Bisexuelle Begierde
„Wenn du die Zwiebeln so grob schneidest, kriegst du nachher keine ordentliche Soße, sondern Eintopf mit Stückchen.“
Carolin stand in der Tür zur WG-Küche, eine Einkaufstasche in jeder Hand, und musterte Fabians Schneidwerk mit diesem unnachahmlichen Blick, den er seit drei Jahren kannte und der immer dasselbe bedeutete: Ich weiß es besser, aber ich lass dich trotzdem machen. Bis eben zum entscheidenden Moment.
Fabian hob das Messer, eine halbierte Zwiebel klebte noch an der Klinge. „Seit wann bist du eigentlich wieder mit mir in einer WG? Du wohnst zwei Straßen weiter, falls du’s vergessen hast.“
„Seit Anna mich gefragt hat, ob ich beim Kochabend helfe. Und seit ich dich in der Küche stehen sehe.“ Sie stellte die Taschen auf dem freien Stück Arbeitsplatte ab und zog ihre Jacke aus, ohne den Blick von seinem Schneidebrett zu nehmen. „Gib her. Bevor du das ganze Chili ruinierst.“
Er reichte ihr das Messer, aber langsamer als nötig, und ihre Finger streiften seine, als sie den Griff übernahm. Ein halber Herzschlag zu lang. Carolin registrierte es, sagte aber nichts. Stattdessen schob sie ihn mit der Hüfte ein Stück zur Seite, was bei der schmalen Küche unvermeidlich war. Dann begann sie, die Zwiebeln in feine Würfel zu verwandeln – gleichmäßig, präzise, in einem Tempo, das Fabian widerwillig beeindruckte.
„So“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Und jetzt die Paprika. Die hast du hoffentlich noch nicht angerührt?“
„Nein, Ma’am.“
„Gut. Dann mach dich nützlich und wasch die Kräuter. Koriander und Petersilie. Nicht verwechseln.“
Fabian salutierte mit zwei Fingern an der Schläfe und wandte sich dem Spülbecken zu. Die Abendsonne fiel schräg durchs Fenster und tauchte die Küche in dieses warme, goldene Licht, das selbst abblätternde Fliesen nostalgisch aussehen ließ. Es war Ende September, die Hitze des Tages hing noch in den Wänden, und irgendwo im Haus lief leise Musik – irgendwas mit Bass, das man mehr spürte als hörte. Die anderen Mitbewohner waren unterwegs, machten letzte Besorgungen für die Party heute Abend oder waren einfach klug genug, sich nicht freiwillig für die Vorbereitung zu melden.
„Weißt du“, sagte Carolin nach einer Weile, „ich habe mich gefragt, warum du überhaupt hier bist. Kochen war noch nie dein Ding.
„Anna hat mich gefragt.“
„Anna fragt jeden.“
„Und ich hab zugesagt.“
Carolin legte das Messer weg und drehte sich zu ihm um. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Arbeitsplatte, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie trug ein schwarzes Top, das an den Schultern schmal geschnitten war, und ihre dunklen Haare hatte sie zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, aus dem sich bereits einzelne Strähnen gelöst hatten. Über dem Herd hing ein Geruch nach Kümmel und geräuchertem Paprika. Irgendetwas an dieser Mischung – die Enge der Küche, das warme Licht, die sommerliche Trägheit in der Luft – ließ Fabian den Koriander zu lange unter den Wasserstrahl halten.
„Und?“, fragte sie. „Jetzt bereust du’s?“
„Noch nicht.“ Er drehte den Hahn zu und schüttelte die Kräuterbündel über der Spüle aus. „Kommt drauf an, wie lange du mich mit Zwiebelvorträgen quälst.“
„Ach, der Abend ist jung.“
Sie lächelte. Dieses Lächeln, das er in drei Jahren Freundschaft so oft gesehen hatte – bei Kneipenabenden, in der Mensa, auf Sofas um drei Uhr morgens – und das er plötzlich mit anderen Augen sah. Vielleicht lag es am Licht. Vielleicht an der Enge. Vielleicht an etwas, das schon länger unter der Oberfläche gewartet hatte, unbemerkt wie ein Hefeteig, der über Nacht aufgegangen war.
