Eine verbotene Affäre
„Ich glaube, wir sind die letzten Kunden, die diese Videothek je betreten werden“, sagte Greta und ließ ihren Blick über die halbleeren Regale schweifen, in denen die verbliebenen DVD-Hüllen wie vergessene Relikte einer untergegangenen Zivilisation wirkten.
Moritz, der gerade mit dem Rücken zu ihr an der Theke lehnte und eine verstaubte Schale mit ausgetrockneten Gummibärchen musterte, drehte sich um. „Umso besser“, erwiderte er grinsend. „Dann haben wir den Laden für uns allein.“ Er warf einen bedeutungsvollen Blick zur Eingangstür, durch deren Glasfront die letzten Strahlen der Abendsonne fielen und den abgewetzten Teppichboden in ein goldenes Licht tauchten.
Die Videothek „Cineastica“ war eine jener seltsamen Zwischenwelten, die sich dem digitalen Wandel noch ein paar Jahre länger widersetzt hatten, als es alle Vernunft erlaubte. Jetzt, drei Tage vor der endgültigen Schließung, hing der Geruch von altem Plastik, abgestandenem Popcorn und einer gewissen Melancholie in der Luft. Die Neonröhren an der Decke flackerten in unregelmäßigen Abständen, als könnten sie sich selbst nicht entscheiden, ob sie noch weitermachen oder endgültig den Geist aufgeben sollten.
Greta kannte Moritz seit fast fünfzehn Jahren. Sie waren gemeinsam zur Uni gegangen, hatten nebeneinander in Einführungsseminaren gesessen und sich gegenseitig Kaffee aus dem Automaten gezogen, während draußen der Winter den Campus in eine Eiswüste verwandelte. Später hatten sie beide geheiratet – nur eben nicht einander. Gretas Mann hieß Thomas, ein grundsolider Architekt mit einem Faible für Segeltouren und Steuererklärungen. Moritz‘ Frau war Kinderärztin, hieß Sabine und hatte ein Lachen, das angeblich ganze Wartezimmer beruhigte. Sie waren glücklich verheiratet. Wirklich.
So glücklich, wie man nach zwölf Jahren Ehe eben sein konnte, wenn der Alltag die Leidenschaft durch Gewohnheit ersetzt hatte. Die Gespräche drehten sich häufiger um defekte Waschmaschinen als um geheime Wünsche.
Doch zwischen Greta und Moritz hatte immer dieses Knistern existiert. Ein unausgesprochenes Etwas, das bei zufälligen Berührungen an der Supermarktkasse aufflackerte oder wenn sich ihre Blicke bei gemeinsamen Abendessen mit den jeweiligen Partnern für eine Sekunde zu lange trafen. Nie war etwas passiert. Nie hatten sie die Grenze überschritten. Bis jetzt vielleicht.
Denn diese Videothek, dieser seltsame, verlassene Ort kurz vor seiner Schließung, fühlte sich an wie ein Raum außerhalb der Zeit. Es war ein Raum, in dem die üblichen Regeln nicht galten und in dem eine verbotene Affäre plötzlich möglich schien.
„Also“, sagte Moritz und löste sich von der Theke, „welchen Film wünschst du auszuleihen? Oder besser: Welchen willst du als Souvenir behalten? Der Besitzer hat gesagt, wir können uns jeder eine DVD behalten. Als Dankeschön für jahrelange Treue.“ Er deutete auf ein handgeschriebenes Schild, das mit Klebeband an der Kasse befestigt war: ‚Stammkunden dürfen sich einen Film für immer nehmen.‘ Danke für die wunderbaren Jahre.
