Anziehung zwischen Frauen
Lotte zog das Gummiband aus ihrem feuchten Pferdeschwanz und spürte, wie sich die durchgeschwitzten Haarsträhnen in ihren Nacken legten. Es war dieser eine Moment nach dem Sport, wenn der Körper noch unter Strom stand und die Haut prickelte, als wäre sie zwei Nummern zu klein. Die Garderobe des Fitnessstudios atmete in gedämpftem Neonlicht und diesem unverwechselbaren Gemisch aus Duschgel, Desinfektionsmittel und dem metallischen Hauch von Schweiß, der sich in den Fugen der Fliesen festgesetzt hatte. Es war der letzte Kurs des Abends gewesen, Hot Yoga um halb neun. Während die anderen Teilnehmerinnen längst ihre Taschen gepackt und mit müden Grüßen den Heimweg angetreten hatten, war Lotte einfach sitzen geblieben. Oder vorzüglicher: liegen geblieben, auf ihrer Matte, die Augen geschlossen, bis die Lehrerin sie mit einem leisen Räuspern aus der Savasana-Versenkung geholt hatte.
Jetzt stand sie barfuß auf dem abgenutzten grauen Bodenbelag, zwischen zwei Reihen schmaler Metallspinde, und betrachtete im Spiegel ihren geröteten Hals. Fünfundvierzig, dachte sie, und immer noch dieser Blutandrang nach jeder Anstrengung, als würde ihr Kreislauf jugendlichen Überschwang vortäuschen wollen. Sie mochte das. Es erinnerte sie daran, dass ihr Körper lebendig war, auch wenn der Alltag als Grafikdesignerin sie meist vor einen Bildschirm zwang, bis die Schultern schmerzten und die Handgelenke kribbelten. Die Anziehung zwischen Frauen, hatte ihre Therapeutin neulich in einer Sitzung gesagt, als Lotte zum wiederholten Mal über ihre gescheiterte Ehe sprach, sei doch bitte nichts, wofür man sich entschuldigen müsse. Lotte hatte den Satz mit einem Nicken abgetan. Aber er war in ihr weitergewandert, hatte sich in den kleinen Kammern ihres Denkens eingenistet und klopfte nun immer öfter an, wenn sie andere Frauen betrachtete. So wie jetzt.
Die Tür zur Garderobe schwang auf, begleitet von einem kurzen Luftzug, der nach Chlor roch – das Schwimmbecken eine Etage tiefer –, und herein trat eine Frau, die Lotte vom Sehen kannte. Malia. Groß, schlank, mit diesen unglaublichen Schultern, die aussahen, als könnten sie problemlos eine Welt tragen, und einem Gesicht, das immer kurz davor schien, sich zu einem Lächeln zu entscheiden. Sie trug noch ihre Sportkleidung, eine schwarze Leggings und ein ärmelloses Top in jenem verwaschenen Olivgrün, das nur bestimmte Hauttöne zum Leuchten bringt. Ihren Hautton, zum Beispiel, dachte Lotte und ertappte sich dabei, wie sie im Spiegel Malias Bewegungen verfolgte, während sie selbst so tat, als würde sie in ihrer Tasche nach etwas suchen.
„Auch noch wach?“, fragte Malia und ließ ihre Sporttasche mit einem dumpfen Laut auf die Holzbank fallen. Der Reißverschluss schepperte leise nach.
