Eine verbotene Affäre
Verdammt, er steht zu nah. Annikas Finger umklammerten den Sattel ihres Mountainbikes fester, während sie spürte, wie Simon hinter sie trat. Sein Atem streifte ihren Nacken, kaum wahrnehmbar, aber genug, um eine Gänsehaut über ihre Unterarme zu jagen. Sie starrte auf die reflektierende Fläche des Autodachs, in der sich die Nachmittagssonne brach, und versuchte, ihr Gesicht unter Kontrolle zu halten. Zeig nichts. Atme einfach weiter. Es ist nur Simons Hand, die jetzt auf dem Gepäckträger neben deiner liegt, zufällig, bedeutungslos. Nur die Finger eines Mannes, der mit seiner Frau und ihrer Familie seit Jahren befreundet ist. Nichts weiter.
Das leise Knacken des Fahrradträgers klang unnatürlich laut in der Stille zwischen ihnen. Vor der Ferienwohnung, einem verwinkelten Fachwerkhaus mit grünen Fensterläden, parkte ihr Kombi schräg auf dem Kiesweg. Der Lavendel neben der Haustür verströmte seinen schweren Duft, und irgendwo klapperte eine lose Regenrinne im leichten Wind. Ihre Männer waren bereits im Haus verschwunden, um die Betten zu beziehen und den Kühlschrank mit den ersten Einkäufen zu füllen. Simons Frau Mareike hatte sich mit einem Anflug von Kopfschmerzen in den Schatten der Pergola zurückgezogen. Und nun standen sie hier, Annika und Simon, zwei Menschen, die sich in zehn Jahren gemeinsamer Urlaube vielleicht hundertmal genau so gegenübergestanden hatten – und doch nie so.
Annika wagte nicht, sich umzudrehen. Sie kannte dieses Kribbeln, das von ihrer Wirbelsäule aus in ihren Bauch wanderte. Sie kannte es, weil es schon auf der Hinfahrt begonnen hatte. Bei jeder Raststätte, bei jedem zufälligen Blickkontakt im Rückspiegel, wenn Simon auf dem Beifahrersitz saß und sie hinten zwischen den Kindern eingequetscht war, hatte sie das Gefühl. Eine verbotene Affäre begann nicht in einem Hotelzimmer oder einer düsteren Bar. Sie begann genau hier, vor einer Ferienwohnung, beim Ausladen von Fahrrädern, mit einem zu nah stehenden Mann und dem verzweifelten Versuch, sich einzureden, dass man sich das alles nur einbildete.
„Du hast vergessen, den Schnellspanner zu lösen“, murmelte Simon. Seine Stimme war tiefer als sonst, oder bildete sie sich das ein?
„Ach ja.“ Annikas Daumen tastete blind nach dem Hebel. Ihre Hände zitterten. Sie spürte, wie er sich noch näher beugte, roch den leichten Schweiß von der Fahrt, gemischt mit dem Zitrusduft seines Aftershaves. Kein teures Parfum, sondern das simple Zeug aus der Drogerie, das sie selbst ihm vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Er trug es immer noch.
Simon griff um sie herum, seine Brust nur Millimeter von ihrem Rücken entfernt. Seine Finger schlossen sich um den Schnellspanner, berührten dabei wie zufällig ihren Handrücken. Ein elektrischer Schlag, der bis in ihre Brustwarzen zuckte. Annika sog scharf die Luft ein und hörte gleichzeitig, wie Simon einen Atemzug lang innehielt. Sie erstarrten beide, eine Skulptur aus Verbot und Verlangen, eingerahmt von Fahrradreifen und glänzendem Autolack.
„So“, sagte Simon und löste den Spanner mit einem metallischen Klicken. Seine Hand blieb auf ihrer. Zwei Sekunden. Drei. Dann zog er sie zurück, langsam, als koste es ihn physische Kraft.