Sie hatten sich vor Jahren in einer völlig anderen Konstellation kennengelernt, sie als neue Freundin seines Mitbewohners Jonas, er als der Typ, der immer vergaß, seine Wäsche aus der Maschine zu nehmen. Dann war sie mit Jonas zusammengezogen, hatte sich getrennt, war ausgezogen, und irgendwann war aus der Zweckfreundschaft eine echte geworden – ohne dass Fabian genau hätte sagen können, wann das passiert war. Er wusste nur, dass er sich auf ihre Nachrichten freute. Dass ihre Meinung für ihn bedeutend war. Er sah sie manchmal an und dachte: Sie ist schön. Aber das dachte man über Freundinnen eben. Das bedeutete nichts.
Jetzt stand sie in dieser Küche und sah ihn an, und das Schweigen zwischen ihnen dauerte eine Sekunde zu lang, um bedeutungslos zu sein.
„Was?“, sagte Carolin.
„Nichts.“
„Du starrst.“
„Ich schaue.“
„Das ist dasselbe.“
Fabian zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder der Arbeitsplatte zu. Aber das Gefühl ihres Blicks blieb auf ihm liegen, warm wie die Abendsonne im Rücken, und er fragte sich, ob er wirklich wusste, was er hier tat.
Das Schneiden der Paprika – und warum Finger manchmal mehr wissen als Worte
Die nächste halbe Stunde verging mit den automatischen Handgriffen eines Rezepts, das beide auswendig kannten. Paprika in Streifen, Knoblauch gepresst, Tomaten gewürfelt. Die Küche füllte sich mit dem Zischen von Öl, als Carolin das Gemüse in den großen Topf gleiten ließ. Sie hörte auch das rhythmische Klacken von Fabians Messer, der auf ihrem Geheiß nun die Chilis kleinschnitt – diesmal feiner, als er es je für sich selbst getan hätte.
Sie standen nebeneinander an der Arbeitsplatte, Schulter an Schulter, und normalerweise wäre daran nichts gewesen. Sie hatten Schulter an Schulter in der Bibliothek gesessen, auf Zweier-Sofas gequetscht beim Filmabend, im überfüllten Bus. Nähe war Teil ihrer Freundschaft, so selbstverständlich wie Carolins Angewohnheit, von seinem Teller zu stibitzen. Aber heute stimmte etwas nicht mit der Selbstverständlichkeit. Oder etwas stimmte mehr als sonst – Fabian war sich nicht sicher, welche Formulierung die richtige war.
Jedes Mal, wenn er sich bewegte, streifte sein Ellbogen ihren Arm. Jedes Mal zuckte keiner von ihnen zurück. Er roch ihr Shampoo, etwas mit Kokos oder Sheabutter, und darunter den leichten Schweiß vom Sommernachmittag, nicht unangenehm, eher vertraut und irgendwie körperlich auf eine Weise, die ihm vorher nie aufgefallen war. Seine Gedanken begannen zu wandern, und er schob sie weg, und sie kamen zurück wie Katzen, die man aus dem Zimmer scheuchen will.
„Und, läuft’s mit Sonja?“, fragte Carolin beiläufig.
Die Frage traf ihn unvorbereitet, und für einen Moment verhaspelte sich sein Messer auf dem Brett. Sonja war eine Bekannte aus dem Unisport, mit der er sich ein paarmal getroffen hatte – Kaffee, Kino, mehr nicht. Sie wusste das, Carolin wusste es auch, also warum fragte sie?
„Nichts, was man laufen nennen könnte. War nur Kaffee.
„Nur Kaffee?“
„Ist das ein Verhör?“
Carolin zuckte mit den Schultern, aber da war etwas an ihrem Mundwinkel, ein winziges Zucken, das nichts mit dem Chiliduft zu tun hatte, der langsam in der Küche aufstieg. „Nur Konversation. Wir sind hier zum Reden, oder?
„Ich dachte, wir sind zum Kochen hier.“
„Reden beim Kochen.“ Sie nahm ihm das Brett mit den Chilis ab und kratzte sie mit dem Messerrücken in den Topf. Als sie sich zurückbeugte, berührte ihr Haar kurz seine Wange, weich und unerwartet, und Fabian spürte ein elektrisches Ziehen, das von seiner Schläfe bis in den Nacken wanderte.
