Ein verbotener Seitensprung: die Rückbank
Alina reichte Oskar die Wasserflasche über die Mittelkonsole, ohne ihn anzusehen. Ihre Finger berührten sich für einen Sekundenbruchteil, und sie zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Vorn diskutierten Markus und Sabine über den besten Weg aus der Blechlawine, ihre Stimmen ein vertrautes Hintergrundrauschen, das Alina seit Jahren kannte und seit Monaten nicht mehr ertrug.
Die Kinder auf den hinteren Plätzen stritten sich um ein Tablet. Irgendwo zwischen den Sitzen klebte ein halb geschmolzenes Gummibärchen, das Alina vorhin mit dem Ärmel gestreift hatte. Sie spürte den klebrigen Fleck am Handgelenk, einen kleinen, banalen Makel, der sie seltsamerweise erdete.
Oskar drehte den Verschluss der Flasche auf und trank. Sein Adamsapfel bewegte sich beim Schlucken, und Alina schaute weg, hinaus auf die Autobahn, die in der Nachmittagshitze flimmerte. Nichts bewegte sich. Nirgendwo. Ein paar Türen weiter hinten spielte jemand laute Musik, ein dumpfer Bass, der durch die geöffneten Fenster drang und sich mit dem Weinen eines Kleinkinds mischte.
„Klimaanlage ist aus“, sagte Markus nach hinten, mehr Feststellung als Entschuldigung. „Sonst kocht uns der Motor ab.“
Sabine fächelte sich mit einer zusammengefalteten Landkarte Luft zu. Die Geste war so typisch für sie, dass Alina beinahe gelächelt hätte. Beinahe. Stattdessen spürte sie Oskars Knie an ihrem. Es war ein Zufall, natürlich war es so. Die Rückbank des Kombis war für drei Erwachsene nicht gemacht, und sie saßen hier wie die Ölsardinen, Schulter an Schulter, Hüfte an Hüfte, während draußen die Sonne den Asphalt zum Glänzen brachte.
Alina war vor vier Stunden in dieses Auto gestiegen, weil Sabine sie angefleht hatte, mitzukommen. „Ein Kurzurlaub, nur wir und die Kinder, und Oskar kommt auch mit, du weißt doch, er ist so allein seit der Trennung.“ Alina hatte ja gesagt, weil sie nicht wusste, wie man nein sagt, und weil sie sich eingeredet hatte, dass nichts davon übrig war. Die Sache mit Oskar war vorbei, begraben unter Vernunft, Alltag und der unausgesprochenen Regel, dass man so etwas nicht tut. Nicht mit dem besten Freund des eigenen Mannes. Nicht während eines Familienausflugs.
Oskars Knie blieb, wo es war.
Sie schaute zu ihm hinüber. Er trug ein verwaschenes Leinenhemd, die Ärmel hochgekrempelt, und an seinem Handgelenk war ein heller Streifen Haut, wo normalerweise seine Uhr saß. Er hatte sie abgelegt, weil das Armband scheuerte, und diese kleine, intime Beobachtung traf Alina mit einer Wucht, die sie nicht erwartet hatte. Sie kannte diese Uhr. Sie kannte die Stelle an seinem Handgelenk. Sie kannte den Geruch seiner Haut, wenn er sich morgens mit dieser bestimmten Seife wusch, und sie kannte das Geräusch, das er machte, wenn er kurz vor dem –
„Alles okay?“
Seine Stimme war leise, nur für sie bestimmt. Vorn lachte Sabine über etwas, das Markus gesagt hatte.
„Ja“, sagte Alina. „Nur die Hitze.“
Dabei war ihr kalt. Dieses spezielle Frösteln, das von innen kam und nichts mit der Temperatur zu tun hatte. Oskar sah sie an, und in seinen Augen war etwas, das sie seit dem letzten Mal nicht mehr gesehen hatte. Seit jenem Abend im Garten, als alle betrunken gewesen waren und sie sich hinter der Garage geküsst hatten wie Teenager. Danach hatten sie sich geschworen, dass es nicht wieder vorkommen würde.
Sein Knie drückte fester gegen ihres.
