Bisexuelles Verlangen
Carlottas Finger blieb über einem Foto in der Luft stehen. Julian beobachtete, wie ihre andere Hand die Teetasse so schräg hielt, dass der Inhalt beinahe auf den Sofabezug geschwappt wäre. Er sagte nichts. Ihr Blick war auf das Album gerichtet, aber ihre Gedanken waren ganz woanders. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. Dieses leichte Beben der Nasenflügel. Dieses Stocken im Atem, das nichts mit der verregneten Aussicht vor dem Fenster zu tun hatte.
„Du starrst mich an“, sagte sie, ohne aufzublicken.
„Du starrst das Foto an.“
„Touché.“ Sie legte den Kopf schief. „Wer ist das eigentlich?“
Julian lehnte sich näher, seine Schulter an ihrer. Das Sofa gab unter der Bewegung nach und brachte ihre Hüften enger zusammen. Ein kalter, grauer Sonntag. Draußen war nichts zu holen. Drinnen roch es nach getrunkenem Assam und dem Staub, der aus alten Fotoalben aufstieg, wenn man sie nach Jahren aus den Tiefen eines Schrankes zerrte.
„Keine Ahnung. Das Album ist von meiner Tante. Die hat auf jeder Party jeden fotografiert, der nicht schnell genug weggelaufen ist.“ Julian nahm ihr die Tasse aus der Hand, stellte sie auf den Couchtisch. Eine kleine Pfütze hatte sich bereits unter dem Henkel gebildet. „Du hast dich gerade fast verbrüht. Was siehst du da?“
Carlotta tippte mit dem Zeigefinger auf das verblasste Bild. „Diese Frau hier. Am Rand.“
Julian beugte sich tiefer. Ein verrauchter Wohnzimmereindruck aus den Siebzigern. Viel Cord, viel Braun, ein paar Leute mit zu breiten Krawatten. Und eine Frau, Anfang zwanzig vielleicht, die mit untergeschlagenen Beinen auf einem Sitzkissen am Boden saß. Sie lachte in die Kamera, den Kopf nach hinten geworfen, die Haare eine wild gelockte Mähne, die Augen halb geschlossen. Sie trug eine Art Tunika, durch die man die Umrisse ihrer Brüste ahnte, und ihre nackten Füße waren dreckig, als wäre sie vor der Party noch barfuß durch einen Garten gelaufen. Carlotta fuhr mit dem Finger den Umriss dieser Frau nach. Ganz langsam. Andächtig.
„Die sieht aus, als könnte sie etwas erzählen“, murmelte Carlotta.
„Oder als hätte sie schon alles erzählt und würde jetzt nur noch lachen, weil es eh nichts bringt.“ Julian grinste. Aber Carlotta grinste nicht zurück. Sie starrte immer noch das Bild an.
„Was würdest du machen, wenn sie jetzt hier wäre?“, fragte sie leise.
Julian zögerte einen Moment zu lang. Carlotta wandte ihm das Gesicht zu. Ihre Augen waren nicht mehr auf das Album gerichtet. Jetzt suchten sie ihn. Graugrün. Wach. Sie war auf eine Weise neugierig, die Julian seit Jahren an ihr kannte, aber an diesem Nachmittag hatte diese Neugier eine andere Schattierung angenommen. Sie blätterte um. Ein weiteres Bild. Dasselbe Setting. Die Frau tanzte jetzt mit jemandem. Es war ein Mann mit offenem Hemd. Ihre Hände lagen auf seiner nackten Brust.
„Was würdest du machen?“, wiederholte Carlotta.
„Ich weiß nicht, was du hören willst, Caro.“
„Die Wahrheit vielleicht?“
Julian rutschte unruhig auf dem Sofa herum. „Sie ist attraktiv. Das ist offensichtlich.“ Die Worte blieben im Raum stehen wie jemand, der an der falschen Tür geklingelt hat und nun nicht weiß, ob er rennen oder nochmal klingeln soll. Carlotta lächelte schief.
„Und wenn ich dir sage, dass ich sie auch attraktiv finde?“
Es war keine Herausforderung in ihrer Stimme. Kein Test. Carlotta war nie jemand für Tests gewesen. Sie sagte, was sie dachte. Das war einer der Gründe, warum Julian sie vor sechs Jahren geheiratet hatte. Sie legte das Album auf ihre Knie und drehte sich zu ihm. Ihre Knie berührten seine. Der Regen klatschte gegen die Fensterscheibe. Der Tee wurde kalt. Und unter Julians Brustbein begann etwas zu pulsieren, das er nicht sofort benennen konnte.