„Und du?“, fragte er. „Irgendwer am Horizont?“
Jetzt war es an ihr, kurz zu zögern. Kein langes Zögern, nur dieser halbe Atemzug, den man braucht, um sich für eine Antwort zu entscheiden. „Nichts Ernstes. Ein paar Dates, nichts davon hat länger als zwei Wochen überlebt.“
„Zu hohe Ansprüche?“
„Zu viel Selbstachtung.“ Sie lachte kurz, rührte im Topf, der Duft von bratendem Gemüse wurde intensiver. „Ich weiß, was ich will, und ich hab kein Interesse an Leuten, die nicht wissen, ob sie mich wollen oder einfach nur irgendwen.“
Die Worte hingen im Raum, und Fabian fragte sich, ob er sie auf sich beziehen sollte. Das war das Problem mit Carolin – man wusste nie, ob sie eine allgemeine Wahrheit aussprach oder eine, die speziell für einen selbst bestimmt war.
„Und was willst du?“, hörte er sich fragen.
Carolin stellte den Holzlöffel ab und drehte sich zu ihm. Sie lehnte wieder an der Arbeitsplatte, diesmal näher, so nah, dass er die winzigen goldenen Punkte in ihren braunen Augen sehen konnte. Ihr Top war am Ausschnitt etwas verrutscht, zeigte das schmale Band eines Trägers, und er zwang sich, auf ihr Gesicht zu schauen. Nur auf ihr Gesicht.
„Komplizierte Frage“, sagte sie.
„Ich hab Zeit.“
„Ach ja?“ Ein Lächeln, nur ein halbes, das auf der linken Seite ihres Mundes sitzen blieb. „Und was ist mit dem Chili? Das köchelt sich nicht von allein.“
„Doch, genau das tut es. Deshalb heißt es: „köcheln.“
Sie lachte auf – ein echtes Lachen diesmal, offen und ohne die leichte Reserviertheit, die sie manchmal wie eine zweite Haut trug. Und in diesem Lachen lag etwas, das Fabian noch nicht kannte oder das er all die Jahre übersehen hatte: eine Einladung. Keine ausgesprochene, keine, die er in Worte fassen konnte. Eher so, wie ein Fenster einen Spaltbreit offensteht und man erst merkt, dass frische Luft hereinkommt, wenn sie die Haut berührt.
„Ich glaube“, sagte Carolin schließlich, leiser als zuvor, „manche Fragen sollte man nicht zu zweit in einer engen Küche stellen.“
„Warum nicht?“
„Weil man die Antwort dann vielleicht bekommt.“
Sie hielt seinen Blick, und diesmal sahen beide nicht weg. Der Abstand zwischen ihnen hatte sich so unmerklich verringert, dass Fabian nicht sagen konnte, wer sich bewegt hatte. Vielleicht beide. Vielleicht auch keiner, und die Küche war einfach kleiner, als er sie in Erinnerung hatte. Die Musik dröhnte dumpf von irgendwo über ihnen, ein Beat, der sich mit seinem eigenen Puls zu synchronisieren schien.
„Ich glaube“, sagte Fabian langsam, „ich würde die Antwort trotzdem wollen.“
Carolin atmete aus, ein langer, kontrollierter Atemzug, als würde sie eine unsichtbare Schwelle übertreten. „Gut“, sagte sie. „Dann stell die Frage nochmal. In einer Stunde.
„Was ist mit dem Chili?“
„Das Chili kann warten.“
Sie wandte sich ab, nahm den Holzlöffel und rührte mit einer Konzentration, die er ihr nicht abkaufte. Ihre Bewegungen waren zu präzise, zu sehr bemüht um Normalität. Fabian sah die feinen Haare in ihrem Nacken, die sich aufgestellt hatten, ein Indikator, den noch nie jemand auf dieser Welt hatte unterdrücken können, und er wusste: Sie fror nicht. Sie spürte dasselbe wie er.
Zwischen Tomatenmark und Testosteron – wenn zwei Körper plötzlich eine andere Sprache sprechen

Das Chili blubberte leise vor sich hin, eine träge, aromatische Masse, die nach einer Stunde Köcheln genau die richtige Konsistenz erreicht hatte. Draußen wurden die Schatten länger, und von irgendwo im Viertel hörte man gedämpften Straßenverkehr, das ferne Quietschen einer Tram, einen Hund, der zweimal bellte und dann verstummte. Die Küche war inzwischen eine duftende, dampfende Höhle, und die Enge, die vorher fast zufällig gewirkt hatte, fühlte sich nun programmatisch an.
Sie hatten eine Flasche Rotwein geöffnet, die eigentlich für die Party gedacht war, aber Carolin hatte gesagt: „Wir können nachher noch eine holen, ich will jetzt ein Glas“, und Fabian hatte nicht widersprochen. Sie standen beide mit ihren Gläsern da, die Schultern inzwischen so vertraut aneinandergelehnt, dass ein Zentimeter weniger Distanz entweder ein Unfall wäre oder eine Entscheidung. Es war keine Entscheidung. Noch nicht.
