Heimliche Selbstbefriedigung
Der Duft von karamellisierenden Äpfeln und frisch gemahlenem Zimt hing schwer in der Luft, als Annika die schwere Holztür zur alten Stadtvilla aufdrückte. Draußen hatte der Novemberregen die Kopfsteinpflastergasse in ein dunkles Spiegelbild der Straßenlaternen verwandelt, doch hier drinnen war ein warmes, gedämpftes Licht und das leise Klirren von Kochutensilien. Sie strich sich eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn und ließ den Blick durch den weitläufigen Raum schweifen. Die umgebaute Remise mit ihren freigelegten Backsteinwänden und den massiven Eichenbalken unter der Decke wirkte wie eine Bühne, auf der gleich etwas Bedeutsames geschehen würde. Messinglampen warfen honigfarbene Lichtkreise auf die langen Arbeitstische aus gebeiztem Holz, und irgendwo in einer Ecke summte leise ein Kühlschrank.
Die anderen Kursteilnehmer waren bereits vollzählig versammelt. Es handelte sich um fünf Paare, die sich mit jener selbstverständlichen Vertrautheit umeinander bewegten. Diese Vertrautheit spürte Annika seit ihrer Trennung vor acht Monaten wie ein phantomhaftes Brennen unter der Haut. Sie sah die Männer, wie sie ihren Frauen die Schürzen zubanden und wie sie mit den Fingerspitzen kurz über Nacken oder Schulterblätter strichen. Die Gesten waren so beiläufig und doch so intim, dass Annika unwillkürlich den Blick abwandte. Sie war die einzige Einzelne. Das hatte sie gewusst, als sie sich für den Kurs angemeldet hatte – »Sinnliche Herbstküche für zwei« stand in verschnörkelter Schrift auf der Einladung, die sie seit Wochen wie einen Talisman in ihrer Handtasche trug. Aber sie hatte sich gesagt, dass es genau das war, was sie brauchte. Ein bewusster Schritt zurück in die Welt der Paare, der Berührungen, der geteilten Genüsse.
Der Kursleiter, ein schlanker Mann mit graumelierten Schläfen und der ruhigen Autorität eines Menschen, der genau weiß, was er tut, klatschte in die Hände. »Willkommen, meine Damen und Herren. Und willkommen, Annika«, fügte er mit einer kaum merklichen Neigung des Kopfes hinzu, die ihr das Blut in die Wangen trieb. Natürlich hatte er die Teilnehmerliste studiert. Natürlich wusste er, dass sie allein gekommen war. »Heute Abend kochen wir ein dreigängiges Herbstmenü. Aber bevor wir beginnen, möchte ich Sie bitten, sich umzuschauen. Wir haben sechs Paare heute – fünf plus mich«, ein kurzes, warmes Lächeln, »und eine Dame, die allein gekommen ist.« Seine Stimme war angenehm tief, ein Bariton, der im Raum nachhallte. »Annika, wäre es Ihnen recht, wenn ich Sie heute Abend persönlich begleite?«
Bevor sie antworten konnte, trat eine Gestalt aus dem Schatten des Durchgangs zur Vorratskammer. Ein Mann in dunkelblauem Leinenhemd, die Ärmel lässig bis knapp unter die Ellbogen aufgerollt, die Hände ruhig an den Seiten. Er war vielleicht Mitte dreißig, mit einem Gesicht, das aussah, als hätte es schon einiges gesehen und das meiste davon für gut befunden. Lachfältchen um die Augen, ein Mund, der sich auch im Ruhezustand zu einem leisen Amüsement zu verziehen schien. »Entschuldigen Sie die Verspätung«, sagte er, und seine Stimme war eine halbe Oktave tiefer als die des Kursleiters, ein dunkler, warmer Ton, der sich wie ein physisches Gewicht auf Annikas Brustbein legte. »Simon. Ich bin der Souschef hier. Und ich fürchte, ich bin heute ebenfalls ohne Partnerin.«