„Dann würde ich sagen, dass wir uns ähnlicher sind, als du vielleicht denkst“, sagte er.
„Ach ja?“
„Ach ja.“
Ein Lachen perlte aus ihr heraus. Nicht spöttisch. Eher überrascht. Als hätte sie eine Tür geöffnet und statt einer Abstellkammer einen ganzen Flügel des Hauses entdeckt, den sie vorher nie betreten hatte.
„Willst du mir was sagen?“, fragte Carlotta.
„Ich glaube, du willst mir was sagen. Du hast angefangen mit der Frage. Julian nahm ihre Hand. Nicht als Geste der Beruhigung, sondern als Signal. Ich höre zu.
Carlotta blickte auf ihre verschlungenen Finger. Dann zurück zu dem Bild. Die tanzende Frau. Der Mann mit dem offenen Hemd.
„Weißt du, was ich sehe, wenn ich die anschaue?“, sagte sie.
„Nein. Sag’s mir.“
„Ich sehe jemanden, der sich nicht entscheiden will. Nicht entscheiden muss. Die tanzt mit dem Typen da und könnte fünf Minuten später mit der Frau am Fenster tanzen, die da halb aus dem Bild geschnitten ist, siehst du? Und es wäre ihr völlig egal. Nicht aus Verzweiflung. Nicht, weil sie zu viel getrunken hat. Sondern weil sie Lust hat. Auf ihn. Auf sie. Einfach, weil es sich richtig anfühlt.“ Sie atmete aus, langsam. „Ich beneide sie gerade ein wenig, diese seit vierzig Jahren tote Frau auf dem Foto. Ist das verrückt?“
Julian hob ihre Hand an seine Lippen. Küsste ihre Fingerknöchel, einen nach dem anderen.
„Wenn das verrückt ist, dann bin ich es auch“, sagte er.
Carlottas Augen weiteten sich. „Du hast noch nie – ich meine, du hast nie erzählt –“
„Du auch nicht.“ Er legte das Album beiseite. Nahm ihr Gesicht in beide Hände. Strich mit dem Daumen über ihre Wangenknochen. „Dann fangen wir jetzt vielleicht an zu erzählen?“
Eine Frage, die das Sofa zum Beben brachte
Carlotta lehnte ihre Stirn gegen seine. Das war ihre Art, Zeit zu gewinnen. Julian wusste das. Er wartete. Spürte ihre Atemzüge, die jetzt flacher gingen als noch vor wenigen Minuten. Das machte den Reiz an solchen Gesprächen aus – der Moment, bevor die Worte explodierten. Und Carlotta war nie jemand, der explodierte. Bei ihr war das eine langsame, stetige Entladung, eine Art inneres Permafrosttauen, das man am besten mit Geduld und warmer Präsenz begleitete.
„Da war jemand“, flüsterte sie gegen seine Lippen. „Vor dir. Vor uns. Eine Frau. Sie hieß Marieke.“ Sie zog den Kopf leicht zurück, prüfte sein Gesicht auf Reaktionen. Julian blieb ruhig. Kein Zusammenzucken, keine hochgezogene Augenbraue. Nur Aufmerksamkeit.
„Was ist passiert?“, fragte er.
„Nichts. Das ist ja das Problem.“ Carlotta löste sich von seiner Berührung, stand auf und trat ans Fenster. Ein grauer Himmel, der nicht wusste, ob er regnen oder einfach nur dumpf vor sich hin hängen sollte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Julian sah ihren Rücken, die leichte Anspannung zwischen ihren Schulterblättern, die sich durch den dünnen Pullover abzeichnete.
„Marieke war eine Freundin. Dachte ich. Wir haben zusammen studiert. Haben Nächte durchgequatscht. Haben im selben Zelt auf Festivals geschlafen. Und ich habe mich jedes Mal krank gefühlt, wenn sie einen Freund hatte. Richtig krank. Eifersüchtig auf eine Art, die keinen Sinn ergab.“ Sie drehte sich um. „Ich habe mir eingeredet, dass ich einfach nur Angst hatte, die Freundschaft zu verlieren. Dass sie mir zu bedeutsam war. Alles soziale Notlügen, die man sich zurechtlegt, weil die Wahrheit einfach nicht in den Plan passt, den man von sich selbst hat.“ Ihre Stimme wurde fester. „Ich war einundzwanzig und habe mich in meine beste Freundin verknallt und hab’s nicht kapiert, weil ich dachte, bisexuelles Verlangen wäre was aus Filmen oder für Leute, die mutiger sind als ich. Mutiger und ehrlicher und weniger verklemmt.“
Julian stand auf und ging zu ihr. Nicht schnell. Nicht bedrohlich. Einfach in ihrem Tempo.