Alina schloss die Augen und hörte den Kindern zu, die jetzt irgendein albernes Spiel spielten, bei dem man sich gegenseitig Wörter zurief. Ihre Tochter Emma rief „Elefant!“ und ihr Sohn Leon konterte mit „Eisbär!“ und dazwischen summte der Motor im Leerlauf und draußen hupte jemand, völlig sinnlos, weil sich sowieso nichts bewegte.
Es war der banalste Moment der Welt, und trotzdem pochte Alinas Herz, als würde sie auf einer Bühne stehen. Oskars Hand lag jetzt auf seinem Oberschenkel, nur Zentimeter von ihrem entfernt. Sie starrte auf Oskars Hand, auf die feinen Härchen auf seinen Fingergelenken und auf die kleine Narbe an seinem Daumen, die er ihr einmal von einem Fahrradunfall mit zwölf erzählt hatte.
Sabine drehte sich um. „Wollt ihr auch ein Eis? Wir haben noch diese kleinen im Kühlakku.“
„Gern“, sagte Oskar, und seine Stimme war völlig normal. Völlig ruhig. Als würde er nicht gerade mit seinem Knie Alinas Oberschenkel streicheln, eine kaum wahrnehmbare Bewegung, die trotzdem alles veränderte.
Alina nahm das Eis, das Sabine ihr reichte. Vanille-Schoko, ihre Lieblingssorte. Sabine wusste das. Sabine wusste alles über sie, und trotzdem kannte sie das Entscheidende nicht. Alina wickelte das Eis aus und biss hinein. Die Kälte tat weh an den Zähnen, aber sie war dankbar für den Schmerz. Denn der Schmerz lenkte sie ab von dem anderen, dem viel gefährlicheren Gefühl, das sich in ihrem Bauch ausbreitete wie warmer Sirup.
Oskar aß sein Eis langsam. Seine Zunge leckte über die Schokoladenschicht, und Alina musste wegschauen, musste sich zwingen, an etwas anderes zu denken. An die Einkaufsliste für morgen. An den Elternabend nächste Woche. An das Geräusch, das der Geschirrspüler machte, wenn er fertig war.
Es funktionierte nicht.
Der Schweiß auf seiner Schläfe war eine Landkarte, die nur sie zu lesen verstand.
Die Autobahn stand jetzt seit fast einer Stunde still. Markus hatte den Motor ausgemacht und war ausgestiegen, um mit dem Fahrer des Wohnmobils vor ihnen zu sprechen. Sabine lehnte mit geschlossenen Augen am Beifahrersitz, die Kinder waren über ihre Tablets eingeschlafen, und die Stille im Wagen hatte eine neue Qualität bekommen.
Es war die Stille von Menschen, die sich zu nahe sind und nicht entkommen können.
Alina spürte jeden Atemzug von Oskar neben sich. Seine Brust hob und senkte sich in einem Rhythmus, der nicht ganz gleichmäßig war. Sie kannte diesen Rhythmus. Sie hatte ihn in jener Nacht im Garten gespürt, als er sie gegen die raue Hauswand gedrückt und sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergraben hatte.
„Ich halte das nicht mehr aus“, flüsterte er.
Alina antwortete nicht sofort. Sie starrte auf ihre Hände, die im Schoß lagen wie fremde Gegenstände. Die Ringe an ihren Fingern, der Ehering und der von ihrer Großmutter, warfen kleine Lichtreflexe an die Decke des Wagens.
„Was genau hältst du nicht mehr aus?“, fragte sie, und ihre Stimme war ruhiger, als sie erwartet hatte.
„Dich so nah zu haben. Und nicht –
Er brach ab, weil Sabine sich im Schlaf bewegte. Ein leises Murmeln, dann war sie wieder still.
Alina drehte den Kopf und sah Oskar direkt an. Es war ein Fehler, das wusste sie in dem Moment, als ihre Blicke sich trafen. Da war alles wieder, was sie monatelang weggesperrt hatte. Die Art, wie er sie ansah, als wäre sie die einzige Frau auf der Welt. Die kleinen Fältchen um seine Augen, die tiefer geworden waren in den letzten Jahren. Der Mund, der ein bisschen schief war, wenn er lächelte, und der jetzt nicht lächelte, sondern halb geöffnet war, als wollte er etwas sagen, das nicht gesagt werden durfte.
