Lesbische Verführung
Es gibt diese Abende, an denen die Stadt unter dir zu einem fernen Summen wird, einem gedämpften Herzschlag aus Beton und Neon, der nichts mehr mit dir zu tun hat. Frida hatte ihre Dachterrasse genau für solche Nächte eingerichtet: verwunschen und doch mit einer klaren Linie, wie ein Garten, der vergessen hatte, dass er sich sieben Stockwerke über dem Asphalt befand. Zwischen den Kübeln mit hohen Gräsern und dem wild wuchernden Jasmin, der sich an der Brüstung festkrallte, als wolle er jeden Stern einzeln begrüßen, standen alte Terrakottatöpfe. Aus diesen reckte Lavendel seine silbrigen Köpfe in die Dunkelheit. Lampions aus blassrosa Papier, die sie irgendwann auf einem Flohmarkt in Bologna erstanden hatte, schaukelten träge an einer Schnur, die sie quer über die Terrasse gespannt hatte. Sie warfen warme Lichtinseln auf die Holzdielen, die jeden Schritt mit einem leisen Knarzen quittierten.
Der Himmel über Berlin hatte sich an diesem Juliabend entschlossen, nicht wirklich dunkel zu werden. Stattdessen trug er ein tiefes, durchscheinendes Blau, das irgendwo hinter dem Alexanderplatz schon mit einem schüchternen Violett flirtete. Es schien, als könne er sich nicht entscheiden, ob er nun zur Nacht oder doch noch zum Tag gehören wollte. Frida mochte dieses Zögern. Sie mochte Übergänge jeder Art – den Moment, in dem aus einem Gespräch etwas anderes wurde, die Sekunde, bevor der erste Schluck Wein die Kehle hinunterrann. Vor allem mochte sie diese Hitze, die auch nach Sonnenuntergang noch zwischen den Hauswänden hing wie ein vergessener Atemzug. Sie hatte das Badezimmerfenster offen gelassen, als sie sich für den Abend fertig gemacht hatte. Jetzt trug sie ein Kleid aus pfirsichfarbenem Leinen, dessen Saum bei jeder Bewegung um ihre Waden spielte, als wäre es neugierig auf das, was kommen würde.
Auf dem Tisch, den sie aus einer alten Werkbank und zwei übereinandergestapelten Weinkisten gebaut hatte, standen zwei Gläser. Keine Sektflöten, keine angestrengten Weißweinkelche – einfach zwei bauchige Gläser, in denen sich das letzte Tageslicht brach, als wäre es flüssig geworden. Daneben eine Schale mit späten Erdbeeren, die sie heute Morgen auf dem Markt gekauft hatte, tiefrot und so aromatisch, dass man sie schon roch, bevor man sich überhaupt zu ihnen hinuntergebeugt hatte. Ein Teller mit Ziegenkäse, den sie mit Thymian und einem Hauch Honig beträufelt hatte, und eine Karaffe mit Wasser, in dem Minzblätter trieben wie kleine grüne Boote auf einem durchsichtigen See. Frida war eine Frau, die gastgebende Gesten liebte – nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus einer tiefen, fast körperlichen Freude daran, Räume zu schaffen, in denen andere Menschen sich fallen lassen konnten.
