noch Luft, aber es war eine Luft, die brannte. Sie hob die Hand, legte sie an Annas Hals, die Fingerkuppen auf die warme Haut, genau dort, wo der Puls schlug. Sie spürte ihn sofort. Schnell, aber nicht hektisch. Ein Puls, der wusste, was geschah, und einverstanden war.
„Nach Ambra“, flüsterte Julia. „Und nach Salz. Und nach etwas, wofür ich kein Wort hab.“
Sie ließ die Hand sinken. Nicht, weil sie sich zurückziehen wollte. Sondern weil sie wusste, dass die nächste Berührung nicht von ihr ausgehen würde. Das war kein Spiel. Das war lesbische Verführung in ihrer reinsten Form – das Erkennen, dass Verführung keine einseitige Handlung war, sondern ein Dialog, bei dem die Rollen wechselten wie Atemzüge.
Anna griff nach Julias Handgelenk. Nicht fest. Nicht fordernd. Eher so, wie man etwas Wertvolles aufhebt, von dem man nicht wusste, dass man es verloren hatte. Sie führte die Hand zurück an ihren Hals, höher diesmal, bis unters Kinn, und dann drehte sie den Kopf und ihre Lippen streiften Julias Handfläche. Ein Hauch nur. Kaum feucht.
Julia schloss die Augen. Unter ihren Lidern explodierte die Dunkelheit in Farben, die es nicht gab.
„Ich will dich küssen“, sagte Anna. Es klang nicht wie eine Bitte. Es klang wie eine Feststellung, die lange überfällig war. „Aber ich will es langsam machen. So langsam, dass du jeden einzelnen Herzschlag spürst, bevor meine Zunge deine berührt. So langsam, dass du morgen früh noch weißt, wie meine Lippen sich auf deinen anfühlen. So langsam, dass du nie wieder einen Kuss erleben kannst, ohne diesen zu vermissen. Einverstanden?“
Julia nickte. Sprechen konnte sie nicht mehr.
Die Kunst, einander nicht zu erlösen – noch nicht
Anna küsste sie nicht.
Noch nicht.
Stattdessen legte sie beide Hände um Julias Gesicht, die Daumen an den Wangenknochen, die Fingerspitzen in den Haaransatz. Sie hielt Julias Kopf, als wäre er eine Schale, randvoll und kostbar. Dann neigte sie ihr eigenes Gesicht zur Seite, ganz langsam, und ihre Lippen setzten auf Julias Stirn auf. Ein Kuss. Kein flüchtiger. Ein Kuss, der blieb. Der sich festwurzelte. Julia spürte jeden Millimeter von Annas Mund, die Wärme, den Druck, das leichte Beben, das auch Anna nicht unterdrücken konnte. Ihr Atem strich über Julias Schläfe.
Dann wanderte der Kuss tiefer. Zur Nasenwurzel. Zum rechten Augenlid – Julia hielt still, ließ es geschehen, spürte Annas Lippen auf der empfindlichen Haut, auf dem geschlossenen Auge, das unter der Berührung zuckte, aber nicht auswich. Dann zum linken Augenlid. Gleiche Zärtlichkeit. Gleiche Geduld. Ein Ritual, das nichts mit Verführungstechnik zu tun hatte und alles mit Hingabe.
„Du zitterst“, flüsterte Anna gegen Julias Braue.
„Du auch.“
„Ich weiß.“
Anna zog sich einen Spaltbreit zurück, gerade genug, um Julia anzusehen. Ihre Blicke trafen und hielten sich fest. Und in diesem Innehalten geschah etwas, das Julia nie zuvor erlebt hatte – nicht mit Männern, nicht mit Frauen, mit niemandem. Es war, als würde die Zeit in zwei Stränge zerfallen. Der eine Strang raste, trieb sie aufeinander zu, ließ ihre Herzen synchron schlagen. Der andere Strang dehnte sich, machte jede einzelne Sekunde zu einem Raum, den sie gemeinsam bewohnten. Beide Stränge waren real. Beide waren wahr.
„Jetzt“, sagte Anna.
Ihr Mund kam auf Julias zu. Nicht von oben, nicht von der Seite, sondern frontal, direkt, wie eine Entscheidung, die keinen Umweg mehr brauchte. Ihre Lippen trafen sich.
Weich.
Warm.
Offen.
