Retoure in Weinrot: Wenn zwischen Lagerregalen die verbotene Nähe zwischen Frauen erwacht

verbotene Nähe zwischen Frauen
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Verbotene Nähe zwischen Frauen

Frieda ließ die letzte Plastikwanne auf den Rolltisch gleiten, ein leises, hohles Dröhnen, das sich mit dem Surren der Neonröhren vermischte. Die Sohlen ihrer Sicherheitsschuhe quietschten auf dem versiegelten Beton, als sie sich streckte, die Hände ins Kreuz presste und den Kopf in den Nacken legte. Ihre Wirbelsäule knackte leise.

Um sie herum türmten sich Regalfronten aus Wellpappe, vollgestopft mit den Irrtümern anderer Leute. Blusen, die nicht passten, Wasserkocher mit verbeulten Kartons, Kuscheltiere, die schon einmal jemanden getröstet hatten und dann zurückgeschickt worden waren, als der Trost nicht ausreichte. Der Geruch von Kartonagenstaub und frischem Klebeband hing in der Luft, darunter, kaum wahrnehmbar, die süßliche Note von billigem Raumspray, das jemand vor Schichtbeginn im Sanitärraum versprüht hatte.

Der Hall des Lagers legte sich anders über die Geräusche, wenn die Gabelstapler schwiegen. Frieda mochte diesen Moment – das kollektive Ausatmen eines Gebäudes, das den ganzen Tag lang geschluckt und sortiert und gewogen hatte. Jetzt, um kurz nach zehn, war nur noch das Notlicht über den Notausgängen an, ein rötliches Glimmen, das die langen Gänge in ein Tunnelsystem verwandelte. Der Rest der Belegschaft hatte sich längst in die Nacht verabschiedet, mit müden Grüßen und dem Klappern von Autoschlüsseln.

Bis auf eine.

„Ich dachte, du wärst schon weg.“ Talias Stimme kam von irgendwo hinter der Regalzeile 17, gedämpft durch gestapelte Kartons. Sie klang heiser, als hätte sie den ganzen Tag kaum gesprochen.

Frieda trat um die Ecke und fand sie auf einem umgedrehten Milchkasten sitzend, die Beine von sich gestreckt, einen halb geöffneten Retourenkarton zwischen den Knöcheln. Sie hielt etwas in der Hand, ein Kleidungsstück, das im trüben Licht kupfern schimmerte. Seide, erkannte Frieda, noch bevor sie den Stoff berühren konnte. Eine Bluse, offenbar zurückgeschickt, weil der Schnitt nicht passte, oder weil die Farbe auf dem Monitor anders ausgesehen hatte.

„Sollte ich auch“, sagte Talia und hob den Blick. Das rötliche Notlicht fing sich in ihren Augen, machte sie dunkler, als sie ohnehin waren. „Aber dann habe ich das hier gefunden. Sieh mal. Zweiundachtzig Euro im Sale. Und sie schicken es zurück, weil der Kragen angeblich kratzt. Ich spür gar nichts.“ Sie hielt sich die Bluse an die Wange, eine Geste so unerwartet intim, dass Frieda den Blick nicht abwenden konnte.

Sie kannten sich seit drei Monaten. Drei Monate Schichtpläne, gemeinsame Pausen an der Laderampe, beiläufige Gespräche über kaputte Barcodescanner und den neuen Vorarbeiter, der seine eigene Stimme zu lieben schien. Drei Monate, in denen Frieda gelernt hatte, dass Talia ihren Kaffee schwarz trank, dass sie beim Sortieren leise vor sich hin sang, Lieder, die Frieda nicht kannte, und dass sie eine Art hatte, den Kopf zu neigen, wenn sie zuhörte, als wöge sie jedes Wort auf einer unsichtbaren Waage.

Drei Monate, in denen Frieda sich nicht eingestanden hatte, dass sie nach Schichtende immer ein wenig länger brauchte, wenn Talia auch länger brauchte.