Sie hatte Helena vor drei Wochen kennengelernt, in einer dieser Buchhandlungen, in denen die Regale so eng stehen, dass man sich unweigerlich berührt, wenn man aneinander vorbei will. Frida hatte nach einem Gedichtband von Safiye Can gegriffen. Helena hatte im selben Moment ihre Hand nach etwas ausgestreckt. Es war ein altes Exemplar von Djuna Barnes’ „Nachtgewächsen“ gewesen, das Helena mit einer Zärtlichkeit aus dem Regal gezogen hatte. Diese Zärtlichkeit hatte Frida sofort lächeln lassen. „Lesben und ihre botanischen Metaphern“, hatte Frida gesagt, eher zu sich selbst, aber laut genug, dass Helena es hatte hören können. Helena hatte nicht etwa verlegen weggeschaut, sondern war in ein Lachen ausgebrochen, das durch den ganzen schmalen Gang gerollt war wie ein Kieselstein einen Hügel hinunter. Sie hatten Kaffee getrunken, dann Wein, dann war es zu spät gewesen für irgendetwas außer der Frage: „Hast du Lust, mal auf meine Dachterrasse zu kommen?“
Jetzt war es also so weit. Frida spürte ein Kribbeln, das nichts mit Nervosität zu tun hatte. Jedenfalls nicht mit dieser Art von Nervosität, bei der einem die Hände kalt werden und man plötzlich nicht mehr weiß, wohin mit den eigenen Armen. Es war eher die Erwartung, die sich im Körper breitmacht wie ein langsam ansteigendes Fieber. Sie hatte den Plattenspieler nach draußen getragen, ein altes Gerät mit einem verbeulten Deckel, das mehr knisterte als es Musik wiedergab, aber genau dieses Knistern war Teil der Inszenierung. Nina Simone sang gerade „I Want a Little Sugar in My Bowl“, und ihre Stimme schwebte durch die Abendluft, als wäre sie eigens für diesen Moment komponiert worden. Frida summte mit, während sie die letzte Kerze anzündete – eine dicke, mit Sand gefüllte Laterne, die sie neben das Sofa gestellt hatte. Sie dachte darüber nach, wie seltsam es war, dass manche Abende sich schon am frühen Morgen anders anfühlten, als trügen sie eine geheime Bestimmung in sich, die man erst viel später entziffern konnte.
Eine Treppe, die ins Blaue führt, und zwei Frauen, die sich Zeit lassen
Das Summen der Gegensprechanlage riss Frida aus ihren Gedanken. Es war ein kurzer, fast scheuer Ton, als wäre selbst die Technik an diesem Abend darauf bedacht, nicht zu aufdringlich zu sein. Frida ging barfuß durch ihre Wohnung, vorbei an dem Stapel ungelesener Zeitungen, den sie seit Wochen vor sich herschob, und drückte auf den Knopf, ohne ins Hörermikro zu sprechen. Sie wollte keine dieser „Ich-bin-schon-da“-Konversationen führen, die einem die Luft aus der Begrüßung nahmen, bevor sie überhaupt stattgefunden hatte. Stattdessen öffnete sie einfach die Tür und lehnte sich gegen den Rahmen, während sie auf das leise Surren des Aufzugs lauschte, das sich mit dem Knarren der alten Treppenhausstufen abwechselte.
Als Helena oben ankam, hatte sie einen leichten Glanz auf der Stirn – nicht Schweiß, eher die Erinnerung an die Hitze des Tages, die sich noch nicht ganz von ihr hatte lösen wollen. Sie trug ein weißes Hemd, das ihr jemand, der sie liebte, wahrscheinlich dringend zum Bügeln hätte geben müssen. Außerdem trug sie eine schwarze Hose aus Seide, die so weit geschnitten war, dass sie um ihre Beine floss wie Wasser um einen Stein. An ihrem linken Handgelenk klimperte ein Armband aus winzigen Silberkugeln. Als sie Frida sah, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das mit den Mundwinkeln begann und dann langsam nach oben wanderte, bis es auch ihre Augen erreichte. Diese graugrünen Augen schienen immer etwas Ironie zu schwimmen, selbst wenn sie gerade etwas vollkommen Ernsthaftes sagte.
„Weißt du, was dein Treppenhaus riecht?“, fragte sie zur Begrüßung. „Nach Kaffee und Bohnerwachs und den Siebzigern. Ich hab fast erwartet, dass mir auf halber Höhe ein Paar in Schlaghosen entgegenkommt und fragt, ob ich mit zu einer Sit-in-Party will.“ Frida lachte und trat einen Schritt zur Seite, um sie hereinzulassen. Dabei setzte ihr Kleid einen Duft von Sandelholz und etwas Süßlichem frei. Helena würde dieses später als Feigen beschreiben, auch wenn sie sich nicht ganz sicher war, ob es wirklich Feigen waren oder einfach nur das Parfüm, das Frida aufgelegt hatte, seit sie wusste, dass Helena Feigen liebte.
