Der verbotene Seitensprung
Annika schob die Sonnenblende zur Seite und vergrub die Fingerspitzen im Handschuhfach, ohne wirklich etwas darin zu suchen. Das Plastikgehäuse gab unter ihrem Druck mit einem leisen Knacken nach. Sie ließ die Hand einen Moment länger als nötig darin ruhen, nur um etwas zu tun zu haben, während Simon neben ihr den Motor abstellte. Die Klimaanlage verstummte mit einem letzten, röchelnden Atemzug, und sofort kroch die Mittagshitze durch die Fenster, als wäre sie nur darauf vorbereitet gewesen, das Wageninnere zurückzuerobern. Draußen flirrte der Asphalt der Hafenstraße, und die Schlange vor der Fährauffahrt stand reglos wie ein glitzernder Metallteppich, der sich träge in der Sonne räkelte.
„Wird mindestens zwanzig Minuten dauern“, sagte Simon und ließ den Blick über die wartenden Autos vor ihnen gleiten. Sein Hemd klebte ihm bereits unter den Achseln, obwohl sie erst seit drei Minuten standen.
Annika antwortete nicht sofort. Sie zog die Hand aus dem Handschuhfach und strich sich eine Strähne aus der Stirn, die sich sofort wieder in die feuchte Haut legte. Ihre Bluse war am Rücken durchgeschwitzt und ein unangenehmes Prickeln wanderte ihre Wirbelsäule hinab. Der Geruch von heißem Kunststoff und altem Kaffee aus dem Becherhalter vermischte sich mit dem salzigen Hauch, der vom Hafenbecken herüberwehte. Sie kannte diesen Geruch. Er gehörte zu ihm, zu den Nachmittagen, die sie eigentlich nicht haben durften, zu den Stunden, die sie aus dem Alltag stahlen wie Diebe, die sich gegenseitig die Taschenlampe hielten.
Simon trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad, ein nervöser Rhythmus, den sie an ihm kannte und der sie gleichzeitig beruhigte und beunruhigte. Sein Ehering blinkte im grellen Licht, wenn er die Hand bewegte. Ein winziger, goldener Vorwurf, den er längst nicht mehr wahrnahm, versetzte ihr doch jedes Mal einen leisen, warmen Stich. Dieser Stich war nicht unangenehm, sondern erregend, wie der erste Schluck Sekt, wenn man noch nichts gegessen hat.
Sie blickte auf ihre eigenen Hände. Kein Ring. Sie hatte ihn gestern Abend abgezogen und ins Schmuckkästchen gelegt, angeblich wegen einer beginnenden Hautreizung, in Wahrheit wegen eines Bedürfnisses nach Leichtigkeit, das sie nicht in Worte fasste. David hatte nichts gesagt, wie immer, hatte nur genickt und weitergelesen. David sagte nie etwas. Das war ja das Problem.
„Zwanzig Minuten sind eine lange Zeit“, murmelte sie und drehte sich zu Simon, der ihren Blick bereits erwartete.
In der stickigen Enge des Wagens war jeder Zentimeter mit Bedeutung aufgeladen. Die Mittelkonsole zwischen ihnen, die sie sonst mit Aktenordnern und Prospekten vollgestopft hätten, war heute leer. Sie war fast demonstrativ aufgeräumt, als hätten sie beide unbewusst Platz geschaffen für etwas, das sie noch nicht benennen mochten. Simons Hand lag auf dem Schaltknauf, Annikas auf ihrem Oberschenkel. Zwischen diesen beiden Punkten spannte sich ein unsichtbarer Faden, der mit jeder Minute, die sie in dieser bleiernen Hitze verharrten, straffer zu werden schien.
„Findest du nicht auch“, sagte Annika leise und spürte, wie ihr Herzschlag sich in den Handflächen bemerkbar machte, „dass die Hitze alles irgendwie unwirklicher macht? Als ob die normalen Regeln aufgeweicht wären?“
Simon lachte kurz und freudlos. „Du redest schon wieder wie das Drehbuch, das du nie schreibst.“
„Vielleicht sollte ich es schreiben. Vielleicht hätte es genau so eine Szene. Zwei Leute in einer Fährschlange. Mittagsglut. Und sie wissen beide, was gleich passieren wird, aber sie tun so, als wüssten sie es nicht, weil das Dazwischen das eigentlich Spannende ist.“
Ihre Worte hingen im Raum, schwer vom unausgesprochenen Angebot. Simons Finger hörten auf zu trommeln. Er sah sie an, nicht forschend, sondern erkennend, so wie man ein Haus wiedererkennt, in dem man vor Jahren gewohnt hat und das sich kaum verändert hat.