„Oskar.“
„Ich weiß.“
Seine Hand bewegte sich. Langsam, fast unmerklich, glitt sie von seinem Oberschenkel auf ihren. Alina hielt die Luft an. Seine Finger waren warm, ein bisschen feucht vom Schwitzwasser der Wasserflasche, und sie legten sich auf ihren Oberschenkel, als gehörten sie dorthin.
Niemand konnte es sehen. Die Kinder schliefen, Sabine schlief, Markus stand draußen und diskutierte mit fremden Männern über die Staulänge. Und trotzdem war es, als würde ein Scheinwerfer auf sie gerichtet sein, als würde jeden Moment jemand „Erwischt!“ rufen.
Oskars Finger bewegten sich nicht. Sie lagen einfach da, auf dem Stoff ihrer Shorts, ein Gewicht, das brannte und beruhigte zugleich. Alina spürte die Wärme durch den dünnen Baumwollstoff, spürte jeden einzelnen seiner Finger, als wären es fünf kleine Feuer.
„Wir können das nicht tun“, sagte sie.
„Ich weiß“, wiederholte er.
Aber seine Hand blieb, wo sie war.
Draußen lachte jemand. Ein Motorrad knatterte vorbei, das sich irgendwie zwischen den stehenden Autos hindurchschlängelte. Ein Kind weinte. Das Leben ging weiter, während Alinas Welt auf die Größe einer Hand auf ihrem Oberschenkel zusammenschrumpfte.
Sie legte ihre Hand auf seine. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern eine Kapitulation. Ihre Finger verschränkten sich mit seinen, und sie spürte die kleinen Knöchel, die Sehnen, den Puls an seinem Handgelenk. Er hatte einen schnellen Puls. Genau wie sie.
„Ich habe versucht, es zu vergessen“, flüsterte sie. „Ich habe wirklich versucht.“
„Ich auch. Jeden verdammten Tag.“
Seine Hand drehte sich unter ihrer, sodass jetzt seine Handfläche nach oben zeigte. Seine Finger streichelten ihre Handfläche, langsam, kreisend, eine Berührung, die so intim war, dass Alina die Augen schließen musste. Sie dachte an Markus, der draußen stand und nichts ahnte. Sie dachte an Sabine, die sie für ihre beste Freundin hielt. Sie dachte an die Kinder, die nichts dafür konnten, dass die Erwachsenen um sie herum ein so kompliziertes Netz aus Lügen und Verlangen spannten.
Und dann dachte sie an nichts mehr, weil Oskars Finger jetzt unter den Saum ihrer Shorts glitten.
Der Stoff war eng, es war kaum Platz für seine Hand, aber er fand einen Weg. Seine Fingerspitzen berührten die nackte Haut ihres Oberschenkels, und Alina biss sich auf die Lippe, so fest, dass sie Blut schmeckte. Eisen und Salz und etwas, das sich anfühlte wie Erleichterung.
„Ist das okay?“, murmelte er, seine Lippen dicht an ihrem Ohr.
Sie nickte, weil sie nicht sprechen konnte. Seine Finger wanderten höher, zeichneten Muster auf ihre Haut, die niemand sehen konnte und die sie trotzdem für immer spüren würde. Jede einzelne Linie brannte sich ein in ihr Gedächtnis, eine geheime Landkarte der Begierde, die kein Navi der Welt finden würde.
Der Schweiß auf seiner Schläfe glitzerte im Nachmittagslicht. Alina hob ihre freie Hand und wischte ihn weg, eine zärtliche Geste, die mehr sagte als tausend Worte. Oskar schloss kurz die Augen, und in seinem Gesicht war so viel Dankbarkeit und so viel Schmerz, dass es Alina fast das Herz brach.
„Was machen wir hier?“, fragte sie.
„Überleben“, sagte er.
Seine Finger hatten jetzt die Innenseite ihres Oberschenkels erreicht. Alina spreizte unwillkürlich die Beine, nur ein kleines bisschen, gerade genug, dass er es merkte. Ein Laut entkam seiner Kehle, halb Seufzen, halb Stöhnen, so leise, dass nur sie ihn hörte.
Die Kinder schliefen. Sabine schlief. Markus diskutierte. Und auf der Rückbank eines überhitzten Familienautos begann ein verbotener Seitensprung, der alles verändern würde.