„Weißt du“, sagte Carolin, und ihre Stimme klang belegt, als hätte sie zu lange nichts gesagt und müsste sich erst räuspern, „ich hab neulich was gemacht, das ich noch nie gemacht habe.“
„Klingt ominös.“
„Soll es vielleicht.“ Sie trank einen Schluck Wein, und Fabian sah, wie die Bewegung ihres Halses war, wenn sie schluckte – die schlanke Linie ihrer Kehle, das kurze Schließen der Augen. „Ich war mit einer Frau essen.“
Etwas in Fabians Kopf schaltete um, wie ein Rädchen, das plötzlich in eine andere Kerbe sprang. Nicht negativ, nur anders. Er hatte Carolin immer mit Männern gesehen, mit Jonas damals, mit diesem Typen von der Uni, von dem sie erzählt hatte. Er hatte sie in eine Schublade gesteckt, ohne es zu merken, und jetzt zog sie die Schublade auf und hielt sie ihm hin, nicht als Vorwurf, sondern als Information.
„Und?“, fragte er.
„Und was?“
„War’s gut?“
Carolin lächelte, diesmal ohne jede Spur von Koketterie, eher mit einer Art stiller Freude über sich selbst. „Ja. Hervorragend sogar. Sie war anders. Weicher. Und irgendwie auch nicht. Weißt du, was ich meine?“
Fabian wusste es nicht, nicht wirklich, aber er konnte es sich vorstellen. Oder eher: Er konnte sich vorstellen, dass Carolin es wusste. Ihre Stimme, als sie davon sprach, hatte einen Ton, den er noch nie gehört hatte – nachdenklich und hungrig zugleich, als wäre sie selbst noch dabei, zu verstehen, was da vorgefallen war.
„Das klingt“, er suchte nach dem richtigen Wort, „als hättest du was gefunden, das du nicht gesucht hast.“
„Vielleicht hab ich’s gesucht, ohne es zu wissen.“ Sie stellte ihr Glas ab und wandte sich ihm ganz zu, frontal jetzt, keine Arbeitsplatte mehr zwischen ihnen. „Fühlst du dich … ich weiß nicht … merkwürdig, wenn ich dir das erzähle?“
„Nein.“ Die Antwort kam schneller, als er sie denken konnte, und sie war wahr. „Überhaupt nicht.“
„Weil du mein Freund bist und Freunde sowas eben aushalten, oder weil …“
„Weil ich dich verstehe.“ Er unterbrach sie, und seine eigene Stimme klang rauer, als er beabsichtigt hatte. „Oder zumindest glaube ich, dass es nicht viel zu verstehen gibt. Du hältst Menschen für schön. Nicht nur Männer. Ist doch … einfach.“
Carolin sah ihn an, und in ihrem Blick lag etwas, das er noch nie so klar gesehen hatte: Erleichterung, gemischt mit einer Art von Anerkennung, die tiefer ging als die übliche Dankbarkeit für kein Urteil. Sie hatte ihm etwas erzählt, das sie nicht vielen berichtete, und er hatte es nicht nur akzeptiert, sondern als selbstverständlich behandelt. Und jetzt stand sie vor ihm, mit diesem offenen, ungeschützten Ausdruck, und er dachte: Sie ist nicht nur schön. Sie ist unglaublich schön.
„Du bist der erste Mann, mit dem ich darüber rede“, sagte sie leise.
„Warum ich?“
„Weil du mich nie in Schubladen gesteckt hast. Auch wenn ich’s selbst getan habe.“
Er wollte etwas erwidern, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken, weil Carolin in diesem Moment die Hand hob und mit den Fingerspitzen seine Wange berührte. Keine flüchtige Berührung, kein Zufall. Absicht, so klar wie das Messer, mit dem sie vorhin die Zwiebeln geschnitten hatte. Die Haut ihrer Finger war warm und ein bisschen rau vom Abspülen, und sie lag an seiner Wange wie eine Frage, die keine Worte mehr brauchte.
„Carolin“, murmelte er.