Es war kein geschlossener Kuss. Kein züchtiges Aneinanderpressen. Anna öffnete sofort ihren Mund, und Julia tat es ihr gleich; ihre Lippen verschlangen sich, ihre Zungen trafen sich zunächst zögernd, dann fordernd, und schließlich so tief, dass Julia nicht mehr wusste, wo ihr eigener Körper endete und Annas begann. Der Kuss war flüssig und fest zugleich, eine Berührung, die alle anderen Berührungen vorwegnahm. Er schmeckte nach Whisky und nach Speichel und nach dem salzigen, animalischen Geschmack, den zwei Münder nur haben, wenn sie sich wirklich begehren.
Julias Hände fanden Annas Taille, schoben sich unter den Stoff der Bluse. Die Haut war glatt und heiß. Anna stöhnte leise in Julias Mund, ein Laut, der von irgendwo tief aus ihrer Kehle kam, und sie presste sich enger an Julia, Brust an Brust, Bauch an Bauch, Hüfte an Hüfte. Julia spürte Annas Brustwarzen durch den Stoff, hart, aufgerichtet, und sie wusste, dass ihre eigenen genauso starr waren, ebenso bereit.
Anna löste den Kuss. Nicht um ihn zu beenden, sondern um ihn zu verlagern. Ihre Lippen glitten über Julias Kinn, ihren Hals hinunter, verweilten in der Kuhle zwischen den Schlüsselbeinen, saugten dort, wo die Haut am dünnsten war und der Puls am lautesten pochte. Julia legte den Kopf in den Nacken. Gab sich preis. Gab sich hin.
„Hier“, murmelte Anna gegen die feuchte Stelle an Julias Hals. „Hier will ich dich schmecken. Und hier.“ Ihre Hand schob sich zwischen ihre Körper und fand Julias Brust durch den Stoff des Kleides. Sie umschloss sie und drückte leicht, fragend. Julia antwortete mit einem Laut, der aus ihrem Brustkorb brach wie ein lange gefangenes Tier. Annas Daumen fand die Brustwarze. Rieb darüber. Hin und her. Einmal. Zweimal.
„Mehr“, sagte Julia. Es war kein Wort. Es war eine Bitte. Ein Befehl.
Anna richtete sich auf, ihre Augen dunkel, ihr Mund gerötet, ihre Brust hebend und senkend. „Dann zieh dich aus. Jetzt. Hier. Ich will dich sehen. Alles. Jeden Zentimeter, den du mir den ganzen Abend versteckt hast unter diesem verdammten Kleid, das ich dir am liebsten schon beim zweiten Dram vom Leib gerissen hätte.“
Von Fingerspitzen und Zungenspielen – das Erkunden

Julia zog sich aus. Nicht langsam. Nicht mit einer Show. Sondern mit einer Dringlichkeit, die ihre Finger zittern ließ an den Knöpfen, am Reißverschluss, am Saum. Das Kleid fiel zu Boden, ein schwarzer Stoffsee um ihre Füße. Darunter trug sie nichts als einen hauchdünnen Spitzenbody, durchscheinend genug, um die Farbe ihrer Brustwarzen zu zeigen. Diese waren dunkler als der Rest ihrer Haut, verlangend und aufgerichtet wie kleine Knospen in einem Sturm, der noch nicht losgebrochen war.
Anna trat einen Schritt zurück. Nicht aus Distanzbedürfnis. Sondern um zu sehen. Um wirklich zu sehen. Ihr Blick wanderte über Julias Körper wie eine Berührung, die keine Finger brauchte. Über die Schultern, die Rundung der Brüste, die Taille, die Hüftknochen, die sich unter der Spitze abzeichneten wie Architektur. Über die Schenkel, die fest geschlossen waren, obwohl sie beide wussten, dass sie das nicht lange bleiben würden.
„Du bist schöner, als ich mir erlaubt habe, mir vorzustellen.“ Annas Stimme war heiser, als hätte der Whisky doch mehr Spuren hinterlassen, als sie beide zugeben wollten. „Komm her. Nein – warte. Bleib so. Lass mich zu dir kommen.“
Sie kam. Schritt für Schritt. Und mit jedem Schritt öffnete sie ihre eigene Bluse. Knopf für Knopf. Langsam jetzt doch – nicht aus Kalkül, sondern weil sie wusste, dass Julia ihr dabei zusah, und sie wollte, dass jeder einzelne Zentimeter Haut, den sie enthüllte, sich in Julias Gedächtnis brannte. Die Bluse glitt von ihren Schultern. Darunter ein BH, schwarz, schlicht, nichts als Funktion – und genau das machte ihn so obszön. Weil er nichts versprach außer dem, was er verbarg.
