Das Atelier-Loft lag im fünften Stock eines alten Fabrikgebäudes, dessen Fensterfront sich wie eine nasse, blinde Wand in die Nacht schob. Der Regen prasselte in unregelmäßigen Salven gegen die Scheiben, mal hämmernd wie ungeduldige Finger. Dann fiel er wieder zurück in ein Wispern, das die Stille zwischen den beiden Menschen im Raum nur noch tiefer machte. Greta stand mit dem Rücken zur Tür, die Hände noch feucht vom Regen, der Mantel schwer von der Nässe des späten Oktoberabends. Sie hatte ihn nicht ausziehen wollen, nicht gleich, als wäre das Ablegen dieses Kleidungsstücks ein Eingeständnis, das sie noch nicht bereit war zu machen. Ein verbotener Seitensprung beginnt nicht mit dem ersten Kuss, dachte sie, sondern mit dem Moment, in dem man aufhört, sich selbst etwas vorzumachen.
Die Luft im Loft roch nach Terpentin und etwas Älterem, das Greta nicht sofort zuordnen konnte. Es könnte möglicherweise der Staub vergangener Jahre in den hohen Deckenbalken sein oder vielleicht die Erinnerungen, die in den unverputzten Ziegelwänden eingeschlossen lagen. Moritz‘ Staffeleien standen wie stumme Zeugen an den Rändern des Raumes, einige mit Tüchern verhängt, andere nackt, ihre unfertigen Leinwände im Dämmerlicht der einzigen Stehlampe nur schemenhaft zu erkennen. Die unfertigen Leinwände zeigten Frauenkörper, das wusste Greta, auch wenn sie jetzt nicht hinsah. Fragmentierte Schultern, den Schwung einer Hüfte, die Andeutung eines Nackens – Moritz malte, was ihm fehlte, und sie hatte immer verstanden, dass genau darin seine Gefährlichkeit lag.
Er bewegte sich im hinteren Teil des Lofts, wo eine halbhohe Wand aus Bücherregalen den Schlafbereich vom Rest des Raumes trennte. Sie hörte das Klirren von Gläsern, das leise Zischen einer entkorkten Flasche und dann seine Schritte – barfuß auf dem kalten Betonboden, ein Geräusch, das sie seltsam intim fand. Als er in den Lichtkegel der Lampe trat, zwei Gläser Rotwein in den Händen, sah sie, dass er sich umgezogen hatte. Keine Spur mehr von der Galerie-Eröffnung, von der sie beide vor zwei Stunden – war es wirklich erst so kurz her? – aufgebrochen waren. Er trug ein weites, dunkelblaues Leinenhemd, dessen Ärmel nachlässig hochgekrempelt waren. Und darunter waren Hände, die sie kannte und die sie in anderen Leben, an anderen Abenden und unter anderen Umständen berührt hatten.
„Du hast gefroren“, sagte er, und seine Stimme war leise, ohne Vorwurf, ohne Frage. Eine Feststellung zwischen zwei Menschen, die sich lange genug kannten, um die Temperatur des anderen zu lesen.
Greta nickte, aber sie nahm das angebotene Glas nicht sofort. Stattdessen sah sie sich um – bewusst langsam, als müsste sie diesen Raum erst neu vermessen, jetzt, wo sie allein darin waren. An den Wänden hingen Fotos, meist Polaroids, einige mit Klebeband befestigt, andere in schlichten Rahmen. Sie zeigten Gesichter, die sie nicht kannte, Orte, an denen sie nie gewesen war. Und ein Bild von ihr selbst, aufgenommen vor drei Sommern, am See, als die Welt noch einfacher gewesen war. Als die Ringe an ihren Fingern noch nur Schmuck gewesen waren und nicht die Last eines Versprechens, das sie heute hierhergetragen hatte wie einen Stein in der Brusttasche.
„Ich dachte, du hättest es abgehängt“, sagte sie und deutete mit dem Kinn auf das Foto.