„Psst.“
Ihr Daumen strich über seinen Mundwinkel, ganz sacht, als würde sie eine Linie nachzeichnen, die nur sie sehen konnte. Fabian spürte, wie sich die feinen Härchen auf seinem Arm aufstellten. Sein Herz schlug einen Takt langsamer und dafür dreimal so heftig. Die Welt außerhalb dieser Küche reduzierte sich auf ein fernes Hintergrundrauschen. Da war nur noch Carolin. Ihr Gesicht war ihm plötzlich so nah, dass er jedes Detail erkennen konnte – die winzige Narbe über der rechten Augenbraue, die leichte Rötung auf ihren Wangen, die nicht vom Wein kam.
„Ich habe das noch nie gemacht“, flüsterte sie. „Mit einem Freund.“
„Muss ja nicht heißen, dass wir’s lassen müssen.“
Ihr Lächeln war die Antwort. Und dann, sehr langsam, als gäbe es alle Zeit der Welt und als wäre jeder Millimeter eine Entscheidung für sich, senkte sie den Kopf und küsste ihn. Es war kein hastiger, kein leidenschaftlicher Kuss, keine Zärtlichkeit aus Übermut oder versehentlichem Rotwein. Es war ein Kuss, der geführt wurde von jemandem, der genau wusste, was er tat – und der trotzdem zitterte. Ihre Lippen waren weich, weicher, als Fabian sie sich vorgestellt hatte. Und ja, er hatte sie sich vorgestellt, irgendwann, irgendwo, an Abenden, die er sich nicht eingestanden hatte. Sie schmeckten nach dem Wein und nach etwas Anderem, das nur Carolin sein konnte.
Er legte seine Hand an ihre Hüfte, vorsichtig erst, dann fester, und sie seufzte in den Kuss hinein, ein winziges, kaum hörbares Geräusch, das mehr über ihren Zustand verriet als ganze Sätze. Ihre Finger glitten von seiner Wange in seinen Nacken, zogen ihn näher, und plötzlich standen sie so dicht aneinander, dass er ihren Herzschlag spüren konnte – oder war es seiner? Sie hatten aufgehört, zwei Schläge zu sein, waren zu einem verschmolzenen Rhythmus geworden, und Fabian dachte: So fühlt es sich also an, wenn etwas beginnt, das immer schon da war.
Vom Herd ins Bett – die Hitze, die bleibt, wenn alle Hüllen fallen
Sie wussten beide nicht, wer das Chili von der Platte zog. Später würde keiner sagen können, ob es einer von ihnen getan hatte oder ob sie es einfach vergessen hatten. Was sie wussten, war, dass Carolins Zimmer nur eine Tür weiter lag. Sie hatte Jonas’ altes Zimmer nach der Trennung übernommen, eine seltsame Wendung, die jetzt eine Logik entfaltete, die niemand vorhergesehen hatte.
Die Tür fiel ins Schloss, und dann war da nur noch der dunkle Raum, die Jalousien halb geschlossen, das Bett ungemacht und einladend. Carolin zog ihn am Kragen seines Hemdes zu sich heran, als wäre jeder Zentimeter Abstand einer zu viel, und diesmal war ihr Kuss nicht vorsichtig, sondern hungrig, offen. Ihre Zunge suchte seine mit einer Direktheit, die Fabian kurz den Atem raubte. Er spürte ihre Hände an seinen Knöpfen, ungeduldig, während seine eigenen Finger unter den Saum ihres Tops glitten und die warme, weiche Haut ihres Rückens fanden.
„Warte“, murmelte sie, löste den Kuss, und für einen scharfen Moment dachte er: Jetzt sagt sie, das war ein Fehler. Aber sie sagte nichts dergleichen. Stattdessen griff sie nach hinten und zog mit einer geschmeidigen Bewegung ihr Top über den Kopf. Sie stand vor ihm, nur noch in einem hauchdünnen BH aus dunkler Spitze. Der Busen angehoben waren die Brustwarzen durch den Stoff sichtbar, hart und dunkel.
„So“, sagte sie. „Jetzt sind wir gleich.“
Ein Lachen stieg in ihm auf, kurz und rau, weil dieser Satz so typisch Carolin war – kein falsches Pathos, keine große Geste, einfach nur dieses Bedürfnis nach Augenhöhe. Er knöpfte sein Hemd auf, schneller jetzt. Sie half ihm, streifte es über seine Schultern. Ihre Finger glitten über seine Brust, seine Schultern, seine Arme, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen und gleichzeitig etwas wiedererkennen. Ihre Berührungen waren neugierig und zielgerichtet zugleich, eine Frau, die wusste, dass Männerkörper anders waren, und die genau diese Andersartigkeit jetzt mit Händen erforschte.
