Beidseitige Lust hinter der Käsetheke
Meine Finger schlossen sich um den Hals der Balsamico-Flasche, die Isabel mir über die gläserne Theke reichte. Unsere Blicke verhakten sich für einen Moment länger, als es die Höflichkeit zwischen Kunde und Verkäuferin verlangte. Der Feinkostladen atmete bereits sein abendliches Ausatmen. Es gab gedämpftes Licht über den Regalen mit Trüffelöl und eingelegten Artischockenherzen. Es gab das leise Brummen der Kühlaggregate und das Rascheln von Markus, der irgendwo hinter mir die letzten Käselaibe in die Nachtruhe bettete. Drei Minuten vor Ladenschluss. Der Duft von gereiftem Comté und frisch gemahlenem Kaffee hing schwer in der Luft, während Isabel ihre Hand nicht sofort zurückzog und meine Fingerspitzen wie zufällig an ihren Knöcheln entlangglitten. Ein warmer Schauer rieselte von meiner Handwurzel den Unterarm hinauf. Ich registrierte, wie ihr Atem für den Bruchteil einer Sekunde stockte, wie ihre Nasenflügel sich weiteten, als nähme sie nicht nur den Aceto in meiner Hand wahr, sondern auch mich. Beidseitige Lust lag in dieser kleinen Geste, ein Versprechen, das noch kein Wort gefunden hatte und vielleicht auch keines finden musste.
Dabei war ich nur gekommen, um meiner Mutter eine Freude zu machen. Der achtzehn Jahre alte Balsamico war ihr ganzer Stolz, das letzte Geschenk meines Vaters vor der Trennung, und die Flasche war mir am Morgen beim Ausschwenken der Espressokanne vom Regal gerutscht. Splitter auf den Terrakottafliesen, dunkle Essiglachen, die nach süßem Holz rochen, und das ungute Gefühl, einen dieser unersetzlichen kleinen Anker verloren zu haben. Diese Anker halten Menschen über Wasser, wenn das Leben sie hinabziehen will. Der Feinkostladen in der Arndtstraße war der einzige Ort in der Stadt, der diesen speziellen Balsamico führte – handverlesene Trauben, in Eichenfässern gelagert, ein Familienerzeugnis aus den Hügeln von Modena. Dass ich um zehn vor sechs durch die Tür stolperte, verdankte ich einem verstopften U-Bahn-Schacht und der Entscheidung, den Rest der Strecke zu Fuß zu sprinten.
Isabel hatte mich an der Tür erwartet, nein, nicht erwartet – sie hatte dort gestanden, einen Schlüsselbund in der Hand, bereit, umzudrehen. Sie war schätzungsweise fünfundvierzig, schätzte ich. Sie hatte kurze graumelierte Haare, die sie sich mit einem jener lässigen Griffe hinter die Ohren strich. Diese würden bei anderen Frauen unordentlich ausgesehen haben, bei ihr sah es aber nach Absicht aus. Lachfältchen um die Augen, die sich vertieften, als sie mein außer Atem geratenes Gesicht sah. Ich erklärte ihr von dem zerbrochenen Geschenk, und sie winkte ab, bevor ich fertig war. „Der weiße Balsamico? Haben wir. Komm rein, ich such ihn dir raus, bevor Markus die Rollläden runterlässt.“ Sie drehte sich um und ging voran, ihre Hüften bewegten sich träge unter dem dunkelblauen Leinenkittel, den alle Angestellten des Ladens trugen.
Markus tauchte aus dem Kühlraum auf, als ich an der Theke lehnte und zusah, wie Isabels Hände über die Flaschenreihen wanderten. Er mochte Mitte fünfzig sein, breitschultrig, mit einem graumelierten Vollbart und Augen, die so hell waren, dass sie beinahe durchsichtig wirkten, wie flüssiges Glas. Die Kittelschürze spannte über seinem Bauch, und ich bemerkte den feinen Silberring in seinem linken Ohr, ein Detail, das nicht recht zu den behaarten Unterarmen und der schweren Goldkette passen wollte. Er nickte mir zu, ein einzelnes, knappes Kopfsenken, und begann dann, die Glastheke mit einem feuchten Tuch abzuwischen, kreisende Bewegungen, die das gedämpfte Licht brechen und über die Marmorplatte tanzen ließen.