Moritz stellte die Gläser auf dem niedrigen Holztisch ab, der zwischen ihnen stand wie eine Grenze, die noch niemand überschritten hatte. „Warum sollte ich? Es ist ein gutes Bild. Du siehst glücklich aus darauf.“ Er zögerte, dann fügte er hinzu: „Glücklicher als heute Abend.“
Der Satz hing zwischen ihnen, schwerelos und drückend zugleich, ein Echo dessen, was sie beide wussten, aber nicht aussprachen. Draußen hatte der Regen wieder zugenommen, er trommelte jetzt in einer Dringlichkeit gegen das Glas, die Gretas Herzschlag aufnahm und verdoppelte. Sie spürte die Kälte der Fensterscheiben, obwohl sie zwei Meter entfernt stand. Sie spürte die Kälte in ihren Knochen, besonders an der Stelle unter dem Brustbein, wo die Sehnsucht wohnte, die sie all die Jahre eingesperrt hatte. Weggesperrt, tief vergraben unter Terminen, Abendessen und dem gleichmäßigen Atem eines Mannes, der sie wirklich liebte, und den sie trotzdem in Gedanken betrog, vielleicht heute Nacht sogar mit mehr als nur Gedanken.
„Moritz …“, begann sie, aber ihr Name auf ihren Lippen klang wie ein Rückzug, und er schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Trink erst einen Schluck“, sagte er. „Wärm dich auf. Wir haben Zeit. Die ganze Nacht, wenn du willst. Oder nur eine Stunde. Oder gar nichts.“ Er lächelte, und in diesem Lächeln lag die ganze Melancholie eines Mannes, der gelernt hatte, nichts festzuhalten, weil alles, was er je hatte bewahren wollen, ihm durch die Finger geronnen war. „Ich verlange nichts von dir, Greta. Das habe ich noch nie.“
Genau das, dachte sie, war das Problem. Dass er nie etwas verlangte, bedeutete für sie, dass er ihr mehr abverlangte, als sie bereit war zu geben.
Der Raum zwischen zwei Körpern und was er verrät
Das Atelier hatte eine eigene Akustik. Jeder Laut, den sie machten – das Absetzen des Glases, das leise Knarzen der Dielen unter Gretas Schuhen, als sie endlich einen Schritt auf den Tisch zuging –, wurde von den hohen Wänden zurückgeworfen und verstärkt. Es war, als ob der Raum selbst sie zwingen wollte, genau hinzuhören. Moritz‘ Atem ging ruhig, aber sie kannte ihn gut genug, um die Anspannung darunter zu spüren. Er hält sich still, mit jener Beherrschung, die Künstler sich antrainieren, wenn sie vor einer leeren Leinwand stehen und warten, dass die erste Linie sich aus dem Nichts schält. Nur dass hier keine Leinwand war. Nur hier war sie, Greta. Sie war neununddreißig und verheiratet seit sechs Jahren. Und in diesem Moment war sie so weit entfernt von ihrem Leben wie ein Schiff, das den Hafen verlassen hat, ohne zu wissen, ob es je zurückkehren wird.
Sie nahm ihr Glas und trank einen Schluck, zu groß, der Wein war zu warm, er breitete sich in ihrer Kehle aus wie etwas Lebendiges. Moritz beobachtete sie, und sie wusste, dass er jedes Detail registrierte – das Zittern ihrer Finger, die Art, wie sie die Lippen an den Rand des Glases presste, die feine, kaum sichtbare Falte zwischen ihren Augenbrauen, die sich immer dann bildete, wenn sie gegen etwas ankämpfte, das übermächtig war im Vergleich zu ihr.
„Du malst wieder“, sagte sie, um etwas zu sagen, um die Stille zu durchbrechen, die sich um sie herum verdichtete wie Nebel.