Annika drehte sich um. Es war ein Fehler, das wusste sie in dem Moment, als sie seinen Augen begegnete. Nicht den freundlichen, leicht spöttischen Augen, mit denen Simon normalerweise über politische Diskussionen beim Grillabend hinweghalf oder die neuesten Eskapaden seiner Teenagertochter kommentierte. Es waren die Augen eines Mannes, der genauso am Abgrund stand wie sie. Hungrig. Erschrocken über die eigene Kühnheit. Und gleichzeitig vollkommen entschlossen, keinen Schritt zurückzuweichen.
„Simon …“ Ihr Flüstern verlor sich zwischen dem Tschilpen der Schwalben unter den Dachvorsprüngen.
„Ich weiß“, antwortete er, obwohl sie gar nichts gesagt hatte. Er wusste es tatsächlich. Das machte alles noch gefährlicher.
Hinter ihnen quietschte die Haustür. Mareike kam heraus, eine Hand an der Schläfe, die andere mit einer Wasserflasche. Annika wandte sich abrupt wieder dem Fahrrad zu, riss es mit einem Ruck vom Träger, dass der Reifen über den Kies schleifte. Simon griff nach dem zweiten Rad, seinem eigenen, als wäre nichts geschehen. Nur das leichte Beben seiner Hände verriet ihn, während er den Schnellspanner löste und das Rad auf den Boden wuchtete.
„Alles klar bei euch?“ Mareikes Stimme klang müde, aber arglos. Sie ließ sich auf die steinerne Treppe vor dem Haus sinken, die Wasserflasche an die Stirn gepresst.
„Alles bestens“, rief Annika und hasste sich sofort für das überschwängliche Timbre, das sie ihrer Stimme zwangsweise verlieh. „Nur der blöde Träger, du weißt schon, das Ding klemmt immer.“ Sie lachte, ein künstliches, viel zu hohes Geräusch, das in der stillen Dorfstraße widerhallte. Simon warf ihr einen raschen Blick zu, und in seinen Mundwinkeln zuckte etwas, das fast ein Lächeln war. Er hatte sie durchschaut. Natürlich hatte er das.
Der Augenblick zwischen den Fahrradständern, der alles verwandelte
Die Fahrräder lehnten an der Hauswand wie schlafende Tiere, und die nächsten zwanzig Minuten vergingen in geschäftigem Hin und Her. Koffer ausladen, die richtigen Zimmer zuweisen, die Kinder ermahnen, nicht sofort mit schmutzigen Schuhen auf die frisch bezogenen Betten zu springen. Annika bewegte sich durch die Routinen wie eine Schauspielerin, die ihre alte Rolle spielt, während ihr eigentliches Ich irgendwo neben ihr schwebte und jede Bewegung von Simon registrierte.
Wie er seiner Tochter Lena den Koffer trug. Wie seine Schulterblätter unter dem dünnen Leinenhemd arbeiteten, wenn er sich nach einer heruntergefallenen Zahnbürste bückte. Wie seine Blicke sie immer wieder suchten, unauffällig für alle anderen, aber für sie so sichtbar wie Leuchtsignale in dunkler Nacht. Er war kein auffällig gutaussehender Mann. Anfang vierzig, mit bereits grau meliertem Haar an den Schläfen und den ersten Linien um die Augen. Aber seine Hände – Annika hatte schon immer auf seine Hände geachtet, lange bevor sie sich einzugestehen wagte, was sie da eigentlich tat. Kräftige Finger mit kurz geschnittenen Nägeln, die Gitarre spielen konnten und selbstgebaute Vogelhäuschen zusammenschraubten. Finger, die heute auf ihrem Handrücken gelegen hatten.
In der Küche trafen sie sich wieder. Annika wollte Kaffee kochen, Simon suchte angeblich nach einem Korkenzieher für den Rotwein, den sie mitgebracht hatten. Der Raum war schmal, eine typische Ferienhausküche mit geblümten Vorhängen und einem altersschwachen Herd. Der Kühlschrank summte, und draußen hörte man die Stimmen der anderen, die sich über die Aufteilung der Zimmer stritten.
„Das Bad ist winzig“, sagte Simon leise. Er stand plötzlich hinter ihr, so nah, dass sie die Wärme seines Körpers spürte, während sie die Kaffeemaschine mit Wasser befüllte. Diesmal gab es keinen Vorwand. Keinen Schnellspanner, den er für sie lösen musste. Nur die nackte Tatsache, dass er in ihrer unmittelbaren Nähe stand, ohne einen Grund außer dem einen, den sie beide nicht aussprechen durften.