Isabel hatte die Balsamico-Flasche gefunden und hielt sie mir hin, und in diesem Moment spürte ich Markus‘ Blick auf uns ruhen. Nicht aufdringlich, nicht fordernd, sondern ruhig und abwartend, als beobachte er eine Entwicklung, deren Ausgang ihn interessierte, aber nicht in Unruhe versetzte. Isabel muss es auch gespürt haben, denn ihre Mundwinkel zuckten, kaum merklich, bevor sie ihre Hand mitsamt der Flasche noch immer in meiner Richtung hielt. „Die letzte“, sagte sie. „Den bekommen wir erst im November wieder rein.“ Ihre Stimme war tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte, ein sonores Timbre, das sich in meinem Brustkorb fortsetzte wie eine zweite, leise Melodie unter meinem eigenen Herzschlag.
Ich streckte die Hand aus und unsere Finger berührten sich um den kühlen Glashals. Ich fragte mich, ob es an der späten Stunde lag oder an der Weltabgewandtheit dieses kleinen Ladens, dass ich plötzlich keine Eile mehr verspürte, nach Hause zu kommen.
Der Geschmack von sechs Uhr abends auf ihrer Haut
„Hast du Lust auf einen Espresso?“
Die Frage kam von Markus, der das Tuch beiseitegelegt hatte und nun mit verschränkten Armen an der Kasse lehnte. Seine Stimme war rau, als hätte er den ganzen Tag nicht viel gesprochen, und sie trug eine selbstverständliche Wärme in sich, die nicht zu dem zerfurchten Gesicht passen wollte. Bevor ich antworten konnte, setzte Isabel hinzu: „Wir machen das immer so. Ladenschluss, Rollladen runter, einen Kaffee trinken, bevor wir aufräumen. Die Maschine ist italienisch, das ist kein Verbrechen.“ Sie lächelte, und in diesem Lächeln lag eine Einladung, die über gastronomische Gastfreundschaft hinausging.
Ich hätte ablehnen können. Meine Mutter wartete auf den Balsamico, die U-Bahn fuhr noch, die Sätze der Entschuldigung lagen mir auf der Zunge wie flache Kiesel, bereit, ins Wasser geworfen zu werden. Stattdessen hörte ich mich sagen: „Espresso klingt perfekt.“ Die Flasche stellte ich auf die Theke, wo sie im schwindenden Licht funkelte wie flüssiges Karamell.
Markus ließ den Rollladen herab, Stahl auf Stahl, ein endgültiges Rasseln. Es schnitt die Außenwelt ab und schloss uns drei in eine eigene kleine Kammer ein, deren Grenzen plötzlich nicht mehr nur aus Regalen und gekühlten Vitrinen bestanden. Isabel ging zur Kaffeemaschine, die tatsächlich aussah, als wäre sie aus einer mailändischen Bar entlaufen – polierter Stahl, Messingknöpfe, ein Siebträger, der nach jahrzehntelangem Gebrauch glänzte. Während sie die Maschine bediente, schälte Markus eine Zitrone, deren Schale sich in einer einzigen langen Spirale vom Messer löste, und legte die hauchdünnen Scheiben auf einen kleinen Porzellanteller.
Der Espresso, als er kam, war kurz und schwarz, mit einer haselnussbraunen Crema, die in kleinen Inseln auf der Oberfläche trieb. Ich nippte daran, spürte die Bitterkeit auf meiner Zunge explodieren, und dann nahm Markus eine Zitronenscheibe, biss hinein und kaute langsam, ohne die Miene zu verziehen. „Ein sizilianischer Trick“, sagte er. „Die Säure macht den Kaffee süßer.“ Seine Augen hielten meine fest, während er sprach, und in der irisgrauen Tiefe lag etwas, das ich nicht sofort entschlüsseln konnte. Neugier? Vielleicht. Aber vor allem Gelassenheit, die ruhige Sicherheit eines Mannes, der genau wusste, was er wollte, und es nicht eilig hatte, es zu bekommen.