Der Kursleiter nickte, als hätte sich etwas fügen sollen, was er längst vorausgeahnt hatte. »Dann bilden Sie beide doch ein Team für heute Abend. Zufall oder Fügung – die Küche nimmt es, wie es kommt.«
Annika spürte, wie sich ihre Finger um den Riemen ihrer Handtasche schlossen. Simon sah sie direkt an, ohne die übliche, taxierende Vorsicht, mit der Männer fremde Frauen mustern. Sein Blick war offen, neugierig, als läse er bereits die erste Zeile eines Buches, von dem er wusste, dass es ihn fesseln würde. »Annika«, wiederholte er ihren Namen, als probierte er den Klang auf der Zunge. »Das ist skandinavisch, oder?«
»Meine Großmutter war Schwedin.«
»Dann haben Sie vermutlich eine besondere Beziehung zu Zimt.« Er deutete auf die Gewürzdosen, die auf dem Tisch vor ihnen aufgereiht standen. »Heute Abend geht es viel um Zimt. Um Wärme. Um das, was tröstet.«
Sie lächelte, und es fühlte sich an wie das erste ehrliche Lächeln seit Wochen. »Trösten kann ich gebrauchen.«
Die anderen Paare hatten längst begonnen, sich an ihren Stationen einzurichten. Annika und Simon standen sich an dem langen Holztisch gegenüber. Zwischen ihnen lag ein Schneidebrett mit Messern in verschiedenen Größen und einem Berg makellos roter Äpfel, die unter dem Licht der Messinglampen glänzten wie Bühnenrequisiten. Die Luft zwischen ihnen schien dichter zu sein als anderswo im Raum, geladen mit etwas Unausgesprochenem, das Annika nicht benennen konnte oder wollte. Sie wusste nur, dass sich ihre Haut plötzlich zu warm anfühlte und dass ihr Puls ein kleines, unvernünftiges Stück schneller ging.
Eine Berührung, die nicht im Rezept steht
Der erste Gang war Apfel-Zimt-Suppe mit karamellisierten Walnüssen. Simon reichte ihr ein Messer. Als ihre Finger sich für den Bruchteil einer Sekunde am Griff berührten, durchzuckte sie ein winziger elektrischer Schlag. Er kam so unerwartet, dass sie das Messer beinahe fallen ließ. Er schien es nicht zu bemerken, oder er war Schauspieler genug, es zu überspielen. Stattdessen begann er mit ruhigen, präzisen Bewegungen, die Äpfel zu schälen, und Annika sah zu, wie die Schale sich in einem einzigen langen, ununterbrochenen Band vom Fruchtfleisch löste.
»Sie haben geübte Hände«, sagte sie und hörte selbst, wie ihre Stimme eine Nuance zu beiläufig klang.
»Ich habe zehn Jahre in Restaurantküchen gearbeitet.« Da lernt man, dass es bei fast allem im Leben um den richtigen Druck geht. Um Timing. Und darum, nie den Respekt vor dem Material zu verlieren.« Er hielt inne, das Messer in der Luft, und sah sie an. »Aber heute Abend bin ich nicht der Koch. Heute Abend sind wir Partner.«
Das Wort hing zwischen ihnen, schwer und gleichzeitig schwerelos wie der Zimtduft, der von der offenen Gewürzdose aufstieg. Annika griff nach einem Apfel und begann, ihn in ungleichmäßige Scheiben zu schneiden, während sie aus dem Augenwinkel beobachtete, wie Simons Hände arbeiteten. Es waren schöne Hände, das konnte nicht geleugnet werden. Kräftig, aber nicht grob, mit langen Fingern und sauber geschnittenen Nägeln. Hände, die genau wussten, was sie taten. Hände, von denen sie sich ohne jede Vorwarnung vorstellte, wie sie sich anfühlen würden auf ihrer Haut. Nicht im Traum. Nicht in einer vagen, verklärten Fantasie. Sondern ganz konkret: die raue Textur seiner Fingerkuppen auf ihrem Handgelenk, der Druck seiner Handfläche zwischen ihren Schulterblättern.