„Immer.“ Er trat nur einen Schritt nach hinten, aber dieser veränderte die Geometrie des Raumes. „Ich habe eine Serie angefangen. Über Distanz. Über die Räume zwischen Menschen.“ Seine Hände fuhren unwillkürlich hoch, als wolle er etwas in die Luft zeichnen. Weißt du, der Zwischenraum zwischen zwei Körpern, die sich fast berühren. Da ist alles drin. Alles, was sie sich nicht sagen, alles, was sie wollen und nicht bekommen.“
Greta schluckte. Sie wusste, wovon er sprach. Sie hatte diesen Raum vermessen, über Jahre. Sie hatte ihn ausgefüllt mit Gesprächen über Kunst und Gott und die Welt. Auch mit Blicken, die zu lange hielten, und mit Fast-Berührungen in überfüllten Räumen, wenn seine Hände an ihrer Taille vorbeigestrichen waren wie ein Versprechen, das er nie einlöste. Und sie? Sie hatte gewartet. Sie hatte gehofft, dass das Leben diese Entscheidung für sie treffen würde, dass etwas geschehen würde – ein Unfall, ein Abschied, ein Wort, das alles veränderte –, aber nichts war geschehen. Das Leben hatte sie einfach weiterleben lassen mit diesem ungestillten Hunger im Bauch, der sie nachts wachhalten ließ und tagsüber funktionieren, funktionieren, funktionieren.
„Zeig sie mir“, hörte sie sich sagen, und ihre Stimme war fester, als sie erwartet hatte. „Die Bilder.“
Moritz zögerte. Dann nickte er und führte sie zu der Staffelei, die abseits stand, als schäme sie sich ihrer Unfertigkeit. Er zog das Tuch mit einer fast zärtlichen Bewegung weg, und Greta sah eine Frau von hinten, deren Gesicht nicht zu erkennen war. Sie stand vor einem Fenster, Regen draußen, genau wie jetzt. Ihr Körper war nur Kontur, Licht und Schatten. Ihre linke Hand ruhte auf dem Fensterrahmen, als wolle sie ihn wegdrücken, als suche sie einen Ausweg aus dem Bild, aus dem Raum, aus ihrem eigenen Leben. Es war die Hand einer Frau, die sich selbst zurückhielt. Es war ihre eigene Hand. Greta erkannte es mit einem Schrecken, der heiß und kalt zugleich war.
„Du hast mich gemalt“, flüsterte sie.
„Ich habe dich gemalt, wie ich dich sehe“, sagte Moritz. Seine Stimme war jetzt ganz nah, er stand hinter ihr, sie spürte seine Wärme an ihrem Rücken, obwohl er sie nicht berührte. „Jemand, der immer kurz davor ist zu gehen und es nie tut.“ Jemand, der an der Schwelle steht und nicht weiß, ob er sie überschreiten darf oder ob die Tür längst verschlossen ist.“
Draußen donnerte es, ein tiefes, lang gezogenes Grummeln, das die Fenster erzittern ließ und das Licht der Stehlampe für eine Sekunde flackern. In dieser Sekunde der Finsternis dachte Greta an ihren Mann Paul, der wahrscheinlich im Wohnzimmer saß und auf sie wartete, während er die Nachrichten auf seinem Handy checkte und sich fragte, warum sie noch nicht von der Galerieeröffnung zurückgekehrt war; er hatte keine Ahnung, dass seine Frau in einem Loft im fünften Stock stand und die Bilder ansah, die ein anderer Mann von ihr gemalt hatte. Und sie spürte, wie das schlechte Gewissen in ihr hochstieg wie Grundwasser, langsam, unaufhaltsam, aber daneben, gleich darunter, gleichzeitig, war da noch etwas anderes: eine Erleuchtung, ein Knistern, ein befreites Aufatmen, als ob all die Lügen, die sie sich selbst erzählt hatte, endlich, endlich von ihr abfielen wie ein zu enges Kleid.
Was an den Fingerspitzen beginnt, endet selten dort.
Das Licht im Loft hatte sich verändert, ohne dass einer von ihnen einen Schalter berührt hätte. Vielleicht lag es an den Wolken draußen, die jetzt tiefer hingen, schwerer, mit Regen vollgesogen wie Schwämme. Vielleicht lag es an der vergangenen Stunde, ohne dass sie es bemerkt hätten. Jedenfalls war das warme Gelb der Lampe einem kühleren, silbrigeren Ton gewichen, der den Raum in etwas Unwirkliches tauchte, etwas, das zwischen Traum und Erinnerung oszillierte. Greta hatte ihren Mantel irgendwann abgelegt – sie wusste nicht mehr genau, wann – und saß jetzt auf dem alten Ledersessel, der in der Ecke stand wie ein müdes Tier. Moritz hatte sich auf die Armlehne gesetzt, nicht auf den zweiten Sessel gegenüber, nein, hier, direkt bei ihr, so nah, dass sie den Geruch seiner Haut riechen konnte: Terpentin, ja, aber auch etwas Holziges, etwas, das sie an Herbstwälder erinnerte, an Spaziergänge vor Jahren, an eine Zeit, als sie beide noch geglaubt hatten, ihnen stünde die Welt offen.