Jemand schnarchte auf dem Vordersitz, während ihre Hände unter dem Stoff verschwanden.

Es war Sabine, die schnarchte. Ein leises, rhythmisches Geräusch, das Alina seit Jahren kannte und das jetzt wie eine böse Pointe klang. Sabine, die ahnungslose Freundin, hatte Alina eingeladen, weil sie dachte, sie brauche Abwechslung. Sabine, die in diesem Moment nur einen halben Meter entfernt schlief, während Alinas Shorts langsam feucht wurden unter Oskars suchenden Fingern.
Seine Hand hatte jetzt die Kante ihres Slips erreicht. Der Stoff war dünn, Spitze, ein Modell, das sie am Morgen ohne besonderen Grund aus der Schublade genommen hatte. Oder vielleicht nicht ohne Grund. Vielleicht hatte ein Teil von ihr gewusst, dass dieser Tag kommen würde, dass dieser Stau, diese Hitze, diese quälende Nähe unausweichlich zu genau diesem Moment führen mussten.
Oskars Finger ertasteten die Spitze, und er atmete scharf ein. Alina sah an ihm herunter, sah die deutliche Wölbung in seiner Shorts, und ihr Mund wurde trocken. Sie wollte ihn berühren, wollte ihre Hand dorthin legen, wo der Stoff sich spannte, aber die Gefahr war zu groß. Jede Bewegung konnte sie verraten. Jedes Rascheln, jedes Knarzen des Sitzes konnte Sabine wecken oder die Kinder oder Markus zurückholen.
Also blieb sie still, während Oskar sie erkundete, als wäre sie neues Terrain. Seine Finger schoben den Slip beiseite, langsam, fast ehrfürchtig, und dann berührte er sie. Direkt. Ohne Barriere.
Alina krallte die Finger in den Sitzbezug. Das Gefühl war überwältigend, nach all den Monaten der Enthaltsamkeit, nach all den Nächten, in denen sie neben Markus gelegen und an Oskar gedacht hatte. Seine Finger waren geschickt, wussten genau, wo sie suchen mussten, und sie war schon so nass, dass es fast peinlich war. Fast.
„Du bist so –“, begann er, aber sie schüttelte den Kopf. Keine Worte. Keine Worte, die gehört werden konnten.
Er verstand. Statt zu sprechen, bewegte er seine Finger in einem langsamen Kreis, der sie fast wahnsinnig machte. Alina presste die Lippen zusammen und starrte geradeaus auf die Kopfstütze vor sich. Sie sah auf die kleinen Fusseln, die sich dort gesammelt hatten, auf den Abdruck von Sabines Kopf und auf alles, was nicht Oskars Hand zwischen ihren Beinen war.
Es half nichts. Sie spürte jeden Millimeter seiner Berührung, jede winzige Bewegung, jede Veränderung des Drucks. Er fand ihre Klitoris mit einer Zielgenauigkeit, die bewies, dass er sich an alles erinnerte. An jede einzelne Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, bevor die Vernunft gesiegt hatte. An jede geheime Stelle, die sie ihm gezeigt hatte.
Sein Daumen drückte genau richtig, während zwei Finger in sie glitten. Alina biss sich in den Handrücken, um nicht aufzustöhnen. Die Enge des Autos, die Gefahr, entdeckt zu werden, die absolute Stille bis auf Sabines Schnarchen und das ferne Brummen von Motoren – all das machte jede Berührung intensiver, als sie es je für möglich gehalten hätte.
Oskar bewegte seine Finger in ihr, langsam, so verdammt langsam, dass sie hätte schreien können. Stattdessen grub sie ihre Zähne tiefer in ihre eigene Haut und ließ zu, dass die Lust sie überrollte. Es war wie eine Welle, die von weit draußen kam und immer höher wurde, je näher sie dem Ufer kam. Ihre Schenkel zitterten, ihre Hüften bewegten sich unmerklich gegen seine Hand, und sie spürte, wie der Höhepunkt näher kam, unaufhaltsam, unvermeidlich.