Sie gingen gemeinsam durch die Wohnung, und Helena blieb kurz vor dem Bücherregal stehen, weil sie nicht anders konnte. Lesende Menschen sind immer auch ein bisschen Spione, dachte Frida – sie müssen die Regale anderer Leute inspizieren, als enthielten sie geheime Botschaften über deren Seelenleben. „Du hast ja wirklich jeden einzelnen Band von Ali Smith“, sagte Helena und ließ ihren Finger über die Buchrücken gleiten, ohne sie zu berühren. Es war diese Art von Geste, bei der man die Dinge würdigt, ohne sie zu vereinnahmen, und Frida mochte das mehr, als sie zugeben wollte. „Und du hast sie nach Farben sortiert. Das ist entweder völlig verrückt oder das Attraktivste, was ich je gesehen habe. Ich bin noch unentschieden.“ Frida warf ihr einen Blick zu, der irgendwo zwischen gespielter Empörung und echtem Vergnügen lag. „Ich sortiere sie nach Stimmungen, nicht nach Farben“, sagte sie. „Dass die Stimmungen zufällig am Ende des Regenbogens wohnen, ist mir auch erst später aufgefallen.“
Dann traten sie endlich auf die Terrasse hinaus, und Helena blieb so abrupt stehen, dass Frida fast in sie hineingerannt wäre. „Oh“, sagte sie, nur dieses eine Wort, aber es quoll über von all den Dingen, die sie nicht aussprach. Ihre Augen wanderten über die Lampions, die jetzt, da es dunkler wurde, noch wärmer leuchteten als vor einer halben Stunde, über den Jasmin, der tatsächlich nach Jasmin roch (was bei Jasminpflanzen keineswegs selbstverständlich war, wie Frida einmal verärgert festgestellt hatte, als sie eine gekauft hatte, die sich als olfaktorische Hochstaplerin entpuppt hatte), und schließlich über die improvisierte Sitzlandschaft aus alten Holzkisten und Kissen, die Frida mit marokkanischen Stoffen bezogen hatte. „Du hast eine Außencouch“, sagte Helena, und es klang wie eine Anklage und ein Kompliment gleichzeitig.
Sie setzten sich, und Frida schenkte Wein ein – einen süffigen Rosé. Den hatte sie am Nachmittag kaltgestellt, und jetzt hatte er genau diese Temperatur, bei der er schmeckte wie flüssige Erdbeeren mit einem leicht säuerlichen Nachklang, den der Gaumen noch Sekunden später suchte wie eine verlorene Erinnerung. Die ersten Schlucke waren immer die besten, fand Frida; sie waren wie der Anfang eines Satzes, von dem man noch nicht wusste, wohin er führen würde. Helena hatte ihre Schuhe abgestreift und die Füße unter sich gezogen, eine Haltung, die bei anderen Menschen unbeholfen gewirkt hätte, bei ihr aber einfach aussah wie die natürlichste Sache der Welt. Sie sprach mit den Händen, wenn sie erzählte. Frida ertappte sich dabei, wie sie diesen Händen zusah, statt ihrem Gesicht. Sie betrachtete die schmalen Finger, das hellblaue Geäder an den Handgelenken und die abgekauten Fingernägel. Aber dies war nicht auf eine unangenehme Art, sondern mit der Sorglosigkeit von jemandem, der Wichtigeres zu tun hatte, als sich um seine Maniküre zu kümmern.
Von Kippmomenten und Kirschkernen, die man nicht ausspuckt
Das Gespräch nahm an diesem Abend einen jener Verläufe, die sich nicht steuern lassen und die gerade deshalb so kostbar sind. Sie sprachen über Helenas Arbeit. Sie war Restauratorin für alte Möbel und besaß eine Werkstatt in Wedding. Diese roch nach Holzleim und Schellack. Helenas Werkstatt war der Ort, an dem sie seit fünf Jahren so tat, als wäre die Selbstständigkeit eine bewusste Entscheidung gewesen und nicht einfach nur der Umstand, dass sie in keinem Büro der Welt länger als drei Wochen ausgehalten hatte, ohne innerlich zu schreien. Sie sprachen über Fridas Promotion, die irgendwo zwischen dem dritten und vierten Kapitel ins Stocken geraten war wie ein Auto mit leerem Tank. Sie sprachen auch darüber, dass Stillstand manchmal kein Scheitern war, sondern einfach nur die Aufforderung, eine Weile zu rasten, bevor man weiterfuhr. Sie sprachen über das Älterwerden und darüber, dass die Falten um die Augen herum eigentlich kleine Ehrenabzeichen waren, die man sich in den letzten zwanzig Jahren verdient hatte. Sie sprachen auch über die seltsame Erkenntnis, dass man mit Mitte dreißig endlich anfing, sich in seinem eigenen Körper wohlzufühlen, gerade rechtzeitig, bevor er einem dann doch wieder fremd wurde.