Lotte zog ein Handtuch aus ihrer Tasche, drehte sich um und lächelte. Es war das erste Mal, dass sie mehr als ein „Hallo“ oder „Ist der Platz noch frei?“ miteinander wechselten, und seltsamerweise fühlte es sich an, als würde eine Tür aufgehen, durch die sie schon lange hatte treten wollen. „Die Savasana war zu gut“, sagte sie. „Ich wollte den Moment nicht zerstören.“
Malia lachte. Es war ein tiefes, rundes Lachen, das von irgendwo aus ihrem Bauch zu kommen schien und den Raum für einen Augenblick wärmer machte. „Savasana. Die Haltung des Toten. Ironisch, dass ausgerechnet die uns lebendig fühlen lässt, oder?“
Lotte nickte. „Vielleicht, weil wir im Alltag nie wirklich still sind. Nicht mal im Schlaf.“
„Da hat jemand nachgedacht.“ Malia zog eine Augenbraue hoch, während sie die Schnürsenkel ihrer Turnschuhe löste. Ihre Finger waren lang, die Nägel kurz und unlackiert. Praktisch, schoss es Lotte durch den Kopf, und sie spürte, wie ihr bei diesem Gedanken die Hitze in die Wangen stieg. Sie wandte sich ab, legte ihr Handtuch über die Schulter und tat so, als müsse sie dringend ihre Wasserflasche inspizieren.
„Ich heiße übrigens Malia“, sagte die Stimme hinter ihr.
„Lotte.“ Sie drehte sich wieder um, und für eine Sekunde hingen ihre Blicke ineinander, länger als notwendig und ausgedehnter als üblich. In dieser Verlängerung lag etwas, das Lotte nicht benennen konnte – oder nicht benennen wollte.
Ein Spiegel, der mehr zeigt als Körper
Die Stille, die folgte, war nicht unangenehm. Sie war erwartungsvoll, wie der Moment, bevor ein Orchester den ersten Ton spielt. Malia hatte ihre Turnschuhe abgestreift und saß nun auf der Bank, die Unterarme auf die Oberschenkel gestützt, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Sie betrachtete Lotte mit einer Offenheit, die nichts forderte und trotzdem alles fragte.
„Du kommst oft her, oder?“, sagte Malia. „Ich sehe dich ständig. Meistens beim Yoga, manchmal an den Geräten. Du hast eine Art, dich zu bewegen, die mir aufgefallen ist. So … bedacht. „Als würdest du jeden Muskel einzeln begrüßen.“
Lotte musste grinsen. „Das klingt, als würde ich mit meinem Bizeps Konversation führen.“ Sie hob den Arm, spannte spielerisch an und senkte die Stimme zu einem tiefen Brummen: „Guten Abend, Herr Bizeps. Wie war Ihr Tag?“
Malia prustete los, und für einen Moment füllte das Geräusch die Garderobe so vollständig, dass alles andere verblasste – die summende Lüftung, das entfernte Tropfen einer Dusche, die leise Musik aus den Lautsprechern. Es war, als würde der Raum enger werden, nicht bedrohlich, sondern intim, als hätte jemand einen Vorhang zugezogen, hinter dem nur noch sie beide existierten.
„Du bist lustig“, sagte Malia, als sie sich beruhigt hatte. „Das gefällt mir. Die meisten Leute hier sind so ernst. Zählen ihre Wiederholungen, checken ihre Pulsuhren, als wäre Entspannung eine Wissenschaft.“ Sie stand auf und griff nach ihrem eigenen Handtuch, das sie aus der Tasche zog. Dabei streifte ihr Ellbogen fast Lottes Schulter, ein Hauch von Nähe, der nicht beabsichtigt schien und es vielleicht doch war.
Lotte spürte diesen Hauch auf ihrer Haut, obwohl er sie gar nicht berührt hatte. Es war lächerlich. Sie war kein Teenager mehr, sie hatte zwei Kinder großgezogen, eine Scheidung hinter sich und einen Job, bei dem sie täglich Entscheidungen traf, die fünfstellige Budgets betrafen. Und doch stand sie hier, in der Garderobe eines Fitnessstudios, und ihr Herz klopfte schneller, weil eine Frau mit olivgrünem Top in ihre Richtung atmete.
„Darf ich dir ein Kompliment machen?“, fragte Malia unvermittelt.
Lotte blinzelte. „Äh … ja?“
„Du hast wunderschöne Schlüsselbeine.“ Malia sagte es völlig sachlich, als würde sie das Wetter kommentieren. Aber ihre Augen hielten Lottes Blick fest, und da war dieses winzige Zucken in ihrem Mundwinkel, das verriet, dass sie genau wusste, was sie tat.
