Bisexuelle Entdeckung
Hannah beobachtete, wie Davids Daumen über den Flaschenhals strich, während er das Bier öffnete. Es war eine beiläufige, fast gedankenlose Geste, und doch blieb ihr Blick daran hängen. Sie folgte der Bewegung seiner Finger, die das Metall des Verschlusses umschlossen und ihn mit einem leisen Zischen lösten. Sie kannte ihn seit fast zehn Jahren, sie hatten unzählige Abende miteinander verbracht, und trotzdem war ihr nie aufgefallen, wie präzise seine Hände arbeiteten, wie ruhig und sicher jede seiner Bewegungen wirkte.
Vielleicht lag es am Licht, dachte sie, an diesem weichen Sommergold, das kurz vor Sonnenuntergang über den Balkon fiel und alles in eine wärmere, beinahe unwirkliche Farbe tauchte.
Vielleicht lag es auch an der ungewohnten Nähe, die dieser Abend mit sich brachte.
Es roch nach Holzkohle und frischem Rosmarin, den David auf die Glut gelegt hatte. Der Rauch zog in dünnen, bläulichen Fäden an ihnen vorbei und verlor sich zwischen den Kräutertöpfen am Geländer und dem Wein, der offen auf dem kleinen Tisch stand. Der Balkon war schmal, gerade breit genug für den Grill, zwei Stühle und eine alte Holzbank, auf der Hannah jetzt saß, die Beine angezogen, das Glas in der Hand. Sie hatten den Nachmittag mit Vorbereitungen verbracht, Gemüse geschnitten, Marinaden angerührt, und irgendwann, ohne dass sie es benennen konnte, hatte sich die Stimmung verändert.
Vielleicht war es Davids Bemerkung gewesen, beiläufig hingeworfen, während er die Paprika in Streifen schnitt: „Weißt du, ich habe mich noch nie nur auf eine Art von Mensch festgelegt. Für mich war Anziehung immer eine Frage der Person, nicht des Geschlechts.“ Er hatte nicht aufgesehen, hatte einfach weitergeschnitten, als wäre es die normalste Sache der Welt.
Hannah, die den Satz erst einen Moment später wirklich begriff, hatte gespürt, wie sich etwas in ihr öffnete. Es war ein Raum, von dem sie nicht gewusst hatte, dass er existierte, oder den sie vielleicht immer nur sorgfältig verschlossen gehalten hatte.
Jetzt, eine Stunde später, summte die Abendluft vor Hitze und dem fernen Zirpen der Grillen, und Hannahs Gedanken kreisten noch immer um diesen einen Satz. Sie hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht, dass ihre eigene Anziehung nicht so eindeutig sein könnte, wie sie immer angenommen hatte. Sicher, es hatte Blicke gegeben, flüchtige Momente der Bewunderung für Frauen, die ihr auf der Straße begegnet waren, aber sie hatte sie stets als ästhetisches Interesse abgetan, als harmlose Neugier.
Dass es mehr sein könnte, etwas, das sie in ihrem Innersten betraf, ein Teil ihrer selbst, den sie noch nie wirklich erkundet hatte – dieser Gedanke war neu und seltsam elektrisierend. Eine bisexuelle Entdeckung bahnte sich an, leise und beharrlich, wie das erste Ziehen einer Melodie, die man noch nicht kennt, aber sofort wiedererkennt.
David reichte ihr das geöffnete Bier, und als ihre Finger sich berührten, blieb seine Hand einen Sekundenbruchteil länger an ihrer, als es nötig gewesen wäre. Sein Blick traf ihren, offen und ruhig, und Hannah spürte, wie ihr Puls an den Schläfen zu pochen begann. Es war kein Zufall, diese Berührung, das wusste sie plötzlich mit einer Klarheit, die sie erschreckte und erregte zugleich. David lächelte, dieses leichte, fast unsichtbare Lächeln, das nur seine Mundwinkel bewegte, und sagte: „Ich hoffe, du hast Hunger. Das hier wird gut.“
Sie nickte und brachte kein Wort heraus. Während er sich wieder dem Grill zuwandte, spürte sie die Wärme der Flasche in ihrer Hand und die ganz andere, die sich von ihrem Handgelenk aus in ihren Arm, ihre Brust, ihren ganzen Körper ausbreitete.