Das Gespräch war leiser geworden, intimer. Es ging jetzt nicht mehr um Kunst und Ausstellungen und die Belanglosigkeiten, mit denen sie den Abend begonnen hatten. Es glitt um sie. Es ging um die Wege, die sie jeweils gegangen waren, und die Kreuzungen, an denen sie sich immer wieder begegnet waren – zufällig, hatten sie gesagt, beide, immer wieder zufällig. Doch es gab keine Zufälle in ihrer Geschichte, das wusste Greta jetzt, und sie war sich auch sicher, dass Moritz es wusste. Er hatte sie nie gesucht, nicht aktiv, aber er hatte sie auch nie vergessen. Und sie? Sie hatte ihn überall gesehen, in jedem fremden Gesicht auf der Straße, in jedem Mann, der von hinten ähnlich aussah. Sie hatte seinen Namen in ihr Handy getippt und wieder gelöscht, hundertmal, tausendmal, und sie hatte sich eingeredet, dass das normal sei, dass das vorbeigehe, dass das nichts bedeute.
„Erinnerst du dich an den Abend am See?“, fragte Moritz, und seine Stimme war jetzt ganz ruhig, aber in der Ruhe war etwas, das Greta alarmierte. „Als wir bis zum Morgen geredet haben, und du hast gesagt, du wünschst, du könntest die Zeit anhalten.“
Sie nickte. Natürlich erinnerte sie sich. Es war das letzte Mal gewesen, dass sie sich erlaubt hatte, glücklich zu sein ohne die schwere Decke des schlechten Gewissens, die sich seitdem über alles gebreitet hatte, was sie tat. Damals war Paul nur ihr Freund gewesen, nicht ihr Mann, und die Ringe an ihren Fingern waren noch nicht geschmiedet. Damals hatte sie noch gewusst, was sie wollte – oder geglaubt, es zu wissen – und hatte es nur nicht gewagt.
„Du hast auch gesagt“, fuhr Moritz fort, während er sie direkt ansah, und in seinen Augen war etwas, das sie noch nie zuvor gesehen hatte, nicht so, nicht in dieser Dringlichkeit, „dass du Angst vor deinem eigenen Mut hast. Dass du immer das Falsche tust, weil es einfacher ist. Und ich habe dir gesagt, dass das nicht stimmt. Dass du die mutigste Frau bist, die ich kenne. Erinnerst du dich?
Sie erinnerte sich. Sie erinnerte sich an jedes Wort, das sie je gewechselt hatten, und das war das Schlimmste, das war die Wunde, die nie verheilt war. Sie hatte einen Mann geheiratet, den sie liebte, ja, aber sie hatte einen anderen Mann geliebt, ohne ihn je zu berühren, und diese Liebe war rein geblieben wie ein ungespieltes Stück, wie ein ungemaltes Bild, und vielleicht war das der Grund, warum sie nie davon losgekommen war. Weil es unvollendet geblieben war. Weil die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war.
„Moritz“, sagte sie, und diesmal war es kein Rückzug, sondern ein Schritt auf ihn zu, auch wenn sie sich nicht bewegte. „Warum hast du mich nie … Ich meine, warum hast du nie etwas versucht? Früher, als es noch … einfacher gewesen wäre?
