Verbotene Nähe zwischen Frauen
Carolin stellte ihre Einkaufstasche auf dem noch trockenen Betonboden ab und lehnte sich mit einem erleichterten Seufzen gegen die kühle Schaufensterscheibe des geschlossenen Cafés. Die ersten dicken Tropfen hatten sie auf den letzten Metern erwischt, und jetzt prasselte es bereits so heftig auf das Glasvordach über ihr, dass sie ihr eigenes Keuchen kaum hörte. Sie schob sich eine lose Strähne aus der Stirn und musterte die Einkaufstüte, die allmählich durchweichte – typisch, ausgerechnet heute hatte sie den Stoffbeutel genommen statt des wasserfesten Rucksacks. Der Himmel hatte binnen Minuten von bleiern zu bedrohlich gewechselt, und nun trommelte ein wütender Hagel auf das Vordach, als wolle jemand mit Murmeln nach ihr werfen. Carolin zuckte zusammen, als ein besonders lauter Aufschlag direkt über ihrem Kopf schepperte. So viel zum entspannten Feierabend.
Sie war nicht allein. Das registrierte sie erst richtig, als eine Bewegung in ihrem Augenwinkel sie aufblicken ließ. Eine Frau stand drei Meter entfernt am anderen Ende des Vordachs, die Arme vor der Brust verschränkt, eine nasse Umhängetasche quer über dem dunklen Sommerkleid. Ihr Blick war himmelwärts gerichtet, als taxiere sie, ob das Gewitter sich bald verziehen würde, und dabei hatte sie die Lippen leicht geöffnet – ein Ausdruck zwischen Belustigung und resigniertem Staunen. Carolin schätzte sie auf Mitte dreißig, vielleicht ein bisschen älter als sie selbst. Ihr Haar war dunkel und zum Knoten gebunden, aber die Feuchtigkeit ließ einzelne Löckchen rebellisch hervorquellen, die sich um ihre Schläfen ringelten. Es war dieser Mund, der Carolins Aufmerksamkeit festhielt: ein bisschen schief, als würde gleich ein Lächeln ausbrechen, das sich noch zierte.
»Ich glaube, wir sind die einzigen, die dumm genug waren, ohne Schirm rauszugehen«, sagte die Frau plötzlich, ohne den Blick vom Himmel zu nehmen.
Carolin lachte auf. »Wenigstens bin ich nicht allein dumm. Das tröstet ungemein.«
Jetzt drehte die Frau den Kopf, und ihre Augen trafen sich. Graugrün, dachte Carolin, wie das Meer vor einem Regenschauer. »Ich bin Miriam«, sagte die Fremde und deutete eine kleine Verbeugung an, die so ironisch war, dass Carolin unwillkürlich grinste.
»Carolin. Und ich würde dir ja die Hand geben, aber ich befürchte, meine Finger sind so klamm, dass du denkst, ich hätte einen toten Fisch in der Tasche gehabt.«
Miriam lachte – ein offenes, tiefes Gelächter, das irgendwo aus dem Bauch kam. »Ich mag tote Fische nicht besonders. Aber ich mag Leute, die bei Hagel gute Laune behalten.« Sie trat einen Schritt näher, zögerte dann aber, als wäre sie sich nicht sicher, ob die Distanz von drei Metern nicht vielleicht genau richtig war. Carolin spürte dieses winzige Zögern wie einen kaum merklichen Temperaturwechsel auf der Haut. Zwischen ihnen war nichts als regenschwere Juniluft und diese eigentümliche, sofort da gewesene Vertrautheit, die sich manchmal zwischen zwei Menschen einstellt, die am selben Punkt des Lebens stranden – wortwörtlich unter einem Café-Vordach. In Carolins Kopf formte sich ein Satz, den sie vor Jahren einmal in einem Roman gelesen hatte: Manchmal ist die verbotene Nähe zwischen Frauen nicht nur eine Frage gesellschaftlicher Konvention, sondern auch eine der eigenen Überraschung.
Das Knacken im Eis war gar keines – es war das Knistern von Hagel.
Das Gewitter dachte nicht daran, nachzulassen. Im Gegenteil, die Hagelkörner wurden massiver, prallten jetzt wie kleine weiße Murmeln auf den Asphalt und tanzten wild über die Straße. Carolin zog den Reißverschluss ihrer leichten Jacke höher und wünschte, sie hätte nicht ausgerechnet heute Morgen beschlossen, dass Juni gleichbedeutend mit Sommerkleidung sei. Die Jacke war dünn, das Top darunter noch mehr, und die Jeans klebten an ihren Oberschenkeln, sobald sie sich bewegte.