Aber zwischen diesen Sätzen, die man auch auf einer Dinnerparty mit wildfremden Menschen hätte führen können, geschah etwas anderes, und beide wussten es. Es war die Art von Unterhaltung, bei der die eigentliche Kommunikation nicht in den Worten stattfand, sondern in den Pausen dazwischen: in der Art, wie Helenas Blick immer wieder zu Fridas Mund wanderte, ohne dass sie es zu bemerken schien; in der Selbstverständlichkeit, mit der Frida ihr die Schale mit den Erdbeeren hinschob; in der Art, wie sie beide gleichzeitig nach ihren Gläsern griffen und sich dabei mit den Fingern berührten, nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber lang genug, um einen winzigen elektrischen Schlag durch beide ihrer Körper zu schicken, den keine von ihnen kommentierte, den aber beide spürten.
Frida war in solchen Situationen immer ein bisschen abergläubisch. Sie glaubte an Kippmomente – an diese winzigen Augenblicke, in denen etwas zwischen zwei Menschen umschlug und nie wieder zurückkehrte in den Zustand davor. Es könnte ein falscher Satz sein oder der richtige zur falschen Zeit. Es könnte eine Berührung sein, die zu früh kam oder zu spät, oder es könnte etwas so Flüchtiges sein wie das Zögern, bevor man dem anderen ins Gesicht sah. An diesem Abend aber, während Nina Simone längst aufgehört hatte zu singen und der Plattenspieler nur noch leise vor sich hin knackte wie ein Lagerfeuer aus vergangenen Jahrzehnten, war der Kippmoment eine Frage. Diese stellte Helena. Und zwar ohne jede Vorwarnung.
„Würdest du mir sagen, wenn ich dir mit den Füßen zu nah käme?“, fragte sie, und es war eine dieser Fragen, die in Wirklichkeit gar keine waren. Sie war ein Angebot, eine Tür, die jemand einen Spaltbreit öffnete und dann wartete, ob man sie aufstieß oder wieder ins Schloss fallen ließ. Frida sah sie an, und in diesem Blick lag alles, was sie in den letzten drei Wochen gedacht, aber nicht gesagt hatte. „Ich glaube, du kannst mir gar nicht nah genug kommen“, sagte sie, und ihre Stimme klang tiefer als sonst, als hätte der Abend sie mit einer zusätzlichen Schicht überzogen, die sie selbst noch nicht kannte.
Helena lächelte nicht. Sie lehnte sich stattdessen zurück in die Kissen und sah Frida an mit einer Intensität, die nichts forderte, aber auch nichts zurücknahm. „Weißt du, was das Schönste an diesem Abend ist?“, fragte sie. „Dass wir uns nicht beeilen müssen. Wir können uns Zeit lassen. Wir können so tun, als hätten wir alle Zeit der Welt, und vielleicht haben wir das sogar – jedenfalls für heute Nacht.“ Sie streckte ihre Hand aus, langsam, als würde sie durch Wasser greifen, und Frida nahm sie. Ihre Finger schlossen sich um Helenas Handgelenk, genau dort, wo das Silberarmband saß und jetzt leise klimperte, wie eine kleine Glocke, die etwas einläutete, das noch keinen Namen hatte. Der Jasmin sandte eine weitere Duftwelle herüber. Irgendwo in der Ferne hupte ein Auto, aber diese Geräusche schienen aus einer anderen Welt zu kommen, einer, die nichts mit dieser Dachterrasse zu tun hatte, auf der zwei Frauen einander in die Augen sahen und nicht mehr wegblickten.
Wenn die Haut anfängt zuzuhören: eine Anatomie des ersten Kusses

Es gibt eine bestimmte Sorte von Stille, die entsteht, wenn zwei Menschen beschließen, mit dem Reden aufzuhören und mit dem Fühlen anzufangen. Es ist keine peinliche Stille, keine Lücke, die man stopfen müsste mit irgendwelchen Floskeln über das Wetter oder die Frage, ob man noch mehr Wein wolle. Es ist eine pralle, atmende Stille, die Raum schafft für all die Dinge, die jetzt kommen wollen, und auf Fridas Dachterrasse wurde sie so dicht, dass man sie fast hätte anfassen können.