Er schwieg eine Weile. Das Schweigen dehnte sich aus, füllte den Raum, und draußen hatte der Regen aufgehört, als hielte auch die Nacht den Atem an und wartete auf seine Antwort. „Weil ich dich nicht verlieren wollte“, sagte er schließlich. „Es war mir lieber, dich in meinem Leben als Freundin zu haben als gar nicht. Und ich dachte … Er strich sich mit der Hand übers Gesicht, eine müde Bewegung, die Greta das Herz brach. „Ich dachte, das reicht.“ Das müsste reichen. Aber es reicht nicht, oder? Es hat nie gereicht.“
Nein, dachte sie, es hat nie gereicht. Nichts von dem, was wir uns vorgesagt haben, hat je gereicht, um das auszulöschen, was zwischen uns war, von der ersten Sekunde an. Und sie streckte ihre Hand aus – es war keine bewusste Entscheidung, es war einfach eine Bewegung, die geschah, bevor ihr Gehirn sie aufhalten konnte, und ihre Fingerspitzen berührten seinen Handrücken, ganz leicht, nur ein Hauch, aber es war, als ob ein Stromstoß durch sie beide hindurchfuhr, als ob all die Jahre der Zurückhaltung in dieser einen kleinen Berührung kollabierten und etwas freisetzten, das jetzt, in diesem Moment, nicht mehr einzufangen war.
Moritz drehte seine Hand um und ergriff ihre Finger mit seinen. Seine Haut war warm und trocken und so verflucht vertraut, dass Greta das Gefühl hatte, nach Hause zu kommen, zu einem Zuhause, das sie nie gehabt und nie zu betreten gewagt hatte. „Greta“, sagte er, und sein Daumen strich über ihren Handrücken, einmal, zweimal, langsam, als würde er eine Linie auf einer leeren Leinwand ziehen. „Wenn du jetzt gehst, werde ich es verstehen.“ Ich werde dir keine Vorwürfe machen, ich werde dich nicht ankämpfen, ich werde …
„Sei still“, sagte sie, und sie wusste nicht, woher die Stimme kam, so fest, so klar, so ganz und gar nicht wie die Stimme der Frau, die sie in den letzten Jahren gewesen war. „Sei einfach still.“
Was geschieht, wenn die Schwelle überschritten ist?

Sie küsste ihn zuerst, nicht er sie. Das war wichtig. Später, in den Stunden und Tagen, die folgen sollten, würde Greta sich immer daran erinnern. Sie hatte es als Einzige zu verantworten, dass sie die Schwelle überschritten hatte und die Entscheidung getroffen hatte, nicht er. Sie hatte ihre Hände an sein Gesicht gelegt, an diese Wangen, die sie so lange nur aus der Ferne betrachtet hatte, und ihn zu sich herangezogen; sein Mund war weicher gewesen, als sie es sich vorgestellt hatte, und gleichzeitig präziser, als ob er immer schon auf diese eine Bewegung gewartet hätte. Es war kein zarter, kein fragender, sondern ein Kuss, der Antworten verlangte, und Moritz gab sie, ohne zu zögern. Seine Hände legten sich um ihre Taille und zogen sie vom Sessel hoch. Sie standen jetzt beide, ineinander verschlungen, und das Atelier um sie herum schwand. Der Regen, die Stadt, die Zeit, alles verschwand in einem Strudel aus Berührungen, die zu lange aufgeschoben waren und jetzt, endlich, ihre Erfüllung fanden.
Seine Lippen wanderten von ihrem Mund zu ihrem Hals, zu der Stelle unter dem Ohr, wo ihr Puls pochte, schnell, wild und völlig außer Kontrolle. Sie hörte sich selbst einen Laut machen, einen, den sie nicht kannte, der ihr fremd war und doch ganz eigen. Es war ein Seufzen, das aus einer Tiefe kam, in die sie selbst nie hinabgestiegen war. Moritz‘ Hände waren unter ihr Hemd geraten – wann, wie, sie wusste es nicht. Seine Fingerspitzen zeichneten Muster auf ihre Haut, die Hitze ihres Rückens, die Wölbung ihrer Wirbelsäule. Und jedes Mal, wenn er eine neue Stelle fand, durchfuhr sie ein Zittern, das sie nicht kontrollieren konnte. Es war eine empfindlichere, eine, die noch niemand berührt hatte, nicht so, nicht mit dieser genauen, fast andächtigen Aufmerksamkeit.