Lotte spürte, wie sie errötete – schon wieder, verdammt –, aber diesmal ließ sie es zu. Sie senkte nicht den Kopf, sie lachte nicht verlegen, sondern hielt dem Blick stand und sagte: „Das ist das Ungewöhnlichste, was mir seit langem jemand gesagt hat. Danke.“ Sie zögerte, dann fügte sie hinzu: „Du hast übrigens unglaubliche Schultern. Die habe ich schon vor Wochen bemerkt. Beim Kurs mit diesem furchtbaren Techno-Soundtrack, weißt du noch?“
„Der, bei dem die Lehrerin so getan hat, als wäre House-Musik der Schlüssel zur Erleuchtung?“, rief Malia und verdrehte theatralisch die Augen. „Wie könnte ich den vergessen? Ich hatte drei Tage lang Ohrwürmer.“ Sie trat einen Schritt näher, lehnte sich gegen den Spind neben Lotte und verschränkte die Arme. „Also hast du mich auch bemerkt. Interessant.“
Die Luft zwischen ihnen schien sich zu verdichten. Lotte nahm den Geruch von Schweiß wahr, aber nicht unangenehm, sondern vermischt mit etwas Blumigem, das wohl Malias Duschgel war, und darunter, ganz schwach, die salzige Note erhitzter Haut. Sie dachte an den Therapeuten-Satz, der in ihr herumgeisterte, und zum ersten Mal fühlte er sich nicht wie ein Urteil an, sondern wie eine Erlaubnis.
„Sollen wir …“, begann Lotte und brach ab, weil sie nicht wusste, wie der Satz enden sollte. Sollen wir was? Duschen? Einen Kaffee trinken? Herausfinden, ob das hier nur Höflichkeit ist oder etwas anderes?
Malia lächelte. Es war ein langsames, wissendes Lächeln, das sich von ihren Mundwinkeln bis zu ihren Augen ausbreitete. „Sollen wir vielleicht erst mal aus diesen verschwitzten Klamotten raus? Ich fühl mich wie in Frischhaltefolie verpackt.“ Sie hob ihr Top ein wenig an, gerade genug, dass ein Streifen Bauch sichtbar wurde, glatte braune Haut und der Ansatz eines Bauchnabels. Dann ließ sie den Stoff wieder fallen und griff nach dem Saum. „Ist es okay für dich, wenn ich mich hier umziehe? Ich habe keine Lust, mich in diese engen Kabinen zu quetschen. Bin etwas klaustrophobisch.“ Und dann, leiser: „Und ich mag deine Gesellschaft.“
Lotte nickte, ihr Mund war auf einmal trocken. „Klar. Ich … ich zieh mich auch um.“ Sie hörte selbst, wie heiser ihre Stimme klang, und räusperte sich. „Also, nicht wegen Klaustrophobie. Sondern weil ich auch verschwitzt bin. Offensichtlich.“ Sie deutete an sich hinunter, auf ihr durchgeschwitztes Shirt, und Malia lachte wieder dieses tiefe, warme Lachen, das sich in Lottes Bauch ausbreitete wie heißer Tee.
Der Stoff fällt, der Atem bleibt.

Malia zögerte keine Sekunde. Mit einer fließenden Bewegung zog sie ihr Top über den Kopf und ließ es auf die Bank fallen. Darunter trug sie einen schmalen Sport-BH in einem satten Burgunderrot, der ihre Brüste eng umschloss und den Kontrast zu ihrer warmen Hautfarbe noch betonte. Lotte sah, wie sich die Muskeln an Malias Rücken bewegten, als sie den Arm hob, um das Top beiseite zu legen, wie die Sehnen an ihren Unterarmen hervortraten und wieder verschwanden. Es war, als würde sie ein Anatomiebuch aufschlagen, aber eines, das von Schönheit handelte, nicht von Wissenschaft.
„Alles okay?“, fragte Malia über die Schulter, und Lotte realisierte, dass sie sekundenlang nichts gesagt hatte.