Helena war diejenige, die sich zuerst bewegte – nicht, weil sie die Mutigere war, sondern weil ihr Körper eine Entscheidung getroffen hatte, bevor ihr Kopf überhaupt dazu kam, sie zu hinterfragen. Sie rückte näher, Zentimeter für Zentimeter, als würde sie ein unsichtbares Maßband abrollen zwischen sich und der anderen Frau. Und Frida, die in diesem Moment beschloss, dass Überlegungen etwas waren, das man auch morgen noch anstellen konnte, tat es ihr gleich. Sie waren jetzt so nah beieinander, dass Frida den leichten Geruch von Terpentin wahrnahm, der immer noch an Helenas Handgelenken haftete. Es war ein Überbleibsel aus der Werkstatt, das sich mit dem Sandelholz von Fridas Parfum zu etwas Neuem vermischte, etwas, das nur in dieser Nacht und nur auf dieser Terrasse existierte.
„Darf ich dir etwas erzählen?“, murmelte Helena, und ihre Lippen waren so nah an Fridas Ohr, dass die Worte eher als warmer Atem ankamen denn als akustische Signale. „Ich habe seit dem ersten Tag in der Buchhandlung darüber nachgedacht, wie sich deine Haut anfühlen würde. Nicht auf eine taktile Art – ich habe es mir wirklich vorgestellt. Die Temperatur, die Textur, ob deine Arme sich eher kühl anfassen würden oder warm, ob du Gänsehaut bekommst, wenn dich jemand am Nacken berührt. Ist das seltsam? Sag mir, wenn das seltsam ist.“ Frida schüttelte den Kopf, ohne sich zu bewegen. „Es ist das Gegenteil von seltsam“, flüsterte sie zurück. „Es ist genau das, was ich mir auch gedacht habe. Jeden Abend. Wenn ich einschlafen wollte und nicht konnte, weil ich mir vorgestellt habe, wie du aussiehst, wenn du dich konzentrierst – diese kleine Falte zwischen den Augenbrauen, die du jetzt gerade auch hast, übrigens, ich kann sie von hier aus sehen.“
Es war dieser Moment, in dem Helena beschloss, dass sie genug geredet hatten. Sie hob ihre freie Hand – die andere lag immer noch in Fridas, als wäre sie dort festgewachsen – und legte sie an Fridas Wange. Nicht mit der ganzen Fläche, nur mit den Fingerspitzen, als würde sie eine kostbare Oberfläche abtasten, die sie nicht beschädigen wollte. Fridas Haut war tatsächlich warm, genau wie Helena es sich vorgestellt hatte, und weich, und unter dem Weichen lag etwas Festes, etwas, das sie mit ihren Fingerspitzen nur erahnen konnte. Die Berührung war so zart, dass Frida fast nicht wusste, ob sie wirklich da war oder ob sie sie sich nur einbildete. Aber dann wanderte Helenas Daumen über ihren Wangenknochen, und dieser Druck war real, war messbar. Er war der Unterschied zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, der manchmal so schmal war wie eine Rasierklinge und manchmal so tief wie der Pazifik.
Fridas Atem ging schneller jetzt, aber nicht auf eine panische Art. Es war eher so, als hätte ihr Körper beschlossen, dass er mehr Sauerstoff brauchte für das, was jetzt kam. Als würde er sich vorbereiten auf eine Anstrengung, die nichts mit Muskeln zu tun hatte und alles mit Nervenenden, die plötzlich hellwach waren wie eine Stadt, die nie schlief. Sie spürte Helenas Atem auf ihren Lippen, bevor deren Mund sie überhaupt berührte – diesen warmen Hauch, der nach dem Rosé schmeckte und nach den Erdbeeren. Und nach etwas anderem, das Frida nicht identifizieren konnte, weil es vielleicht einfach nur Helena selbst war. Ihre Essenz konnte man nicht in Aromen übersetzen, so sehr man es auch versuchte.