„Du hast keine Ahnung“, flüsterte er gegen ihre Haut, „wie oft ich mir das vorgestellt habe.“ Genau das. Dich, hier, in diesem Licht, deine Haare, die nach Regen riechen, deine Hände auf meiner Brust.“
Und sie – sie sagte nichts, weil es nichts zu sagen gab, weil Worte jetzt falsch gewesen wären, zu klein, um das zu fassen, was in ihr geschah. Sie zog sein Hemd aus den Hosen. Sie wollte seine Haut spüren. Sie hatte Jahre darauf gewartet, diese Haut zu spüren. Als ihre Hände dann unter den Stoff glitten und auf seinen Brustkorb trafen, auf die festen Platten, die sich unter ihren Fingern anspannten, war es, als würde sie endlich zu Hause ankommen. Sie machte ein Geräusch, etwas zwischen Lachen und Weinen. Er begriff sofort und hob ihr Gesicht an, seine Daumen an ihren Wangenknochen. Er sah sie an mit diesen Augen, die sie nie vergessen hatte, nie, in all den Jahren nicht.
„Wir können aufhören“, sagte er, und es war ein Angebot, ein echtes, sie wusste es. „Wir können einfach … Hier stehen und uns halten und dann gehst du, und nichts ist passiert, nichts, was nicht rückgängig zu machen wäre.“
Aber sie schüttelte den Kopf, küsste ihn erneut, und diesmal war es keine Entscheidung mehr; es war einfach das Einzige, was noch möglich war, die einzig logische Konsequenz aus sieben Jahren Sehnsucht und Zurückhaltung und dem stammenden Herzen einer Frau, die vergessen hatte, wie es sich anfühlt, zu begehren und begehrt zu werden. Sie ließ sich von ihm auf das Bett ziehen, das sie vorher nicht gesehen hatte. Es war eine Matratze auf dem Boden, mehr nicht, mit weißen Laken, die nach frischer Wäsche rochen. Der Regen setzte wieder ein, als hätte er nur auf dieses Zeichen gewartet. Er prasselte gegen die Scheiben wie Beifall, der nur ihnen und diesem Moment galt.
Was danach geschah, war keine Abfolge von Handlungen. Es war ein Fließen, ein Auflösen von Grenzen. Es war, als ob zwei Körper, die sich jahrelang nur mit Worten und Blicken berührt hatten, endlich eine Sprache fanden, die keine Übersetzung brauchte. Moritz bewegte sich über sie, auf sie und bei ihr mit einer Sicherheit, die nichts mit Routine zu tun hatte, sondern alles mit einer lange, sehr lange Kenntnis eines Körpers, den er nie zuvor in dieser Weise berührt, aber in tausend Bildern bereits gemalt hatte. Und sie? Sie öffnete sich, buchstäblich und in jener anderen, tieferen Weise, die sie für immer verschlossen geglaubt hatte. Sie gab sich hin, rücksichtslos, als ob es kein Morgen gäbe. Es gab keinen Mann, der zu Hause auf sie wartete, und keine Ringe an ihren Fingern, die bei jeder Berührung klirrten wie eine Erinnerung an das, was sie gerade zerbrach.
Seine Lippen waren überall, seine Hände folgten. Sie spürte, wie die letzte Anspannung von ihr abfiel, wie sie sich fallen ließ in ein Vertrauen, das sie nie gelernt hatte. Aber jetzt, in diesem Moment, war es so selbstverständlich wie Atmen. Er murmelte ihren Namen, wieder und wieder, als wäre er ein Gebet. Sie antwortete mit ihrem Körper, mit den Bewegungen ihrer Hüften, die sich ihm entgegenhoben, und mit den Fingern, die sich in seinen Rücken gruben. Ihr Atem wurde schneller, stoßweise, und er vermischte sich mit seinem, bis sie nicht mehr wusste, wo sie aufhörte und er begann.