Während ich den zweiten Schluck Espresso nahm, spürte ich Isabels Hand leicht auf meinem Rücken, eine beiläufige Berührung, die vorgab, mich an ihr vorbeizulassen, als sie nach dem Zuckertiegel griff. Nur gab es keinen Zuckertiegel in meiner Richtung. Ihre Finger verweilten zwischen meinen Schulterblättern, der leichte Druck ihrer Handfläche durch den dünnen Stoff meines Sommerhemdes. Ich registrierte die Wärme, die sich von dieser Stelle ausbreitete, in konzentrischen Kreisen wie Wellenringe in einem stillen Teich.
„Hast du das schon einmal gemacht?“, fragte Isabel, und die Frage hing im Raum wie Rauch, der seine Form sucht.
„Espresso nach Ladenschluss?“, versuchte ich, aber meine Stimme klang dünn, das Scherzhafte wollte nicht recht tragen.
Ein leises Lachen von Markus. Das auch.“ Er trat näher, ein Schritt nur, aber die Distanz zwischen uns schrumpfte auf eine Weise, die meinen Pulsschlag beschleunigte. Der Duft von Zitrone und Leder und etwas, das ich nicht benennen konnte, stieg mir in die Nase. Er trug kein Aftershave, sondern roch einfach nach sich selbst – eine erdige, herbe Note, die mich seltsam an frisch geschnittenes Holz erinnerte.
„Wir haben dich durchs Schaufenster kommen sehen“, sagte Isabel und zog ihre Hand nicht zurück. „Markus meinte, du siehst aus wie jemand, der gerade etwas verloren hat und nicht sicher ist, ob er es wiederfinden will.“ Ihre Fingerspitzen wanderten höher, bis zum Haaransatz meines Nackens, wo sie winzige Kreise zu zeichnen begannen, eine Landkarte der Gänsehaut auf meiner Haut.
„Und du?“, fragte ich, „was hast du gesagt?“
„Dass ich wissen will, wie du schmeckst.“
Die Direktheit traf mich wie ein warmer Windstoß an einem Wintertag – überraschend, aber nicht unangenehm. Mein Atem ging schneller, und ich suchte Markus‘ Blick, fand darin weder Eifersucht noch Besitzanspruch, sondern die gleiche ruhige Erwartung, die schon vorhin dagewesen war. Als hätten sie diese Szene schon hundertmal gespielt oder sie zumindest in stiller Übereinkunft vorbereitet, ohne jemals darüber zu sprechen.
„Du musst nicht“, sagte Markus. „Niemand muss irgendwas. Aber der Abend ist jung, und ich habe das Gefühl, du willst.
Ich wollte. Das war die beunruhigende Wahrheit, die in meinem Bauch wie ein eigenes Tier zu leben begann, seit Isabel ihren ersten Blick zu lang auf mir hatte ruhen lassen. Nicht nur sie. Auch ihn. Seine breiten Hände, die Zitronenscheiben schälten, als wäre es eine Kunstform. Seine irisgrauen Augen, die mich ansahen, als wüssten sie längst, was ich selbst erst zu begreifen begann.
Wo Salz auf Granatapfelkernen schmilzt

Isabel küsste mich zuerst. Sie tat es ohne Eile, ihre Lippen legten sich auf meine wie eine Frage, auf die es keine falsche Antwort gab. Sie schmeckte nach Espresso und nach der Orangenschokolade, von der sie, wie ich später erfuhr, immer ein Stück zwischen zwei Kunden brach. Ihre Zunge glitt an meiner Unterlippe entlang, verweilte dort, drang dann tiefer, und ich öffnete mich ihr ohne Zögern. Es war ein sanfter Kuss, tastend und sicher zugleich, und während unsere Münder sich erkundeten, spürte ich Markus‘ Hand an meiner Hüfte, ein leichtes Gewicht, das mich erdete und gleichzeitig elektrisierte.