„Ist doch nicht verboten, sie anzufassen“, sagte Frieda und trat näher. Ihre eigenen Schritte klangen ihr zu laut. „Retouren müssen ja nicht beerdigt werden. Nur neu verpackt.“

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Talia lächelte, ohne die Zähne zu zeigen. Ein Lächeln, das um die Mundwinkel blieb, als wüsste es selbst nicht so genau, ob es bleiben sollte. „Manchmal frag ich mich, ob irgendwer diese Sachen wirklich sieht. Die Leute bestellen, halten sie einmal in der Hand, und dann – zurück. Als ob sie Angst hätten, etwas zu behalten, das sie berührt hat.“ Sie ließ die Bluse sinken. Der Seidenstoff flüsterte über ihre Jeans. „Setz dich doch. Der Kasten neben mir hält auch zwei.

Die verbotene Nähe zwischen Frauen, dachte Frieda. Es war nicht die körperliche, nicht die, von der man in alten Romanen las oder über die in manchen Ländern noch immer getuschelt wurde. Es war die andere, die feinere Nähe: die, die entstand, wenn eine Frau einer anderen zu lange in die Augen sah, zu genau zuhörte, zu viel verstand. Die Nähe, vor der sie selbst sich fürchtete, weil sie Grenzen verwischte, die sie jahrelang sorgfältig gezogen hatte.

Sie setzte sich.

Ein Knistern zwischen Kartonagen – wenn das Lagerhaus leiser spricht als die Haut

Talia hatte die Bluse inzwischen über ihre Knie gebreitet, strich mit dem Daumen immer wieder über den Saum. Frieda beobachtete ihre Hände, die etwas Rastloses hatten, etwas Suchendes, das sie tagsüber verbarg. Jetzt, ohne die Geräuschkulisse der Förderbänder und das Blinken der Scanner, schien jede Bewegung Talias eine neue Bedeutung anzunehmen, als hätte die Stille eine Lupe über sie gelegt.

„Hast du das auch manchmal?“, fragte Talia. „Dieses Gefühl, dass alles nur ein Versuch ist? Man bestellt, man probiert, man schickt zurück. Und irgendwann fragt man sich, ob man selbst auch so eine Retoure ist. Angenommen, dann zurückgegeben, weil man doch nicht das ist, was auf der Verpackung stand.“

Frieda spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog. Nicht unangenehm. Eher wie ein Muskel, der sich nach zu langer Ruhe wieder regte. „Ich glaube“, sagte sie langsam, „wir sind eher die Sachen, die versehentlich ins falsche Regal geraten. Keiner weiß genau, wohin wir gehören. Aber das heißt nicht, dass wir falsch sind. Nur falsch einsortiert.“ Sie zögerte. „Vorübergehend falsch einsortiert.“

Talias Hand wurde still. Sie wandte den Kopf, und plötzlich war ihr Gesicht Friedas näher, als es hätte sein dürfen. Nah genug, dass Frieda die feinen Linien um Talias Mund erkennen konnte, diese kaum sichtbaren Spuren von Lachen oder Sorgen, die das Alter hinterließ, ohne um Erlaubnis zu fragen. Nah genug, dass sie das Pflaster an Talias Daumen riechen konnte – diesen eigenartigen, sauberen Geruch von medizinischem Klebstoff, vermischt mit dem Rest von Zitronenseife aus dem Waschraum.

„Vorübergehend“, wiederholte Talia.

Das Wort hing zwischen ihnen, schwer und samten wie der Stoff auf ihren Knien. Draußen, irgendwo jenseits der Laderampen, fuhr ein einzelnes Auto vorbei. Sein Scheinwerferlicht strich für einen Sekundenbruchteil durch die schmalen Fenster unter der Decke und ließ die Regale für einen Moment lang als schwarze Silhouetten erscheinen. Dann war es wieder dunkel.