„Du bist so anders als sie“, flüsterte Carolin, während ihre Fingerkuppen die Linien seiner Muskeln nachfuhren. „Härter. Und trotzdem … Sie ließ den Satz unvollendet und küsste stattdessen seine Schulter. Dann küsste sie seinen Hals und anschließend die empfindliche Stelle unter seinem Ohr. Fabian stöhnte auf, überwältigt von der Plötzlichkeit, mit der sein Körper auf sie reagierte.
Er zog sie zum Bett und sie fielen mehr, als dass sie sich hinlegten. Es war ein Knäuel aus Gliedern und halbgeöffneten Kleidungsstücken. Ihre Jeans rieb an seiner und beide waren viel zu dick für das, was sie eigentlich wollten. Carolin öffnete seinen Gürtel mit geübten Fingern. Der Gedanke, dass sie das schon oft getan hatte, bei anderen Männern, bei Jonas sogar, erregte ihn mehr, als er erwartet hätte. Er half ihr aus ihrer Hose. Es war eine gemeinsame, fahrige Anstrengung, die in einem kurzen Auflachen endete, als sie beide gleichzeitig am Bund zogen.
Dann lagen sie da, sie nur noch in Spitze, er in Boxershorts, und für einen Moment hielten sie inne. Carolin auf dem Rücken, Fabian über sie gebeugt, sein Gewicht auf seine Ellbogen gestützt. Die Jalousien warfen Streifen aus Abendlicht auf ihre Haut. Er sah die feinen blauen Äderchen unter dem Ansatz ihrer Brüste, die weichen Rundungen, die der BH kaum verhüllte, und den flachen Bauch, der sich mit jedem Atemzug hob und senkte.
„Du starrst“, sagte sie, aber diesmal lächelte sie dabei.
„Du auch.“
„Wir sind wohl beide gut im Zugucken.“
Er beugte sich hinab und küsste den Ansatz ihres Schlüsselbeins, die kleine Mulde, wo der Puls unter der Haut pochte. Carolin seufzte, schob ihre Hände in sein Haar und hielt seinen Kopf sanft, aber bestimmt – eine Führung, die keine Worte benötigte. Seine Lippen wanderten tiefer, über das Brustbein, hinab zu den weichen Hügeln, die der BH nur unzureichend bedeckte. Er öffnete den Verschluss mit einer Hand, ein kleiner Triumph, und sie lachte leise, ein Lachen, das in ein Keuchen überging, als seine Zunge ihre Brustwarze fand.
„Gott, Fabian“, murmelte sie, und ihre Hüften drängten sich ihm entgegen, eine unwillkürliche Bewegung, die ihre Lust ungeschminkter verriet als jedes Wort. Er nahm sich Zeit und erforschte jeden Zentimeter ihrer Brüste mit Lippen, Zunge und Fingern, während sie unter ihm unruhiger wurde und ihren Körper gegen seinen drängte, auf der Suche nach der Reibung, die sie beide benötigten.
Seine Hand glitt über ihren Bauch, hinab zu der letzten Stoffschicht, die sie trug. Feiner, weicher Baumwollslip, schon jetzt feucht von dem, was in ihr vorging. Als er sie dort berührte, leicht, fast fragend, machte Carolin ein Geräusch, das halb Seufzer war und halb Aufstöhnen. Sie zog seinen Kopf zu sich hoch und küsste ihn hart, während ihre eigene Hand nach unten glitt und seine Boxershorts über die Hüften schob.
Die ersten Haut-auf-Haut-Berührungen ihrer nackten Körper waren ein elektrischer Schock, der sie beide kurz innehalten ließ. Ihre Schamhaare kräuselten sich gegen seinen Bauch, und seine Härte drängte sich gegen ihren Schenkel, heiß und unübersehbar. Kein Spiel mehr, keine Vorbereitung – sie wollten einander, so einfach und so kompliziert, wie die bisexuelle Begierde es manchmal sein konnte: eine Sehnsucht, die sich nicht für Kategorien interessierte.
Carolin schob ihn auf den Rücken, eine fließende Bewegung, die ihn überraschte und erregte. Sie setzte sich rittlings auf ihn, ihre Knie zu beiden Seiten seiner Hüften. Dann nahm sie ihn in die Hand, prüfend, als würde sie sich vergewissern wollen, dass er wirklich so hart war, wie er sich anfühlte. Dann, sehr langsam, ließ sie sich auf ihn sinken. Die Enge, die Wärme und das unvermittelte Gefühl, in ihr zu sein, trieben Fabian ein Stöhnen aus der Kehle, das keine Konsonanten mehr kannte, nur noch Vokale, Urlaute der Lust.