Anna hakte ihn auf. Ohne hinzusehen. Ihre Finger fanden den Verschluss mit der Selbstverständlichkeit einer Frau, die ihren eigenen Körper kannte. Der BH fiel. Ihre Brüste waren frei. Schwer, blass, mit dunklen Höfen, die sich unter Julias Blick zusammenzogen und wieder ausdehnten, als würden sie atmen.
Jetzt war kein Abstand mehr zwischen ihnen. Jetzt waren es nackte Füße auf kaltem Steinboden, nackte Oberkörper, die sich suchten und fanden, Haut an Haut, Brust an Brust. Das Gefühl von Annas unbedeckten Brüsten auf ihren eigenen war so überwältigend, dass Julia fast das Gleichgewicht verlor. Anna fing sie auf. Ihre Arme schlangen sich um Julias Rücken, ihre Handflächen pressten sich zwischen ihre Schulterblätter, und dann küsste sie sie wieder, tiefer noch als zuvor, mit einer Intensität, die jede Frage überflüssig machte.
Sie sanken zu Boden. Nicht kontrolliert, nicht elegant. Einfach so, wie zwei Körper sinken, die die Schwerkraft vergessen haben. Der Stein war kalt unter Julias Rücken, während Annas Körper über ihr warm war. So warm. Ihre Münder ließen sich nicht los, während Annas Hände schließlich den Body von Julias Schultern über ihre Arme hinunterschoben. Der Stoff war nur noch ein Hindernis, das sie mit einem Ruck beseitigten. Julia war nackt. Vollständig nackt auf dem kalten Gewölbekellerboden, und über ihr war Anna, halb entkleidet, ihr Rock noch um die Hüften, aber das würde nicht so bleiben.
„Hilf mir“, sagte Anna, und Julia half. Ihre Finger hakten den Rock auf, zogen ihn über Annas Schenkel, Annas Hüften, und dann war auch Anna nackt bis auf einen winzigen Slip, schwarz, durchnässt – Julia sah es, noch bevor sie es fühlte, sah den dunklen Fleck im Stoff, der keine Peinlichkeit war, sondern ein Beweis. Ein Beweis dafür, wie sehr Anna sie wollte.
Annas Hand glitt zwischen Julias Schenkel. Nicht fordernd. Fragend. Die Finger legten sich auf den feuchten Slip, auf die Stelle, die pochte, die brannte, die sich nach Berührung verzehrte wie die Kehlen beider nach dem nächsten Schluck. Und dann, endlich, schob Anna den Stoff zur Seite und ihre Finger berührten Julia nackt. Direkt. Haut auf Haut, Fingerkuppe auf Klitoris, und Julia schrie auf – ein kurzer, erstickter Laut, den das Gewölbe verschluckte.
„Hier“, flüsterte Anna, während ihre Finger begannen, Kreise zu ziehen. Langsam. Präzise. Als hätte sie alle Zeit der Welt und als wäre jede Sekunde davon nur für diese eine Berührung bestimmt. „Hier ist alles, was ich den ganzen Abend wissen wollte. Wie du dich anfühlst. Wie du nass wirst. Wie du dich bewegst, wenn ich dich berühre. Und jetzt weiß ich es. Jetzt weiß ich es, und ich will mehr. Ich will dich schmecken. Will meine Zunge da haben, wo jetzt meine Finger sind. Will dich kommen sehen, Julia. Will dich kommen sehen und danach will ich dich wieder küssen und du wirst dich selbst schmecken auf meinen Lippen und du wirst wissen, dass das erst der Anfang ist. Sag ja. Sag, dass du das willst.“
“Ja”, sagte Julia. Es war das einzige Wort, das sie noch hatte.
Im warmen Licht der leeren Gläser
Der Morgen kam nicht durch die Kellerfenster. Es gab keine Kellerfenster. Der Morgen kam durch die Ritzen der schweren Holztür oben an der Treppe und erschien als fahles Grau. Es tastete sich die Stufen hinunter wie ein schüchterner Gast, der nicht sicher war, ob er willkommen war.