Zwischen den Sitzen spannte sich die nächste halbe Stunde wie ein ungesagtes Wort.
Die Fähre legte drüben am gegenüberliegenden Kai ab, ein träger, weißer Rumpf, der sich langsam durch das flirrende Wasser schob. Annika verfolgte ihre Bewegung, ohne sie wirklich zu sehen; ihr Blick war auf den Punkt gerichtet, an dem Simons Hemdsärmel endete und seine gebräunte Haut begann. Sie kannte diese Haut. Sie wusste, wie sie sich unter ihren Fingern anfühlte, warm und ein wenig rau, mit den feinen Härchen, die sich im Nacken aufstellten, wenn sie ihn dort berührte. Drei Monate war es her, drei Monate und zwei Tage, um genau zu sein, und die Erinnerung an ihren letzten Seitensprung saß ihr in den Knochen wie ein nie ganz ausgeheiltes Fieber.
„Annika.“ Simon sprach ihren Namen aus wie eine Frage, die keine Antwort brauchte. Seine Hand verließ den Schaltknauf und legte sich auf ihren Unterarm, leicht, kaum mehr als eine Idee von Berührung. Und doch durchfuhr es sie wie ein Stromstoß, der von der Armbeuge direkt in ihren Unterleib zuckte.
„Ja“, sagte sie, obwohl er nichts gefragt hatte.
Seine Finger wanderten langsam über ihren Arm und ertasteten den feinen Salzfilm, den die Hitze auf ihrer Haut hinterlassen hatte. Sie folgten der Linie ihres Handgelenks und blieben dort liegen, wo der Puls unter der dünnen Haut pochte. Annika schloss die Augen. Sie hörte das Tuckern eines Dieselmotors irgendwo vor ihnen, das Kreischen einer Möwe, das entfernte Rauschen der Stadtautobahn, und unter all dem den eigenen Atem, der schneller ging als nötig.
„Dein Puls ist schnell“, stellte Simon fest, und seine Stimme hatte diesen Tonfall angenommen, den sie vom letzten Mal kannte, dieses leise, fast verwunderte Staunen, als könnte er nicht glauben, dass sie wirklich hier war, dass sie das wahrhaftig tat.
„Der war schon immer schnell, wenn du mich anfasst.“ Sie öffnete die Augen und sah ihn an, direkt, ohne das übliche Wegschauen, das die Situation vielleicht entschärft hätte. Sie wollte nichts entschärfen. Sie wollte, dass es knisterte und brannte und wehtat.
Simons Hand glitt höher, schob den Ärmel ihrer Bluse ein Stück zurück und legte die Innenseite ihres Ellenbogens frei, wo die Haut besonders dünn und empfindlich war. Er beugte sich vor, und sein Atem strich über die feuchte Stelle. Annika erschauerte, obwohl die Temperatur im Wagen mittlerweile unerträglich sein musste. Sie spürte die Hitze nicht mehr als Belastung, sondern als Teil der Berührung, als eine Art flüssiges Medium, das jede Geste intensivierte und verlangsamte.
„Jemand könnte uns sehen“, flüsterte sie, aber sie zog den Arm nicht zurück. Die Scheiben waren getönt, aber nicht dunkel genug, um echte Privatsphäre zu bieten. Neben ihnen stand ein silberner Kombi, dessen Fahrer auf sein Handy starrte. Vor ihnen ein Wohnmobil mit niederländischem Kennzeichen, aus dessen Heckfenster zwei Kinder Stofftiere gegen die Scheibe drückten. Normale Leute. Normales Leben. Der Kontrast zu dem, was sich in ihrem Wagen zusammenbraute, machte die Situation nur noch erregender.
„Sollen sie doch“, murmelte Simon gegen ihren Arm. Seine Lippen berührten kaum die Haut, aber das genügte, um Annika ein leises Keuchen zu entlocken. Sie spürte, wie die Nässe zwischen ihren Schenkeln zunahm, wie ihr Körper mit einer Direktheit reagierte, die sie intellektuell vielleicht beschämen würde – später, wenn Zeit für Scham war. Jetzt war keine Zeit für Scham. Jetzt war Zeit für genau das.