„Jetzt“, flüsterte sie, so leise, dass es kaum mehr als ein Hauch war. „Jetzt, Oskar, bitte –“
Er verstand. Seine Finger wurden schneller, drängender, und sein Daumen presste fester gegen ihre Klitoris. Dann zerbrach etwas in ihr, zerbrach und setzte sich neu zusammen. Sie kam mit einem stummen Schrei, den nur Gott und Oskar hörten.
Die Welt bestand für einen endlosen Moment nur aus diesem Gefühl. Aus den Wellen, die durch ihren Körper liefen, aus Oskars Fingern, die sie durch die Erlösung trugen, aus dem Geruch von Schweiß und Sonnencreme und etwas Animalischem, das nach Sex roch, obwohl sie keinen Sex hatten. Noch nicht.
Als sie wieder atmen konnte, als ihre Augen wieder sehen konnten, drehte sie den Kopf und sah Oskar an. Sein Gesicht war gerötet, seine Pupillen waren geweitet, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Triumph und Verzweiflung, die ihr das Herz zerriss.
„Jetzt du“, flüsterte sie.
Das Armaturenbrett spiegelte ihre verbotenen Bewegungen, während draußen die Welt stillstand.
Alina ließ ihre Hand über Oskars Bauch gleiten, spürte die angespannten Muskeln unter dem dünnen Leinenhemd. Er hielt die Luft an, als ihre Finger den Bund seiner Shorts erreichten. Der Knopf war schnell geöffnet, der Reißverschluss ein leises Ratschen, das in der Stille des Wagens klang wie ein Gewehrschuss.
Keiner der Schläfer rührte sich.
Sie schob ihre Hand in seine Shorts, unter den Stoff seiner Boxershorts, und fand ihn. Hart und warm und so vertraut, dass ihr beinahe die Tränen kamen. Wie oft hatte sie ihn in der Hand gehalten, in jenen gestohlenen Nächten, die sie sich geschworen hatten zu vergessen? Wie oft hatte sie ihn in den Mund genommen, ihn in sich gespürt, seinen Namen gestöhnt, während draußen die Welt weiterging und nichts von ihrem Verrat ahnte?
Oskar stieß einen kaum hörbaren Laut aus, als ihre Finger sich um ihn schlossen. Er war größer, als sie in Erinnerung hatte, oder vielleicht hatte sie es nur vergessen, verdrängt, weggesperrt in jener Schublade ihres Gehirns, in der die Dinge lagen, die nicht sein durften.
Sie bewegte ihre Hand langsam, viel zu langsam für das, was er brauchte. Seine Hüften zuckten, wollten mehr, aber sie hielt ihn zurück. Nicht hier, nicht so schnell. Wenn sie schon alles riskierten, dann sollte es sich lohnen.
„Alina“, presste er hervor. Sein ganzer Körper war angespannt, jeder Muskel unter Strom, und sie spürte die Macht, die sie über ihn hatte. Es war ein berauschendes Gefühl, dieses Wissen, dass sie ihn mit einer einzigen Berührung an den Rand des Wahnsinns treiben konnte.
Sie beugte sich vor, so weit es die Enge des Autos zuließ, und küsste seinen Hals. Seine Haut schmeckte salzig, nach Schweiß und Sonne und diesem undefinierbaren Etwas, das einfach Oskar war. Sein Puls raste unter ihren Lippen, und sie ließ ihre Zunge über die pochende Ader gleiten, während ihre Hand ihn weiter streichelte, fester jetzt, rhythmischer.
„Ich will in dir sein“, flüsterte er, und die Worte waren so roh, so ungeschützt, dass Alina sie körperlich spürte. Ein Ziehen in ihrem Bauch, eine neue Welle der Erregung, obwohl sie gerade erst gekommen war.
„Dann tu es“, sagte sie.
Es war Wahnsinn. Kompletter, absoluter Wahnsinn. Sabine konnte jeden Moment aufwachen, die Kinder könnten ebenfalls erwachen, Markus wäre in der Lage, zurückzukommen und die Tür aufzureißen und alles zu sehen. Aber in diesem Moment war Alina alles egal. Sie wollte ihn in sich spüren, wollte diese letzte Grenze überschreiten, wollte den verbotenen Seitensprung vollenden, der vor Monaten begonnen und nie wirklich geendet hatte.