Greta trat näher an eines der Regale heran. Ihr Finger fuhr über die Rücken der Hüllen, vorbei an Komödien aus den Neunzigern, Actionfilmen mit längst vergessenen Stars und Liebesfilmen, deren Titel sie an verregnete Sonntagnachmittage auf dem Sofa erinnerten. „Ich kann mich nicht entscheiden“, murmelte sie. „Jeder dieser Filme war mal bahnbrechend für jemanden. Jemand hat sich auf den Weg gemacht, ist extra hierhergekommen, hat sich genau diesen einen Film ausgesucht. Und jetzt liegt er hier und wartet darauf, dass ihn nie wieder jemand anschaut.“
Moritz war neben sie getreten, so nah, dass sie sein Rasierwasser riechen konnte. Es hatte eine holzige Note mit einem Hauch von Zitrus, die sie seit Jahren kannte. Jedes Mal löste das einen leichten Schauer auf ihren Unterarmen aus. „Du wirst sentimental“, sagte er leise. „Das steht dir.“
Wo die Erotik-Abteilung noch Geheimnisse flüstert
Sie wanderten tiefer in den Laden hinein, vorbei an den Überresten eines einstmals stolzen Sortiments. Die Regale waren nur noch zu zwei Dritteln gefüllt, und in den Lücken sammelte sich Staub, den seit Wochen niemand mehr weggewischt hatte. Irgendwo summte ein Kühlschrank, der wahrscheinlich seit Monaten keine Getränke mehr beherbergte. Von der Decke baumelte eine vergessene Girlande – Überbleibsel einer Weihnachtsaktion, die niemand abgehängt hatte.
„Erinnerst du dich“, sagte Moritz plötzlich, „an den Abend nach der Statistik-Klausur?“ Wir sind hierhergekommen, völlig übermüdet, und haben uns drei Horrorfilme ausgeliehen, die wir dann nie zu Ende geschaut haben, weil wir auf deinem Sofa eingeschlafen sind.“
Greta lächelte. „Thomas war damals auf Dienstreise. Und Sabine hatte Nachtschicht.
„Ja.“ Moritz blieb stehen. „Wir waren allein. Die ganze Nacht.
Der Satz hing zwischen ihnen wie eine unausgesprochene Frage. Greta spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie waren damals beide Mitte zwanzig gewesen, frisch verheiratet, voller guter Vorsätze. Und sie hatten auf dem Sofa gelegen, nur eine Handbreit voneinander entfernt, während der Fernseher flackernde Schatten an die Wand warf. Nichts war passiert. Aber die Möglichkeit hatte im Raum gestanden, schwer und süß wie überreifes Obst.
„Wir waren immer sehr vorsichtig“, sagte Greta und wusste selbst nicht, ob sie das bedauerte oder erleichtert feststellte.
„Vielleicht zu vorsichtig“, erwiderte Moritz.
Sie waren inzwischen am Ende des Ganges angelangt, dort, wo ein verblasstes Schild mit der Aufschrift „Erotik“ an der Decke hing. Die Abteilung war klein, fast schon verschämt in die hinterste Ecke des Ladens verbannt, als hätte sich jemand dafür geschämt, dass Menschen Körper haben und diese Körper manchmal Dinge tun, die nichts mit Steuererklärungen oder Segeltouren zu tun haben.
Moritz zog eine Hülle aus dem Regal. „Kennst du den?“, fragte er und hielt ihr das Cover hin. Es zeigte zwei Silhouetten, die sich vor einem Sonnenuntergang küssten, darunter ein Titel in geschwungener Schrift: ‚Sommer der Entscheidung‘.
„Nie gesehen“, sagte Greta. Ihre Stimme klang belegt.
„Ich auch nicht.“ Moritz drehte die Hülle in seinen Händen. „Aber ich glaube, ich weiß, worum es geht. Zwei Menschen, die sich eigentlich nicht küssen dürften. Die aber nicht anders können.“ Er sah sie an, und in seinen Augen lag etwas, das Greta den Atem stocken ließ. „So eine verbotene Affäre halt.“
Das Wort stand zwischen ihnen, größer als die Neonröhren, größer als die ganze verdammte Videothek. Greta spürte, wie ihre Wangen warm wurden. Sie war zweiundvierzig Jahre alt, verheiratet, Mutter einer Tochter im Teenageralter – und sie errötete wie ein Schulmädchen, weil ein Mann, den sie seit fünfzehn Jahren kannte, sie auf eine bestimmte Weise ansah.