Es gab keine Eile, und doch war alles drängend. Es gab keine Unsicherheit, und doch war alles neu. Sie entdeckten einander, als hätten sie alle Zeit der Welt. Gleichzeitig wussten sie, dass sie keine hatten. Diese gestohlenen Stunden waren Minuten vielleicht, herausgebrochen aus einem Leben, das keinen Platz für sie vorsah, nicht gemeinsam, nicht so. Und dieses Wissen machte jede Berührung intensiver, jeden Kuss zu einer kleinen Ewigkeit, jede Bewegung zu einem Versprechen, das sie nicht halten konnten. Aber jetzt, jetzt hielten sie es, jetzt war es wahr.
Als sie kam – und sie kam, mit einer Heftigkeit, die sie selbst überraschte, die sie aus der Bahn warf und in eine Stille schleuderte, die gar keine war, sondern ein Rauschen, ein Sumen, ein Licht –, da hielt er sie. Sie wusste nicht, ob die Tränen auf ihrem Gesicht von der Erlösung kamen oder von der Trauer über das, was sie verloren hatte, bevor es überhaupt begonnen hatte.
Jeder Abschied trägt den nächsten schon in sich.
Danach lagen sie nebeneinander auf dem zerwühlten Laken, und die Kühle des Raumes kehrte zurück, langsam, wie eine Erinnerung an das, was außerhalb dieser vier Wände existierte. Der Regen hatte nachgelassen, er war jetzt nur noch ein feines Nieseln, das gegen die Scheiben sprühte wie eine leise, unaufhörliche Frage, auf die es keine Antwort gab. Greta spürte ihren eigenen Herzschlag, der sich allmählich beruhigte. Sie spürte die Feuchtigkeit auf ihrer Haut, die langsam trocknete. Moritz‘ Hand lag noch immer auf ihrer Hüfte, und sie spürte es leicht, als wäre sie etwas, das man festhalten musste, damit es nicht entkam. Aber sie würde entkommen, das wussten sie beide.
Das Licht war jetzt fast ganz verschwunden, nur ein fahler Schimmer drang noch von der Straßenlaterne herauf, tauchte den Raum in ein Dämmergrau, das keine Schatten warf, sondern nur Konturen weichzeichnete. In diesem Halbdunkel sah Greta die Umrisse von Moritz‘ Gesicht, die gerade Linie seiner Nase und den Bogen seiner Lippen. Diese waren jetzt, nach allem, etwas ganz anderes als vorher – nicht mehr die Vorstellung einer Berührung, sondern ihre Erinnerung. Sie hob die Hand und strich mit dem Finger über diese Lippen, eine Geste, die so zärtlich war, dass sie selbst erschrak. Es war die Zärtlichkeit des Abschieds, und sie beide wussten es.
„Ich muss gehen“, sagte sie, und die Worte fielen aus ihrem Mund wie Steine in einen Brunnen, so tief, so endgültig.
Moritz nickte. Er sagte nicht: „Bleib.“ Er sagte nicht: „Wann sehe ich dich wieder?“ Er fragte nicht, was das jetzt für sie bedeutete, für ihre Ehe, für alles, was danach kam. Er war immer schon der Mann gewesen, der nichts verlangte, und jetzt, in diesem Moment, hasste sie ihn fast dafür und liebte ihn gleichzeitig so sehr, dass es sie zerriss.
„Greta“, sagte er leise, und seine Stimme war noch immer die selbe, ruhig, tief, ein Anker in einer Welt, die sich um sie herum aufgelöst hatte. „Was auch immer morgen passiert – bereue es nicht. Was wir … was das hier war, das war nicht falsch. Es war nur zu spät. Aber es war nicht falsch.“
Sie setzte sich auf und suchte nach ihren Kleidern. Das Hemd, die Hose, der Mantel – alles lag verstreut auf dem Boden, als hätte ein Sturm es durcheinandergewirbelt. Und vielleicht hatte er das. Vielleicht hatte dieser Abend nichts anderes getan, als die sorgfältig aufgebauten Mauern ihres Lebens einzureißen. Jetzt, in der Stille danach, musste sie entscheiden, ob sie sie wieder aufbaute oder ob sie in den Trümmern leben wollte.