»Weißt du, was ich mich gerade frage?«, sagte Miriam. Sie hatte sich jetzt bis auf einen Meter genähert, lehnte an der Hauswand neben dem Café-Eingang, die Schulterblätter gegen den verblassten Putz gedrückt. »Ob es eine höhere Macht gibt, die mich dafür bestraft, dass ich heute Mittag meinem Chef gesagt habe, ich fände seine neue Strategie, nun ja, sagen wir: gewagt.«
Carolin zog eine Augenbraue hoch. »Und das Gewitter ist die Antwort des Firmengotts?«
»Das Universum hat seinen eigenen Humor.« Miriam grinste. »Entweder das, oder ich bin einfach miserabel darin, Wetter-Apps zu lesen. Beides möglich.«
Carolin musterte sie ungeniert. Miriams Sommerkleid war eines dieser luftigen Dinger mit dünnen Trägern, die aussahen, als wären sie für südliche Gefilde gemacht und nicht für einen mitteleuropäischen Juni, der jederzeit beschließen konnte, November zu spielen. Die Farbe, die irgendwo zwischen Petrol und Waldgrün lag, stand Miriam gut, fand Carolin, sogar viel zu gut. Der Stoff schmiegte sich an ihre Hüften und ließ an den richtigen Stellen ahnen, was darunter war. Carolin ertappte sich bei dem Gedanken und fand ihn weder unangenehm noch beunruhigend – eher überraschend. Es war lange her, dass sie eine Frau so angesehen hatte. Vielleicht lag es am Hagel, an dieser erzwungenen Nähe auf wenigen Quadratmetern, an der Unwahrscheinlichkeit der Situation. Vielleicht lag es an Miriams Art, den Kopf schief zu legen, wenn sie sprach, als wolle sie einem ein Geheimnis anvertrauen, das noch nicht formuliert war.
»Und was machst du so, wenn du nicht damit beschäftigt bist, Chefs zu verärgern und dich vor Hagel unter falsche Vordächer zu retten?«, fragte Carolin und merkte, wie albern das klang, aber Miriam lachte schon wieder.
»Ich restauriere alte Möbel. Aber im Moment versuche ich, eine Kommode aus den Dreißigern zu retten, die mehr Holzwurm als Holz ist. Ich glaube, ich bin einfach eine hoffnungslose Romantikerin, was alte Dinge angeht. Und du?«
»Bibliothekarin. Also beruflich mit noch älteren Dingen beschäftigt als du.« Carolin deutete auf die Tasche. »Und heute mit drei Kilo Kochbüchern auf dem Heimweg, die jetzt vermutlich zu Papiermaché werden.«
»Kochbücher?« Miriams Augen blitzten auf, und Carolin bemerkte die kleinen Lachfältchen in ihren Winkeln. »Kochst du gerne?«
»Ich koche, weil ich gerne esse. Der Unterschied ist wichtig.«
Miriam nickte ernst. »Das ist eine Philosophie, die ich respektiere. Ehrfurcht vor dem Genuss. Die meisten Leute unterschätzen das.«
Und dann, ohne dass Carolin genau sagen konnte, wer von beiden den ersten Schritt gemacht hatte, verringerte sich der Abstand noch einmal. Keine Berührung, bisher nicht, aber die bloße Möglichkeit hing jetzt wie ein eigener Duft in der regengeschwängerten Luft. Carolin roch Miris Parfüm, oder war es ihr Shampoo – etwas Zitroniges, vermischt mit dem Geruch nasser Baumwolle und warmer Haut. Der Lärm des Hagels schien sich zu verdoppeln, als ob die Welt extra laut sein wollte, damit sie ganz nah zueinanderrücken mussten, um sich zu verstehen.
Die Stille zwischen den Hagelschauern war lauter als das Prasseln
Es war Miriam, die das Schweigen brach, aber nicht mit Worten. Sie hob die Hand und zeigte auf Carolins Haaransatz, dort, wo sich noch ein paar Regentropfen in den kastanienbraunen Strähnen verfangen hatten. »Du tropfst«, sagte sie leise, und es klang nicht nach einer Feststellung, sondern nach einer Entschuldigung für das, was dann kam: Ihre Fingerspitzen berührten Carolins Schläfe, ganz vorsichtig, als streife sie ein Blütenblatt von ihrer Haut. Carolin hielt die Luft an. Die Berührung war kaum mehr als ein Hauch, aber sie brannte sich ihren Weg vom Haaransatz bis irgendwo tief in den Magen.