Sie schob den Gedanken weg, so heftig, dass sie sich mit dem Messer in den Daumen schnitt. Ein scharfes Einatmen, ein hellroter Blutstropfen auf dem gelblichen Apfelfleisch. Simon war sofort neben ihr.
»Zeigen Sie her.« Keine Frage, sondern eine sanfte Anweisung. Er nahm ihre Hand, führte sie zum Wasserhahn, ließ kühles Wasser über die Wunde laufen. Seine Finger waren warm und trocken, und er hielt ihr Handgelenk mit einer Selbstverständlichkeit, als täten sie dies jeden Abend. »Nicht tief. Aber wir sollten ein Pflaster draufmachen.« Er griff in die Tasche seiner Schürze und zog ein kleines Pflaster hervor. Natürlich trug der Souschef eines Kochkurses Pflaster bei sich. Natürlich war er auf alles vorbereitet.
Als er das Pflaster über ihren Daumen strich, glättete, andrückte, spürte Annika etwas in sich zusammenschnurren, das sich gleichzeitig weit und eng anfühlte. Etwas, das weder mit dem Messer noch mit dem Apfel oder der Suppe zu tun hatte. Etwas, das schon viel länger in ihr geschlummert hatte, unter der Oberfläche des Alltags, unter den vernünftigen Gedanken an Arbeit und Termine und die nie enden wollende Liste der Dinge, die zu erledigen waren.
»So«, sagte Simon leise und ließ ihre Hand los. Aber nicht schnell. Sondern so, dass seine Fingerspitzen über ihre Haut glitten, eine winzige Verzögerung, die alles veränderte. »Jetzt sind Sie offiziell Teil des Teams. Verletzungen gehören dazu. Narben auch.«
Annika nickte und fand keine Worte. Die anderen Paare um sie herum waren vertieft in ihre eigenen Rezepte, ihre eigenen kleinen Intimitäten. Niemand hatte sie beobachtet. Und doch fühlte sie sich gesehen, und zwar nicht von den anderen, sondern von ihm, von dieser ruhigen, aufmerksamen Präsenz auf der anderen Seite des Tisches. Sie begann, die Walnüsse zu hacken, und versuchte, das Zittern in ihren Händen auf die Kälte der Nüsse zu schieben. Aber das war es nicht, und sie wusste es. Es war etwas anderes. Etwas, das sie seit Monaten nicht mehr gespürt hatte. Etwas, das sie mit aller Macht hatte vergessen wollen. Und das nun mit der ganzen ungebetenen Dringlichkeit eines vergessenen Liedes zurückkehrte, das man plötzlich im Radio hört und nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Die Suppe köchelte vor sich hin, und der Duft von Äpfeln, Zimt und Sahne legte sich über den Raum wie eine Decke aus flüssigem Gold. Simon rührte mit einem Holzlöffel langsame, hypnotische Kreisbewegungen und Annika dachte an etwas, das sie lange nicht gedacht hatte. Sie dachte an die Nächte in ihrer leeren Wohnung, an die Stille, die sich nach dem Abschalten des Fernsehers über sie legte wie ein zweites, schwereres Laken. Sie dachte an die Art, wie sie manchmal im Bett lag und ihre eigene Hand betrachtete, als wäre sie die eines Fremden. Wie sie sie langsam über ihren Bauch gleiten ließ, tiefer, immer tiefer, während ihre Gedanken abschweiften zu Gesichtern ohne Namen, zu Händen ohne Körper, zu Stimmen ohne Worte.