Die Käsetheke war noch immer da, die Balsamico-Flasche, der kühle Marmor unter meinen Handflächen, aber all diese Gegenstände traten zurück in eine Welt, die nicht mehr die meine war. Isabels Hände lösten den obersten Knopf meines Hemdes, dann den zweiten. Ihre Fingerspitzen glitten über mein Schlüsselbein, folgten der Linie meines Brustbeins, während Markus sich von hinten an mich presste. Sein Bart kratzte leicht an meinem Hals, als er den Kopf senkte und seine Lippen auf die Stelle legte, wo mein Puls gegen die Haut trommelte. Es war eine vibrierende, warme Berührung, die kleine Schockwellen durch meine Wirbelsäule jagte.
Ich hatte Männer geküsst in meinem Leben und Frauen, aber nie beide gleichzeitig, nie dieses schwindelerregende Gefühl von Fülle, von doppelter Aufmerksamkeit, von beidseitiger Lust, die keine Entscheidung verlangte, sondern alles zuließ. Markus‘ Hände wanderten unter mein Hemd. Raue Handflächen waren auf meiner Bauchhaut, während Isabel den dritten Knopf öffnete und dann den vierten, bis das Hemd von meinen Schultern glitt wie Wasser, das seinen eigenen Weg sucht.
„Du bist schön“, murmelte Isabel, und es klang nicht wie eine Floskel, sondern wie eine Entdeckung, die sie tatsächlich erst in diesem Moment machte. Ihre Lippen folgten dem Weg ihrer Finger, hinab über mein Brustbein, zum Ansatz meiner Brüste. Sie nahm sich Zeit an meinen Brustwarzen, umkreiste sie mit der Zungenspitze, bevor sie sie in den Mund nahm, und die feuchte Wärme ließ mich aufstöhnen, ein Laut, der in der Stille des geschlossenen Ladens lauter klang, als er war.
Markus drehte mich sanft um, sodass ich nun zwischen ihnen stand, mit dem Rücken zu Isabel, dem Gesicht zu ihm. Er war größer als ich, ich musste den Kopf heben, um ihn anzusehen, und als er sich hinabbeugte, um mich zu küssen, traf mich die Wucht seiner Zunge unvorbereitet. Er küsste anders als Isabel – fordernder, bestimmter, aber nie grob. Seine Hände lagen auf meinen Wangen und hielten mich fest, während Isabel von hinten meinen Brustkorb umschlang und ihre Lippen über meine Wirbelsäule wandern ließ – einen Kuss pro Rippe, gefühlt und durch die Haut ertastet wie ein Morsealphabet der Begierde.
„Wir können langsamer machen“, flüsterte Markus gegen meine Lippen. „Oder auch nicht.“
„Nicht“, hörte ich mich sagen, und meine eigene Stimme klang fremd, rauer, tiefer, als gehörte sie einer Person, die ich gerade erst kennenlernte.
Isabels Hände öffneten den Verschluss meiner Hose, während Markus half, den Stoff über meine Hüften zu schieben. Dann stand ich vor ihnen, nackt bis auf den Slip, im gedämpften Licht des Ladens. Ich war umgeben vom Duft nach Käse und Kaffee und dem süßlichen Aroma des Balsamicos auf der Theke. Es war surreal und gleichzeitig das Realste, das ich seit langem erlebt hatte. Kein Gedanke an morgen, an meine Mutter, an die U-Bahn-Fahrpläne. Nur dieser Moment, diese zwei Menschen, ihre Hände und Münder und die unausgesprochene Vereinbarung, dass hier nichts gefragt werden musste.
Markus kniete sich vor mich, sein Vollbart kitzelte meine Oberschenkel, während er den Slip hinabzog und seine Lippen den Weg entlangküssten, den Gewebe und Gummiband genommen hatten. Isabel hielt mich von hinten, ihre Arme um meine Taille, ihre Brüste an meinem Rücken. Als Markus‘ Zunge mich fand, dort, wo die Hitze meines Körpers sich sammelte wie flüssiges Gold, durchfuhr mich ein Zucken, das einer kleinen Eruption glich. Er leckte mich langsam, mit der breiten Fläche seiner Zunge, dann spitzer, fokussierter, während Isabels Hände über meine Brüste strichen und ihre Zähne sanft an meinem Ohrläppchen zogen.