»Jetzt tropfe ich auch«, flüsterte Carolin zurück und meinte etwas völlig anderes.
Miriam zog die Hand nicht zurück. Ihre Finger wanderten ein Stück tiefer, folgten der Kontur von Carolins Kieferknochen, als wären sie schon hundertmal diesen Weg gegangen und müssten nur die Erinnerung auffrischen. Carolin spürte jede einzelne Millisekunde dieser Bewegung – die raue Kuppe des Zeigefingers, die glatte Kante des Fingernagels, die Wärme, die sich unter ihrer Haut ausbreitete wie Tinte in Wasser. Der Hagel trommelte weiter, aber er schien jetzt gedämpft, weit weg, ein bloßes Hintergrundgeräusch für das, was hier auf diesen anderthalb Quadratmetern trockenen Betons geschah.
». Sehr gern. Und ich sage das nicht zu jeder Frau, die ich unter einem Vordach treffe.«
Carolin lachte, ein bisschen atemlos. »Wie viele Frauen triffst du denn so unter Vordächern?«
»Du wärst die erste. Und vermutlich die einzige.«
Carolin antwortete nicht mit Worten. Sie legte ihre Hand in Miriams Nacken, spürte die feuchten Löckchen dort, die kühle Haut am Haaransatz, und zog sie sanft zu sich heran. Der erste Kuss war zögerlich, fast keusch – ein Vorschlag, kein Zugriff. Miriams Lippen waren weich und schmeckten nach dem Pfefferminztee, den sie vorhin getrunken haben musste, und nach etwas anderem, das Carolin nicht benennen konnte, das aber unverkennbar nach mehr verlangte. Sie öffnete den Mund einen Spalt breit, und Miriam folgte der Einladung so selbstverständlich, als hätten sie diese Choreografie in einem früheren Leben einstudiert.
Der zweite Kuss war kein Vorschlag mehr. Miriams Zunge glitt an Carolins Unterlippe entlang, und das warme, weiche Gleiten ließ Womi eine kleine Laute ausstoßen, die irgendwo zwischen Seufzen und Stöhnen stecken blieb. Ihre Hände fanden Miris Taille, schoben sich unter die Jacke, die Miriam über dem Sommerkleid trug, und trafen auf den dünnen Stoff des Kleides, der sich unter ihren Fingern zusammenschieben ließ. Miriams Haut darunter war warm, glühend, und Carolin spürte die feinen Härchen auf ihren Unterarmen, die sich aufstellten, als sie mit den Fingerspitzen spiralförmig über Miriams bloße Schultern strich.
»Ist das okay?«, murmelte Carolin an Miriams Mundwinkel.
Miriams Antwort war ein Lachen, das in ein Keuchen überging, als Carolins Daumen die Stelle unter ihrem Schlüsselbein fand, wo der Puls dicht unter der Haut schlug. »Okay ist das Gegenteil von dem, was das ist«, sagte Miriam, und dann küsste sie Carolins Hals, knapp unter dem Ohr, wo der Hagellärm plötzlich unhörbar wurde und nur noch das Rauschen von Carolins eigenem Blut übrig blieb.
Carolin lehnte sich gegen die Schaufensterscheibe, und das kalte Glas an ihrem Rücken war ein scharfer Kontrast zu der Hitze, die sich in ihrem Unterleib ausbreitete. Miriams Hände waren jetzt unter ihrer Jacke, schoben den Stoff nach oben, bis Carolin die kühle Luft auf ihrer Wirbelsäule spürte. Miriams Fingerspitzen malten Muster auf ihre Haut, die Carolin nicht sehen, aber fühlen konnte – Kreise, die immer tiefer wurden, als gruben sie sich in ihre Poren ein. Carolin zog Miriam enger an sich, presste ihre Hüften gegen Miriams Oberschenkel und registrierte mit der Präzision einer Frau, die exakt wusste, worauf sie sich einließ, dass Miriams Atem genauso stockend ging wie ihr eigener.
»Wir sind auf offener Straße«, flüsterte Carolin gegen Miriams Haar.