Es war lange her, dass sie jemandem diesen Teil von sich gezeigt hatte. Genau genommen hatte sie ihn nie jemandem gezeigt. Er existierte nur in den dunklen Stunden zwischen Mitternacht und Morgen. Dann kam die Stadt draußen vor ihrem Fenster zur Ruhe. Die einzigen Geräusche waren das ferne Rauschen des Verkehrs und ihr eigener, sich beschleunigender Atem. Die heimliche Selbstbefriedigung war zu einem festen, wenn auch verborgenen Teil ihres Lebens geworden. Dies geschah nicht aus Scham, sondern aus einer Art stiller Notwendigkeit. Es war auch ein Bedürfnis, sich selbst zu spüren in einer Welt, die immer weniger Raum für echte Berührungen zu lassen schien. Und nun stand sie hier, in einem Kochkurs, mit einem fremden Mann, dessen Hände sie gerade auf ihrer Haut gespürt hatte. Die Erinnerung an ihre einsamen Nächte vermischte sich mit der Gegenwart zu einer seltsamen, prickelnden Mischung.
Wenn der Zimt mehr verspricht als nur ein Dessert
Der zweite Gang war Rehrücken mit Rotwein-Schalotten und einem Gratin aus Sellerie und Birne. Die Zubereitung erforderte Konzentration, Präzision, und genau das war es, was Annika half, ihre Gedanken wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Sie und Simon arbeiteten jetzt in einem stillen, eingespielten Rhythmus. Er schnitt die Schalotten – makellose Brunoise, jedes Würfelchen identisch, als hätte er sie mit einem Lineal vermessen –, während sie den Rehrücken parierte und die Sehnen mit einem scharfen Messer vom Fleisch löste.
»Sie haben Talent«, sagte er, ohne aufzusehen. »Die meisten Leute haben Angst vor Fleisch. Sie nicht.«
»Ich habe vor ganz anderen Dingen Angst«, entgegnete sie, und es war heraus, bevor sie es zurückhalten konnte. Ein Satz, der zu viel preisgab, ein Fenster, das sie einen Spaltbreit zu weit geöffnet hatte.
Simon sah auf. Seine Augen waren von einem dunklen, warmen Braun, das im Schein der Messinglampen fast schwarz wirkte. »Angst wovor?«
Sie zögerte. Dann: »Vor dem Alleinsein. Vor der Stille. Vor mir selbst, manchmal.«
Er legte das Messer beiseite. Nicht theatralisch, sondern einfach so, als hätte er beschlossen, dass dieser Moment wichtiger war als die perfekte Brunoise. »Ich glaube, wir haben alle Angst vor der Stille«, sagte er. »Das ist der Grund, warum wir kochen. Warum wir essen. Warum wir uns an einen Tisch setzen und so tun, als ginge es nur ums Sattwerden.« Er wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, eine unbewusste, alltägliche Geste, die Annika dennoch mit einer Intensität beobachtete, die sie selbst überraschte. »Essen ist nie nur Essen. Es ist immer auch Berührung. Genuss. Hingabe.«
Das Wort »Hingabe« blieb in der Luft hängen wie der Duft der Zimtsuppe. Annika spürte, wie sich etwas in ihrem Inneren verschob, eine tektonische Platte aus Gewohnheiten und Selbstschutz, unter der etwas Heißes, Flüssiges zum Vorschein kam. Sie dachte an ihre Nächte, an die Einsamkeit ihrer eigenen Berührungen. Sie dachte an die Art, wie sie sich danach immer ein wenig leer fühlte, nicht befriedigt, sondern nur ruhiggestellt. Es war ein Hunger, der nie wirklich gestillt wurde, sondern nur betäubt, vertagt und aufgeschoben auf ein Morgen, das nie kam.
»Und was ist mit Ihnen?«, fragte sie. »Haben Sie auch Angst vor der Stille?«
Simon lächelte, und diesmal war es ein anderes Lächeln. Weniger amüsiert, mehr nachdenklich. Ein Lächeln, das von Dingen wusste, die es nicht aussprach. »Ich habe gelernt, die Stille zu mögen. Aber das war ein langer Weg. Und er ist noch nicht zu Ende.«
Der Rehrücken brutzelte in der Pfanne. Der Duft von Wild, Rotwein und Thymian vermischte sich mit der süßen Schwere der Zimtsuppe, die noch immer auf der anderen Seite des Raumes vor sich hin köchelte. Annika spürte die Hitze der Pfanne auf ihrem Gesicht, die Wärme der Kochstelle, die sich durch ihre Kleidung hindurch auf ihre Haut legte. Aber da war noch eine andere Hitze. Eine, die von innen kam. Eine, die mit dem Rehrücken nichts zu tun hatte und mit dem Rotwein nur insofern, als dass sie sich fragte, ob es der Wein war, der ihre Gedanken so weich machte, so fließend, so gefährlich offen für alles, was dieser Abend noch bringen mochte.