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Frieda wusste nicht, wer sich zuerst bewegte. Vielleicht war es auch eine gleichzeitige Verschiebung, ein gemeinsames, wortloses Einverständnis, wie zwei Tänzer, die den gleichen Rhythmus hören, bevor die Musik einsetzt. Talia legte die Bluse beiseite, vorsichtig, fast ehrfürchtig, als würde sie eine Entscheidung ablegen, die sie nicht mehr brauchte. Dann griff sie nach Friedas Hand.

Kein zufälliges Streifen. Kein versehentlicher Kontakt, den man mit einem entschuldigenden Lächeln wieder aufheben konnte. Talia nahm Friedas Hand so, wie man ein Buch aus dem Regal zieht, von dem man weiß, dass man es noch in derselben Nacht zu Ende lesen wird. Ihr Daumen legte sich über Friedas Knöchel, drückte sachte die Haut, ertastete die feinen Knochen darunter.

Friedas Atem stockte, aber sie atmete weiter. Das war bedeutend – dass sie weiteratmete, dass sie nicht erstarrte, dass sie diesem Moment erlaubte, sich zu entfalten. Talias Haut war warm, wärmer als ihre eigene, und ein wenig rau von der Arbeit, von den Kanten der Kartons, die sie täglich zu Hunderten anfasste. Arbeitsspuren, dachte Frieda. Kleine, ehrliche Arbeitsspuren, die sich nun über ihre eigene Haut schoben.

„Ist das in Ordnung?“, fragte Talia leise. Kein Flüstern. Einfach eine Frage, die keine akustische Verstärkung brauchte, weil sie nur für einen Menschen bestimmt war.

Frieda nickte. Ihre Kehle war zu eng, um zu sprechen. Aber sie drehte langsam ihre Hand, öffnete sie, ließ Talias Finger zwischen ihre eigenen gleiten. Ein einfaches Ineinandergreifen. Falten und Fugen, die zueinanderfanden, als hätten sie darauf gewartet, sortiert zu werden – zwei Teile aus verschiedenen Sendungen, die doch zusammengehörten.

Das rote Notlicht flackerte. Die Klimaanlage summte. Irgendwo tickte eine Zeitschaltuhr, die das Licht in Gängen regelte, in denen jetzt niemand mehr ging. Und zwei erwachsene Frauen saßen auf umgedrehten Milchkästen zwischen tausenden von Retouren und hielten sich an den Händen, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Vielleicht war sie das auch, dachte Frieda. Vielleicht war das die endgültige Form von Normalität, die sie je gefunden hatte.

Von Kartons, die nichts verraten – und Worten, die alles preisgeben

Zwischen Lagerregalen die verbotene Nähe zwischen Frauen

Sie sprachen nicht mehr viel. Nicht mit Worten. Talias Daumen war zu einer langsamen, kreisenden Wanderung über Friedas Handrücken aufgebrochen. Er beschrieb Bahnen, die an nichts erinnerten, was Frieda kannte, und doch fühlten sie sich vertraut an. Es war wie ein Text, den man vor langer Zeit auswendig gelernt und dann vergessen hatte, bis er einem nun Zeile für Zeile wieder einfiel. Die Stille zwischen ihnen war nicht mehr die leere Stille eines verlassenen Lagerhauses – sie war eine gefüllte Stille geworden, eine, die atmete und roch und sich bewegte.

„Ich habe dich beobachtet“, sagte Talia nach einer Weile. Sie sagte es ohne Koketterie, ohne den Unterton von Geständnis, der solchen Sätzen sonst anhaftete. Eher sachlich, wie eine Bestandsaufnahme. „Nicht heimlich. Nicht so, dass es unangenehm wäre. Einfach – ich habe dich gesehen. Wie du die Kartons hochhebst, immer aus den Knien heraus, nie aus dem Rücken. Wie du den Kugelschreiber kurz an die Lippen hältst, bevor du die Lieferscheine abzeichnest. Wie du manchmal im Stehen träumst, drei Sekunden lang, und dann wieder aufwachst, als hätte dich jemand angepiept.“ Sie machte eine Pause.

„Ich habe mich gefragt, was du in diesen drei Sekunden siehst.