Mit der freien Hand nestelte sie an ihrem Sicherheitsgurt. Das leise Klicken, mit dem er sich löste, klang in der Stille des Wagens überlaut, beinahe obszön. Simon folgte ihrem Beispiel, ohne den Mund von ihrem Arm zu nehmen. Seine Zunge zeichnete jetzt eine feuchte Spur vom Handgelenk bis zur Ellenbeuge, und Annika krallte die Finger in den Sitzbezug, als müsste sie sich irgendwo festhalten.
„Ich hasse es, dass du das mit mir machst“, stieß sie hervor.
„Was mache ich denn?“, fragte er, und sie konnte das Grinsen in seiner Stimme hören, obwohl sie seinen Mund nicht sah.
„Du machst mich willenlos. Das ist es. Du machst mich willenlos, und ich lasse es zu. Das ist das Schlimme. Nicht was wir tun, sondern dass ich es will. Dass ich es so sehr will, dass ich alles andere vergesse.“
Simon richtete sich auf und sah sie an, und in seinen Augen lag ein Ernst, den sie selten an ihm sah. Der Verkehr vor ihnen hatte sich keinen Meter bewegt. Die Fähre war noch nicht einmal zur Hälfte über das Hafenbecken gekommen.
Dass sein Mund wenig später über ihre Schenkel wanderte, war ein Entschluss ohne Worte.

„Komm her“, sagte er, und es war keine Bitte.
Er zog sie zu sich, über die Mittelkonsole hinweg, die ihnen im Weg war und gleichzeitig das Verbotene ihrer Handlung unterstrich; diese lächerliche physische Barriere, die zwei erwachsene Menschen in einem Auto daran hindern sollte, sich zu nahe zu kommen. Annika hob das Knie und schob es über seinen Schoß, während seine Hände unter ihre Bluse glitten, die sich feucht und widerstandslos aus dem Bund ihres Rocks ziehen ließ. Seine Finger auf ihrer nackten Haut waren eine Erlösung und eine Qual zugleich. Erlösung, weil die Spannung der letzten Minuten endlich in Handlung umschlug. Qual, weil jeder Millimeter, den er berührte, nach mehr verlangte.
„Weißt du, was ich immerzu gedacht habe?“, flüsterte sie an seinem Ohr, während ihre Finger sein Hemd aufknöpften, langsam, zu langsam für seinen Geschmack, wie sie an dem leisen Brummen merkte, das tief in seiner Brust vibrierte.
„Was?“
„Dass es genau das ist, was David nie verstehen würde. Nicht den Sex. Sondern das hier. Die Hitze. Die Schlange. Die Tatsache, dass wir es einfach tun, ohne Plan, ohne Termin im Kalender, ohne vorher zu fragen, ob es gerade passt.“ Sie lachte bitter. „Bei uns passt es seit Jahren nicht. Wir haben nur aufgehört, darauf zu warten, dass es jemals wieder passt. Stattdessen haben wir angefangen, es passend zu machen.“
Simon zog sie fester an sich, und sie spürte seine Erregung durch den dünnen Stoff seiner Hose, hart und unmissverständlich. Die Enge des Wagens zwang sie in eine Haltung, die unbequem gewesen wäre, hätte die Lust nicht alles Unbehagen weggebrannt. Ihre Wirbelsäule war verdreht, und ihr Körper war in einer unnatürlichen Position. Ihr rechtes Bein war eingeklemmt zwischen Tür und Lenkrad, ihr linker Arm war um seinen Nacken gelegt. Es war eine schräge Geometrie der Begierde, die jederzeit in sich zusammenstürzen konnte, wenn einer von ihnen das Gleichgewicht verlor.
„Wir sollten das nicht hier tun“, sagte Simon, während seine Hände bereits ihren Rock hochschoben und den Saum über ihre Hüften streiften. Seine Finger fanden den nassen Stoff ihres Slips und verharrten dort, drückten leicht gegen die Feuchtigkeit, die sich unter dem Baumwollzwickel gesammelt hatte.
„Sag mir, wo wir es sonst tun sollten“, antwortete Annika atemlos. „Du weißt genau, dass es nirgendwo sonst geht. Das hier ist der einzige Ort. Genau jetzt. Genau hier. Deshalb tun wir es ja. Weil es nicht geht, geht es überhaupt erst.“
Ihre Worte schienen ihn zu entfesseln. Mit einem Ruck zog er sie auf seinen Schoß, und der Slip rutschte zur Seite, und dann war da nur noch seine Haut an ihrer, sein Glied, das gegen ihre feuchte Mitte drängte, und Annika konnte gefallen werden, einfach so, ohne Zögern, ohne den Teil ihres Gehirns einzuschalten, der für Vernunft zuständig war. Sie sank auf ihn herab, und das Gefühl des Eindringens war so vertraut und so fremd zugleich wie jedes Mal. Vertraut, weil ihr Körper ihn kannte, jeden Winkel, jede Härte, jede Bewegung. Fremd, weil drei Monate ein langer Entzug waren, der jede Berührung neu und überwältigend erscheinen ließ.