Julia und Anna lagen auf dem Steinboden, auf einem Haufen aus Kleidern und Tischdecken, die sie irgendwann in der Nacht von den Tischen gezogen hatten. Die Kerzen waren längst heruntergebrannt, einige nur noch Wachspfützen mit schwarzen Dochten, andere ganz erloschen. Die Flaschen auf dem Tisch waren leerer als geplant, voller als gedacht. Sie hatten zwischendurch getrunken, weil das Durstgefühl aufeinander einen anderen Hunger mit sich brachte, einen, der nach Flüssigkeit verlangte und nach dem Brennen, das nur Alkohol geben konnte.
Julias Kopf ruhte in Annas Halsbeuge. Ihr Atem ging ruhig, tief, synchron mit Annas. Sie hatten sich geliebt. Immer wieder, in immer neuen Varianten. Annas Zunge in ihr, ihre Finger in Anna, ihre Münder an Stellen, die keinen Namen brauchten. Sie hatten sich gegenseitig zum Höhepunkt gebracht, mehrfach, hatten geschrien und geflüstert und gelacht. Als die Spannung sich löste, trat etwas anderes an ihre Stelle: eine Zärtlichkeit, die nichts mit Technik zu tun hatte und alles mit Vertrauen.
Jetzt lagen sie da, zwei nackte Frauen in einem Gewölbekeller, und über ihnen erwachte ein neuer Tag.
„Wann müssen wir hier raus?“ Julias Stimme war kratzig, belegt von zu viel Flüstern, zu vielen Lauten.
„Irgendwann. Der Gastgeber hat gesagt, er kommt um neun zum Aufräumen. Aber ich habe keine Uhr. Und du hast keine Uhr. Und selbst wenn – ich glaub nicht, dass ich mich bewegen kann.“ Anna lachte leise. Es war ein Lachen, das aus ihrem Bauch kam, tief und gelöst und ohne jede Scham. „Meine Beine funktionieren nicht mehr. Meine Hände zittern. Meine Lippen sind wund. Und ich hab einen Geschmack im Mund, den ich nie wieder loswerden will.“
„Welchen?“
„Deinen.“
Julia hob den Kopf und küsste Annas Kinn. „Das war keine lesbische Verführung mehr. Das war eine Besitzergreifung.“
„War es das? Gut. Dann hast du verstanden, worum es ging.“
Sie setzten sich auf, langsam, ächzend. Ihre Körper waren übersät mit Spuren – rote Male an Hälsen, Druckspuren an Hüften und ein blauer Fleck an Julias Oberschenkel, von dem sie nicht wusste, wann er entstanden war. Aber sie erinnerte sich an den Moment, als Annas Mund genau dort gewesen war, und das reichte. Das war mehr als genug.
Sie halfen einander beim Anziehen. Keine Eile mehr. Kein Versteckspiel. Anna knöpfte Julias Kleid zu, obwohl sie beide wussten, dass sie es in ein paar Stunden wieder auf dem Boden liegen würde – vielleicht nicht in diesem Keller, aber irgendwo. In Annas Wohnung. In Julias. In einem Bett, das noch auf sie wartete.
„Frühstück?“, fragte Anna.
„Es ist sechs Uhr morgens.“
„Und? Ich kenn ein Café in der Nähe. Das öffnet um sechs. Für Bäcker und für Frauen, die die Nacht durchgevögelt haben und jetzt Croissants brauchen. „Komm.“
Sie stiegen die Treppe hinauf. Ihre Schritte hallten im Gewölbe wider, und es klang nicht wie Abschied. Es klang wie der Anfang von etwas, das noch keinen Namen hatte.
Oben, vor der Tür, blieb Anna stehen. Drehte sich um. Zog Julias Gesicht zu sich heran, sanft, mit beiden Händen, wie sie es getan hatte, als alles begann.
„Ich möchte das wieder“, sagte sie. „Nicht heute. Nicht morgen. Aber bald. Ich will dich wieder schmecken, dich wieder hören, dich wieder in mir spüren. Und ich will, dass du weißt, dass das kein Zufall war. Dass ich dich nicht zufällig ausgewählt habe aus zwölf Leuten in einem Whiskykeller. Ich habe dich gesehen. Vom ersten Schluck an. Und ich wusste, dass ich dich haben will. Genau so. Genau das.
Julia lächelte. „Dann nimm mich. Wieder. Bald. Aber jetzt erst mal Croissants. Ich habe Hunger. Und Durst. Und beides ist deine Schuld.“
Anna öffnete die Tür. Das Tageslicht flutete herein, blendend, kalt, unsentimental. Aber hinter ihnen lag der Keller. Und in ihnen lag die Nacht. Und beides würde bleiben.
– ENDE –
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