Frieda spürte, wie Wärme in ihr aufstieg, vom Brustbein her, langsam und stetig, als hätte jemand ein Ventil geöffnet. Niemand hatte sie je so genau beschrieben. Niemand hatte ihr je das Gefühl gegeben, dass sie es wert war, so genau beschrieben zu werden. Sie suchte nach einer Antwort, nach etwas, das diesem Geschenk an Aufmerksamkeit gerecht wurde, aber Talia war noch nicht fertig.

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„Ich habe mich auch gefragt, ob du mich manchmal siehst. Und wenn ja, was du siehst. Ob du die Stelle an meinem Hals bemerkst, wo ich mich immer kratze, wenn ich unsicher bin. Oder die Art, wie ich den linken Schuh immer zuerst zubinde und den rechten erst, nachdem ich aufgestanden bin. Ob du solche Sachen überhaupt wichtig findest.“ Sie zuckte leicht mit den Schultern, aber es war ein Zucken, das mehr preisgab, als es verbarg. „Jetzt weiß ich es nicht mehr. Jetzt habe ich Angst, dass du es tust. Und dass du es nicht tust. Beides gleichzeitig. Ist das nicht verrückt?“

Frieda schüttelte den Kopf. Ihr Daumen hatte, ohne dass sie es bewusst gesteuert hätte, begonnen, die Innenseite von Talias Handgelenk zu streicheln, dort, wo die Haut so dünn war, dass man den Puls sehen konnte. Sie sah ihn jetzt, ein feines, blaues Schlagen unter dem warmen Braun von Talias Haut. Sie legte ihre Fingerkuppe darauf, ganz sanft, nur um zu fühlen, wie das Blut unter ihrer Berührung floss.

Talias Puls beschleunigte sich sofort. Ein Sprung, dann ein zweiter, dann ein Rhythmus, der schneller war als zuvor. Frieda spürte ihn an ihrem Zeigefinger, spürte ihn fast lauter als das Surren der Neonröhren, und sie begriff, dass sie diesen Rhythmus verantwortete. Sie veränderte das Tempo eines anderen Menschen nur durch eine Berührung an einer Stelle, wo die Haut durchscheinend war.

„Ich sehe dich“, sagte Frieda. Ihre eigene Stimme klang fremd, rauer und gleichzeitig klarer, als käme sie aus einer Tiefe, die sie bisher nicht genutzt hatte. „Ich sehe, dass du deinen Teebeutel fünfmal abtropfen lässt, bevor du ihn wegwirfst. Nicht viermal, nicht sechsmal. Fünfmal. Ich sehe, dass du beim Zählen der Retouren leise mitzählst, auch wenn du die Zahlen schon im Scanner hast. Ich sehe, dass du die defekten Sachen nicht einfach in die Tonne wirfst, sondern sie erst nochmal in die Hand nimmst, als wolltest du dich verabschieden.“ Sie holte Luft.

„Und ich sehe, dass du deine Unterlippe zwischen die Zähne ziehst, wenn du versuchst, etwas nicht zu sagen, was du sagst. So wie jetzt gerade.

Talias Zähne lösten sich von ihrer Unterlippe, fast erschrocken, als hätte man sie auf frischer Tat ertappt. Ein feuchter Schimmer blieb zurück, und Frieda musste gegen den Impuls ankämpfen, diesen Schimmer mit dem Daumen zu berühren. Noch nicht. Die verbotene Nähe zwischen Frauen setzte sich nicht nur aus Berührungen zusammen – sie bestand aus all den Berührungen, die man zurückhielt, bis der Moment reif war. Und dieser Moment war noch nicht reif. Noch nicht ganz.

„Wir können hier nicht bleiben“, sagte Talia plötzlich, und Friedas Herz setzte einen Schlag aus, weil sie fürchtete, es sei eine Flucht. Aber dann fügte Talia hinzu: „Nicht hier zwischen den Regalen. Weißt du, wo die Retourenmöbel stehen? Die Sofas, die nicht ins Wohnzimmer gepasst haben? Die Sessel, die angeblich in der falschen Farbe geliefert wurden?“

Frieda nickte. Sie hatte diesen Teil des Lagers immer gemocht, ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht, weil es tröstlich war, dass selbst Möbel eine zweite Chance bekamen.