„Moritz“, flüsterte sie. Aber es klang nicht wie eine Warnung. Es klang wie eine Frage.
Er stellte die DVD-Hülle zurück ins Regal, ohne den Blick von ihr zu wenden. Seine Hand, die eben noch die Hülle gehalten hatte, schwebte jetzt unschlüssig in der Luft, als wüsste sie nicht, wohin mit sich. Dann, ganz langsam, als gäbe es alle Zeit der Welt und als wäre die Videothek tatsächlich ein Ort außerhalb der normalen Regeln, legte er seine Hand an ihre Wange.
Greta schloss die Augen. Seine Haut war warm, ein bisschen rau an den Fingerkuppen, und sie spürte jeden einzelnen Punkt, an dem seine Finger ihre Haut berührten, mit einer Intensität, die sie völlig unvorbereitet traf. Es war, als hätte ihr Körper all die Jahre nur darauf gewartet, genau diese Berührung zu empfangen.
„Wir können so tun, als wäre nichts“, murmelte Moritz. Seine Stimme war heiser. „Wie die ganzen letzten fünfzehn Jahre. Wir können jeder eine DVD nehmen, nach Hause gehen und so tun, als wäre das hier nur ein netter Abend unter alten Freunden gewesen.“
„Oder?“, fragte Greta, und sie öffnete die Augen wieder.
„Oder wir tun endlich das, was wir uns schon so lange wünschen.“
Wenn die Neonröhren flackern und die Knie weich werden

Greta antwortete nicht mit Worten. Stattdessen legte sie ihre Hand auf Moritz‘ Hand, die noch immer an ihrer Wange lag, und drückte sie fester gegen ihre Haut. Es war eine kleine Geste, kaum mehr als eine Bewegung von wenigen Millimetern, aber sie enthielt mehr Zustimmung als jeder ausgefeilte Satz es gekonnt hätte.
Moritz verstand sofort. Er trat einen Schritt näher, so nah, dass ihre Körper sich fast berührten, und beugte seinen Kopf zu ihr hinunter. Greta war nicht klein, aber Moritz überragte sie um fast einen ganzen Kopf, und sie musste ihr Gesicht heben, um ihm in die Augen sehen zu können. Seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von ihren entfernt, und sie konnte seinen Atem spüren, warm und ein bisschen unregelmäßig.
„Bist du sicher?“, fragte er, und es war keine rhetorische Frage. Es war eine echte, eine ernsthafte Frage, die letzte Bastion der Vernunft, bevor die Schleusen sich öffneten.
Greta dachte an Thomas. An sein freundliches, verlässliches Gesicht. An die Art, wie er jeden Morgen den Frühstückstisch deckte, akkurat und liebevoll, mit dem Buttermesser exakt parallel zur Kaffeetasse. Sie dachte an ihre Tochter, die in diesem Moment wahrscheinlich bei einer Freundin saß und über Jungs kicherte. Sie dachte an ihr Leben, das so ordentlich war, so gut organisiert, so vollständig frei von Überraschungen.
„Ja“, sagte sie. „Ich bin sicher.“
Und dann küsste Moritz sie.
Es war kein zaghafter Kuss, kein vorsichtiges Antasten. Es war ein Kuss, der fünfzehn Jahre auf sich hatte warten lassen. Und er schmeckte nach all den verpassten Gelegenheiten, nach all den Abenden, an denen sie sich mit einem Blick verabschiedet hatten, der mehr sagte als tausend Worte. Seine Lippen waren weich und fordernd zugleich, und Greta erwiderte den Kuss mit einer Leidenschaft, die sie an sich selbst überraschte.
Ihre Hände, die eben noch untätig an ihren Seiten gehangen hatten, fuhren jetzt in Moritz‘ Haare. Sie zogen ihn näher und pressten ihn an sich, als wollten sie die Jahre der Zurückhaltung in einer einzigen Umarmung wettmachen. Er stöhnte leise in ihren Mund, ein tiefer, kehliger Laut, der durch ihren ganzen Körper vibrierte und sich irgendwo tief in ihrem Bauch sammelte.