„Ja. Sorry. Ich war kurz … abgelenkt.“ Sie griff nach ihrem Shirt, zögerte. Ihre Figur war weicher als Malias, die Hüften breiter, die Taille weniger definiert. Zwei Schwangerschaften hatten ihre Spuren hinterlassen: silbrige Linien auf der Bauchhaut, die sie meist zu übersehen versuchte. Aber Malia sah sie an, mit diesen dunklen, geduldigen Augen, und in ihrem Blick lag nichts von Bewertung. Nur Neugier. Und etwas, das Lotte erst nach einem Moment erkannte: Verlangen. Ganz still, ganz unaufgeregt, aber unübersehbar.
Sie zog das Shirt aus. Die kühle Garderobenluft traf ihre verschwitzte Haut und ließ sie kurz erschaudern. Ihre Brustwarzen zogen sich unter dem dünnen Stoff ihres Sport-BHs zusammen. Malia ließ ihren Blick wandern, nicht fordernd, sondern anerkennend, als würde sie ein Gemälde betrachten, dessen Details sie sich einprägen wollte.
„Du bist schön“, sagte Malia. Es war keine Frage, keine Anmache, einfach eine Feststellung, die im Raum stehen blieb wie eine Einladung.
Lotte atmete aus. „Du auch.“ Sie war erstaunt, wie leicht ihr die Worte über die Lippen kamen. „Ich mag deine Art, mich anzusehen. Als wäre ich … keine Ahnung. Als wäre ich genau richtig, so wie ich bin.“ Sie lachte kurz auf. „Das klingt nach schlechtem Yoga-Spruch, sorry.“
„Schlechte Yoga-Sprüche sind die besten Yoga-Sprüche“, sagte Malia und trat näher. Sie stand jetzt so dicht, dass Lotte die Wärme ihres Körpers spürte, ohne dass sie sich berührten. Das Summen der Lüftung schien lauter zu werden, oder war das ihr eigener Puls, der in ihren Ohren rauschte? Malia hob die Hand, langsam, als wollte sie einem scheuen Tier Zeit geben, sich zurückzuziehen, und legte ihre Fingerspitzen einfach auf Lottes Schlüsselbein. Genau dort, wo Lottes Haut noch vom Sport gerötet war und der Puls unter der Oberfläche pochte.
„Darf ich?“, fragte Malia, und ihre Stimme war nur noch ein Hauch, weich und rau zugleich.
Lotte nickte. Ihre Kehle war zu eng für Worte.
Malias Finger wanderten von Lottes Schlüsselbein zu ihrer Schulter, strichen über den Träger des Sport-BHs und zeichneten die Kontur nach, wo der Stoff auf die Haut traf. Sie tat es mit einer Konzentration, die fast meditativ wirkte, als wäre jede Berührung ein Satz in einem Gespräch, das sie schon lange hatten führen wollen. Lotte stand vollkommen still, nur ihr Atem bewegte sich, hob und senkte ihre Brust unter Malias Blick. Es war die seltsamste und erregendste Erfahrung, die sie seit Jahren gemacht hatte – bekleidet und doch nackter als je zuvor, gesehen und doch nicht beurteilt.
„Ich möchte dich küssen“, sagte Malia. Es war keine Bitte, keine Forderung. Eher eine Information, ausgesprochen mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der sie vorhin Lottes Schlüsselbeine gelobt hatte.
„Ja“, flüsterte Lotte. „Bitte.“
Malias Lippen waren weicher, als Lotte erwartet hatte. Sie legten sich auf ihre, nicht fordernd, sondern fragend. Lotte antwortete, indem sie sich in den Kuss sinken ließ wie in Savasana – in eine Haltung der Hingabe, die nichts mit Tod zu tun hatte und alles mit Leben. Malia schmeckte nach Pfefferminz und etwas anderem, etwas, das Lotte nicht benennen konnte, das aber unbedingt mehr davon wollte. Ihre Hände fanden Malias Hüften, als hätten sie nie etwas anderes gesucht. Sie zogen sie näher, bis ihre Körper sich berührten, Brust an Brust, Bauch an Bauch, die Hitze ihrer verschwitzten Haut dazwischen.