„Simon, bitte.“ Annika drehte sich nicht um. Ihre Hände zitterten so sehr, dass das Wasser aus der Kanne schwappte. „Mareike ist direkt nebenan. Und die Kinder …“
„Ich weiß.“ Wieder dieses Ich-weiß, das wie eine verschworene Formel zwischen ihnen stand. Aber diesmal folgte keine Distanzierung. Stattdessen legte Simon seine Hand auf ihre Hüfte. Flach, warm, mit genau dem Druck, der unmissverständlich machte: Ich will das. Ich will dich. Und ich werde nicht mehr vorgeben, als täte ich es nicht.
Annika schloss die Augen. Seit zwei Jahren kämpfte sie gegen diese Bilder an, die sie nachts heimsuchten, gegen die Phantasien, die sich in ihren einsamen Momenten unter der Dusche materialisierten. Sie kämpfte gegen das Gefühl an, dass sie in ihrer eigenen Ehe mehr Gewohnheit als Leidenschaft lebte, dass ihr Mann sie liebte, aber nicht mehr begehrte, und dass sie selbst sich nur in diesen geheimen, schmutzigen Träumen von Simon begehrte. Und nun stand er hier, seine Hand auf ihrer Hüfte, und all die sorgsam errichteten Mauern schmolzen wie Aprilfrost in der Morgensonne.
Sie lehnte sich zurück, unmerklich, aber genug, dass ihr Rücken Simons Brust berührte. Ein leiser Seufzer entfuhr ihm, heiß an ihrem Haaransatz. Seine andere Hand schob sich unter den Saum ihres T-Shirts und glitt langsam über die Haut ihres Bauchs, höher, bis seine Finger die Unterseite ihrer Brüste ertasteten. Annika biss sich auf die Lippe, um nicht aufzustöhnen. Der BH war dünn, Spitze, nichts Besonderes, aber seine Finger nestelten sich darunter, suchten die harten Knospen ihrer Brustwarzen, fanden sie, umspielten sie mit einer Zärtlichkeit, die ihr den Atem raubte.
„Seit Jahren“, flüsterte Simon an ihrem Ohr. Seine Stimme war rau, wie ungeschliffenes Holz. „Seit Jahren will ich dich so anfassen. Jedes Grillfest, jedes Silvester, jeder verdammte gemeinsame Urlaub …“
„Hör nicht auf“, hauchte Annika. Es war das Ehrlichste, was sie seit Monaten gesagt hatte.
Seine Finger massierten ihre Brustwarzen, umkreisten sie und drückten sie sanft, bis die Lust zwischen Annikas Beinen pochte. Sie spürte, wie sich sein Schwanz gegen ihre Pobacke drückte, hart und fordernd, und das Wissen um seine Erregung ließ ihre eigene feuchte Hitze noch intensiver werden. Sie griff hinter sich, legte ihre Hand auf seine Hüfte, zog ihn fester an sich. Die Geste war eindeutig. Nimm mich. Hier. Jetzt. Ich will nichts anderes mehr.
„Mama, wo sind meine Turnschuhe?“ Lenas Stimme riss sie auseinander wie ein Peitschenschlag. Simon taumelte einen Schritt zurück, Annika wirbelte zur Kaffeemaschine herum, zerrte ihr T-Shirt zurecht, spürte, wie ihre Wangen brannten. Die Tür flog auf, und die Elfjährige stand im Rahmen, arglos, gelangweilt, nichtsahnend.
„Im Kofferraum, Schatz, der blaue Beutel“, sagte Simon mit einer Stimme, die bemerkenswert ruhig klang. Annika wagte nicht, ihn anzusehen, wagte nicht, sich umzudrehen, bis das Mädchen wieder verschwunden war. Die Stille, die sie zurückließ, war schwer von unausgesprochenen Fragen. Was tun wir hier? Wie weit werden wir gehen? Und vor allem: Wie zum Teufel kommen wir jemals wieder davon los?