Der Duft von geröstetem Paprika und die Sprache der Blicke
Das Fleisch brutzelte auf dem Rost und kleine Fettspritzer tanzten in der Glut. Der Duft von gegrilltem Gemüse mischte sich mit dem Rauch und dem süßlichen Aroma des Weins, den sie nun abwechselnd aus denselben Gläsern tranken. Hannah hatte ihres versehentlich umgestoßen und David schob ihr seins ohne zu zögern hin. Sie teilten jetzt alles an diesem Abend, den Wein, die Blicke, die langen Pausen zwischen den Sätzen, in denen das Ungesagte lauter war als jedes Wort.
David wendete die Paprikaschoten, deren Haut schwarz wurde und Blasen warf. Hannah sah zu, wie sich seine Schultern unter dem dünnen Leinenhemd bewegten und wie der Stoff an seinem Rücken spannte, wenn er sich vorbeugte. Sie kannte diesen Körper seit Jahren und hatte ihn hundertmal gesehen, im Sommer leichter bekleidet, im Winter in dicken Pullovern. Doch nie hatte sie ihn so betrachtet wie jetzt – mit einer Mischung aus Vertrautheit und plötzlicher, scharfer Neugier.
Was wäre, dachte sie, wenn sie einfach aufstehen und ihre Hand auf seinen Rücken legen würde, genau zwischen die Schulterblätter, wo das Hemd eine feuchte Spur zeichnete?
„Du starrst“, sagte David, ohne sich umzudrehen, aber seine Stimme klang amüsiert, nicht vorwurfsvoll.
Hannah spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. „Ich habe nur zugesehen, wie du grillst. Ist das verboten?“
Jetzt drehte er sich doch um, die Grillzange in der Hand, und musterte sie mit diesem offenen, direkten Blick, der ihr immer das Gefühl gab, er könne ihre Gedanken lesen. „Zusehen ist nie verboten. Aber du siehst nicht dem Grill zu. Du siehst mir zu.“ Er machte eine kleine Pause, legte die Zange beiseite. „Und weißt du was? Ich sehe dir auch zu. Schon den ganzen Abend.“
Die Worte hingen zwischen ihnen in der warmen Luft, und Hannah spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog. Es war kein Geständnis, nicht wirklich, eher eine Feststellung, so beiläufig ausgesprochen wie vorhin der Satz über Anziehung. Und doch veränderte er alles. Denn jetzt wusste sie, dass sie nicht allein war in diesem seltsamen, zarten Raum der Möglichkeiten, der sich zwischen ihnen auftat.
David kam einen Schritt näher, lehnte sich gegen das Geländer, und das Holz ächzte leise unter seinem Gewicht. „Ich habe dich noch nie so erlebt“, sagte er leise. „So offen. So, als würdest du gerade etwas entdecken, das du vorher nicht gesehen hast.“
„Vielleicht tu ich das“, antwortete Hannah, und ihre eigene Stimme klang fremd in ihren Ohren, tiefer und ruhiger, als sie erwartet hatte. „Du hast vorhin etwas gesagt, das mich nicht mehr loslässt. Dass Anziehung nichts mit Geschlecht zu tun hat. Und ich habe mich gefragt, ob ich das je wirklich zugelassen habe. Dieses Nicht-Festlegen. Dieses Offensein für alles, was sein könnte.“
David nickte langsam, als hätte er genau diese Antwort erwartet. Seine Augen hielten ihre fest, und in seinem Blick lag etwas, das sie nur als Einladung deuten konnte – keine drängende, keine fordernde, sondern eine stille, geduldige Einladung, die sagte: Du bestimmst das Tempo. Du bestimmst, wie weit wir gehen.
Der Rauch des Grills zog zwischen ihnen hindurch, und Hannah atmete ihn tief ein, diesen Duft nach Feuer und Kräutern und Sommer, der sich für immer mit diesem Moment verbinden würde. Sie stand auf, stellte ihr Glas ab und trat neben ihn ans Geländer. Ihre Schultern berührten sich fast, ein schmaler Streifen warmer Luft lag noch zwischen ihnen, aber sie konnte seine Wärme spüren, als wäre sein Körper ein Ofen, der in die Abenddämmerung hineinstrahlte.
„Erzähl mir davon“, bat sie leise. „Von deiner ersten Entdeckung. Wie es war, als du gemerkt hast, dass du mehr willst, als du dachtest.“
Wenn die Haut zu flüstern beginnt

David atmete aus, ein langer, nachdenklicher Atemzug, und für einen Moment war nur das leise Zischen der Glut zu hören, das ferne Rauschen der Stadt unter ihnen. Dann begann er zu sprechen, leise und ohne Eile, und seine Worte malten Bilder in Hannahs Kopf, die sie nicht mehr losließen.