Die Empfindungen überlagerten sich, zwei Quellen der Lust, die ineinanderflossen wie Bäche nach einem Sommerregen. Sein Mund auf meiner Mitte, ihre Hände auf meinen Brüsten, sein Bart auf meiner Innenschenkelhaut, ihr Atem in meinem Haar. Ich griff nach hinten, fand Isabels Hüfte, zog sie enger an mich, während meine andere Hand in Markus‘ Haare fuhr, graumeliert und weich, ganz anders, als ich es erwartet hatte.
Der Punkt, an dem sich Licht in Geschmack verwandelt
Die Zeit verlor ihre Konturen, während Markus‘ Zunge mich tiefer erkundete, langsam und forschend. Er fand eine Stelle, die mich scharf die Luft einziehen ließ, und blieb dort, variierte nur den Rhythmus und die Intensität, mal mit breitem Druck, mal mit schnellen, leichten Berührungen der Zungenspitze. Isabel hatte meine Brustwarzen zwischen ihre Finger genommen, rollte sie sanft, hauchte heiße Atemzüge gegen meinen Hals. Zwischen diesen beiden Polen – der konzentrierten Nässe unter mir, der perlenden Spannung über mir – schwebte ich wie in einer Strömung, die mich trug, ohne dass ich schwimmen musste.
„Ich will euch beide“, flüsterte Isabel an mein Ohr, die Worte kaum mehr als ein warmes Pulsieren von Luft und Stimme. „Dich und ihn, gleichzeitig.“
Ich nickte, oder vielleicht war es nur ein Beben meines Kopfes, ein Muskelreflex, den sie als Zustimmung verstand. Markus erhob sich, seine Lippen glänzten im gedämpften Licht, und Isabel löste sich von meinem Rücken, um zu ihm zu treten. Sie küssten sich über meine Schulter hinweg, ihre Münder vereinten sich zu einer Symmetrie, die etwas in mir zum Schwingen brachte, das ich nicht benennen konnte. Nicht Eifersucht – eher das Gegenteil, eine tiefe Zufriedenheit, Zeugin dieser Zärtlichkeit zu sein, die nichts von mir nahm, sondern mich einschloss.
Dann zogen sie sich gegenseitig aus. Isabels Kittel glitt zu Boden, enthüllte kleine, feste Brüste mit dunklen Höfen und eine Tätowierung über ihrer linken Hüfte – drei Granatapfelkerne, tiefrot, als wären sie gerade erst aus der Frucht gelöst worden. Markus streifte seine Schürze ab, dann das Hemd. Der Anblick seines Oberkörpers traf mich unvorbereitet: eine breite, behaarte Brust, vernarbt von einem langen, silbrigen Strich entlang der Rippen, muskulöse Schultern, die in schmalere Hüften übergingen, als ich vermutet hatte. Sein Gürtel öffnete sich mit einem vertrauten metallischen Klicken, und dann stand er nackt vor mir, sein Glied halb aufgerichtet, schwer und warm im Schatten seines Bauchs.
Isabel hatte sich ihrer Hose entledigt und kniete nun nieder, nicht vor mir, sondern vor Markus. Sie nahm ihn in den Mund mit einer Selbstverständlichkeit, als täte sie es jeden Abend um diese Zeit. Ich sah zu, wie ihre Lippen sich um ihn schlossen, ihre Wange sich wölbte und ihre Zunge unsichtbar unter dem Schaft arbeitete. Der Anblick war hypnotisch – das silberne Haar an seinen Schläfen, das dunkle Braun ihrer rasch bewegenden Lippen, seine Hand, die zärtlich ihren Hinterkopf hielt und dann losließ, um zu mir hinüberzulangen.