Stoff, der sich erinnert – eine Kommode, die nie geliebt wurde, und Hände, die endlich wissen, wohin sie gehören

Der Bereich für die Möbelretouren lag im hintersten Winkel des Lagerhauses, hinter einer Brandschutztür, die Frieda mit dem Ellbogen aufdrücken musste. Sie gingen nicht Hand in Hand dorthin. Das wäre zu offen gewesen, zu sehr wie eine Entscheidung, die man vor den Überwachungskameras hätte rechtfertigen müssen, auch wenn in den Büros längst niemand mehr saß. Aber sie gingen nah beieinander, nah genug, dass ihre Oberarme sich beim Gehen streiften, dass Talias Haar Friedas Schulter berührte, wenn sie den Kopf zur Seite neigte, um einer imaginären Stolperfalle auszuweichen.

Die Möbelabteilung war ein skurriler Ort. Ein Samtsofa in Aubergine stand neben einem Couchtisch aus Bambus, dessen Glasplatte fehlte. Eine Stehlampe ohne Schirm lehnte an einer Kommode, deren Schubladen mit Paketband fixiert waren. Und in der Ecke, unter einem hochgeklappten Fenster, das nie geöffnet wurde, stand eine Chaiselongue. Weinroter Samt, an den Armlehnen etwas abgewetzt, aber die Polsterung war noch fest. Der Lieferschein klebte an der Seitenlehne, ein leuchtend gelber Zettel mit dem Vermerk: Retoure – Farbabweichung.

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Talia blieb vor dem Möbel stehen, als hätte sie es genau für diesen Moment dort vermutet. Sie legte eine Hand auf die Rückenlehne, prüfte den Samt mit einer Ernsthaftigkeit, die beinahe komisch war, wenn sie nicht auch etwas Rührendes gehabt hätte.

„Farbabweichung“, las sie vor. „Stell dir vor, du gibst so ein Möbelstück zurück, weil das Rot nicht das Rot ist, das du erwartet hast. Weil es ein bisschen mehr Wein ist und ein bisschen weniger Bordeaux. Und dabei ist es doch genau dieses Rot, das irgendjemand anderes vielleicht gesucht hat. Sein ganzes Leben lang.“ Sie drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Lehne, sah Frieda an. „Setzen wir uns?“

Sie setzten sich. Nicht nebeneinander, nicht so, wie zwei Freundinnen sich auf eine Couch setzen würden, einen sicheren Abstand zwischen den Hüften. Sondern einander zugewandt, die Knie sich beinahe berührend, so nah, dass der Samt unter ihrem Gewicht nachgab und sie ein wenig zueinander rollen ließ.

Frieda war zweiundvierzig. Sie hatte zwei Beziehungen hinter sich, beide mit Männern, beide beendet mit dem vagen Gefühl, etwas versäumt zu haben, ohne benennen zu können, was. Sie hatte nie ernsthaft in Betracht gezogen, dass es nicht die Männer waren, sondern Männer insgesamt. Oder vielleicht hatte sie es doch in Betracht gezogen, spät nachts, wenn das Gehirn ungeschützte Gedanken zuließ, und es dann unter Schichten von Vernunft und Gewohnheit begraben.

Jetzt, auf einer weinroten Retourenchaiselongue, die wegen Farbabweichung zurückgegeben worden war, begriff sie, dass Vernunft und Gewohnheit dünne Schichten waren. Dünn wie die Haut an Talias Handgelenk. Und dass es nur einen Daumen brauchte, um sie zu durchstoßen.