Das Gefühl seiner Finger, wo nur die Nacht sie sehen konnte

Der erste Abend war eine Übung in Selbstbeherrschung. Sie aßen gemeinsam auf der Terrasse Spaghetti mit Tomatensoße, die Annika viel zu hastig gekocht hatte. Die Teller klapperten, die Kinder mäkelten, die Erwachsenen unterhielten sich über die Route für die morgige Radtour. Annikas Mann Stefan war bester Laune, schwärmte von der Landschaft, scherzte mit Mareike, bemerkte nichts. Oder wollte nichts bemerken. Annika saß neben Simon, ihre Knie berührten sich unter dem Tisch. Jedes Mal, wenn sie sich loszureißen versuchte, folgte sein Bein dem ihren, beharrlich und ohne etwas zu sagen. Es war eine stumme Versicherung: Das hier war kein einmaliger Ausrutscher, den man vergessen konnte.
Nach dem Abendessen schlug Stefan eine Runde Siedler von Catan vor. Annika hasste Gesellschaftsspiele, heute mehr denn je. Simon saß ihr gegenüber und warf ihr Blicke zu, die wie Versprechungen waren. Währenddessen baute seine Frau neben ihm ihre Siedlungen und machte harmlose Witze über seine angebliche Unfähigkeit, die richtigen Karten zu ziehen. Annika lachte mit, trank ihren Wein, dachte an seine Finger unter ihrem T-Shirt. Die Diskrepanz zwischen der harmlosen Spielerunde und dem, was vor drei Stunden in der Küche passiert war, machte sie fast wahnsinnig.
Erst um kurz nach halb elf löste sich die Runde auf. Die Kinder schliefen längst, Mareike gähnte demonstrativ, Stefan klagte über Rückenschmerzen von der Fahrt. Annika gab vor, noch etwas lesen zu wollen, zog sich in das kleine Gästezimmer zurück, das sie mit Stefan teilte. Ihr Mann fiel ins Bett wie ein Stein, schlief innerhalb von Minuten ein, sein leises Schnarchen erfüllte den Raum. Annika lag da, das Buch ungeöffnet auf der Brust, und lauschte auf die Geräusche des Hauses. Schritte. Eine Tür. Wasserrauschen. Stille.
Gegen Mitternacht hielt sie es nicht mehr aus. Sie schlich aus dem Zimmer, barfuß, in einem dünnen Sommerkleid, das sie hastig übergeworfen hatte. Der Flur war dunkel, nur unter Simons und Mareikes Tür schimmerte matter Lichtschein. Annika zögerte, die Hand bereits erhoben, um anzuklopfen. Was, wenn Mareike öffnete? Was würde sie sagen? Ich wollte nur … was? Einen Rat? Etwas leihen? Die Lüge würde zerbrechen, noch bevor sie sie ausgesprochen hatte.
Da öffnete sich die Tür, und Simon stand vor ihr. Er trug nur eine Boxershorts, seine Brust war nackt, das graue Haar darauf von der Schreibtischlampe hinter ihm schwach illuminiert. Hinter ihm, im Zimmer, hörte Annika die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge einer schlafenden Mareike. Simon trat auf den Flur hinaus, zog die Tür leise hinter sich zu, legte einen Finger an die Lippen.
„Ich konnte nicht schlafen“, flüsterte Annika. Es war die dümmste, abgedroschenste Ausrede der Welt.
Simon antwortete nicht. Stattdessen griff er nach ihrer Hand und zog sie den Flur entlang, vorbei an den Kinderzimmern, die Treppe hinunter, durch die dunkle Wohnküche, hinaus auf die Terrasse. Die Nachtluft war kühl, der Himmel übersät mit Sternen, die in der klaren Bergluft funkelten. Aber Annika sah all das nur am Rande. Sie sah vor allem Simon, wie er sie an die steinerne Hauswand drückte, sanft aber bestimmt, wie er sich über sie beugte und seine Lippen endlich auf ihre senkte.