Simon stöhnte leise auf. Es war ein Laut, der von irgendwo tief aus seinem Brustkorb kam und den sie mit ihrem Mund einfing, während sie sich auf ihm bewegte. Zuerst bewegte sie sich langsam und passte sich dem Rhythmus der Enge an, den das Lenkrad und die Tür ihr aufzwangen. Ihre Knie fanden Halt auf dem Beifahrersitz, ihre Hände krallten sich in seine Schultern. Jedes Mal, wenn sie sich hob und wieder senkte, rieb ihre empfindlichste Stelle gegen die Basis seines Glieds, sodass kleine, elektrische Schläge durch ihren Unterleib zuckten.
„Nicht aufhören“, keuchte sie. „Bitte nicht aufhören. Ich bin so nah. Ich war den ganzen Tag schon so nah. Seit heute Morgen. Seit ich wusste, dass wir uns sehen. Dass wir allein sind. Dass wieder keiner kontrolliert, wo wir wirklich sind und was wir echt tun. Ich kann nicht mehr anders. Ich will auch nicht mehr anders. Ich möchte genau das. Genau so. Verboten und schmutzig und …“
Sie kam mitten im Satz, überspült von einer Welle, die ihre Worte verschluckte und ihre Gedanken auslöschte. Sie wurde in einen Zustand reiner, pulsierender Körperlichkeit geworfen, in dem nichts mehr existierte als der Rhythmus ihrer Muskeln um Simons Härte und der erstickte Schrei, der sich gegen seine Schulter presste. Ihr ganzer Körper krampfte sich zusammen und öffnete sich wieder, wie eine Faust, die endlich loslässt. Sie spürte, wie Simon sie fester hielt, als wollte er verhindern, dass sie in tausend Stücke zersprang.
Sein eigener Höhepunkt folgte Sekunden später, härter und abrupter. Mit einem kehligen Laut, den er in ihren Haaren vergrub, ergoss er sich in sie und sein Griff saugte sich in ihren Hüften fest wie ein Ertrinkender an einer Planke. Sie hielten einander, keuchend, verschwitzt, verklebt, im stickigen Innenraum eines Wagens. Dieser roch jetzt nicht mehr nur nach heißem Kunststoff und altem Kaffee, sondern auch nach ihnen, nach Schweiß und Sex und dem unverkennbaren Geruch eines Geheimnisses, das zu schwer war, um es mit nach Hause zu nehmen, und zu kostbar, um es einfach verfliegen zu lassen.
Wie man eine aufgewühlte Welt wieder in ihre Fugen bugsierte, wussten beide erst mit Übung.
Annika löste sich als Erste aus der Umklammerung, nicht weil sie es wollte, sondern weil das Unbehagen der Position plötzlich in ihr Bewusstsein zurückkehrte, sobald die Lust verebbt war. Ihr rechtes Bein war eingeschlafen und ihr Rücken schmerzte. Der Sicherheitsgurt hing lose über dem Sitz und erinnerte sie daran, dass sie hier in einem Auto saßen, auf einer öffentlichen Straße, umgeben von ahnungslosen Passanten. Sie zog sich von Simon zurück, und das nasse Geräusch, mit dem sich ihre Körper voneinander lösten, ließ sie kurz zusammenzucken. Er hatte kein Kondom benutzt. Schon wieder. Sie hatte ihn nicht darum gebeten. Schon wieder nicht.
„Simon …“, begann sie, aber er schüttelte den Kopf und legte ihr einen Finger auf die Lippen. Seine Fingerkuppe schmeckte salzig.
„Nicht jetzt. Keine Diskussion. Keine Analyse. Keine Rechtfertigung. Lass es einfach nur da sein, okay? Nur diesen einen Moment lang, bevor wir es zerreden.“
Sie nickte, obwohl ein Teil von ihr protestieren wollte. Es gab Dinge, die zerredet werden mussten. Es gab Verantwortungen, die nicht einfach verschwanden, nur weil man sie nicht ansprach. Aber er hatte recht: Nicht jetzt. Jetzt nicht.