Malia löste sich kurz, sah Lotte prüfend an. „Ist das okay für dich?“
„Mehr als okay“, murmelte Lotte und zog sie wieder an sich. Diesmal wurde der Kuss tiefer, fordernder. Ihre Zungen trafen sich, zögerlich erst, dann dringlicher, und Lotte spürte, wie eine Welle von Hitze durch ihren Körper flutete, die nichts mit Yoga zu tun hatte. Malias Hände glitten über ihren Rücken, fuhren die Wirbelsäule entlang, fanden den Verschluss des Sport-BHs und hielten inne.
„Soll ich?“
„Ja. Gott, ja.“ Lotte hörte das Keuchen in ihrer eigenen Stimme und war zu erregt, um sich dafür zu schämen. Malia öffnete den Verschluss mit einer geübten Bewegung, die Lotte eine winzige Sekunde lang irritierte – wie viele Frauen hatte sie schon so berührt? –, aber dann fiel der Stoff, und das Denken hörte auf.
Malias Hände legten sich um Lottes Brüste, warm und sicher, ihre Daumen strichen über die empfindlichen Spitzen, die sich sofort verhärteten. Lotte stöhnte leise auf, ließ den Kopf in den Nacken fallen und spürte, wie Malias Lippen ihren Hals fanden, die Kuhle zwischen den Schlüsselbeinen, den Ansatz ihres Brustbeins. Jede Berührung hinterließ eine Spur aus Hitze, die sich in Lottes Unterleib sammelte, ein Pochen, das sie nur zu gut kannte und das sie seit ihrer Scheidung nur allein gestillt hatte.
„Du bist so verdammt schön“, murmelte Malia gegen Lottes Haut, während ihre Hände weiterwanderten, über den Bauch, unter den Bund der Leggings, wo sie flach liegenblieben, noch ohne zu drängen. „Sag mir, was du willst, Lotte. Ich will alles von dir hören, jedes Wort, jeden Ton.“
Lotte öffnete die Augen, sah Malia direkt an. In diesem Moment gab es keinen Zweifel, keine Angst, kein Aber-was-wenn. Nur diesen Raum, der nach Chlor und Schweiß und ihnen roch, und das Verlangen, das zwischen ihnen stand wie ein eigenes Wesen. „Ich will, dass du mich anfasst“, sagte sie, klar und deutlich, und sie war noch nie in ihrem Leben so sicher gewesen, etwas zu wollen. „Überall. Jetzt. Hier.“
Hände, die wissen, wonach sie suchen
Malias Gesicht veränderte sich bei diesen Worten – es wurde konzentrierter, fast andächtig, als hätte Lotte ihr nicht nur Erlaubnis gegeben, sondern ein Geschenk gemacht, dessen Wert sie genau verstand. Sie schob ihre Hand tiefer in Lottes Leggings, unter den dünnen Stoff der Unterhose, und Lotte spürte, wie Malias Fingerspitzen durch das feuchte, lockige Haar strichen, das sie dort bedeckte. Es war eine so zarte Berührung, dass Lotte kaum atmete; ihre Hüften drängten sich Malia entgegen, ohne dass sie es bewusst steuerte.
„Da bist du also“, flüsterte Malia, und ihre Stimme war rau vor Erregung. „Ich habe dich schon so oft heimlich beobachtet. Wie du dich streckst, wie du die Augen schließt in der Savasana, wie deine Brust sich hebt und senkt. Und jedes Mal hab ich mir vorgestellt, genau das zu tun.“ Ihre Finger glitten tiefer, fanden die weiche, aufgequollene Stelle, die sich unter ihrer Berührung öffnete wie eine Blume unter Sonnenlicht. Lotte keuchte auf, grub ihre Finger in Malias nackte Schultern und spürte, wie die Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen zunahm, ein warmes Pulsieren, das sich mit jedem Herzschlag ausbreitete.