Sie beobachtete Simon, wie er die Soße abschmeckte, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Lippen gespitzt, als lauschte er einer unhörbaren Melodie. Seine Bewegungen waren sparsam, kontrolliert, aber unter dieser Kontrolle lag etwas, das sie nur erahnen konnte. Eine Energie, die sich nicht in Worten ausdrückte, sondern in Gesten. In der Art, wie er den Holzlöffel hielt. In der Art, wie er sich bewegte, wenn er um sie herumging, um etwas aus dem Kühlschrank zu holen – immer mit einem Abstand, der knapp genug war, um die Luft zwischen ihnen zum Knistern zu bringen, aber weit genug, um nicht aufdringlich zu sein.
Sie fragte sich, wie es wäre, diesen Abstand zu verringern. Nur um einen Zentimeter. Nur um die Breite eines Gedankens. Sie stellte sich vor, wie sie sich vorbeugen würde, angeblich, um etwas auf dem Schneidebrett zu richten, und wie ihre Schulter dabei seine Brust streifen würde. Sie stellte sich seinen Geruch vor – Holz, Gewürze, etwas Herbes, das sie nicht benennen konnte. Sie stellte sich vor, wie er reagieren würde. Ob er zurückweichen würde. Oder ob er stehen bleiben würde, ganz still, und sie ansehen mit diesen dunklen Augen, die mehr sagten als tausend Worte.
Die Fantasie war so lebendig, so überwältigend, dass sie für einen Moment vergaß, wo sie war. Die Küche, die anderen Paare, die Messingtöpfe und der Duft von Wild und Wein – alles trat zurück hinter die Kulisse ihrer Vorstellung. Diese Vorstellung leuchtete mit einer solchen Intensität auf, dass es sich fast wie eine Erinnerung anfühlte und nicht wie etwas, das noch nie geschehen war. Und in dieser Vorstellung war es Nacht, und sie waren allein, und seine Hände waren auf ihrer Haut, genau dort, wo sie vorhin seine Finger gespürt hatte, und sie wanderten höher und höher und höher –
»Die Soße ist fertig.« Simons Stimme holte sie zurück. Er hielt ihr den Löffel hin. »Probieren Sie.«
Sie nahm den Löffel, und ihre Lippen schlossen sich um das Holz, das noch warm war von seiner Hand. Die Soße war perfekt – tief, dunkel, ein Hauch von Schokolade und Lorbeer unter der Fruchtigkeit des Rotweins. Aber das war es nicht, was sie in diesem Moment schmeckte. Sie schmeckte ihn. Die Idee von ihm. Die Möglichkeit dessen, was zwischen ihnen entstehen könnte, wenn sie nur den Mut hätte, den ersten Schritt zu tun.
»Perfekt«, sagte sie, und ihre Stimme war rauer, als sie beabsichtigt hatte.