Der Kuss war anders, als sie ihn sich tausendmal vorgestellt hatte. Kein sanftes Erkunden, kein zärtliches Herantasten. Es war ein Ausbruch, ein Dammbruch, eine Welle aufgestauter Begierde, die sich über ihnen brach. Simons Zunge drang in ihren Mund, fordernd, forschend, und Annika erwiderte mit einer Gier, die sie selbst erschreckte. Sie grub ihre Finger in seine Schultern, spürte die Muskeln unter seiner Haut, die Hitze seines Körpers, die gegen die Kälte der Steinwand kontrastierte.
„Ich will dich so sehr“, stieß Simon zwischen den Küssen hervor. „Du weißt nicht, wie sehr. Jede Nacht, in der ich neben Mareike liege, stelle ich mir vor, du wärst es. Dein Körper. Deine Haut. Dein Geschmack.“ Er schob ihr dünnes Kleid hoch, streifte es über ihre Hüften, ließ seine Hände über ihre Schenkel gleiten, höher, bis zum Saum ihres Slips. Baumwolle, einfach, nichts Besonderes. Sie hatte nicht vorgehabt, heute Nacht zu jemandem ins Bett zu steigen. Und doch brannte sie darauf, dass er es ihr auszog, dass seine Finger fanden, was darunter so feucht und bereit auf ihn wartete.
Simon schien ihre Gedanken zu lesen. Er schob den Slip beiseite, und seine Finger tauchten in ihre nasse Hitze, langsam, genießerisch, während sein Daumen über ihre Klitoris strich. Annika stöhnte auf, lauter als beabsichtigt, und seine andere Hand legte sich sofort auf ihren Mund. „Pst“, machte er, aber seine Augen funkelten vor Erregung. Die Gefahr, entdeckt zu werden, das Wissen um den schlafenden Ehepartner nur wenige Meter entfernt, machte alles nur intensiver, verbotener, rauschhafter.
Seine Finger bewegten sich in ihr, ein Rhythmus, der jahrelange Sehnsucht in jede Bewegung legte. Annika biss in seine Handfläche, um nicht zu schreien, während seine Berührung sie höher und höher trieb. Ihr Becken drängte gegen seine Hand, ihre Schenkel zitterten, sie spürte den Orgasmus kommen wie eine Welle, die sich am Horizont aufbaute, unaufhaltsam, überwältigend.
„Komm für mich“, flüsterte Simon an ihrem Ohr. „Komm, Annika. Ich will spüren, wie du kommst. Ich habe so lange darauf gewartet.“ Seine Worte, die rohe Ehrlichkeit darin, kippten sie über die Kante. Die Woge brach über ihr zusammen. Sie krallte sich an seinen Schultern fest und presste ihr Gesicht gegen seine Brust. Währenddessen zog ihr Körper sich in ekstatischen Zuckungen um seine Hand zusammen. Pumpend und sich entladend erlebte sie es so, wie sie es nie zuvor erlebt hatte. Nicht mit Stefan, nicht allein, nicht in ihren wildesten Träumen.
Er sank vor ihr auf die Knie, und die Welt schrumpfte auf diesen Moment.
Als Annikas Atem sich wieder beruhigte, als die Wellen der Lust zu einem sanften Kribbeln verebbten, sah Simon sie an. Sein Blick war ernst, fast feierlich, als hätte er eine Entscheidung getroffen, die bedeutsamer war als dieser Moment. Dann sank er vor ihr auf die Knie, direkt auf den rauen Steinboden der Terrasse. Annika wusste, was kommen würde, noch bevor er ihr Kleid ganz hochschob, noch als seine Lippen die Innenseite ihrer Schenkel berührten.
Kein Mann hatte das je bei ihr getan. Stefan hielt es für unhygienisch, hatte er einmal gesagt, vor Jahren, und seitdem hatte Annika nie wieder gefragt. Sie hatte es als gegeben hingenommen, dass dieser Teil der Sexualität ihr verschlossen blieb. Und nun kniete Simon, der Mann, den sie in zehn Jahren nie weiter als eine Handbreit an sich herangelassen hatte, zwischen ihren gespreizten Beinen. Er küsste sich den Weg zu ihrem Schoß, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Seine Zunge berührte sie, und Annika hätte fast geschrien. Die Empfindung war so intensiv, so anders als alles, was sie kannte, dass sie für einen Moment dachte, sie würde ohnmächtig werden. Simon leckte sie langsam, mit breiten, genießerischen Strichen, als wolle er jeden Winkel ihres Geschmacks erkunden. Seine Hände hielten ihre Hüften und pressten sie gegen die Wand. Währenddessen drang seine Zunge tiefer ein und legte sich um ihre Klitoris, saugte daran und umspielte sie. Schließlich gaben Annikas Beine nach und sie wurde nur noch von seinen Händen und der Steinwand gehalten.