Talia beugte sich vor. Ihre Lippen waren nicht geschminkt, etwas aufgesprungen von der trockenen Lagerluft, und sie roch nach nichts als Haut und dem Rest von Zitronenseife. Als sie Friedas Mund berührte, geschah es mit einer Zärtlichkeit, die nicht zögerlich war, aber auch nicht fordernd. Ein Kuss wie eine Frage, leise gestellt und ohne Eile auf die Antwort.

Frieda antwortete mit ihrem ganzen Körper. Ihre Hände, die bis eben noch brav auf ihren eigenen Knien gelegen hatten, hoben und legten sich um Talias Gesicht. Sie fühlten die Wärme der Wangen, die Festigkeit der Kieferknochen und die weichen Grübchen vor den Ohren. Sie zog Talia näher, nicht grob, aber entschieden, und der Kuss vertiefte sich. Talias Lippen öffneten sich, und Frieda schmeckte den schwachen Rest von Pfefferminz, von dem Bonbon, das Talia nach der Schicht immer lutschte, und darunter etwas anderes, etwas, das nur Talia war.

Ihre Zungen fanden sich, tastend, lernend, wie zwei Menschen, die einen Raum im Dunkeln erkunden und jeden Gegenstand einzeln ertasten müssen. Frieda spürte Talias Hand auf ihrem Rücken. Zuerst war sie flach, dann krallten sich die Finger leicht in den Stoff ihrer Arbeitsbluse, als suchten sie Halt, als wäre auch Talia eine, die ins Rutschen geriet.

„Ist das –“, begann Talia, zog sich einen Atemzug weit zurück, die Lippen noch feucht.

„Ja“, sagte Frieda. Sie wusste nicht einmal, was Talia hatte fragen wollen. Aber die Antwort war Ja. Auf alles.

Sie küsste Talias Hals, genau die Stelle, von der Talia gesagt hatte, dass sie sich dort kratzte, wenn sie unsicher war. Sie küsste sie nicht, um das Kratzen auszulöschen, sondern um der Unsicherheit etwas entgegenzusetzen. Talias Kopf sank zurück und gab mehr Hals frei. Frieda wanderte mit den Lippen hinunter, zum Schlüsselbein, zum Ansatz der Brust, den der Ausschnitt der Arbeitsbluse nicht preisgab, den sie aber durch den dünnen Stoff hindurch erahnen konnte.

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Talia zog die Bluse selbst aus. Kein Ausziehen als Inszenierung, kein verführerisches Entblättern. Sie zog sie aus, weil der Stoff störte, weil er zwischen ihrer Haut und Friedas Lippen stand, und das war auf einmal unerträglich geworden. Der BH darunter war schlicht, weiß, ein Alltags-BH, aber Talia griff nach hinten und öffnete den Verschluss mit einer Selbstverständlichkeit, die Frieda den Atem raubte.

„Du auch“, sagte Talia. Keine Bitte. Eine Feststellung dessen, was als Nächstes geschehen würde.

Frieda zog ihre Bluse über den Kopf, ohne die Knöpfe zu öffnen, ein ungeduldiges, fast ungeschicktes Manöver, bei dem sie kurz mit dem Ärmel kämpfte. Talia lachte leise, befreite sie und dann saßen sie einander gegenüber, beide mit nackten Brüsten, im rötlichen Licht einer Notbeleuchtung, auf einer zurückgegebenen Samtcouch. Der Anblick war so absurd und so vollkommen, dass Frieda beinahe die Tränen kamen.

Sie berührte Talias Brust, zuerst mit dem Handrücken, dann mit der Innenfläche. Die Brustwarze war bereits hart, ein kleines, aufgerichtetes Signal, dem sich Frieda mit den Lippen näherte. Als sie sie in den Mund nahm, entfuhr Talia ein Laut, der kein Wort war und keines brauchte. Es war ein halb ersticktes Keuchen, das sich in Friedas Brustbein grub wie eine Erinnerung, die man nie wieder verlor.

Talias Hüften bewegten sich, eine unwillkürliche Bewegung, ein Drängen, das noch kein Ziel hatte, aber eine Richtung. Frieda ließ eine Hand hinuntergleiten, über Talias Bauch, an der Taille vorbei, bis sie den Bund ihrer Jeans erreichte. Sie hielt inne, fragte mit den Augen.