Simon nickte langsam. »Ja«, sagte er, und sie wusste nicht, ob er die Soße meinte oder etwas ganz anderes. »Perfekt.«
Als das Rezept zur Nebensache wird

Das Dessert war der Höhepunkt des Abends – ein warmer Schokoladenkuchen mit flüssigem Kern, dazu eine Zimt-Sahne. Diese schlug Simon mit einer solchen Hingabe auf, als wäre sie der Beweis für eine These, die er sein ganzes Leben lang hatte beweisen wollen. Die anderen Paare hatten längst aufgehört, konzentriert zu arbeiten. Sie lachten, sie tranken Wein und sie fütterten sich gegenseitig mit Häppchen von dem, was sie zubereitet hatten. Ihre Gesichter waren gerötet von der Hitze der Herde und der Wärme des Weins sowie von etwas anderem, das Annika nur zu gut kannte. Obwohl sie es seit Monaten nicht mehr erlebt hatte, erinnerte sie sich gut daran. Es war die Vorfreude. Das Wissen, dass der Abend noch nicht zu Ende war. Dass nach dem Essen etwas kommen würde, das mit Essen nichts zu tun hatte.
Simon hatte den Küchenplan für die Zubereitung des Desserts so umgestellt, dass sie mit dem Rücken zum Raum standen. Sie waren abgeschirmt von den Blicken der anderen durch die breite Kochinsel und den Dampf, der von den Töpfen aufstieg. Es war Absicht. Annika wusste es, und sie wusste auch, dass er von ihrem Wissen wusste. Und trotzdem spielten sie das Spiel weiter, dieses Spiel aus Blicken und Gesten und dem unausgesprochenen Einverständnis, dass das, was hier geschah, nicht für die anderen bestimmt war.
Er gab ihr die Schüssel mit der Schokoladenmasse. »Rühren Sie. Langsam. Immer in die gleiche Richtung. Sonst wird die Textur ungleichmäßig.«
Sie rührte. Langsam. Immer in die gleiche Richtung. Und während sie rührte, trat er hinter sie. Nicht dicht. Aber nah genug, dass sie seinen Atem in ihrem Nacken spürte, warm und gleichmäßig, als hätte er alle Zeit der Welt. »So ist es gut«, sagte er leise. »Spüren Sie den Widerstand? Die Masse wird schwerer, je mehr Sie rühren. Das ist das Eiweiß, das sich mit der Schokolade verbindet. Es ist wie bei allem – es braucht Zeit, bis sich die Dinge wirklich miteinander verbinden.«
Annika schloss die Augen. Nur für einen Moment. Nur so lange, wie es dauerte, einmal tief einzuatmen und wieder auszuatmen. Und in diesem Moment, hinter ihren geschlossenen Lidern, war die Küche verschwunden und mit ihr die anderen Paare und der Kursleiter und die ganze Welt. Es gab nur noch sie und ihn und die Wärme seines Körpers, die sich wie eine Aura um sie legte. Es gab auch den Duft von Schokolade und Zimt und Simon, diesen herben, holzigen Geruch, den sie noch immer nicht benennen konnte. Aber dieser Duft hatte bereits begonnen, sich in ihrem Gedächtnis festzusetzen wie ein Lied, das man nicht mehr vergisst.
Sie stellte sich vor, wie er ihre Hände nahm und sie von der Schüssel löste. Wie er sie zu sich herumdrehte, ganz langsam, als hätte er alle Zeit der Welt. Wie er sie ansah, mit diesem Blick, der tiefer ging als jeder vorher. Wie er keine Fragen stellte, weil es keine Fragen mehr gab, nur noch Antworten, die sich in der Sprache der Körper ausdrückten, nicht in Worten. Sie stellte sich vor, wie er sie küsste, und es war nicht der Kuss, den sie aus Filmen kannte, nicht dieses inszenierte, perfekt ausgeleuchtete Wesen, das nichts bedeutete und von allem zu viel. Es war ein Kuss, der fragte und antwortete zugleich, ein Kuss, der anfing und nie aufhörte, ein Kuss, der alles veränderte und nichts, weil das, was zwischen ihnen war, schon längst da war, bevor ihre Lippen sich je berührt hatten.