Es war die Geschichte eines Sommerabends wie diesem, vor vielen Jahren, mit einem Mann, den er kaum kannte und der ihm doch so vertraut vorkam, dass es ihn erschreckte. David erzählte von der ersten Berührung, von der Angst und der Neugier, die sich in seiner Brust bekämpften, von dem Moment, in dem er aufhörte, zu denken, und einfach fühlte. Er beschrieb, wie sich die Lippen dieses Mannes auf seine legten, fest und weich zugleich. Er erzählte auch, wie seine Hände über Davids Rücken glitten und jede Berührung eine Frage war, die nur mit Ja beantwortet werden konnte.
Hannah hörte zu, und während er sprach, spürte sie, wie sich ihre eigene Haut zu verändern begann. Sie wurde empfindlicher, durchlässiger, als würde jede Pore sich öffnen und auf etwas warten, das sie noch nicht benennen konnte. Der leichte Wind, der über den Balkon strich, fühlte sich plötzlich an wie eine Liebkosung. Der Stoff ihres Kleides, sonst kaum spürbar, rieb bei jeder Bewegung sanft über ihre Brustwarzen, die sich unter dem dünnen Baumwollstoff aufrichteten.
„Und dann“, sagte David, und seine Stimme war jetzt nur noch ein Flüstern, „dann hat er mich berührt. Nicht nur mit den Händen. Mit allem. Mit seiner Aufmerksamkeit, seiner Geduld, seiner Lust. Und ich habe verstanden, dass es nicht darum geht, wen man begehrt. Sondern dass man überhaupt begehrt. Dass man zulässt, begehrt zu werden. Dass man sich traut, alles zu fühlen, was da ist.“
Er wandte sich ihr zu, und jetzt war keine Distanz mehr zwischen ihnen. Seine Hüfte berührte ihre, leicht nur, aber es war genug, um einen Stromstoß durch Hannahs Körper zu jagen, der sie nach Luft schnappen ließ. Sie roch ihn jetzt, eine Mischung aus Rauch, frischem Schweiß und etwas, das einfach er war. Es war ein Geruch, den sie kannte und der doch neu war, weil sie ihn zum ersten Mal mit diesem Teil ihrer Wahrnehmung aufnahm – dem, der nicht nur registrierte, sondern begehrte.
„Darf ich dich berühren?“, fragte David, und es war dieselbe Frage, die der Mann ihm vor all den Jahren gestellt hatte, das wusste Hannah, ohne dass er es sagen musste.
„Ja“, sagte sie, und das Wort kam so schnell und so sicher, dass sie selbst überrascht war. Kein Zögern, kein Abwägen. Nur dieses klare, helle Ja, das aus einer Tiefe in ihr aufstieg, von der sie nicht gewusst hatte, dass sie existierte.
Davids Hand hob sich, langsam, als würde sie durch Wasser gleiten, und legte sich an ihre Wange. Seine Finger waren warm und ein wenig rau vom Grillen, und sie spürte jeden einzelnen von ihnen, als würden sie nicht nur ihre Haut berühren, sondern direkt die Nervenenden darunter. Sein Daumen strich über ihren Wangenknochen, einmal, zweimal, eine zärtliche, fast ehrfürchtige Bewegung, und Hannah schloss die Augen, gab sich ganz diesem Gefühl hin.
Seine Hand wanderte weiter, glitt über ihren Hals, wo der Puls heftig gegen seine Fingerkuppen pochte, folgte der Linie ihres Schlüsselbeins, blieb dort liegen, warm, schwer und unendlich sanft. Hannah spürte, wie sich ihre Brust bei jedem Atemzug hob und senkte, wie die Luft dicker wurde, gesättigt mit Erwartung und dem Duft von gegrilltem Rosmarin.
„Du zitterst“, murmelte David.
„Ich weiß“, flüsterte sie zurück. „Es ist gut so. Es ist genau richtig.“
Seine andere Hand fand ihre Hüfte und zog sie näher, bis ihre Körper sich vollständig berührten. Hannah spürte die Wärme seines Bauches durch den dünnen Stoff ihres Kleides, die Festigkeit seiner Brust und den langsamen, ruhigen Rhythmus seines Atems. Dieser war so ganz anders als ihr eigener, der flach und schnell ging.
Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und fühlte die Muskeln unter dem Leinenhemd und die Wärme seiner Haut, die durch den Stoff drang. Sie begriff, dass sie noch nie einen Mann so berührt hatte – nicht mit dieser vollkommenen Absichtslosigkeit, diesem reinen, unverstellten Verlangen, das nichts wollte außer fühlen.
Zwei Münder und der Geschmack von Salz
David beugte sich vor, langsam genug, dass sie die Bewegung hätte unterbrechen können, aber sie wollte es nicht. Sie wollte genau das: seine Lippen auf ihren, den ersten Kuss, der alles verändern würde. Und als er kam, war er weicher, als sie es erwartet hatte: eine zarte Berührung zuerst, ein Fragen und Tasten, das sich erst nach und nach vertiefte. Seine Lippen waren warm und schmeckten nach Wein und dem Salz der Grillmarinade. Hannah öffnete ihren Mund unter seinem, ließ seine Zunge eintreten, und das Gefühl war so überwältigend neu und doch so vertraut, dass ihr kurz schwindelig wurde.
Sie küssten sich lange, während die Glut im Grill langsam verglühte und die letzten Sonnenstrahlen den Himmel über dem Balkon in tiefes Orange tauchten. Davids Hände wanderten über ihren Rücken, zeichneten die Linie ihrer Wirbelsäule nach, fanden den Reißverschluss ihres Kleides und verharrten dort, eine stumme Frage. Hannah nickte, ohne den Kuss zu unterbrechen, und spürte, wie der Verschluss sich öffnete, wie die kühle Abendluft über ihre nun entblößte Haut strich und sofort von Davids warmen Händen verdrängt wurde.
Er schob das Kleid von ihren Schultern und ließ es zu Boden gleiten. Hannah stand vor ihm in nichts als ihrem Slip, die Brüste frei, die Brustwarzen hart und dunkel in der Dämmerung. David trat einen halben Schritt zurück, sah sie an, und in seinem Blick lag so viel Bewunderung, so viel unverhohlene Lust, dass Hannah das Gefühl hatte, unter diesem Blick zu glühen.
„Du bist wunderschön“, sagte er, und es war kein Kompliment, sondern eine Feststellung, so einfach und wahr wie der Sommerabend um sie herum.
Er knöpfte sein Hemd auf und ließ es achtlos fallen. Hannah sah seinen Oberkörper, den sie kannte und doch nie so gesehen hatte. Die breiten Schultern, die schmale Taille und die feinen dunklen Haare auf seiner Brust, die sich in einer Linie nach unten zogen und unter dem Bund seiner Hose verschwanden, fesselten ihren Blick. Sie streckte die Hand aus, legte sie auf seine Brust und spürte seinen Herzschlag, der nun ebenso schnell schlug wie ihrer. Ihre Finger spielten mit den Haaren, zogen sanft daran, und David stöhnte leise auf, ein tiefer, kehliger Laut, der Hannahs Erregung wie eine Welle durchflutete.
Sie zog ihn zu sich heran, presste ihre nackten Brüste gegen seine warme Haut, und das Gefühl war so intensiv, dass sie die Augen schließen musste. Seine Hände lagen auf ihren Hüften, schoben sich tiefer, schoben den Slip über ihre Schenkel, bis auch er zu Boden fiel und nichts mehr zwischen ihnen war als die warme Sommerluft und das Verlangen, das nun alles andere überlagerte.
David führte sie zu der alten Holzbank und setzte sich. Dann zog er sie auf seinen Schoß, sodass sie rittlings auf ihm saß, ihre nackten Schenkel an seinen, ihre Mitte nur Zentimeter von seiner entfernt. Sie spürte seine Härte durch den Stoff seiner Hose, drängend und warm, und sie bewegte sich instinktiv, rieb sich an ihm, und das Reiben sandte kleine, scharfe Lustblitze durch ihren Körper.
„Nicht so schnell“, murmelte David, aber seine Hände hielten ihre Hüften nicht auf, sondern verstärkten die Bewegung, führten sie, und sein Mund fand ihre Brust, umschloss eine Brustwarze mit seinen Lippen und saugte sanft daran. Hannah stöhnte auf, ließ den Kopf in den Nacken fallen, und der Himmel über ihr war jetzt tiefblau, mit den ersten Sternen, die wie Nadelstiche im Samt des Abends funkelten.
Seine Zunge umkreiste ihre Brustwarze, langsam und präzise. Hannah spürte, wie die Lust sich in ihr aufbaute, eine Spannung, die von ihrer Brust direkt in ihren Unterleib zog und dort pochte und verlangte. Sie griff zwischen ihre Körper, öffnete den Knopf seiner Hose und zog den Reißverschluss herunter. David half ihr und befreite sich aus dem Stoff. Dann lag er in ihrer Hand, warm, fest und so lebendig, dass sie den Atem anhielt.