Während sie ihre Kleidung ordnete und den Slip wieder an seinen Platz zog, der sich klamm und fremd anfühlte, beobachtete sie die Fähre, die sich inzwischen dem Hafenkai genähert hatte. Gleich würden sich die Schranken heben und die Ampeln auf Grün springen. Die Autoschlange würde sich in Bewegung setzen und sie beide mit sich reißen. Es würde hineingehen in einen Nachmittag, der eigentlich geschäftlich sein sollte und der jetzt eine Vorgeschichte hatte, die sie niemandem erzählen konnten.
Simon zog sein Hemd glatt, das jetzt noch zerknitterter war als vorher, und fingerte eine Packung Feuchttücher aus dem Türfach. Sie nahm eines, ohne ihn anzusehen, und säuberte ihre Schenkel von den Spuren, die er hinterlassen hatte. Ein ordinärer Vorgang, der sie seltsam berührte, fast intimer als der Sex selbst. Denn Sex war Leidenschaft, aber das hier war Nachsorge. Es war die praktische Konsequenz eines Kontrollverlusts, den sie beide gewollt und herbeigeführt hatten.
„Ich frage mich manchmal“, sagte Simon leise, während er den Motor wieder startete und die Klimaanlage aufheulen ließ, „ob wir das ewig so weitermachen können. Diese Abstände, diese Heimlichkeiten. Ob es nicht irgendwann in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus, und wir stehen da und wissen nicht, wie uns geschieht.“
Annika warf das Tuch in den Fußraum, wo es sich zu anderen Überresten ihres Doppellebens gesellte – leere Kaffeebecher, zerknüllte Parkquittungen, eine liegengebliebene Visitenkarte. „Vielleicht fällt es ja schon längst zusammen. Vielleicht merken wir es nur nicht, weil Zusammenfallen in Zeitlupe passiert, wie bei einem Gebäude, das so langsam einstürzt, dass die Leute drin noch frühstücken, während die Decke schon Risse kriegt.“
„Poetisch. Und deprimierend.“ Simon legte den Gang ein und ließ das Auto langsam vorrollen. Die Fähre hatte inzwischen angelegt, die ersten Fahrzeuge rollten von Bord, und die Schlange vor ihnen geriet in Bewegung.
„Ich bin nicht deprimiert“, sagte Annika und wunderte sich selbst darüber, dass es stimmte. „Ich bin eher … wach. Als hätte ich vorher unter einer Glasglocke gelebt und jemand hätte sie gerade hochgehoben, und die Luft ist stickig und heiß und voller Abgase, aber es ist echte Luft, weißt du? Echte, ungefilterte Luft, in der man husten muss, aber wenigstens atmet man wieder.“
Eine Hand am Lenkrad, die andere auf ihrem Arm – so rollten sie auf die Fähre, die sie irgendwohin brachte.
Der Wagen ruckelte über die stählerne Auffahrrampe, und unter ihnen schepperte das Deck, während sie sich in die markierte Parkbucht einordneten. Andere Autos reihten sich links und rechts von ihnen ein, Fahrer stiegen aus, liefen zu den Relings, zückten ihre Handys, knipsten den Hafen, die Möwen, den Himmel. Eine Familie mit drei Kindern balancierte Popcorn-Tüten über die Metallplanken. Ein Rentnerpaar breitete eine Karte auf der Motorhaube aus und diskutierte die Route. Alltag überall, harmlos und unschuldig, und mittendrin sie beide, frisch gevögelt und unfrisiert, mit Geheimnissen unter den Fingernägeln und dem Geschmack verbotener Nachmittage auf den Lippen.
Annika legte ihre Hand auf seinen Arm, genau an die Stelle, wo vor einer halben Stunde seine Lippen gewesen waren. „Weißt du, was mir gerade durch den Kopf geht?“
„Was?“
„Dass ich keine Ahnung habe, wohin wir eigentlich fahren. Also wirklich fahren. Ich meine nicht die Straße oder das Ziel heute Nachmittag. Ich meine uns. Ich meine das hier. Dass wir einfach immer weiter vorgeben, als gäbe es ein Endziel. Dabei ist das Endziel wahrscheinlich genau das, was wir gerade machen. Ankommen und wieder abfahren und dazwischen diese Fenster, in denen wir atmen können. Mehr nicht. Mehr wird es nie werden. Und ich weiß nicht, ob das eine Befreiung ist oder eine Gefängnisstrafe auf Bewährung.“
Simon schwieg einen Moment, seine Hand auf dem Lenkrad, die andere unter ihrer, fest und warm. Der Motor tuckerte im Leerlauf, und die Fähre löste sich mit einem tiefen, vibrierenden Brummen vom Kai. Das Wasser unter ihnen klatschte gegen den Rumpf, ein dumpfes, rhythmisches Geräusch, das durch den Wagenboden zu ihnen hinaufdrang.