Sie taumelten gegen das Erotik-Regal, das bedenklich wackelte. Zwei DVD-Hüllen fielen zu Boden, aber keiner von beiden achtete darauf. Moritz‘ Hände waren jetzt überall – an ihren Hüften, ihrem Rücken, unter ihrem T-Shirt, wo seine Finger die bloße Haut über ihrem Hosenbund fanden. Greta keuchte auf, als seine kühlen Fingerkuppen ihren warmen Rücken berührten.
„Wir können nicht hier stehen bleiben“, flüsterte sie zwischen zwei Küssen. „Jemand könnte reinkommen.“
Moritz löste sich widerwillig von ihr, sein Atem ging schwer. „Der Besitzer ist im Urlaub. Hat er mir gestern erzählt, als ich den Schlüssel geholt habe.“ Er grinste schief. „Ich habe den Laden für uns aufgeschlossen. Wir sind wirklich allein.“
Greta starrte ihn an und dann musste sie lachen – ein überraschtes, fast schon hysterisches Lachen, das die Spannung für einen Moment durchbrach. „Du hast das geplant?“
„Geplant wäre zu viel gesagt.“ Moritz zog sie wieder an sich, diesmal sanfter. „Ich habe gehofft. Ich habe gehofft, dass dieser Ort, diese seltsame Zwischenwelt, uns den Mut gibt, den wir sonst nie hatten.“
Greta schüttelte den Kopf, aber sie lächelte dabei. „Du bist verrückt.“
„Nach dir“, sagte er, und es klang so kitschig, dass sie beide lachen mussten. Aber es stimmte. Es stimmte so sehr, dass es wehtat.
Sie küssten sich wieder, diesmal langsamer, genießerischer. Moritz schob sein Bein zwischen ihre Schenkel. Greta spürte den Druck seines Oberschenkels gegen ihren Schoß. Es war eine Berührung, die durch den Stoff ihrer Jeans gedämpft wurde und gerade deshalb umso aufreizender war. Sie bewegte ihre Hüften fast unmerklich gegen ihn, und das leise Stöhnen, das ihr dabei entfuhr, wurde von seinen Lippen geschluckt.
„Komm“, murmelte er und nahm ihre Hand. „Ich weiß einen besseren Ort als das Erotik-Regal.“
Er führte sie durch den Gang, vorbei an Komödien und Dramen, vorbei an der verwaisten Kasse mit den ausgetrockneten Gummibärchen, zu einer Tür am Ende des Ladens, auf der „Personal only“ stand. Dahinter befand sich ein kleiner Aufenthaltsraum – nicht mehr als ein Tisch, zwei Stühle, eine Kaffeemaschine, die bessere Tage gesehen hatte, und ein abgewetztes Sofa, das wahrscheinlich schon in den Achtzigern nicht mehr neu gewesen war.
„Das ist ja unheimlich romantisch“, sagte Greta trocken.
„Warte.“ Moritz drückte auf einen Schalter, und das Deckenlicht erlosch. Dafür begannen draußen im Laden die Neonröhren zu flackern und warfen ihr fahles, unregelmäßiges Licht durch die halboffene Tür. Es war, als befänden sie sich in einem alten Film, in dem die Welt auf eine seltsame Weise unwirklich wurde.
„Besser?“, fragte er.
„Viel besser.“
Das abgewetzte Sofa, das mehr als nur Geheimnisse trug
Moritz zog sie auf das Sofa hinunter, und sie sanken gemeinsam in die durchgesessenen Polster, die nach altem Stoff und vergessenen Mittagspausen rochen. Es war unbequem und gleichzeitig das perfekteste Möbelstück, auf dem Greta je gesessen hatte, denn Moritz war bei ihr, seine Hände an ihrem Körper, sein Mund an ihrem Hals.