„Ja“, sagte Talia. Und dann noch einmal, dringlicher: „Ja, bitte. Ja.“

Samt, der nichts vergisst – und ein Morgen, der anders sortiert

Der Knopf von Talias Jeans öffnete sich unter Friedas Fingern mit einem kleinen, endgültigen Geräusch, das im weiten Raum der Möbelabteilung widerhallte wie ein Schlüssel, der in ein längst bereites Schloss glitt. Talia hob die Hüften an und half Frieda, den schweren Stoff über ihre Schenkel zu schieben. Dann lag sie da, mit nichts als einem schlichten Slip aus Baumwolle, und sah Frieda mit diesem Gesichtsausdruck an – diesem Ausdruck, der zwischen Unglauben und Erwartung schwebte, als wäre sie selbst überrascht, wie sehr sie das hier wollte.

Frieda nahm sich Zeit. Sie hatte Jahre verloren, in denen sie ihren Körper getragen hatte wie eine Pflicht, die es zu erfüllen galt. Und jetzt, auf einmal, unter ihren Händen und Lippen, war ein Körper, der kein Pflichtprogramm war, sondern ein Versprechen. Sie küsste Talias Bauch und spürte das Zucken der Muskeln unter der Haut. Sie folgte der feinen Linie heller Härchen, die vom Nabel abwärts führte. Als ihre Lippen den Bund des Slips erreichten, machte Talia die Beine breiter, einladend und ungeduldig, ein stummes Angebot, das Frieda nicht ausschlug.

Sie zog den Slip langsam herunter, Zentimeter für Zentimeter, und offenbarte den dunklen, dichten Flaum von Talias Scham, dahinter die zartrosa Schamlippen, die sich bereits öffneten. Der Geruch stieg zu ihr auf – erdig, salzig, lebendig – und Frieda tauchte mit dem Gesicht in diese Wärme, atmete Talia, wie sie noch nie jemanden geatmet hatte. Ihre Zunge fand den Weg fast von selbst. Es war eine lange, langsame Bewegung vom Eingang bis zu der kleinen, bereits geschwollenen Perle, die sich unter ihrer Berührung aufrichtete wie eine Knospe, die nur auf genau diese Wärme gewartet hatte.

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Talia schrie nicht. Das war es, was Frieda später im Gedächtnis behalten würde – dass Talia nicht schrie, sondern einen Ton von sich gab, der tiefer war als ein Stöhnen und reiner als ein Wort. Einen Ton, der aus ihrer Brust kam und sich in Friedas eigenem Körper fortsetzte, als wären sie Instrumente, die man auf denselben Grundton gestimmt hatte. Talias Schenkel legten sich um Friedas Kopf und ihre Fersen pressten sich in Friedas Rücken. Ihre Hände krallten sich in den Samt der Chaiselongue, genau an den Stellen, wo der Stoff ohnehin schon abgewetzt war.

Frieda tauchte tiefer. Ihre Zunge wechselte zwischen schnellen, leichten Kreisen um die Klitoris und einem eindringlichen Druck gegen den Eingang. Frieda hörte auf die Bewegungen von Talias Hüften, die sich gegen sie pressten, sich wieder lösten und erneut pressten. In ihr selbst baute sich eine Erregung auf, die sowohl schmerzte als auch schön war. Sie versuchte, die Erregung mit einer Hand an ihrem eigenen Bund zu lindern, während die andere Hand Talias Brust umfasste und die Brustwarze zwischen Daumen und Zeigefinger rollte, bis sie fast so hart war wie der Schlag von Talias Herz unter ihrer Handfläche.