„So anders“, flüsterte Carolin wieder, diesmal ohne Trauer oder Vergleich, einfach nur eine Feststellung der Vielfalt, die in ihr wohnte. Sie begann, sich zu bewegen, langsam zuerst, ihren eigenen Rhythmus suchend, der noch nicht ganz ihre Bewegungen kannte, bis er sich fand. Ihre Hände stützte sie auf seiner Brust ab, und ihre Brüste schwangen mit jeder Bewegung, ein Anblick, der Fabians Erregung immer weiter hochtrieb. Er griff nach ihren Hüften, half ihr und führte sie, während sie über ihm schneller wurde, ihre Atmung stoßweise, ihre Augen geschlossen und den Kopf zurückgeworfen – ein Bild vollkommener Hingabe an einen Moment, der nichts und niemanden außer ihnen beiden kannte.
Er spürte, wie sie kam – ein plötzliches Anspannen ihrer Schenkel, ein langgezogener Laut, der auf halbem Weg erstarb, als hätte sie vergessen, dass Töne Namen brauchen. Ihre inneren Muskeln pulsierten um ihn, ein Rhythmus, so unabweisbar wie ihr eigener Herzschlag, und dieses Gefühl, dazu das Wissen, dass er ihr das gegeben hatte, ließ ihn über die Kante stürzen, bevor er es verhindern konnte. Er kam in ihr, mit ihr, ein Aufbäumen, das seinen Rücken von der Matratze hob. Es katapultierte sie beide für einen endlosen Augenblick in einen Raum, in dem es nur noch Körper gab und keinerlei Fragen.
Danach lagen sie verschlungen, verschwitzt, außer Atem. Das Zimmer war fast dunkel, nur noch ein schmaler Streifen Orange am Horizont. Irgendwo im Haus polterte etwas – vielleicht die ersten Gäste, vielleicht die Mitbewohner, die zurückkamen. Niemand klopfte an die Tür. Das Chili war kalt.
Kalte Schokolade und warme Gewissheit – was bleibt, wenn die Party vorbei ist
Sie lagen eine lange Zeit einfach da, Carolins Kopf an seiner Schulter, ihre Finger träge auf seiner Brust Kreise malend. Die Geräusche der beginnenden Party drangen gedämpft durch die Tür – Gelächter, Gläserklirren, jemand hatte die Musik lauter gedreht, und der Bass pumpte durch die Wände wie ein zweiter, langsamerer Herzschlag. Niemand vermisste sie bisher, oder wenn, dann hatten die anderen genug Takt, nicht nachzusehen.
„Das Chilli“, sagte Carolin schließlich.
„Ist kalt.“
„Und wir haben vergessen, den Koriander reinzutun.“
„Die werden’s überleben.“
Sie lachte leise an seiner Brust, und er spürte die Vibration ihres Lachens durch seinen ganzen Körper. Der Wein war inzwischen warm, die Gläser standen noch in der Küche, und draußen vor dem Fenster waren die letzten Streifen Sonnenlicht einer lauen Septembernacht gewichen. Fabian fühlte sich seltsam leicht, als hätte er etwas abgelegt, von dem er nicht gewusst hatte, dass er es trug. Vielleicht war es die Schublade, von der Carolin gesprochen hatte. Vielleicht war es einfach die Angst, Dinge zu wollen, die man nicht wollen sollte.
„Darf ich dir etwas sagen, ohne dass es komisch wird?“, fragte Carolin.
„Nach dem, was wir gerade gemacht haben? Ja, ich denke, du darfst so ziemlich alles sagen.“
Sie richtete sich auf einen Ellbogen auf und sah ihn an. Ihr Haar hing lose über die Schultern, ihre Haut schimmerte im Halbdunkel. Sie sah aus wie jemand, der eine Entscheidung getroffen hatte und noch nicht wusste, ob sie die richtige war. Oder wie jemand, der wusste, dass es die richtige war, und es nur noch nicht glauben konnte.