»Annika?« Seine Stimme war ein Flüstern, kaum mehr als ein Hauch an ihrem Ohr. »Wo sind Sie gerade?«
Sie öffnete die Augen. Die Schüssel in ihren Händen. Der Löffel, den sie noch immer in der Schokoladenmasse bewegte, bewegte sich jetzt langsamer, viel langsamer, als es das Rezept vorschrieb. »Hier«, sagte sie, und es war die Wahrheit und gleichzeitig die größte Lüge, die sie je ausgesprochen hatte. Denn sie war hier, und sie war es nicht. Sie war in dieser Küche, und sie war in einer anderen Welt, einer Welt, in der seine Hände auf ihrer Haut lagen und seine Lippen auf ihrem Hals und seine Stimme in ihrem Ohr, leise, aber unüberhörbar.
»Gut«, sagte er, und diesmal war es keine Frage mehr, sondern eine Feststellung. »Bleiben Sie hier. Bei mir. Beim Rezept.«
Sie nickte und rührte weiter, und der Kuchen nahm Form an unter ihren Händen, und die Minuten dehnten sich wie Sirupfäden in der Winterluft. Die anderen Paare begannen, ihre Teller zusammenzuräumen und ihre Schürzen abzulegen. Der Kursleiter ging von Tisch zu Tisch, lobte, korrigierte und lächelte mit seinem einheitlichen Lächeln, das nichts von dem ahnte, was an dieser einen Station zwischen diesen beiden Menschen geschah.
Die heimliche Selbstbefriedigung. So nannte sie es, wenn sie allein in ihrer Wohnung war, die Jalousien herunterließ, das Licht ausschaltete und die Welt aussperrte. Aber dies hier war anders. Das war keine Einsamkeit, die nach Erlösung rief. Das war eine Gemeinsamkeit, die noch nicht ausgesprochen war, die aber schon da war, zwischen ihnen, in jedem Blick, in jeder Berührung, in jedem Atemzug. Und das Wissen darum war so erregend, dass Annika spürte, wie ihre Knie weich wurden und ihre Hände zu zittern begannen, nicht vor Kälte, nicht vor Angst, sondern vor etwas, das sie nur mit einem Wort beschreiben konnte, und dieses Wort war so alt wie die Menschheit selbst und so neu wie dieser Augenblick: Verlangen.
Der Geschmack von etwas, das bleiben wird
Der Abend endete, wie alle Abende enden – mit dem Nachhauseweg, mit dem Regen, der noch immer gegen die Fensterscheiben trommelte, mit dem Aufräumen der Küchenutensilien und dem Zusammenfalten der Schürzen. Aber er endete auch nicht, nicht wirklich, denn das, was zwischen ihnen entstanden war, ließ sich nicht zusammenfalten und wegräumen. Es blieb, auch als die anderen Teilnehmer längst in ihre Mäntel geschlüpft waren und mit verlegenen Abschiedsgesten in die Nacht hinausgeeilt waren. Es blieb, auch als nur noch sie beide in der leeren Küche standen, umgeben von den Resten eines Menüs, das keiner von ihnen je vergessen würde.
Simon wischte die Arbeitsflächen ab, während Annika die letzten Töpfe in die Spülmaschine räumte. Sie arbeiteten schweigend nebeneinander her, als wären sie ein altes Ehepaar, das keine Worte mehr brauchte. Aber das Schweigen war nicht leer. Es war voll, prall angefüllt mit allem, was sie nicht gesagt hatten und vielleicht nie sagen würden.