„Hör nicht auf – bitte, genau –, bitte, hör nicht –“, Talias Sätze zerbrachen, bevor sie zu Ende kamen, und Frieda hörte nicht auf, wie es ihr befohlen war. Sie spürte, wie Talias Bauch sich anspannte. Die Muskeln ihrer Oberschenkel zitterten. Ihr ganzer Körper zog sich auf diesen einen Punkt hin zusammen und entspannte sich dann, in einer Welle, die fast besorgniserregend lang war.

Talias Orgasmus kam nicht mit einem Knall. Er kam mit einem langen, zitternden Ausatmen, das sich anhörte wie ein Name ohne Buchstaben. Er kam auch mit einem Beben, das von ihrem Schoß ausging und sich über ihre Wirbelsäule fortsetzte, bis es in ihren Fingerspitzen mündete, die den Samt losließen und nach Friedas Haaren griffen. Sie hielten, sie streichelten, sie dankten.

Es dauerte eine Weile, bis sie sich lösten. Frieda bettete ihren Kopf auf Talias Bauch, spürte das Pochen unter der Haut, das sich nur langsam beruhigte, und lauschte dem Klang der fernen Klimaanlage, die ungerührt weitersummte, als wäre nichts geschehen.

„Komm her“, sagte Talia, und es war kein Flüstern mehr, sondern eine Bitte, die keinen Widerspruch duldete. Sie zog Frieda zu sich hoch, rollte sie sanft auf den Rücken, und dann tat Talia für das Mädchen, was Frieda für sie getan hatte, nur langsamer, mit einer fast quälenden Zärtlichkeit, die jeden Nerv einzeln ansprach. Ihre Finger ersetzten ihre Zunge, glitten in Frieda, zuerst einer, dann zwei, während ihr Daumen den Rhythmus auf Friedas Klitoris vorgab, den sie an deren Atem ablas.

Frieda kam mit einem Schrei, der lauter war als beabsichtigt. Es war ein Aufschrei, der durch die Möbelabteilung hallte und von den Kartons zurückgeworfen wurde. Schließlich verlor er sich im Surren der Lüftung, als hätte dieses Lagerhaus schon immer dazu gedient, Geheimnisse aufzubewahren und nach Hause zu schicken, wenn sie bereit waren, angenommen zu werden.

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Später, viel später, als sie angezogen und mit zerknitterten Blusen wieder auf den Milchkästen saßen, diesmal enger, diesmal ohne die Bluse zwischen ihnen, sagte Talia: „Morgen ist wieder Schicht. Normale Sortierung. Gang drei und vier. Pause um zwölf.“

„Ich weiß“, sagte Frieda.

„Farbabweichung“, sagte Talia und zupfte ein loses Fädchen vom Samt der Chaiselongue. „Die werden sie wahrscheinlich nie verkaufen. Nicht in diesem Rot, das keiner will.“ Sie sah Frieda an, und in ihren Augen war dieses Wissen, dieses neue, alte Wissen, das sie jetzt teilten. „Wir könnten sie kaufen. Zusammen. Wenn sie das Möbelstück nicht loswerden. Als Retoure vom Retourenlager. Ein Möbel für Leute, die selbst ein bisschen falsch einsortiert sind. Vorübergehend falsch einsortiert.“

Frieda lachte, eine Art Heiterkeit, die ihr leichter vorkam als jede zuvor. Sie lehnte ihren Kopf gegen Talias Schulter und spürte den Rest von Zitronenseife und Schweiß und Samt und all den anderen Dingen, die diese Nacht für sie parfümierten. Durch die schmalen Fenster unter der Decke sickerte bereits das erste Grau des Morgens, und irgendwo klickte die Zeitschaltuhr, die die Neonröhren wieder einschalten würde, pünktlich zum Schichtbeginn.

Aber das war noch eine Stunde hin. Eine Stunde, in der zwei Frauen, die einander gefunden hatten zwischen den Irrtümern anderer Leute, auf einer Chaiselongue saßen, die niemand haben wollte, und sich an den Händen hielten, als wäre die verbotene Nähe zwischen Frauen gar nicht verboten, sondern nur verlegt worden. Irgendwo in ein falsches Regal. Bis heute.

– ENDE –

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