Glut und Hingabe unter dem Sternenhimmel
Hannah umschloss ihn mit ihren Fingern, spürte die samtweiche Haut, die pulsierende Wärme, und sie begann, ihn langsam zu bewegen, auf und ab, während Davids Atem stoßweise gegen ihre Brust ging. Seine Hände lagen auf ihren Hüften, krallten sich leicht in ihr Fleisch, und seine Hüften bewegten sich im Rhythmus ihrer Hand, ein stummes, drängendes Bitten.
„Ich will dich in mir spüren“, flüsterte Hannah, und die Worte kamen aus einer Tiefe, die sie nicht kannte, einer Tiefe, in der nur noch Verlangen war und die absolute Gewissheit, dass dies genau das war, was sie wollte, was sie brauchte, was sie sich all die Jahre nicht erlaubt hatte zu wollen.
David nickte, seine Augen dunkel und weit. Sie positionierte sich über ihm und ließ sich langsam sinken, Zentimeter für Zentimeter. Das Gefühl, ihn in sich aufzunehmen, war so überwältigend, dass sie einen Moment innehielt, die Augen geschlossen, den Mund halb geöffnet. Währenddessen passte sich ihr Körper an ihn an, umschloss ihn und hieß ihn willkommen. Sie spürte, wie er sie ausfüllte, wie ihre inneren Muskeln sich um ihn zusammenzogen, wie jeder Nerv in ihr zu singen begann.
Dann begann sie, sich zu bewegen, langsam zuerst, ein Wiegen ihrer Hüften, das sie beide stöhnen ließ. Davids Hände lagen auf ihren Brüsten und massierten sie sanft. Seine Daumen strichen über ihre Brustwarzen, und jeder Strich sandte einen elektrischen Impuls direkt in ihren Unterleib. Dort vereinte er sich mit der Lust, die von innen kam, von der Reibung, von der Fülle und von der vollkommenen Verbindung ihrer Körper.
Sie bewegte sich schneller und fand einen Rhythmus, der sie beide höher und höher trug. Die alte Holzbank ächzte unter ihnen und machte ein vertrautes, beinahe tröstliches Geräusch, das sie in der Realität verankerte, während ihre Lust sie immer weiter forttrug. Der Grill war nur noch ein Glimmen in der Dunkelheit. Die Stadt unter ihnen war ein Meer aus Lichtern. Hannah fühlte sich, als würde sie schweben, getragen von Davids Händen und seiner Lust und ihrer eigenen, die nun unaufhaltsam einem Gipfel zustrebte.
„Komm zu mir“, murmelte David, und seine Stimme war heiser vor Erregung. „Lass los. Ich halt dich.“
Und Hannah ließ los. Der Orgasmus durchflutete sie wie eine Welle, die aus ihrem Innersten kam und sich in ihren ganzen Körper ergoss. Er ließ ihre Schenkel zittern, bog ihren Rücken durch und öffnete ihren Mund zu einem stummen Schrei. Sie spürte, wie David in ihr pulsierte und wie er sich ihr entgegenwarf. Auch spürte sie, wie er den Gipfel erreichte und sich mit einem tiefen, kehligen Laut in sie ergoss, Stoß um Stoß. Währenddessen hielten seine Hände sie fest, als würde er sie nie wieder loslassen wollen.
Sie blieben so sitzen, ineinander verschlungen, während ihre Atmung sich beruhigte und die Sommerluft ihre schweißnasse Haut kühlte. Davids Hand strich über ihren Rücken, langsam und zärtlich, und Hannah spürte, wie sich etwas in ihr gelöst hatte, etwas, das sie jahrelang festgehalten hatte, ohne es zu wissen. Es war nicht nur die Lust, nicht nur der Höhepunkt. Es war das Gefühl, angekommen zu sein bei sich selbst, bei einem Teil von ihr, den sie so lange übersehen hatte.
Was vom Abend bleibt und was beginnt
Sie saßen noch lange auf dem Balkon, nachdem sie sich notdürftig wieder angezogen hatten, und aßen das inzwischen kalt gewordene Grillgemüse mit den Fingern direkt vom Teller. Der Wein war warm geworden, aber sie tranken ihn trotzdem. Jeder Schluck schmeckte nach diesem Abend, nach Rauch und Rosmarin und der Süße einer Entdeckung, die Hannah noch immer in den Gliedern nachklang.