„Vielleicht ist es beides“, sagte er schließlich. „Vielleicht ist die Bewährung genau die Befreiung. Wir wissen ja, was uns zuhause erwartet. David, der nicht fragt. Elena, die alles fragt, aber nie die richtigen Fragen. Wir wissen, dass wir dort funktionieren müssen und dass Funktionieren etwas anderes ist als Leben. Und dann kommen diese Nachmittage, und sie sind kurz, riskant und komplett idiotisch, aber in diesen paar Stunden sind wir mehr wir selbst als in der ganzen restlichen Woche. Und wenn das alles ist, was wir bekommen können, dann nehme ich es. Mit allem, was dazugehört. Mit der Hitze, den Kaffeeflecken und dem krummen Rücken vom Sex im Auto. Mit dem schlechten Gewissen und den Ausreden und dem Geruch, den man nicht ganz wegbekommt, egal wie lange man lüftet. Ich nehme es, Annika. Ich würde es jedes Mal wieder nehmen. Weil die Alternative ist, es nicht zu haben.
Und die Alternative kenne ich. Sie schmeckt nach gar nichts. Sie schmeckt nach Pflichterfüllung, nach Terminplanern und nach dem Geräusch eines Kühlschranks um drei Uhr nachts, wenn man nicht schlafen kann und sich fragt, ob das Leben wirklich alles gewesen sein soll, und man weiß, dass die Antwort Ja ist, wenn man nichts ändert. Also ändere ich etwas. Also ändern wir etwas. Das hier ist unser Prozess des Änderns. Es ist nicht perfekt. Es ist nicht einmal okay, nach den Maßstäben, die man so anlegt. Aber es ist unseres. Und es ist das Einzige, was uns warmhält. Während der Rest dieses Lebens langsam Raumtemperatur annimmt und kalt wird. Am Ende bleibt es einfach stehen wie ein liegengebliebenes Abendessen, das niemand mehr essen will. Also ja, ich nehme es. So wie es ist. Mit den Fährschlangen und den Schwüren, dass wir aufhören sollten, und dem Wissen, dass wir es nicht machen werden. Weil es uns sonst kalt wird, Annika. Und kalt wollen wir nicht sein. Bisher nicht.
Noch lange nicht. Bisher nicht, solange wir Hitze miteinander teilen können, sogar wenn es die falsche ist, die nichts kostet und doch alles verlangt. Oder vielleicht sogar gerade deshalb. Weil Kosten erst Bedeutung schaffen. Das wussten wir beide schon, bevor wir uns kannten. Wir haben es nur vergessen. Und jetzt erinnern wir uns, jedes Mal, wenn du deine Hand auf meinen Arm legst und ich deinen Puls spüre und wir beide wissen, dass das hier echt ist, wirklicher als das ganze andere Zeug, und dass es uns nie ganz gehören wird, aber mehr als genug ist, um uns süchtig zu machen, für immer, bis die Fähren nicht mehr fahren und die Straßen sich leeren und der letzte Nachmittag sich schließt wie ein Fenster, das wir nie wieder öffnen werden. Aber bis dahin … bis dahin fahren wir. Immer weiter. Von Kai zu Kai. Von mir zu dir und wieder zurück. Bis dahin …“
„Bis dahin“, flüsterte Annika, lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe und sah zu, wie der Hafen kleiner wurde, während Simon die Fähre über das glitzernde Wasser steuerte, das im gleißenden Mittagslicht lag wie flüssiges Metall und den verbotenen Seitensprung davontrug, eingeschlossen in einem klimatisierten Wagen, der nach billigem Kaffee roch und nach etwas anderem, das keinen Namen hatte und auch keinen brauchte, weil sie beide es erkannten, wenn sie ganz still waren und nur auf das gleichmäßige Tuckern des Motors hörten, das sie weitertrug, hinein in einen Nachmittag, der schon vorbei war, bevor er richtig begonnen hatte.
– ENDE –
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