Er küsste sich ihren Hals hinunter, während seine Finger die Knöpfe ihrer Bluse öffneten, einen nach dem anderen, bedächtig und präzise. Greta ließ den Kopf in den Nacken sinken und genoss das Gefühl seiner Lippen auf ihrer Haut. Die Gänsehaut, die seine Berührungen hinterließen, und die Hitze, die sich in ihrem Unterleib ausbreitete wie flüssiges Gold, machten sie glücklich.
„Du riechst so gut“, murmelte er gegen ihre Haut. „Seit Jahren frage ich mich, wie du riechst. Nicht nur dein Parfüm. Sondern du.“
Sie lächelte, obwohl er es nicht sehen konnte. „Und? Enttäuscht?
„Nein.“ Er hob den Kopf und sah sie an. „Es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Nur besser.
Er schob ihr die Bluse von den Schultern, und sie half ihm dabei, befreite ihre Arme aus den Ärmeln, warf das Kleidungsstück achtlos neben das Sofa. Unter der Bluse trug sie einen schlichten, schwarzen BH, der nichts Besonderes war und den sie nicht extra für diesen Anlass ausgesucht hatte, da sie nicht gewusst hatte, dass es diesen Anlass geben würde. Aber die Art, wie Moritz sie ansah, ließ sie sich fühlen, als trüge sie teure Spitzenwäsche aus einem Pariser Atelier.
„Du bist so schön“, sagte er, und es klang nicht wie eine Floskel. Es klang wie eine Entdeckung.
Seine Hände glitten über ihre Schultern, ihre Arme, die Wölbung ihrer Brüste, die sich unter dem Stoff des BHs abzeichneten. Greta spürte, wie ihre Brustwarzen hart wurden, noch bevor er sie überhaupt berührt hatte, allein durch die Erwartung, die in der Luft lag wie statische Elektrizität.
Dann öffnete er den Verschluss ihres BHs – mit einer Geschicklichkeit, die sie kurz aufstöhnen ließ, halb amüsiert, halb beeindruckt. „Übung?“, fragte sie neckend.
„Fünfzehn Jahre Vorfreude“, konterte er, und dann senkte er den Kopf und nahm eine ihrer Brustwarzen in den Mund.
Greta krallte ihre Finger in das abgewetzte Polster des Sofas. Seine Zunge spielte mit der empfindlichen Spitze, umkreiste sie, liebkoste sie, während seine Hand sich um ihre andere Brust legte, sie massierte, ihr Gewicht prüfte, als wäre sie etwas Kostbares. Sie stöhnte auf, lauter als beabsichtigt, aber es war ihr egal. Die Videothek war leer, die Welt draußen existierte nicht mehr, und alles, was zählte, waren Moritz‘ Mund auf ihrer Haut und das Pochen zwischen ihren Beinen, das immer drängender wurde.
„Ich will dich spüren“, flüsterte sie. „Überall.“
Er verstand sofort. Seine Hände wanderten tiefer, öffneten den Knopf ihrer Jeans, zogen den Reißverschluss herunter. Greta hob die Hüften, damit er ihr die Hose über die Schenkel streifen konnte. Dann lag sie vor ihm, nur noch in einem schlichten schwarzen Slip, der feucht war von ihrer Erregung.
Moritz betrachtete sie einen Moment lang, und in seinen Augen lag so viel Verlangen, dass Greta das Gefühl hatte, unter seinem Blick zu verbrennen. Dann beugte er sich hinunter und presste seine Lippen auf den Stoff ihres Slips, genau dort, wo sie ihn am meisten brauchte. Sie keuchte auf, ihre Hüften zuckten ihm entgegen, und er lachte leise, ein dunkles, zufriedenes Lachen, das sie bis in die Zehenspitzen spürte.
„Geduld“, murmelte er. „Wir haben Zeit. Die Videothek schließt erst in drei Tagen.“
„Moritz“, stöhnte sie, halb flehend, halb drohend.
Er zog ihr den Slip aus, langsam, genüsslich, und warf ihn zu ihrer Bluse auf den Boden. Dann schob er ihre Schenkel auseinander und tauchte mit seinem Mund zwischen ihre Beine.