Der erste Kuss war kein Kuss im klassischen Sinne. Es war eher ein Fragezeichen, das Helena mit ihren Lippen auf Fridas Mund malte – zart, fragend, mit einem winzigen Zögern kurz vor dem Ziel. Als wolle sie sichergehen, dass Frida wirklich meinte, was sie gesagt hatte. Aber Frida meinte es. Sie meinte es so sehr, dass sie ihre Hand in Helenas Nacken legte und sie sanft zu sich heranzog, und dann war da kein Zögern mehr, dann war da nur noch dieser Punkt, an dem zwei Münder sich fanden wie zwei Puzzleteile, die endlich begriffen, dass sie füreinander gemacht waren. Helenas Lippen schmeckten nach etwas Süßem und etwas Salzigem und nach dieser spezifischen Mischung aus Mut und Unsicherheit, die nur in ersten Küssen vorkam. Frida erwischte sich dabei, wie sie versuchte, sich jedes Detail einzuprägen – die Art, wie Helenas Unterlippe ein winziges bisschen voller war als die obere, den leichten Druck von Zähnen, die noch nicht ganz sicher waren, ob sie sich öffnen sollten oder nicht. Dann gab sie den Versuch auf, alles zu katalogisieren, und ließ einfach zu, dass es geschah.
Als sie sich voneinander lösten – nicht abrupt, sondern langsam, wie zwei Tänzer, die eine Choreografie beenden – hatten sie beide diesen glasigen Blick. Diesen Blick bekommen Menschen, wenn sie aus einem Traum aufwachen und noch nicht sicher sind, was Wirklichkeit ist und was nicht. „Wow“, sagte Helena. Und es war so ein profanes Wort für etwas so Unprofanes, dass beide lachen mussten. Es war ein tiefes, gelöstes Gelächter, das die Spannung aus ihren Körpern vertrieb, wie Wind eine Wolke vom Himmel schiebt.
Erdbeeren bei Mondschein: Vom Geschmack der Dinge, die man sich endlich traut
Das Sofa, auf dem sie saßen, war nicht für das gemacht, was jetzt geschah. Es war für Gespräche konzipiert worden, für laue Sommerabende, an denen man Wein trank und über Gott und die Welt philosophierte. Aber es hatte nicht die Maße für zwei Frauen, die plötzlich beschlossen, dass der Abstand zwischen ihren Körpern etwas war, das es zu eliminieren galt. Frida, die ein pragmatischer Mensch war, auch in Momenten höchster Unpragmatik, zog kurzerhand eines der marokkanischen Kissen auf den Boden. Helena folgte ihrem Beispiel, als hätten sie diese Bewegung hundertmal geprobt, obwohl sie sie in Wirklichkeit noch nie ausgeführt hatten.
Sie lagen jetzt nebeneinander, mehr zwischen den Kissen als auf ihnen, und der Himmel über ihnen hatte endgültig beschlossen, dunkel zu werden. Die ersten Sterne waren aufgetaucht, zaghaft noch, als könnten sie nicht glauben, dass ihnen jemand zusah, und der Mond hing als schmale Sichel zwischen den Antennen der Nachbarhäuser. Frida dachte kurz darüber nach, wie viele Menschen in genau diesem Moment in den Himmel schauten. Und wie wenige von ihnen taten dies, während sie mit dem Finger die Konturen einer anderen Frau nachzeichneten – das Schlüsselbein, die Schulter, die weiche Kurve zwischen Hals und Ohr. Sie verspürte einen Anflug von Dankbarkeit, der so intensiv war, dass er sie fast überwältigte.
Helena war inzwischen dazu übergegangen, die Knöpfe von Fridas Leinenkleid zu öffnen, einen nach dem anderen, mit einer Langsamkeit, die fast schon an Folter grenzte. Es war keine Eile in ihren Bewegungen, keine Hast, die verriet, dass sie Angst hatte, der Moment könne ihr entgleiten. Stattdessen war da diese fast schon religiöse Andacht, mit der sie jeden Knopf aus seinem Stoffgefängnis befreite. Als öffnete sie nicht ein Kleid, sondern eine Tür zu einem geheimen Garten, von dem sie bisher nur gewusst hatte, dass er existierte, nicht aber, wie er aussah. Die laue Nachtluft, die jetzt über Fridas freiliegende Haut strich, war wie eine zweite, unsichtbare Liebhaberin. Sie trug den Duft von Jasmin und Lavendel und von etwas, das vielleicht einfach nur die Stadt war, die sich nach einem langen, heißen Tag langsam abkühlte.