„Weißt du“, sagte sie irgendwann, den Kopf an Davids Schulter gelehnt, „ich habe das Gefühl, ich habe heute etwas gefunden, das ich gar nicht gesucht habe. Aber jetzt, wo es da ist, frage ich mich, wie ich so lange ohne leben konnte.“
David strich ihr über das Haar, eine beiläufige, zärtliche Geste, die nichts forderte und nichts versprach, außer dass dieser Moment echt war und bleiben würde. „Manche Dinge finden uns, wenn wir bereit sind“, sagte er. „Nicht früher und nicht später. Vielleicht warst du heute einfach bereit.“
Hannah dachte über seine Worte nach, während die Grillen ihr nächtliches Konzert anstimmten und irgendwo in der Ferne eine Kirchturmuhr Mitternacht schlug. Bereit. Ja, vielleicht war sie das. Vielleicht hatte es diesen Abend gebraucht, diese Nähe, diesen Duft von Holzkohle und Kräutern, diese Berührungen, die so zärtlich und so direkt gewesen waren. Um eine Tür zu öffnen, die immer da gewesen war, aber die sie nie zu öffnen gewagt hatte.
Sie dachte an die Frauen, die ihr in den letzten Jahren begegnet waren, an Blicke, die sie vielleicht falsch gedeutet hatte, an Gelegenheiten, die sie nicht erkannt hatte. Und zum ersten Mal empfand sie kein Bedauern darüber, sondern nur eine tiefe, ruhige Neugier auf das, was kommen würde. Denn dies war kein Ende, das wusste sie jetzt. Es war ein Anfang. Der Anfang einer bisexuellen Entdeckung, die weit über diesen Abend hinausreichen würde, die ihr ganzes Leben verändern konnte, wenn sie es zuließ.
David schien ihre Gedanken zu erraten, denn er sagte: „Das hier muss nichts bedeuten, wenn du nicht willst. Aber es kann auch alles bedeuten. Das liegt ganz bei dir.“
Hannah hob den Kopf, sah ihn an, diesen Mann, den sie seit zehn Jahren kannte und der ihr heute so neu geworden war wie sie sich selbst. „Ich will, dass es etwas bedeutet“, sagte sie. „Ich weiß noch nicht genau, was. Aber ich will es herausfinden. Mit dir. Und vielleicht auch ohne dich, irgendwann. Ich will wissen, wer ich bin, wenn ich mich nicht festlege. Wenn ich offen bleibe für alles, was sein könnte.“
David lächelte, und es war dasselbe Lächeln wie vor Stunden, als er ihr das Bier gereicht hatte, nur dass jetzt so viel mehr darin lag – Verständnis, Zärtlichkeit und eine Spur von Stolz, als hätte er genau das gehofft, als hätte er diesen Abend genau so gewollt, nicht als Eroberung, sondern als Geschenk.
„Dann lass uns das gemeinsam herausfinden“, sagte er. „Schritt für Schritt. In deinem Tempo. Mit allem, was du entdecken willst.“
Die Glut im Grill war inzwischen vollständig erloschen, und die Nachtluft trug den Duft von Jasmin herüber, der irgendwo in der Nachbarschaft blühte. Hannah atmete ihn tief ein, diesen neuen Duft, der sich mit den alten mischte. Sie wusste, dass sie sich an diesen Geruch erinnern würde, an dieses Gefühl, an diesen Moment, in dem alles anders geworden war. Nicht, weil sie mit David geschlafen hatte. Sondern weil sie sich selbst erlaubt hatte, zu fühlen, was da war. Alles, was da war. Ohne Scham, ohne Grenzen, ohne die alten, engen Kategorien, in die sie sich so lange gezwängt hatte.
Sie stand auf, trat noch einmal an das Geländer und sah hinaus über die Stadt, deren Lichter jetzt wie ein Spiegel des Sternenhimmels wirkten. David trat neben sie und legte einen Arm um ihre Schultern. Sie standen einfach da, zwei Menschen auf einem Balkon, am Ende eines Sommerabends, am Anfang von etwas, das noch keinen Namen hatte und vielleicht auch keinen brauchte.
Hannah wusste nur, dass sie morgen aufwachen würde und dass die Welt dann eine andere sein würde. Offener. Weiter. Voller Möglichkeiten, die sie endlich sehen konnte.
Und sie freute sich darauf.
– ENDE –
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