Greta schrie auf. Seine Zunge fand sie sofort, zielsicher und erfahren, und sie spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog, während er sie mit langsamen, kreisenden Bewegungen verwöhnte. Jede Berührung schickte Wellen der Lust durch ihren Körper, Wellen, die sich auftürmten und brachen und wieder auftürmten, höher und höher, bis sie das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen.
Sie griff nach unten, vergrub ihre Hände in seinen Haaren und drückte ihn an sich, während er sie weiter leckte, liebkoste und dem Abgrund entgegentrieb. Und dann, als sie dachte, sie könnte es nicht mehr aushalten, als jeder Nerv in ihrem Körper zum Zerreißen gespannt war, ließ er von ihr ab.
„Nicht“, keuchte sie. „Nicht aufhören.“
Aber er lächelte nur und richtete sich auf. „Ich will in dir sein, wenn du kommst“, sagte er. „Ich will dich spüren, von innen.“
Er zog sich aus, während sie auf dem Sofa lag und ihn beobachtete, zu erregt, um sich zu schämen, zu gierig, um wegzusehen. Sein Körper war der eines Mannes in den Vierzigern – nicht mehr so straff wie mit zwanzig, aber das machte ihn nur echter, nur wirklicher. Sie wollte ihn. Sie wollte ihn so sehr, dass es fast schmerzte.
Als er nackt vor ihr stand, griff sie nach ihm und zog ihn zu sich herunter. Seine Erektion drückte gegen ihren Bauch, hart und warm, und sie spreizte ihre Beine, lud ihn ein, machte Platz für ihn.
„Bist du bereit?“, fragte er, und seine Stimme war rau vor Verlangen.
„Seit fünfzehn Jahren“, antwortete sie.
Der Abspann läuft – und nichts ist mehr wie zuvor.
Er drang in sie ein, langsam, Zentimeter für Zentimeter, und Greta spürte, wie sich ihr Körper um ihn schloss, ihn willkommen hieß, ihn tiefer in sich hineinzog. Es war ein Gefühl von Vollständigkeit, von Richtigkeit, das sie so nicht erwartet hatte. Als würde ein lange verschobenes Puzzle endlich sein letztes Teil finden.
Moritz bewegte sich vorsichtig in ihr, als müsste er sich vergewissern, dass sie tatsächlich die waren, die sie zu sein schienen, und dass sie tatsächlich das taten, was sie taten. Aber dann, als sie ihre Beine um seine Hüften schlang und ihn tiefer in sich drückte, als sie seine Schultern umklammerte und seinen Namen stöhnte, ließ er alle Vorsicht fahren.
Das abgewetzte Sofa ächzte unter ihren Bewegungen, die Kaffeemaschine in der Ecke klirrte leise, und irgendwo im Laden fiel eine weitere DVD-Hülle aus dem Regal. Aber das alles war weit weg, unwichtig, bedeutungslos. Was zählte, war der Rhythmus ihrer Körper, das Aufeinandertreffen ihrer Hüften, der Schweiß, der sich auf ihrer Haut sammelte und sie glänzen ließ im fahlen Neonlicht.
„Schneller“, flüsterte Greta, und er gehorchte.
Seine Stöße wurden härter, tiefer, dringlicher. Sie spürte ihn in sich, fühlte jeden Zentimeter, jeden Pulsschlag, und sie wusste, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Die Erregung, die er mit seiner Zunge aufgebaut hatte, war nie ganz abgeklungen, hatte nur darauf gewartet, wieder angefacht zu werden, und jetzt loderte sie auf, heiß und unaufhaltsam.
„Moritz“, keuchte sie. „Ich komme. Ich –
Und dann brach es über sie herein. Ihr Orgasmus riss sie mit sich, eine Welle, die sie verschluckte und wieder ausspuckte. Sie spannte jeden Muskel in ihrem Körper an und ließ ihn wieder los. Sie ließ sie schreien, laut und hemmungslos, während sich ihre inneren Muskeln um ihn zusammenzogen und ihn tiefer in sie hineinzogen.