„Weißt du, was ich am meisten an dir mag?“, fragte Helena. Ihre Lippen zeichneten den Weg nach, den ihre Finger bereits gegangen waren – über das Schlüsselbein, in die Mulde zwischen den Brüsten, die jetzt nur noch von einem hauchdünnen Stoff bedeckt waren. „Dass du keine Angst hast. Nicht vor dem Hier, nicht vor der Stille danach, nicht davor, dass es morgen früh vielleicht komisch sein könnte. Du bist einfach hier, ganz, und das ist das Erotischste, was mir je begegnet ist.“ Frida wollte etwas erwidern, wollte sagen, dass sie sehr wohl Angst hatte, dass sie nur gelernt hatte, ihre Angst nicht zu zeigen, aber dann spürte sie Helenas Zunge auf ihrer Haut, genau unterhalb des linken Schlüsselbeins, und ihr Gehirn stellte einfach den Betrieb ein. Was übrig blieb, war nur noch der Körper, der zuckte, der sich wölbte, der mit einer Eindeutigkeit reagierte, die jeder sprachlichen Antwort überlegen war.
Sie liebten sich mit den Händen und den Mündern. Manchmal liebten sie sich auch mit diesen kurzen, atemlosen Pausen. In diesen Phasen sahen sie einander an, als müssten sie sich vergewissern, dass die andere noch da war, noch real, noch nicht verflüchtigt in eine Fantasie, aus der es kein Zurück gab. Helena war diejenige, die irgendwann die Schale mit den Erdbeeren vom Tisch holte, und Frida, die noch nie in ihrem Leben Erotik mit Essen verbunden hatte, weil sie das immer für ein Klischee aus schlechten Filmen gehalten hatte, entdeckte plötzlich, wieso es dieses Klischee gab. Es lag daran, dass eine Erdbeere, wenn man sie jemand anderem in den Mund legte, nicht einfach nur eine Erdbeere war. Sie war ein Versprechen, eine Herausforderung, ein kleiner, roter Vorbote all dessen, was noch kommen würde. Es lag daran, dass der Saft, der dabei über Helenas Finger lief, nach etwas schmeckte, das Frida noch nie geschmeckt hatte, obwohl sie schon hunderte von Erdbeeren gegessen hatte. Und es lag vor allem daran, dass Helena, während sie die Erdbeere in den Mund nahm, Frida unverwandt ansah, mit diesem Blick, der alles sagte und nichts erklärte.
Der Höhepunkt, als er kam – und er kam für beide, erst für Frida, dann, nur Momente später, für Helena, als hätten ihre Körper beschlossen, sich auch darin zu synchronisieren –, war nicht der laute, dramatische Höhepunkt, den Filme einem verkaufen. Er war leise, fast schon zurückhaltend. Doch innerlich tobte ein tiefes, inneres Erdbeben, das sich von irgendwo zwischen den Hüftknochen ausbreitete und dann den ganzen Körper erfasste. Es fühlte sich an, als würde man in einen warmen See eintauchen, der einem bis zum Hals reichte und in dem man einfach nur trieb, schwerelos, ohne Gedanken, ohne Zeit, ohne alles außer dem anderen Menschen, der einen hielt, während man langsam wieder lernte zu atmen.
Milchstraße und Morgenluft: Was bleibt, wenn die Lampions ausgehen
Danach lagen sie nebeneinander. Frida hatte das Gefühl, dass ihre Knochen weicher geworden waren, als hätte jemand all die Spannung, die sich in den letzten drei Wochen in ihr angestaut hatte, mit einem einzigen, sanften Handgriff aus ihrem Körper gezogen. Der Jasmin duftete immer noch, aber jetzt roch er anders – weniger aufdringlich, eher wie ein stiller Zeuge, der gesehen hatte, was geschehen war, und der beschlossen hatte, es für sich zu behalten. Die Lampions waren inzwischen fast heruntergebrannt, und ihr Licht wurde schwächer, als würden auch sie sich jetzt zur Ruhe begeben, nachdem sie ihre Pflicht getan hatten.