Er war es, der das Schweigen brach. »Ich würde gerne weitermachen«, sagte er einfach. »Nicht jetzt. Nicht heute Nacht. Aber morgen. Oder übermorgen. Oder wann immer Sie Zeit haben. Ich würde gerne weiterkochen mit Ihnen.« Er legte das Geschirrtuch beiseite und sah sie an. Diesmal war sein Blick nicht nur offen, sondern auch verletzlich, als hätte er eine Rüstung abgelegt, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass er sie trug. »Ich weiß, das klingt verrückt. Wir kennen uns seit drei Stunden. Aber ich habe das Gefühl, ich kenne Sie länger. Viel länger.«
Annika spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte, nur einen einzigen, winzigen, bevor es weiterschlug, schneller jetzt, als wollte es das Versäumte nachholen. »Es klingt nicht verrückt«, sagte sie. »Es klingt nach dem einzig Vernünftigen, das heute Abend gesagt wurde.«
Er lächelte, und es war das schönste Lächeln, das sie je an ihm gesehen hatte – kein amüsiertes, kein nachdenkliches, sondern einfach ein glückliches. »Dann gebe ich Ihnen meine Nummer. Und Sie geben mir Ihre. Und dann sehen wir weiter. Ohne Rezept diesmal. Einfach nur so. Weil es sich richtig anfühlt.«
Sie tauschten ihre Telefonnummern aus, und als seine Finger über das Display ihres Handys glitten, dachte sie daran, wie sie heute Nacht nach Hause kommen würde. In ihre leere Wohnung. In ihrer Stille. In ihr Bett, das zu groß für eine Person war. Sie würde die Jalousien herunterlassen, das Licht löschen, die Welt aussperren. Aber diesmal würde es anders sein. Diesmal würde sie nicht allein sein, nicht wirklich, denn da war jetzt ein Name in ihrem Telefon und ein Gesicht in ihren Gedanken und eine Stimme in ihrem Ohr, die leise, tief und unvergesslich war. Und sie würde ihre Hand auf ihren Bauch legen, und sie würde sie langsam tiefer gleiten lassen, und sie würde sich vorstellen, dass es nicht ihre Hand war, sondern seine. Und die heimliche Selbstbefriedigung würde nicht mehr heimlich sein, nicht mehr einsam, nicht mehr ein Trost für etwas, das fehlte. Sie würde ein Vorgeschmack sein. Eine Verheißung. Ein Versprechen auf das, was kommen würde.
Denn es würde kommen. Das wusste sie jetzt, mit einer Gewissheit, die nichts mit Logik zu tun hatte. Es hatte alles mit dem Zimtduft zu tun, der noch immer in ihren Haaren hing, und dem Klang seiner Stimme, der noch immer in ihrem Ohr widerhallte. Auch das Gefühl seiner Hände auf ihrer Haut war noch immer da, als hätte er sich eingebrannt in ihre Nervenenden, ein Feuer, das nicht mehr zu löschen war.
»Bis bald, Annika«, sagte Simon, und er sagte es nicht wie eine Floskel, sondern wie ein Versprechen.
»Bis bald«, antwortete sie, und sie hörte selbst, dass ihre Stimme belegt war, schwer von allem, was sie nicht sagte und was er trotzdem verstand.
Sie trat hinaus in die Novembernacht, und der Regen hatte aufgehört. Über den Dächern der Stadt rissen die Wolken auf und gaben den Blick frei auf einen schmalen Streifen Himmel, der dunkel war und voller Sterne. Sie ging die Kopfsteinpflastergasse entlang, und ihre Schritte waren leicht, als trüge sie Schuhe aus Luft. Als sie zu Hause ankam und die Tür hinter sich schloss und den Mantel von den Schultern gleiten ließ, da wusste sie, dass dies nicht das Ende war. Es war der Anfang von etwas, für das es noch keine Worte gab. Aber es würde Worte geben. Und Küsse. Und Hände auf Haut. Und Nächte, die nicht einsam waren, sondern geteilt. Und die Morgen, die nach Zimt rochen, nach Kaffee und nach der Wärme eines Körpers, der neben ihr lag und sie ansah, als wäre sie das Kostbarste auf der Welt.
Und bis es soweit war, würde sie ihn in ihren Gedanken bei sich tragen. In ihren Träumen. In den stillen Stunden zwischen Mitternacht und Morgen. In der geheimen, süßen, verbotenen Welt ihrer Fantasie, die jetzt einen Namen hatte und ein Gesicht und eine Stimme, die nie mehr aufhören würde, in ihrem Ohr zu flüstern: „Bleiben Sie hier.“ Bei mir. Beim Rezept.
– ENDE –
Falls dir diese erotische Geschichte gefallen hat, bewerte sie doch bitte.