Moritz folgte ihr Sekunden später. Sie spürte, wie er in ihr pulsierte, wie sein Körper sich versteifte und dann zitternd zusammenbrach, während er ihren Namen immer wieder in ihr Haar flüsterte, wie ein Mantra, wie ein Gebet.
Danach lagen sie einfach da, verschlungen und verschwitzt, auf dem abgewetzten Sofa im Personalraum einer sterbenden Videothek. Die Neonröhren draußen flackerten weiter, und irgendwo summte noch immer der alte Kühlschrank. Die Welt hatte sich weitergedreht, aber für Greta und Moritz war sie stehen geblieben.
„Das ist wirklich passiert“, sagte Greta nach einer Weile. Es war keine Frage.
„Ja.“ Moritz strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Bereust du es?“
Sie dachte nach. Dachte an Thomas, an ihre Tochter, an das ordentliche Leben, das sie sich aufgebaut hatte. Dachte an die Segeltouren und die Steuererklärungen und die defekten Waschmaschinen. Und dann dachte sie an diesen Moment. Sie dachte an das Gefühl von Moritz‘ Haut auf ihrer, an die Art, wie er sie angesehen hatte, als sie kam, als wäre sie das Wertvollste auf der Welt.
„Nein“, sagte sie. „Ich bereue es nicht. Noch nicht. Vielleicht morgen. Aber jetzt gerade nicht.“
Moritz nickte langsam. „Ich auch nicht. Obwohl ich wahrscheinlich sollte.
Sie schwiegen eine Weile, und die Stille war seltsam angenehm. Keine unangenehme Stille, keine Stille, die gefüllt werden musste. Sondern eine Stille, die einfach da war und ihnen Raum gab.
„Was passiert jetzt?“, fragte Greta schließlich.
Moritz drehte den Kopf und sah sie an. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich das nicht bereue. Und dass ich dich wiedersehen will. Nicht nur in einer Videothek kurz vor der Schließung.
„Eine verbotene Affäre“, sagte Greta leise und schmeckte die Worte auf ihrer Zunge. „So nennen das die Leute, oder?“
„Ja.“ Moritz lächelte. „Aber weißt du was? Mir ist das egal. Mir ist egal, wie die Leute das nennen. Ich will dich. Ich will das hier. Was auch immer daraus wird.
Greta setzte sich auf und begann, ihre Kleider einzusammeln. Der Zauber der Videothek verblasste langsam, und die Realität kroch durch die Ritzen der Tür, fordernd und unerbittlich. Aber irgendetwas in ihr hatte sich verändert. Sie war nicht mehr dieselbe Greta, die diesen Laden vor einer Stunde betreten hatte.
„Weißt du was?“, sagte sie, während sie ihre Bluse zuknöpfte. „Ich glaube, ich weiß jetzt, welche DVD ich mitnehmen will.“
Moritz, der gerade seine Hose anzog, hielt inne. „Welche?“
Sie ging in den Laden hinaus, zum Erotik-Regal, und zog die Hülle heraus, die er vorhin in den Händen gehalten hatte. ‚Sommer der Entscheidung‘. Sie betrachtete das Cover mit den zwei Silhouetten vor dem Sonnenuntergang und lächelte.
„Die hier“, sagte sie. „Als Erinnerung. An den Tag, an dem ich mich endlich entschieden habe.“
Moritz trat hinter sie und legte seine Arme um ihre Taille. „Und wofür hast du dich entschieden?“
Greta drehte sich in seinen Armen um und küsste ihn, langsam und gründlich. „Für dich“, flüsterte sie gegen seine Lippen. „Für uns. Für das, was noch kommt.“
Draußen vor der Videothek ging die Sonne unter und tauchte die Straße in goldenes Licht. Drinnen, zwischen verstaubten DVDs und flackernden Neonröhren, hielten sich zwei Menschen in den Armen, die endlich zueinander gefunden hatten. Drei Tage noch, dann würde die Videothek für immer schließen. Aber für Greta und Moritz hatte gerade erst etwas angefangen.
– ENDE –
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