„Fass mich an“, stieß sie hervor. „Bitte. Hör nicht auf.“
Malia tat, worum sie gebeten wurde. Ihr Mittelfinger glitt in Lottes Enge, langsam und spielerisch, zog sich zurück und drang wieder ein. Währenddessen liebkoste ihre andere Hand Lottes Brust und rollte die harte Spitze zwischen Daumen und Zeigefinger, bis Lotte leise wimmerte. Es war eine Synästhesie der Lust, als wären ihre Nervenbahnen doppelt verkabelt. Jede Berührung an ihrer Brust spürte sie zwischen den Beinen. Jede Bewegung in ihrem Inneren sandte Stromstöße bis in die Fingerspitzen.
„Du bist so nass“, murmelte Malia an Lottes Ohr, ihre Lippen so nah, dass Lotte den warmen Atem auf ihrer Haut spürte. „So weich. Ich könnte dich stundenlang so halten, nur spüren, wie du dich um meine Finger zusammenziehst.“ Sie fügte einen zweiten Finger hinzu, dehnte Lotte behutsam, und sie stöhnte laut auf, ohne sich darum zu scheren, ob jemand sie hören konnte. Das Studio war leer, der letzte Kurs vorbei, und selbst wenn nicht – in diesem Moment existierte nichts außer Malias Hand zwischen ihren Schenkeln und dem Taumel, in den ihr Körper sie zog.
Sie erreichte den Höhepunkt schneller, als sie gedacht hätte. Vielleicht, weil sie so lange allein gewesen war. Vielleicht, weil Malia genau die richtigen Bewegungen machte, ihre Finger krümmte, bis sie jenen verborgenen Punkt im Inneren fand, der eine Hitzewelle auslöste, die sich nicht aufhalten ließ. Vielleicht auch, weil es das erste Mal war, dass eine andere Frau sie berührte, und diese Neuheit – diese endlich eingelöste Neugier – einen zusätzlichen Schubser gab. Lottes Becken bewegte sich rhythmisch gegen Malias Hand. Ihre Atemzüge wurden flach und schnell. Dann brach die Welle über ihr zusammen und schüttelte sie. Sie stammelte Malias Namen und hielt sich an ihren Schultern fest, während ihr Körper sich in einer Serie von Kontraktionen entlud.
Malia hielt sie, bis das Zittern nachließ. Dann zog sie vorsichtig ihre Hand zurück und leckte sich mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit die glänzenden Finger ab. Diese Handbewegungen hätten Lotte beinahe einen zweiten Orgasmus beschert, nur vom Zusehen. „Du schmeckst gut“, sagte sie, als würde sie einen Wein kommentieren. „Ein wenig salzig. Ein wenig süß. Ganz viel du.“
Lotte lachte, atemlos und überwältigt. Sie lehnte gegen den Spind, ihre Beine fühlten sich an wie nach zwanzig Kilometern Lauf, und in ihrem Kopf drehte sich alles. „Warte“, brachte sie hervor. „Gib mir eine Minute. Und dann … dann bist du dran.“ Sie sah Malia an, die immer noch ihren Sport-BH trug und deren Leggings einen dunklen Fleck zwischen den Beinen zeigten, wo ihre eigene Erregung durch den Stoff sickerte. „Ich will dich auch schmecken.“
Malia schloss für einen Moment die Augen, und ihr Lächeln war das einer Frau, die bekam, was sie sich seit Monaten gewünscht hatte. „Ich hatte gehofft, dass du das sagst.“
Sie halfen sich gegenseitig aus den restlichen Klamotten, diesmal ohne Zögern und ohne das schüchterne Tasten der ersten Minuten. Malias Körper war ein Wunder aus Linien und Flächen, ihre Brüste klein und fest, ihr Bauch flach mit einem kaum sichtbaren Streifen dunkler Härchen, die von ihrem Nabel abwärts führten. Lotte kniete sich auf die Holzbank, deren Kanten sich in ihre Schienbeine drückten, aber sie spürte es kaum. Sie griff nach Malias Unterhose und zog sie nach unten. Sie hielt den Atem an, als sie das Dreieck aus dunklen Locken sah, das sich darunter verbarg, den verborgenen Spalt, der feucht glänzte im Neonlicht.