»Es ist Hagel. Kein Mensch ist jetzt draußen. Und die Fenster sind blind von den Tropfen.« Miriams Stimme war heiser, als hätte sie Sand im Hals. Ihre Hand lag jetzt flach auf Carolins Bauch, unter dem hochgeschobenen Top, und der bloße Druck ihrer Handfläche war so intim, dass Carolin einen Moment die Augen schloss und einfach nur fühlte. Miriams Finger krochen höher, ertasteten die Unterseite von Carolins Brust durch den BH, und sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht aufzustöhnen.
Die Sprache, die Hände unter nasser Kleidung sprechen

Miriam schob den Bügel des BHs mit einer Geduld zur Seite, die Carolin fast um den Verstand brachte. Zuerst den linken Träger, Millimeter für Millimeter, dann den rechten, bis der BH locker saß und Miriams Hand darunter schlüpfen konnte, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt. Die erste direkte Berührung – Miriams Handkante an Carolins Brustwarze – ließ Letztere den Kopf gegen das Glas zurückfallen. Es gab ein dumpfes, hohles Geräusch, das im Prasseln des Hagels unterging.
»Kalt?«, fragte Miriam und umfasste Carolins Brust mit einer Langsamkeit, die nichts mit Zögern zu tun hatte, sondern mit dieser fast unerträglichen Konzentration, die man dem Anfassen kostbarer Dinge vorbehält.
»Alles außer kalt«, presste Carolin hervor. Miriams Daumen strich über ihre Brustwarze, die sich sofort zusammenzog und hart wurde. Carolin spürte, wie ihr gesamter Körper mit dieser einen winzigen Stelle korrespondierte, als wäre ein Seilzug betätigt worden, der direkt zwischen ihren Beinen endete.
Miriam schien das zu verstehen. Sie beugte sich vor und küsste Carolins Halsansatz, während ihre Finger weiterarbeiteten. Sie rollten, kniffen, flach und dann wieder spitz, variierten jeden Rhythmus, den Carolin mit kleinen Beckenbewegungen beantwortete, die sie nicht kontrollieren konnte und auch nicht wollte. Der Stoff ihrer Jeans war nass vom Regen und scheuerte an ihren Oberschenkeln. Aber das Gefühl war nicht unangenehm, es gehörte einfach zu dieser unwirklichen Szenerie aus Glas, Hagel und der verbotenen Nähe zwischen Frauen, die sich vor vierzig Minuten noch nie gesehen hatten.
»Fass mich an«, sagte Miriam plötzlich, und es klang nicht nach einer Bitte, sondern nach einer Feststellung, dass Carolin das ohnehin tun würde, es nur noch nicht wusste. Carolin löste ihre Hand von Miriams Hüfte und wanderte den Oberschenkel hinauf. Sie schob den Stoff des Sommerkleids nach oben, bis ihre Finger die feuchte Hitze zwischen Miriams Beinen ertasteten, immer noch durch den dünnen Slip hindurch. Miriam stieß einen atemlosen Laut aus und drückte sich gegen Carolins Hand.
»Du bist so nass«, flüsterte Carolin, überrascht von ihrer eigenen Direktheit, aber Miriam nickte nur und küsste sie wieder, fester diesmal, während Carolins Finger den Slip beiseite schoben und die samtweiche Haut fanden, die sich ihr entgegendrängte. Sie bewegte sich langsam, erkundend. Sie lernte Miris Rhythmus kennen, den Kreis, den sie um ihre Klitoris beschrieb, den Druck, den sie mochte, und die Stelle etwas links von der Mitte, die Miriam leicht zusammenzucken ließ, wenn sie zu direkt war. Miriams Hände waren unterdessen nicht still gewesen – sie hatte Carolins Jeans geöffnet. Der Knopf war irgendwann unter ihren flinken Fingern aufgesprungen, der Reißverschluss gefolgt. Nun steckte Miriams Hand in Carolins Hose und ihre Finger tauchten den Bund ihres Slips hinab und unternahmen die gleiche Entdeckungsreise, nur gegenläufig.
Die Welt bestand aus Haut und Nässe und dem hämmernden Klopfen des eigenen Herzens. Carolin spürte Miris Finger in sich, erst einen, dann zwei, sich langsam bewegend, während ihr Daumen einen feuchten Halbkreis um Carolins Klitoris zog. Carolin presste ihren Mund gegen Miriams Schulter, um nicht laut aufzuschreien, denn das hier war eine öffentliche Straße, auch wenn sie menschenleer schien. Und was sie taten, war nicht für den Zufallspassanten bestimmt, der sich vielleicht doch durch den Hagel kämpfte.