Oskar zog seine Hand aus ihrer Shorts und packte ihre Hüften. Mit einer geschickten Bewegung drehte er sie, sodass sie mit dem Rücken zu ihm saß, ihr Po gegen seinen Schoß gepresst. Die Position war beengt, unbequem, lächerlich eigentlich, aber als sie spürte, wie er seine Shorts weiter herunterschob und sich zwischen ihre Schenkel drängte, war all das völlig egal.
Sie hob ihre Hüften an, so gut es ging, und er führte sich an ihren Eingang. Für einen Moment verharrten sie so, keiner von ihnen atmend, keiner von ihnen bereit, den letzten Schritt zu tun. Dann drückte Alina sich nach unten, und er glitt in sie hinein, und es war, als würde die Welt für einen Moment stillstehen.
Nicht nur die Autobahn. Die ganze verdammte Welt.
Er füllte sie aus, dehnte sie, und sie spürte jeden Zentimeter von ihm, als wäre es das erste Mal. Vielleicht war es das auch, in gewisser Weise. Es war das erste Mal in diesem Leben, dass sie sich geschworen hatten, nicht zu führen. Das erste Mal in dieser Konstellation, auf der Rückbank eines Familienautos, während vorn ihre beste Freundin schlief und draußen ihr Mann mit fremden Menschen über Stauzeiten diskutierte.
Oskar begann, sich zu bewegen, langsam, vorsichtig, immer darauf bedacht, keine Geräusche zu machen. Alina presste ihre Stirn gegen die Kopfstütze vor sich und ließ es geschehen. Seine Hände lagen auf ihren Hüften, führten sie, hoben und senkten sie in einem Rhythmus, der so alt war wie die Menschheit selbst.
Der Sitz knarrte leise. Das Geräusch war kaum hörbar, aber in der Stille des Wagens klang es wie ein Trommelwirbel. Alina warf einen panischen Blick nach vorn, aber Sabine schlief weiter, ihr Mund leicht geöffnet, ein dünner Speichelfaden, der sich von ihrer Lippe zum Kissen zog.
„Schneller“, flüsterte Alina. „Bitte, Oskar, schneller –“
Er gehorchte. Seine Hüften stießen fester gegen sie, seine Finger gruben sich in ihre Haut. Sie spürte, wie sich alles in ihr wieder zusammenzog und wie die Spannung sich steigerte und steigerte und jeden klaren Gedanken unmöglich machte. Es gab nur noch diesen Rhythmus, diese Reibung, dieses Gefühl von ihm in ihr, das alles andere auslöschte.
Draußen hupte jemand. Der Stau löste sich auf.
Alina hörte das Hupen und hörte, wie Motoren angelassen wurden. Sie hörte auch Markus’ Schritte, die sich dem Auto näherten. Sie wusste, dass sie aufhören mussten und dass sie keine Zeit mehr hatten, aber sie konnte nicht. Sie war so nah, so verdammt nah, und Oskar war auch so nah. Sie spürte es an der Art, wie seine Bewegungen fahrig wurden, unkontrolliert, kurz vor der Explosion.
„Ich komme“, stieß er hervor, und dann kamen sie beide, gemeinsam, während Markus die Fahrertür öffnete und „Es geht weiter!“ rief und Sabine sich verschlafen die Augen rieb und die Kinder murrend aus ihren Träumen erwachten.
Alina presste ihr Gesicht in die Kopfstütze und ließ die Wellen über sich hinwegrollen, während Oskar in ihr pulsierte und die Welt um sie herum wieder in Bewegung kam.
Die Rückbank roch nach Geheimnis, und kein Navi der Welt zeigte den Weg zurück.
Fünf Minuten später fuhren sie.
Markus summte zu irgendeinem Radiosender, Sabine reichte Kaugummis nach hinten, und die Kinder spielten ihr albernes Wortspiel weiter, als wäre nichts geschehen. Elefant. Eisbär. Ehebruch.
Alina saß auf der Rückbank, die Beine übereinandergeschlagen, und spürte Oskars Samen in sich. Er war warm und klebrig und der Beweis dafür, dass die letzten zwanzig Minuten wirklich passiert waren. Dass sie keine Fieberphantasie gewesen waren, keine Halluzination, hervorgerufen durch Hitze und Enge und monatelange Unterdrückung.