Helena lag mit dem Kopf auf Fridas Bauch, der sich mit jedem Atemzug hob und senkte wie eine träge See, und ihre Finger malten unsichtbare Muster auf Fridas Oberschenkel. Es waren keine Buchstaben, keine Worte, einfach nur abstrakte Schleifen und Bögen, die vielleicht eine geheime Bedeutung hatten und vielleicht einfach nur bedeuteten, dass Helena zu glücklich war, um ihre Hände still zu halten. „Ich habe noch nie Sex auf einer Dachterrasse gehabt“, sagte sie in den nächtlichen Himmel hinein, und es klang wie ein Geständnis, obwohl es keines war. Frida lachte leise, ein Lachen, das tief aus ihrem Bauch kam und ihren ganzen Körper durchlief wie eine Welle. „Ich auch nicht, bis jetzt. Ich glaube, wir haben heute gleich mehrere Premieren gefeiert. Wir sollten das notieren, irgendwo – vielleicht in einem dieser Kalender, die man nie benutzt, aber für genau solche Anlässe aufhebt.“
Sie redeten noch eine Weile, leise, träge, mit diesen Stimmen, die nach der Liebe immer ein wenig rauer klangen als vorher. Sie redeten darüber, ob es jetzt anders sein würde zwischen ihnen, und beschlossen gemeinsam, dass es anders sein würde, aber dass das nichts Schlechtes war. Sie redeten über die Frage, ob sie sich morgen früh noch genauso ansehen würden wie jetzt. Sie kamen zu dem Schluss, dass sie es nicht wussten, aber dass es ihnen auch egal war. Denn dieser Moment, diese Nacht, dieser flirrende Julihimmel über Berlin war so vollkommen, dass er keine Garantie für die Zukunft brauchte. Und dann, irgendwann zwischen Mitternacht und Morgen, als die Sterne schon begonnen hatten zu verblassen und der erste fahle Schimmer der Dämmerung sich über die Dächer legte, schliefen sie ein. Einfach so, mitten im Satz, als wäre der Schlaf eine Fortsetzung ihrer Zärtlichkeit mit anderen Mitteln.
Als Frida aufwachte, war es noch früh. Die Sonne war jedoch bereits aufgegangen und die Luft hatte diese kristalline Klarheit, die nur an Sommermorgen vorkam, bevor die Hitze des Tages alles wieder verschwimmen ließ. Helena schlief noch, zusammengerollt wie eine Katze, die ein Stückchen Sonne gefunden hat und es nicht mehr hergeben will, und ihr Gesicht war so entspannt, dass Frida sie fast nicht erkannte. Das war also der Mensch hinter der Ironie, dachte sie – diese weiche, ungeschützte Version, die man nur zu sehen bekam, wenn jemand sich wirklich fallen gelassen hatte. Frida stand leise auf, nicht um wegzugehen, sondern um Kaffee zu machen. Als sie mit zwei Tassen zurückkam, hatte Helena die Augen geöffnet und blinzelte in das Licht, das jetzt greller war und die letzten Reste der nächtlichen Magie vertrieb.
„Guten Morgen“, sagte Frida und reichte ihr eine Tasse. „Der Kaffee ist stark, der Morgen ist jung, und ich habe beschlossen, dass ich dich wiedersehen will – nicht trotz letzter Nacht, sondern wegen ihr.“ Helena nahm die Tasse entgegen, und ihre Finger berührten sich dabei. Ganz kurz nur, aber es war genug, um die Erinnerung an die vergangenen Stunden wieder aufleben zu lassen. Wie eine Glut, die man fürsorglich abgedeckt hatte und die jetzt, beim kleinsten Luftzug, wieder zu glimmen begann. „Ich glaube“, sagte sie, während sie den ersten Schluck Kaffee trank und den Blick über die Terrasse schweifen ließ, die im Morgenlicht völlig anders aussah als in der Nacht – weniger verwunschen, dafür echter, als hätte der Tag ihr eine neue, ehrlichere Haut gegeben. „Ich glaube, das mit der lesbischen Verführung haben wir relativ gut hinbekommen.” Wir sollten es vielleicht wiederholen. Rein zu Forschungszwecken, versteht sich.“ Und Frida lachte, warf den Kopf in den Nacken und dachte, dass dieser Tag, der gerade erst begonnen hatte, vielleicht einer der besten ihres Lebens werden würde.
– ENDE –
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