„Und dann?“
„Nichts und dann. Sie hat irgendwann einen Typen geheiratet. Ich habe auf der Hochzeit geweint. Alle dachten, es wäre Rührung, und ich habe danach nie wieder mit ihr gesprochen. Nicht, weil ich sauer war. Sondern weil ich nicht wusste, wie ich mit ihr reden sollte, ohne alles zu sagen.“ Sie atmete zittrig aus. Ein halbes Lachen. „Scheiße, jetzt hab ich’s dir doch erzählt.“
Julian zog sie an sich. Keine theatralische Umarmung. Einfach Arme um ihren Körper, fester Halt, sein Kinn auf ihrem Haar. Sie ließ es zu, die Stirn an seinem Brustbein.
„Danke“, sagte er. „Danke, dass du mir das erzählst. Ich weiß, was das kostet.“
„Tut es gar nicht, das ist ja das Komische. Ich dachte immer, es würde mir die Zunge verbrennen, wenn ich das jemals ausspreche, aber es fühlt sich einfach nur wahr an. Es passt jetzt. Hier. Mit dir.“ Sie hob den Kopf. „Und was ist mit dir? Du hast vorhin angedeutet –
Julian löste sich von ihr, setzte sich auf die Sofalehne. Eine lässige Position, die nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass seine Hände leicht zitterten.
„Ich hab nie eine Geschichte draus gemacht, Caro. Nicht so wie du. Bei mir war das immer so ein diffuses Ding, das hochkam, wenn ich bestimmte Männer gesehen habe. Manchmal wusste ich nicht, ob ich sie nur interessant finde oder ob ich mit ihnen schlafen will. Und dann hab ich’s weggedrückt, weil – keine Ahnung. Weil es einfacher war, hetero zu sein. Weil ich nie jemanden getroffen habe, bei dem es so stark war, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte.“ Die Worte kamen jetzt ins Rutschen, als hätte jemand eine Schublade aufgezogen, die zu vollgestopft war.
„Und jetzt?“, fragte Carlotta leise.
„Und jetzt sitze ich hier und rede mit meiner eigenen Frau über Dinge, die wir uns sechs Jahre lang nicht erzählt haben, und frage mich, was wir sonst noch alles nicht wissen voneinander.“ Er lachte trocken. „Kein besonders guter Ehemann gewesen, was?“
„Oder der beste.“ Carlotta trat zwischen seine Knie, nahm seine Hände und zog ihn von der Sofalehne auf die Kissen. Sie landeten nebeneinander, halb liegend, halb sitzend, das Album gefährlich nah an der Tischkante.
„Weißt du, was das Verrückte ist?“, sagte sie. „Ich spüre gerade keine Eifersucht. Kein Misstrauen. Ich spüre Neugier. Auf dich. Auf diesen Teil von dir, den ich nicht kannte. Und auf mich.“ Sie legte ihre Hand auf seine Brust, genau auf sein Herz. „Was würdest du davon halten, wenn wir diese Kuriosität, die wir da gerade ausgegraben haben, nicht wieder vergraben?“
Julian sah sie an. Sie war so bezaubernd in diesem Moment. Nicht, weil sie sich verändert hätte. Sondern weil sie sich zeigte. Ihre graugrünen Augen hatten einen Glanz angenommen, den er noch nie gesehen hatte. Oder vielleicht hatte er ihn nie bemerkt.
„Was schlägst du vor?“, fragte er.
Carlotta nahm das Album, blätterte zurück zu der tanzenden Frau, zu dem Mann mit dem offenen Hemd, zu den Leuten im Rauch und Cord der Siebziger. Sie legte das aufgeschlagene Album auf den Couchtisch, sodass sie es beide sehen konnten.