„So gut“, stöhnte sie, die Worte kamen von irgendwo tief aus ihrem Inneren, an ihrem bewussten Denken vorbei. „Oh Gott, Simon, das ist so gut, hör nicht auf, bitte hör nie auf.“ Er hörte nicht auf. Seine Zunge wirbelte schneller, härter, seine Lippen umschlossen sie, und als er einen Finger in sie schob, dann einen zweiten, während sein Mund unablässig an ihrer Klitoris saugte, kam sie erneut. Diesmal war der Orgasmus heftiger, schüttelte sie wie ein Blatt im Sturm, ließ sie vergessen, wo sie war und mit wem und dass sie eigentlich leise sein musste. Simon fing ihre Laute mit seinem Mund auf, ließ sie in sich hineinschreien, trank ihre Lust, bis sie schlaff gegen die Wand sank und er sie auffangen musste.
„Noch nicht“, sagte er, als er sich aufrichtete. Sein Kinn glänzte von ihr, seine Augen brannten vor ungestilltem Verlangen. Er schob seine Boxershorts hinunter, und Annika sah zum ersten Mal seinen Schwanz – hart, die Spitze feucht, bereit. Größer als Stefans, registrierte ein Teil ihres Verstandes, und der Gedanke an ihren Mann war so absurd in diesem Moment, so weit entfernt, dass er keinerlei Schuldgefühl auslöste. Nur den triumphierenden, schamlosen Satz in ihrem Kopf: „Das hier gehört mir.“ Dieser Mann, dieser Augenblick, diese Lust. Alles meins.
Simon drehte sie um. Ihre Hände stemmten sich gegen die raue Steinmauer, ihr Kleid war um ihre Taille zusammengeschoben, ihr Slip irgendwo in der Dunkelheit verschwunden. Sie spürte, wie er hinter sie trat. Die Hitze seines Körpers drang an ihren Rücken, während seine Hand seinen Schwanz führte. Seine Eichel rieb an ihrem Eingang und nahm ihre Nässe auf. Sie beide stöhnten über den simplen, animalischen Kontakt. Dann drang er in sie ein, langsam, Zentimeter für Zentimeter, und sie spürte jede Verdickung, jede Vene, jede Nuance seiner Männlichkeit, als wäre ihr Körper eigens für diesen Moment geschaffen worden.
„Annika“, keuchte er an ihrem Ohr, während er sich in ihr bewegte. Sein Rhythmus war anfangs langsam, als wolle er den Moment endlos ausdehnen, aber das Verlangen trieb ihn voran, machte seine Stöße schneller, tiefer, härter. Sie hörte das leise Klatschen ihrer Körper, das sich mit ihren unterdrückten Keuchlauten mischte. Simon wiederholte ihren Namen wie ein Mantra. Sie spürte, wie sich ihre eigene Erregung erneut aufbaute, obwohl sie gedacht hatte, völlig ausgebrannt zu sein.
Diesmal war der Orgasmus anders, als er kam. Kein Explodieren, sondern ein intensives, pulsierendes Zusammenziehen um Simon herum, das ihn mitriss. Sie spürte, wie er in ihr kam, heiße Wellen, die Rhythmus und Kontrolle auflösten, wie er sich gegen sie presste, zuckend, stöhnend, vollkommen hingegeben. Sie hielt ihn, umfing ihn und ließ ihn nicht los, bis die letzten Nachbeben verklungen waren. Sie lehnten zitternd an der kalten Hauswand, unfähig, sich zu rühren, unfähig, auch nur einen Gedanken an die Konsequenzen zuzulassen.