„Du musst nichts tun, womit du dich nicht wohlfühlst“, sagte Malia, aber ihre Stimme war dünn vor Verlangen, und ihre Hände legten sich auf Lottes Hinterkopf, nicht drängend, sondern bittend.
„Ich fühle mich mit allem wohl, was ich dir antun kann“, murmelte Lotte und senkte den Kopf.
Der Geruch war überwältigend – herb, animalisch und so unverwechselbar Frau, dass Lotte am liebsten laut aufgejault hätte. Sie küsste die weiche Haut, ihre Zunge suchte den Weg zwischen die Falten und fand die kleine, geschwollene Perle, die unter ihrer Berührung zuckte. Malias Stöhnen war das Schönste, was Lotte je gehört hatte. Es war eine Melodie, die nach Wiederholung verlangte. Also leckte sie wieder und wieder, spielte mit der Spitze ihrer Zunge und sog vorsichtig, bis Malias Finger sich in ihrem Haar verkrallten und ihre Hüften begannen, sich zu bewegen.
„Ja, genau so, bitte, bitte, hör nicht auf, oh Gott, Lotte, ja!“ Malias Worte überschlugen sich. Sie verlor die Kontrolle, und Lotte hielt sie und presste ihre Hände gegen Malias Gesäß. Sie zog sie näher, während sie mit ihrer Zunge in sie eindrang und ihren Geschmack erkundete. Malias Enge und die Hitze, die sich um ihre Zunge zusammenzog wie vorhin um Malias Finger, wurden für Lotte spürbar. Es war intim, unanständig und vollkommen richtig, und als Malia kam, mit einem Schrei, der von den Kacheln widerhallte, spürte Lotte die Kontraktionen an ihren Lippen, schmeckte die Flut von Feuchtigkeit und wusste, dass nichts in ihrem Leben sie auf diesen Moment vorbereitet hatte – und dass sie genau das immer gesucht hatte.
Eine neue Haltung, die keine des Toten ist
Sie blieben noch eine Weile sitzen, auf der schmalen Holzbank, die eigentlich für Kleidung gedacht war und nicht für zwei erwachsene Frauen, die einander gerade die Welt aus den Angeln gehoben hatten. Malia hatte den Kopf an Lottes Schulter gelegt, ihre nackten Körper berührten sich an Hüfte und Flanke, und die Lüftung summte ihr monotones Lied über ihnen. Irgendwann würde jemand kommen, um die Garderobe für die Nacht zu schließen, aber dieser Moment gehörte noch ihnen.
„Weißt du“, sagte Lotte und strich Malia eine Haarsträhne aus der Stirn, „ich war noch nie mit einer Frau zusammen. Also, nicht mal ansatzweise. Ich habe mich nie getraut, es mir einzugestehen. Bis heute.“ Sie lächelte, und es fühlte sich an wie ein Muskel, den sie zum ersten Mal seit Jahren richtig benutzte. „Und jetzt frage ich mich, was ich all die Jahre verpasst habe.“
Malia richtete sich auf und sah sie an. In ihren Augen lag kein Spott, kein Triumph – nur diese warme Aufmerksamkeit, mit der sie den ganzen Abend schon auf Lotte reagierte. „Du hast nichts verpasst. Du warst nur noch nicht so weit. Und jetzt bist du es.“ Sie küsste Lotte sanft auf die Lippen, ein Kuss, der nach ihnen beiden schmeckte, nach ihrer Vermischung, nach dem salzigen Geschmack ihrer Lust. „Falls du Interesse hast, würde ich das gerne wiederholen.“ Nicht nur das hier.“ Sie deutete zwischen ihnen hin und her. „Sondern auch das mit den Komplimenten. Und dem Lachen. Und den grässlichen Yoga-Sprüchen. Ich mag dich, Lotte. Schon seit Monaten. Und ich würde dich gern kennenlernen, außerhalb dieser Kachelwände, ohne Schweiß und Chlorgeruch. Obwohl der Schweiß mir durchaus gefällt an dir.“ Sie grinste.