Er zog mich an seine Seite, und ich spürte seinen Arm um meine Schultern, während er zusah, wie Isabel ihn lustvoll verwöhnte. Dann drehte Markus mich zu sich, küsste mich erneut – diesmal schmeckte seine Zunge nach mir selbst, ein animalischer, intimer Geschmack, der mich seltsam erregte. Seine Hand glitt zwischen meine Schenkel, zwei Finger, die in mich eindrangen, während Isabel von unten zu uns aufsah und sich Zeit ließ, jeden Zentimeter von ihm zu kosten.
Die Geometrie unserer Körper veränderte sich beständig, ein fließender Tanz ohne Choreographie. Markus legte sich auf den sauber gewischten Fliesenboden, die Kälte des Steins unter seinem Rücken, und zog mich über sich. Sein Glied lag zwischen uns, und ich spürte die Hitze, die davon ausging, während seine Hände meine Hüften umfassten und mich langsam, fast zeremoniell, auf sich nieder sinken ließen. Das Gefühl, ihn in mir zu spüren, war überwältigend – eine Dehnung, eine Fülle, die sich in Wellen durch meinen Unterleib fortsetzte, während ich begann, mich zu bewegen, langsam zuerst, den Rhythmus findend.
Isabel hatte ein kleines Glas mit etwas geholt, das aussah wie Öl, und als sie hinter mich kniete, verstand ich ihre Absicht. Ihre öligen Finger glitten zwischen meine Pobacken und fanden mich dort, wo ich noch nie zuvor berührt worden war. Die Kombination ihrer eindringenden Finger mit Markus‘ tiefen Stößen ließ mich aufschreien. Es war ein Laut, der im leeren Laden widerhallte wie ein einzelner Glockenton. Sie arbeitete sich behutsam vor, dehnte mich mit unendlicher Geduld, während Markus unter mir lag und meine Brüste mit seinen rauen Händen umfasste, ein stilles Staunen in seinen hellen Augen.
Dann war sie bereit. Ich spürte, wie sich ihre Silhouette hinter mir aufrichtete und sie den Gurt umlegte, den ich nicht hatte kommen sehen. Das Gleitmittel war kühl auf meiner erhitzten Haut, bevor ihr Umschnalldildo langsam in mich glitt – ein Doppelsinn, eine doppelte Penetration, die meinen Körper zu einem Brennpunkt der Empfindungen machte. Markus füllte mich von vorn, Isabel von hinten, und ich, zwischen beiden, existierte nur noch als das Zentrum ihrer Begegnung, ein atmender, bebender Schnittpunkt ihrer Lust.
Sie fanden einen gemeinsamen Rhythmus, ohne Worte, als hätten sie diesen Tanz schon hundertmal getanzt. Wenn Markus zurückwich, stieß Isabel vor, wenn sie sich zurückzog, drang er tiefer, und in diesem Wechselspiel verlor ich mich vollständig. Meine Hände krallten sich in Markus‘ Brusthaar. Mein Rücken wölbte sich gegen Isabels Brüste. Aus meiner Kehle stiegen Laute, die ich nie zuvor von mir gehört hatte – halb Schluchzen, halb Stöhnen, ganz Hingabe.
Die beidseitige Lust durchströmte mich wie ein Kanal, der zwei Meere verbindet. Isabels Atem war warm an meinem Ohr, Markus‘ Herzschlag unter meiner Handfläche, ihre Stöße ein immer schnellerer Wirbel, der etwas in mir aufbaute, das zu groß wurde für meinen Körper. Als der Orgasmus kam, riss er mich in Stücke und setzte mich im selben Moment neu zusammen. Ich schrie und zitterte, meine inneren Muskeln pulsierten gleichzeitig um beide, um Markus‘ pulsierenden Penis und Isabels eindringenden Dildo. Diese Welle wollte nicht enden und doch verebbte sie irgendwann und ließ mich erschöpft und schweißbedeckt auf Markus‘ Brust sinken, während Isabel sich aus mir löste.