Oskar saß neben ihr und sah aus dem Fenster. Seine Hand lag auf dem Sitz zwischen ihnen, mit der Handfläche nach oben, eine stumme Einladung. Alina legte ihre Hand hinein, und ihre Finger verschränkten sich, versteckt zwischen ihren Oberschenkeln, unsichtbar für alle anderen.
„Alles okay bei euch?“, fragte Sabine und drehte sich um. „Ihr seid so still.“
„Alles gut“, sagte Alina. „Nur müde.“
„Die Hitze“, ergänzte Oskar.
Sabine nickte verständnisvoll und wandte sich wieder nach vorn. Sie hatte keine Ahnung. Keinen blassen Schimmer. Und das war das Schlimmste daran, oder vielleicht das Beste – Alina war sich nicht sicher.
Sie betrachtete die Rückseite von Sabines Kopf, die vertrauten Locken, die kleine Haarspange, die schief saß. Diese Frau war ihre beste Freundin seit fünfzehn Jahren. Sie hatte Alinas Kinder mit großgezogen, hatte ihr geholfen, als Emmas Geburt so kompliziert war, hatte sie in den Arm genommen, als Alinas Mutter starb. Und Alina hatte gerade Sex mit ihrem Ex-Mann gehabt, auf der Rückbank ihres Autos, während Sabine daneben schlief.
Der Gedanke hätte sie mit Schuldgefühlen überfluten müssen. Stattdessen spürte sie vor allem eines: eine tiefe, fast schmerzhafte Zufriedenheit. Sie war nicht stolz darauf. Aber sie konnte es auch nicht leugnen.
Oskars Daumen strich über ihren Handrücken. Sie sah zu ihm hinüber, und in seinem Gesicht spiegelte sich dasselbe wider, was sie fühlte. Kein Triumph, kein schlechtes Gewissen, sondern etwas dazwischen. Eine stille Akzeptanz dessen, was sie getan hatten, und die unausgesprochene Frage, was nun kommen würde.
Der Stau hatte sich aufgelöst, aber sie steckten immer noch fest. In einem viel größeren Stau, einem, der keine Autobahn brauchte und keine Hitze und keine geplatzten Kühler. Einem Stau aus Lügen und Abhängigkeiten und unerfüllten Versprechen, der sich nicht durch ein paar hundert Meter Vorankommen auflösen würde.
Alina dachte an Markus, der vorn saß und nichts ahnte. Sie dachte an die Nächte, in denen sie nebeneinander lagen und jeder für sich in sein Handy starrte. An die Gespräche, die sie nicht mehr führten, die Berührungen, die sie nicht mehr austauschten, die Liebe, die irgendwann zwischen Windeln wechseln und Überstunden machen und Rechnungen bezahlen verloren gegangen war.
Sie liebte Markus noch. Auf eine Art. Aber es war eine andere Liebe als früher, eine Liebe ohne Feuer, ohne dieses Knistern, das sie bei Oskar spürte, sobald er nur in ihre Nähe kam.
„Was machen wir jetzt?“, flüsterte sie, so leise, dass nur Oskar sie hören konnte.
Er antwortete nicht sofort. Draußen zogen die ersten Häuser der Stadt vorbei, in der sie Urlaub machen wollten. Bunte Fassaden, Blumenkästen, ein Supermarkt mit einer großen Werbefahne. Normales Leben. Normale Menschen, die normale Dinge taten und keine Ahnung hatten, dass in diesem vorbeifahrenden Kombi gerade eine Welt zusammengebrochen war.
„Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. „Ich weiß nur, dass ich nicht mehr so tun kann, als wäre nichts.“
Alina nickte. Sie verstand genau, was er meinte. Die letzten Monate waren die Hölle gewesen, dieses ständige Schauspielern, dieses ständige Normal-Tun, obwohl nichts normal war. Sie hatten sich bei Geburtstagen gesehen, bei Grillabenden, bei Kindergeburtstagen, und jedes Mal hatten sie so getan, als wären sie nur Freunde. Nur Bekannte. Nur zwei Menschen, die zufällig im selben sozialen Kreis verkehrten.