Der Morgen danach, an dem die geheime Welt weiterglühte
Sie schlichen ins Haus zurück wie zwei Teenager nach einer verbotenen Party. Simon küsste sie noch einmal an der Treppe, lang und zärtlich diesmal. Dann verschwand er in sein Zimmer, zu seiner schlafenden Frau, zu seinen Kindern, zu dem Leben, das sie beide in dieser Nacht verraten hatten. Annika ging in ihr eigenes Zimmer, wusch sich hastig im winzigen Bad, schlüpfte unter die Decke zu Stefans warmem, ahnungslosem Körper. Ihr Mann murmelte etwas im Schlaf, zog sie an sich, und sie ließ es geschehen, roch seinen vertrauten Geruch, spürte die Fremdheit seiner Berührung nach dem, was sie gerade erlebt hatte.
Schlaf war unmöglich. Annika lag wach, bis der Morgen graute und die ersten Vogelstimmen das Schweigen brachen. Sie dachte an Simons Hände, an seine Zunge, an die ungläubige Entdeckung, dass Sex so sein konnte – ein Verschmelzen, ein Verbrennen, ein völliges Vergessen der Welt. Sie dachte an Mareike, die in diesen Minuten nichtsahnend neben einem Mann schlief, der vor einer Stunde noch in einer anderen Frau gewesen war. Sie dachte an Stefan, der sie liebte, auf seine eigene, bequeme Art, und der es nie erfahren durfte. Und sie dachte an sich selbst, an die Annika, die sie vor diesem Urlaub gewesen war. Sie war eine Frau, die sich selbst für treu gehalten hatte, für moralisch gefestigt, für edler als die billigen Seitensprunggeschichten, die sie in Zeitschriften überblätterte.
Jetzt war sie eine dieser Frauen. Die Ehebrecherin. Die Betrügerin. Die Protagonistin einer verbotenen Affäre, die an einem simplen Fahrradträger begonnen hatte, wusste mit erschreckender Klarheit, dass diese Affäre nicht mit dieser einen Nacht enden würde. Sie wollte mehr. Sie wollte wieder seine Hände auf ihrer Haut spüren, seine Stimme in ihrem Ohr, seinen Körper in ihrem. Sie wollte es heute, morgen und jede Nacht dieses Urlaubs. Und wenn sie ehrlich war, wollte sie es auch noch, wenn sie längst wieder zu Hause waren, in ihrem ordentlichen Leben mit seinen gewöhnlichen Routinen und seinem unaufregenden Ehemann.
Beim Frühstück sahen sie sich über den Tisch hinweg an. Simon hatte leichte Ringe unter den Augen, aber sein Blick war klar, wach, voller einer stillen Verschwörung, die nur sie beide verstanden. Mareike erzählte von der geplanten Radtour, Stefan schlug eine längere Route vor, die Kinder quengelten wegen der Helme. Alles war wie immer. Alles war völlig anders.
Annika nippte an ihrem Kaffee, und als Simon unter dem Tisch mit seiner Fußspitze ihren Knöchel berührte, lächelte sie kaum merklich. Sie dachte an den Nachmittag, an die Möglichkeit, sich irgendwo auf der Strecke zu verlieren, an das Gestrüpp neben dem Waldweg, das sie vor Blicken schützen würde. An Simons Händen auf ihrer Hüfte, an seinen Lippen auf ihrer Haut, an dem Versprechen, das in dem leichten Druck seiner Zehen auf ihrem Knöchel lag. Dieser Urlaub hatte gerade erst begonnen, und die fabelhafteste und schrecklichste Entdeckung, die sie je gemacht hatte, lag noch vor ihr: dass eine verbotene Affäre, einmal entfacht, sich nicht mehr löschen ließ. Sie brannte weiter, still und heiß und alles verzehrend, bis nichts mehr übrig war als die Asche des Lebens, das man vor ihr geführt hatte. Oder vielleicht die Glut eines neuen, das man nie zu führen gewagt hätte.
Die Fahrradhelme lagen bereit. Die Sonne stieg höher. Der Tag wartete.
– ENDE –
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