Lotte spürte, wie sich in ihrer Brust etwas löste, eine Verkrampfung, von der sie nicht gewusst hatte, dass sie existierte. Es fühlte sich an wie das Ende einer Savasana, wenn die Lehrerin einen aufforderte, die Finger und Zehen zu bewegen und langsam in den Raum zurückzukehren. Nur dass sie diesmal nicht allein zurückkehrte. „Ich würde sehr gern einen Kaffee mit dir trinken“, sagte sie. „Und alles, was danach kommt. Und davor. Und dazwischen.“ Sie runzelte die Stirn. „Das ergibt grammatikalisch keinen Sinn, oder?“
„Null Sinn“, bestätigte Malia. „Aber ich verstehe genau, was du meinst.“ Sie stand auf und reichte Lotte die Hand. „Komm, lass uns duschen, bevor sie uns hier rauswerfen. Und danach führe ich dich in das Café um die Ecke aus, diesen kleinen Laden mit den hellblauen Tassen und dem absurden Zimtschnecken-Angebot. Die haben bis Mitternacht geöffnet. Mein Lieblingsort für erste Dates, zweite Dates und so weiter und so fort.“ Sie zog Lotte auf die Füße, und ihre Hand blieb in Lottes Hand liegen, warm und trocken und wie dafür gemacht, gehalten zu werden.
Später, unter dem heißen Strahl der Dusche, während sie einander shampoonierten und dabei mehr lachten als wuschen, dachte Lotte an den Therapeuten-Satz, der diesen Abend eingeläutet hatte wie eine Fanfare. Die Anziehung zwischen Frauen, hatte er gesagt, sei nichts, wofür man sich entschuldigen müsse. Er hatte ja so recht. Wofür man sich entschuldigen müsse, dachte Lotte. Sie sah Malia dabei zu, wie sie sich mit geschlossenen Augen das Wasser übers Gesicht laufen ließ. Es sei höchstens, all die Jahre nicht genau hingehört zu haben. Aber auch das war in Ordnung. Sie hatte ja gerade erst angefangen.
Als sie das Fitnessstudio verließen, war die Luft draußen kühl und roch nach nassem Asphalt, nach irgendwo gegrilltem Essen und nach Großstadt. Nichts Besonderes, eigentlich. Und doch kam Lotte alles wie verwandelt vor, als hätte jemand die Farben aufgedreht. Sie ging neben Malia, ihre Taschen über den Schultern, einen halben Schritt Abstand zwischen ihren Körpern, aber es war ein Abstand, der sich jederzeit überbrücken ließ. Und sie wusste, dass sie das tun würde. Heute, morgen und all die Male, die danach kamen.
„Sag mal“, sagte Malia, als sie vor dem Café mit den hellblauen Tassen standen. Durch dessen Fenster fiel warmes gelbes Licht auf den Bürgersteig. „Was machen wir eigentlich, wenn wir uns das nächste Mal beim Yoga sehen? Bei der nächsten Savasana? Sollen wir vorgeben, als wäre nichts?
Lotte dachte kurz nach. Dann grinste sie. „Ach, wir tun einfach, was wir immer tun. Wir liegen still. Haltung des Toten. Aber unsere kleinen Finger … die berühren sich. Ganz heimlich. So lange, bis alle anderen gegangen sind und wir die Garderobe wieder für uns haben.“ Sie zwinkerte Malia zu und öffnete die Tür zum Café.
Hinter ihnen erlosch das Neonlicht des Fitnessstudios, Schicht für Schicht, bis nur noch die Straßenlaternen brannten. Und irgendwo in einer leeren Garderobe fiel ein Handtuch von einer Bank und blieb liegen, vergessen und unwichtig, ein stummer Zeuge von etwas, das gerade erst begonnen hatte.
– ENDE –
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