Während sie sich anzog – und sie tat es langsam, bedächtig, als wäre jedes Kleidungsstück eine Rüstung, die sie wieder anlegen musste, um in die Welt zurückzukehren, – sah Moritz sie an. Er hatte sich nicht bewegt, er lag noch immer da, ein Arm hinter dem Kopf, und in seinen Augen war etwas, das sie nicht deuten konnte. Es war keine Trauer, oder nicht nur. Es war auch kein Vorwurf. Es war … es war die Ruhe eines Mannes, der lange genug gegen etwas angekämpft hatte und endlich, endlich verstanden hatte, dass der Kampf vorbei war. Dass er verloren hatte, ohne je eine Chance gehabt zu haben. Oder gewohnheitsmäßig – je nachdem, wie man es sah.
„Ich werde das Bild nicht zu Ende malen“, sagte er, als sie schon an der Tür stand, den Mantel zugeknöpft, die Schuhe in der Hand, weil sie nicht noch einmal das Geräusch von Absätzen auf Beton ertragen hätte. „Das von dir. Am Fenster. Ich lasse es so, wie es ist. Unfertig. Ein Fragment. Das passt besser zu uns, findest du nicht?“
Und sie – sie, die immer die richtigen Worte gefunden hatte, die immer gewusst hatte, was man in welcher Situation sagte – sie fand keine Antwort. Sie nickte nur und spürte, wie die Tränen wieder aufstiegen. Diesmal ließ sie sie kommen und laufen, die salzigen Spuren auf ihren Wangen, die sie nicht wegwischte. Denn sie wusste, dass sie in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten noch viele Tränen weinen würde. Um diesen Abend, um das, was sie getan hatte, und um das, was sie nicht hatte tun können – sie lieben, offen, ohne Scham, ohne Versteckspiel, ohne den Geschmack von Verrat auf der Zunge.
„Leb wohl, Moritz“, sagte sie, und sie öffnete die Tür. Das kalte Flurlicht emfing sie wie eine Ohrfeige, wie die Realität, die immer da draußen gewartet hatte, engelsgeduldig, bis sie mit ihren Träumen fertig war.
Er antwortete nicht. Vielleicht hatte er es getan und sie hatte es nur nicht gehört.
Die Treppen hinunter, Stufe um Stufe, und mit jeder wurde etwas in ihr schwerer und etwas anderes leichter, so als ob sie bei jedem Schritt ein Stück von sich selbst zurückließ und ein neues, fremdes Stück in sich aufnahm. Draußen hatte der Regen ganz aufgehört. Die Straßen glänzten im Licht der Laternen, schwarz und silbern. Die Luft roch nach Herbst, nach Neuanfang und nach Abschied. Sie roch nach den Dingen, die man nicht festhalten kann, egal wie sehr man es versucht. Ihre Hand fuhr zu ihrem Hals, zu der Stelle, wo er sie geküsst hatte, und sie spürte die Wärme noch, das Echo seiner Lippen. Und sie wusste: Dieses Echo würde bleiben und nachklingen. Es würde in den stillen Stunden vor dem Einschlafen, in den Momenten, wenn Paul ihre Hand nahm und sie an Moritz‘ Hände dachte, und in jeder Regentropfennacht, die noch kommen würde.
Sie zog ihr Handy aus der Manteltasche. Eine Nachricht von Paul. „Alles gut? Kommst du bald? Hab mir Sorgen gemacht.“ Die Uhrzeit: vor zwanzig Minuten.
Sie tippte: „Bin auf dem Weg. Alles gut.“ Und dann, nach einer Pause: „Ich hab dich lieb.“
Es war nicht gelogen. Es war die Wahrheit, nur eine andere als die, die sie in den letzten Stunden gelebt hatte. Und vielleicht, dachte sie, während sie durch die nasse Nacht nach Hause ging, zu ihrem Mann, zu ihrem Leben, zu den Trümmern und zu dem, was sie daraus bauen würde. Vielleicht bestand das Leben aus nichts anderem als aus solchen Momenten. Aus der Gleichzeitigkeit von Richtig und Falsch, aus Liebe und Verrat, aus dem, was man hat, und dem, was man nicht haben kann. Aus der Entscheidung, jeden Morgen aufs Neue zu leben, mit den Narben der Nacht.
Hinter ihr, im fünften Stock, erlosch das Licht im Atelier.
– ENDE –
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