»Nicht zurückhalten«, murmelte Miriam an ihrem Ohr. »Der Hagel schluckt alles.«
Und als hätte der Himmel beschlossen, ihre Komplizenschaft zu besiegeln, donnerte es in diesem Moment so laut, dass die Scheibe hinter ihnen vibrierte. Carolin lachte auf, ein Lachen, das in ein Stöhnen überging, als Miriam ihre Finger tiefer schob und gleichzeitig ihre Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, ein Gleichgewicht aus zwei Empfindungen, das Carolin in eine schwerelose Mitte bugsierte, wo nichts existierte außer dem rhythmischen Kreisen ihrer eigenen Finger zwischen Miriams Beinen und Miriams Händen in ihr und um sie herum.
Sie bewegten sich jetzt im Gleichklang, zwei Frauen, die die gleiche Sprache sprachen, eine uralte Sprache aus Druck und Bewegung und beschleunigtem Atem. Carolin fühlte, wie sich Miris Muskeln um ihre Finger zusammenzogen, was das untrügliche Signal war. Daraufhin erhöhte sie den Druck und rieb schneller und fester. Bis Miriam den Kopf in den Nacken warf und ein Keuchen ausstieß, das irgendwo aus ihrer Brust kam und wie ein Schluchzen klang. Carolin hielt sie, während Miriam kam. Miriams Finger gerieten dadurch nicht aus dem Takt – sie setzten ihr Werk an Carolin fort, jetzt mit noch mehr Konzentration, als wolle sie sich revanchieren für das Geschenk, das Carolin ihr gerade gemacht hatte.
Carolin spürte ihren eigenen Orgasmus herannahen wie eine Welle, die sich weit draußen aufbaute und erst ganz zum Schluss brach. Ihre Finger krallten sich in Miriams Schulter, ihre Hüften pressten sich gegen ihre Hand. Dann zerschellte die Welle und riss sie mit. Es gab ein langes, zitterndes Beben, das ihre Knie weich machte und ihre Sicht verschwimmen ließ, bis nur noch Miriams Gesicht übrig blieb. Es war ganz nah, ganz ruhig, mit diesem schiefen Lächeln.
Der Regen nach dem Hagel wäscht nichts fort, was bleiben will.
Sie standen eine Weile einfach so da, aneinandergelehnt, die Hände noch immer an Stellen, die sich jetzt etwas verlegen anfühlten, aber nicht unangenehm. Carolinens Atem normalisierte sich langsam. Mit ihm kehrte die Außenwelt zurück: das Prasseln des Regens, der jetzt ohne Hagel fiel, die Tropfen, die vom Vordach perlten, das ferne Rauschen der Kanalisation, die die Wassermassen schluckte. Carolin zog ihre Hand zurück und registrierte das feuchte Glänzen auf ihren Fingern, bevor sie sie an ihrer Jeans abwischte.
Miriam ordnete ihr Kleid mit Bewegungen, die wieder so ironisch-präzise waren wie zu Beginn ihrer Begegnung. Sie knöpfte Carolins Jeans zu, was eine so liebevolle Geste war, dass diese einen Kloß im Hals spürte.
»Also«, sagte Miriam und räusperte sich. »So viel zum Thema: Was macht man, wenn man keinen Schirm hat?«
Carolin lachte. Ihr Lachen klang etwas brüchig. »Ich glaube, wir haben soeben die endgültige Antwort gefunden. Sollte Eingang in jeden Ratgeber finden.«
»›Was tun bei Hagel? Sex mit einer Fremden unter einem Café-Vordach.‹ Die Volkshochschule wird es lieben.«
Sie sahen sich an, und in diesem Blick lag die ganze Ungeheuerlichkeit des gerade Geschehenen, aber auch eine Zärtlichkeit, die Carolin nicht erwartet hatte. Nicht nach so kurzer Zeit, nicht mit einer Frau, deren Nachnamen sie nicht kannte.