Was von einem Abend bleibt, wenn der Kaffee kalt wird
Wir lagen eine Weile auf dem kühlen Fliesenboden, ein Knoten aus Gliedern und Atemzügen, der sich nur langsam löste. Die Kühlaggregate summten ihr monotones Lied, irgendwo tickte eine Uhr, die ich noch nicht bemerkt hatte. Meine Haut klebte an Markus‘ Schulter, Isabels Finger spielten abwesend mit einer Strähne meines Haares, und die Stille zwischen uns war weich und schwer wie alter Samt. Ich dachte an den Balsamico auf der Theke, an die U-Bahn und an meine Mutter und ihr zerbrochenes Geschenk. Und das alles schien mir nun unendlich weit weg, Angelegenheiten einer Person, die ich vor zwei Stunden noch gewesen war.
Irgendwann rappelten wir uns auf. Markus holte eine Wolldecke aus dem Büro, legte sie um meine Schultern. Dieses Detail – die Decke, nicht nur das Leihen, sondern tatsächlich um mich legen – berührte mich mehr, als es sollte. Isabel machte frischen Espresso, diesmal für uns drei, und sie tranken ihn schwarz, wie ich jetzt, ohne Zitrone. Meine Kehle brannte angenehm von der Bitterkeit, oder vielleicht war es auch das Nachglühen des Orgasmus, das in meinen Gliedern saß wie eine zweite, leisere Melodie.
„Ist das hier“, fragte ich, mit einer Geste, die den Laden, den Boden, die Decke, die halb abgewischte Glastheke umfasste, „Standard nach Ladenschluss?“
Markus lachte, ein tiefes Grollen, das in seiner Brust begann und sich durch den Raum fortsetzte. „Nicht Standard“, sagte er. Manchmal. Wenn es passt.“ Er warf Isabel einen Blick zu, den sie erwiderte, und in diesem stummen Austausch lag eine Vertrautheit, die ich nicht entschlüsseln konnte und vielleicht auch nicht wollte. Ehemann? Liebhaber? Kollege, der über die Jahre zu etwas anderem geworden war? Die Geschichten anderer Leute, beschloss ich, gingen mich nur insoweit an, wie sie bereit waren, mich einzuladen.
Isabel holte ein kleines Notizbuch unter der Kasse hervor, riss eine Seite heraus, notierte etwas. „Falls du wiederkommen magst“, sagte sie und schob mir den Zettel über den Marmor. Es war keine Telefonnummer, sondern eine Adresse, eine Uhrzeit. Mittwoch, 2 Uhr. Kein Name, keine Erklärung. Ich faltete das Papier zweimal und ließ es in meiner Hosentasche verschwinden.
„Und der Balsamico?“, fragte Markus, während er die Tassen in die kleine Spüle stellte. „Deine Mutter wartet.“
Tatsächlich stand die Flasche noch auf der Theke, unberührt, Zeugin und stumme Komplizin. Isabel griff danach, drückte sie mir in die Hand, ihre Finger verweilten diesmal nicht. „Der geht aufs Haus“, sagte sie. „Betriebsausflug sozusagen.“
Ich lächelte, spürte die Kühle des Glases an meiner Handfläche und die Wärme ihrer Blicke auf meiner Haut. Der Rollladen rasselte wieder, diesmal nach oben, und die Abendluft strömte herein, mischte sich mit dem Duft von Käse und Kaffee, trug das ferne Rauschen der Stadt heran. Draußen brannten die ersten Straßenlaternen, und die Arndtstraße lag in jenem unwirklichen Zwielicht, das nur an Sommerabenden vorkommt, wenn die Hitze des Tages in ein Versprechen umschlägt, das niemand einzulösen braucht.
Ich trat auf den Bürgersteig, die Balsamico-Flasche in der Hand, den Zettel in der Tasche, die beidseitige Lust noch als leises Echo in meinem Körper, das sich anfühlte wie eine zweite Herzfrequenz. Die Ladentür fiel hinter mir ins Schloss, weich und endgültig, aber nicht wie ein Ende. Eher wie ein Doppelpunkt. Der erste Stern zeichnete sich am Himmel ab. Ich ging los, nicht eilig, nicht zögernd, sondern einfach gehend, als hätte ich einen Weg gefunden, den ich nicht gesucht hatte, der aber immer schon da gewesen war.
– ENDE –
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