Dabei waren sie so viel mehr. Sie waren zwei Menschen, die sich gefunden und wieder verloren hatten, bevor sie überhaupt eine Chance gehabt hatten. Zwei Menschen, die in falschen Leben feststeckten und sich nach einem Ausweg sehnten, den es vielleicht gar nicht gab.
Der Wagen bog in eine kleine Seitenstraße ein. „Da sind wir“, sagte Markus fröhlich. „Ferienhaus Sonnenschein. Klingt doch gut, oder?“
Das Haus war hübsch. Weiß getüncht, mit grünen Fensterläden und einer Terrasse, auf der ein großer Holztisch stand. Platz für alle. Platz für eine ganze Familie, plus einen Freund, der zufällig auch da war.
Alina stieg aus, und ihre Beine waren weich. Vom langen Sitzen redete sie sich ein. Nicht von dem, was auf der Rückbank passiert war. Oskar stieg auf der anderen Seite aus und reckte sich, als hätte er tatsächlich nur geschlafen. Ihre Blicke trafen sich über das Autodach hinweg, und in diesem Blick lag alles, was sie nicht sagen konnten.
Später, als die Kinder im Garten spielten und Sabine den Tisch deckte und Markus den Grill anwarf, stand Alina am Fenster ihres Zimmers und sah hinaus. Oskar kam herein, ohne anzuklopfen, und stellte sich hinter sie. Seine Arme schlangen sich um ihre Taille, seine Lippen berührten ihren Nacken.
„Das war das letzte Mal“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
„Das hast du beim letzten Mal auch gesagt“, murmelte er gegen ihre Haut.
Sie hatte keine Antwort darauf. Weil er recht hatte. Weil sie wusste, dass es nicht das letzte Mal gewesen war. Dass dieser Urlaub noch eine Woche dauern würde. Dass es noch viele Gelegenheiten geben würde, zahlreiche geheime Momente, viele verbotene Berührungen. Und dass sie jede einzelne davon nutzen würde, egal was es kostete.
Der verbotene Seitensprung war nicht vorbei. Er hatte gerade erst begonnen.
Unten im Garten lachte Sabine über etwas, das Markus gesagt hatte. Die Kinder kreischten vor Vergnügen. Der Grill rauchte. Und oben im Schlafzimmer standen zwei Menschen, die sich liebten und nicht zusammen sein durften, und hielten sich fest, als gäbe es kein Morgen.
Vielleicht gab es das auch nicht. Vielleicht war jeder Morgen nur eine Illusion, eine Lüge, die sie sich erzählten, um den Tag zu überstehen. Vielleicht gab es nur diesen Moment, diese Umarmung, diese gestohlene Zärtlichkeit, die niemand sehen durfte.
Oskar drehte sie zu sich herum und küsste sie. Es war ein sanfter Kuss, fast schüchtern, ganz anders als das, was im Auto passiert war. Ein Versprechen. Eine Frage. Eine Antwort.
„Wir finden einen Weg“, sagte er.
Alina nickte, obwohl sie nicht daran glaubte. Aber sie wollte daran glauben. Sie wollte so sehr daran glauben, dass es wehtat.
Unten rief Sabine zum Essen. Alina löste sich von Oskar, strich ihr Haar glatt, warf einen letzten Blick in den Spiegel. Die Frau, die ihr entgegenblickte, war dieselbe wie am Morgen und doch eine völlig andere. Sie hatte eine Grenze überschritten, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab. Und es gab keinen Weg zurück.
Sie ging die Treppe hinunter, lächelte, nahm den Teller entgegen, den Sabine ihr reichte, und setzte sich an den Tisch, als wäre nichts geschehen. Der verbotene Seitensprung pulsierte unter ihrer Haut wie eine zweite Herzfrequenz, unhörbar für alle anderen, ohrenbetäubend für sie selbst.
Der Abend war warm, das Essen köstlich, die Gesellschaft vertraut. Und während alle lachten und redeten und den Urlaub genossen, dachte Alina an morgen. An die nächste Gelegenheit. Sie dachte an Oskars Händen auf ihrer Haut, an seine Lippen auf ihren und an den Moment, in dem die Welt wieder stillstehen würde, nur für sie beide.
Es war falsch. Es war verboten. Es war das Beste, was ihr je passiert war.
Und es war noch lange nicht vorbei.
– ENDE –
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