Miriam schien Ähnliches zu denken. Sie zog ihre Jacke zurecht und holte tief Luft. »Ich würde jetzt gerne etwas sagen, das nicht nach einer schlechten romantischen Komödie klingt. Aber mir fallen nur Sätze ein wie: „Ich will dich wiedersehen.“ Oder: Das war das Beste an einem Hagelschauer seit meiner Kindheit. Oder –
»Dann sag einfach ja«, unterbrach Carolin.
»Ja?«
»Ja. Zu den Kochbüchern. Ich koche, du bringst den Wein. Morgen Abend. Und wir finden heraus, ob das hier nur am Hagel lag oder ob das mit uns auch bei Sonnenschein funktioniert.«
Miriams Gesicht hellte sich auf wie ein Himmel, der nach dem Gewitter die ersten blauen Fetzen zeigt. »Zufällig habe ich eine Vorliebe für Frauen, die kochen, weil sie gerne essen. Und –«, sie machte eine Pause, die wie ein Augenzwinkern wirkte, obwohl sie gar nicht zwinkerte –, »ich habe auch eine Vorliebe für Bibliothekarinnen. Schon immer gehabt. Die wissen, was sie wollen, und können es alphabetisch sortieren.«
Carolin bückte sich nach ihrer Einkaufstasche, in der die Kochbücher tatsächlich klamm waren, aber nicht zerstört. Als sie sich aufrichtete, stand Miriam direkt vor ihr, so nah, dass sie die einzelnen Wimperntropfen erkennen konnte.
»Danke«, sagte Miriam leise.
»Wofür?«
»Dafür, dass du die erste Frau warst, die ich unter einem Vordach getroffen habe. Und dafür, dass du den Reißverschluss meines Kleides wieder hochgezogen hast, ohne dass ich dich darum bitten musste.«
Carolin lächelte. »Das ist das Mindeste. Außerdem –«, sie senkte ihre Stimme, »– ich würde gerne wissen, wie das Kleid aussieht, wenn es auf meinem Schlafzimmerboden liegt.«
Miriams Augen weiteten sich, und sie schlug Carolin leicht gegen die Schulter. »Du bist unmöglich.«
»Kann sein. Aber das Abendessen ist möglich. Morgen, acht Uhr?«
Miriam nickte. Ihre Finger berührten Carolins Handgelenk ein letztes Mal, als ein Versprechen auf Fortsetzung. Dann trat sie einen Schritt zurück, zog ihre nasse Tasche über die Schulter und warf einen Blick in den Himmel, der jetzt tatsächlich ein paar Wolkenlücken zeigte.
»Ich sollte gehen, bevor es ganz aufhört zu regnen. Weißt du, ich will mir die Illusion bewahren, dass der Hagel uns zusammengebracht hat und nicht der blanke Zufall.«
»Der Hagel und eine geschlossene Café-Tür«, ergänzte Carolin.
»Die sollten wir irgendwann zusammen besuchen. Wenn sie offen haben.«
»Tu ich. Aber erst bringe ich dich zum Dessous-Kauf mit, denn ich habe gerade beschlossen, dass ich dir etwas zum Ausziehen schenken will.«
Miriam erstarrte vor Schreck, drehte sich um und zeigte auf Carolin. »Du. Du bist eine Gefahr. Weißt du das?«
»Ich bin Bibliothekarin. Wir sortieren nicht nur. Wir planen voraus.«
Lachend trennten sie sich, Miriam nach links die Straße hinunter, Carolin zur gegenüberliegenden Seite, beide mit dem Versprechen des nächsten Abends im Gepäck und mit warmen, nassen Erinnerungen an eine verbotene Nähe zwischen Frauen, die sich in eine erlaubte, erhoffte, herbeigesehnte Distanz verwandelt hatte. Der Regen fiel jetzt sanft, fast zärtlich, als wolle er die Stadt und die beiden Frauen und das Café-Vordach segnen, unter dem die unwahrscheinlichste Begegnung des Tages stattgefunden hatte.
Carolin drehte sich auf dem Absatz um und rief Miriam hinterher: »Und bring den Wein mit, den du heute Mittag fast gekauft hättest!«
Miriam drehte sich um, den Kopf zurückgeworfen, das Haar jetzt völlig zerzaust und kein bisschen mehr zum Knoten gebunden. »Welchen?«
»Den, den du nicht gekauft hast, weil du dachtest, du trinkst ihn nie mit jemand Besonderem!«
Miriams Antwort war nur noch ein Lachen, das in der feuchten Luft hing wie ein Versprechen.
– ENDE –
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