„Ich habe das noch nie mit einem Mann gemacht, während ich auch an eine Frau gedacht habe“, sagte sie. „Also nicht währenddessen. Aber danach. Ich hab dagelegen und gedacht: Das ist Teil von mir. Beides. Und es ist okay. Es ist mehr als okay.“ Sie zögerte. „Verstehst du das?“
Fabian schwieg einen Moment. Er dachte an die Schubladen in seinem eigenen Kopf. Er dachte an die Art, wie er Menschen sortiert hatte: Frauen, Männer, Freundinnen und Freunde, und wie wenig davon übrig war, wenn man genau hinsah. Er hatte nie mit einem Mann geschlafen, nie ernsthaft darüber nachgedacht, aber das hieß nicht, dass er es nie tun würde. Vielleicht war Offenheit weniger eine Frage der Handlung als eine der Bereitschaft. Vielleicht war die Waage zwischen klaren Kategorien und fließenden Übergängen immer schon da gewesen, und er hatte nur nicht hingesehen.
„Ich glaube“, sagte er langsam, „dass du die erste Person bist, die mir gezeigt hat, dass es kein Entweder-oder geben muss. Du magst Männer, du magst Frauen, und beides ist dich. Du musst dich nicht entscheiden, und das musst du auch niemandem beweisen.“
Carolin sah ihn an, und ihre Augen glänzten nicht vor Tränen – so eine Frau war sie nicht, und das war gut so. Aber sie glänzten vor etwas anderem, dieser Mischung aus Stolz und Dankbarkeit und stiller Freude, die entsteht, wenn jemand einen sieht, wie man wirklich ist, und es gut findet.
„Danke“, sagte sie einfach.
„Wofür? Dass ich mit dir geschlafen habe? Das war jetzt eher keine Selbstlosigkeit.“
Sie lachte und boxte leicht gegen seine Schulter, ein vertrautes, beinahe geschwisterliches Klopfen, das im vollkommenen Kontrast zu dem stand, was sie vor zwanzig Minuten getan hatten. Und doch fühlte es sich nicht widersprüchlich an – es war Carolin, wie sie war, in all ihren Nuancen. Die Freundin, die einen anpflaumen konnte, weil man die Zwiebeln falsch schnitt. Die überlegene Küchengöttin, die doch zitterte, wenn sie jemanden küsste. Die Frau mit der stillen, selbstverständlichen bisexuellen Begierde, die sich nicht schämte und nicht prahlte, sondern einfach da war, wie ihre braunen Augen und die Narbe über der Braue.
„Wir sollten rausgehen“, sagte sie schließlich. „Die Party hat angefangen.“
„Müssen wir?“
„Ja. Ich hab Hunger. Und wir haben nicht umsonst gekocht.“
Sie stand auf, zog sich mit diesen geschmeidigen, alltäglichen Bewegungen an, die jetzt etwas Unglaubliches hatten, weil er sie nackt gesehen hatte. Er sah ihr zu, wie sie in ihre Jeans stieg, das Top überstreifte, sich das Haar mit einem schnellen Griff wieder hochsteckte. Als sie sich umdrehte und ihn noch auf dem Bett liegen sah, lächelte sie.
„Was ist?“
„Nichts.“ Er schwang die Beine aus dem Bett und griff nach seiner Hose. „Ich hab nur gerade realisiert, dass ich Koriander hasse.“
„Ich weiß“, sagte sie. „Ich hab ihn trotzdem mitgebracht, weil ich gehofft hab, du würdest dich so lange über mich aufregen, dass wir Zeit haben zu reden.“
„Das war ein Plan?“
„Nennen wir es eine vage Hoffnung mit Gemüse.“
Sie gingen zusammen zurück in die Küche, wo inzwischen das Licht brannte und drei Leute um den Herd standen und ratlos das kalte Chili beäugten. Anna, die Gastgeberin, deren Party sie alle hier versammelt hatte und die keine Ahnung hatte, dass dieses Chili mehr gekocht hatte als nur Zwiebeln und Paprika. Carolin schob sich an den anderen vorbei, drehte die Herdplatte auf und rührte mit einer Selbstverständlichkeit, die nichts von dem verriet, was passiert war. Und doch warf sie Fabian über die Schulter einen Blick zu, der nur für ihn bestimmt war – ein halbes Lächeln, ein kaum merkliches Hochziehen der Augenbraue. Das Versprechen, dass dies hier nicht das Ende war, sondern der Anfang von etwas, für das keiner von ihnen die Worte hatte. Aber das war in Ordnung. Worte kamen später. Jetzt war da nur dieser Abend, diese Küche, diese Frau.
Und vielleicht einen Koriander, den sie ausnahmsweise wegließen.
– ENDE –
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