„Wir stellen uns einfach mal vor, wir wären auf dieser Party. Und diese Frau tanzt noch. Und du tanzt mit ihr. Und ich tanze mit ihr. Und dann – Ihr Finger fuhr von der Frau zu dem Mann auf dem Foto und weiter, langsam, über Albenseiten, die noch nicht existierten. „Dann tanzen wir alle drei. Und niemand fragt, ob das erlaubt ist. Oder was die anderen denken. Sondern es geht nur darum, wie es sich anfühlt. Diese Freiheit. Das Nicht-Aussortieren-Müssen. Dieses Und, nicht Oder. Immer und. Sie hielt inne. Ihre Zunge befeuchtete ihre Unterlippe. „Oder wir könnten einfach jetzt anfangen. Ohne Foto. Ohne Phantasie. Einfach nur uns zwei, die gerade entdecken, dass wir mehr sind als das, was wir bisher gedacht haben.“
Wenn die eigenen Gedanken plötzlich nackt sind
Das Seltsame an unausgesprochenen Wahrheiten war, dass sie den Raum veränderten, sobald man sie aussprach. Das Wohnzimmer war dasselbe. Der Regen draußen, die Bücher im Regal, die halbvolle Teekanne auf dem Tisch – alles unverändert. Und doch fühlte Julian sich, als stünde er in einem neuen Haus. Oder als hätte jemand die Möbel umgestellt, während er nicht hingesehen hatte. Carlotta saß jetzt anders auf dem Sofa. Breitbeiniger. Weniger kontrolliert. Ihre Schultern waren gesunken, als hätte sie ein unsichtbares Gewicht abgelegt, von dem er bis vor einer halben Stunde nicht einmal gewusst hatte, dass sie es trug.
„Du siehst anders aus“, sagte er.
„Ich fühle mich anders.“ Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, eine Geste, die er tausendmal gesehen hatte, aber jetzt bemerkte er zum ersten Mal, wie anmutig ihre Ohren waren. Wie der Knorpel unter der Haut eine kleine Erhebung bildete, genau dort, wo er mit seiner Zunge hinfahren könnte. Hatte er das schon immer schön gefunden? Oder erst jetzt, nachdem sie diesen Teil von sich ausgepackt und vor ihn hingelegt hatte wie ein seltenes Buch, das sie gemeinsam lesen könnten?
„Woran denkst du?“, fragte sie.
„An deine Ohren.“
Sie lachte auf, echt und unverstellt. „Meine Ohren? Jetzt hätte ich auf etwas Erotischeres getippt bei deinem Blick. Aber gut. Gibt schlechtere Anfänge.“
„Ich finde sie gerade extrem erotisch, deine Ohren. Ist das komisch?“
„Wenn ja, dann bin ich auch komisch.“ Sie lehnte sich näher zu ihm. „Mir geht’s nämlich genauso, nur mit deinem Schlüsselbein.“ Sie tippte mit dem Zeigefinger auf die Kuhle zwischen seinen beiden Schlüsselbeinen, die unter dem offenen Hemdkragen sichtbar war. „Das habe ich noch nie angefasst. Also, nicht so. Nicht bewusst. Nicht als das, was es ist.“ Der Finger blieb liegen. Leichter Druck. Warme Haut auf warmer Haut. „Wenn ich dir jetzt sage, dass ich seit zehn Minuten überlege, wie sich eine Frau anfühlt – ich meine, nicht irgendeine Frau, sondern eine, die wir beide gerade in unseren Köpfen haben, die es vielleicht gar nicht geben wird –, macht dich das an oder macht dir das Angst?“
Julian spürte, wie sein Körper reagierte, bevor sein Verstand die Erlaubnis dazu gegeben hatte. Ein Ziehen unterhalb des Bauchnabels. Ein Warmwerden hinter dem Brustbein. Sein Schwanz meldete sich auf eine Weise, die keinen Interpretationsspielraum ließ.
„Ich glaube, die Antwort spürst du gleich“, sagte er.
Carlottas Hand wanderte von seinem Schlüsselbein zu seinem Hemdknopf. Öffnete ihn. Dann den nächsten. Langsam. Als würde sie ein Geschenk auspacken, dessen Inhalt sie kannte, das aber trotzdem neu war, weil sie es diesmal mit anderen Augen betrachtete.
„Ich würde gern wissen, wie bisexuelles Verlangen schmeckt“, flüsterte sie gegen seine nackte Brust. „Nicht nur in der Theorie. Sondern in echt.“ Ihre Lippen berührten seine Haut, fuhren die Linie seines Brustbeins entlang, während ihre Finger die restlichen Knöpfe öffneten und das Hemd von seinen Schultern streiften. Julian legte den Kopf zurück gegen die Sofalehne. Schmeckte das Wort auf seiner eigenen Zunge. Bisexuelles Verlangen. Es fühlte sich nicht fremd an. Es fühlte sich an wie ein weiterer Raum in einem Haus, das er bewohnte, ohne es je ganz erkundet zu haben.
„Dann stell’s dir vor“, sagte er. Seine Stimme klang rauer, als er beabsichtigt hatte. „Stell’s dir vor und erzähl’s mir. Ich will hören, was du siehst. Jedes Detail. Auch die, vor denen du dich vielleicht noch vor zwei Stunden geschämt hättest. Besonders die.
Carlotta zog ihr eigenes Shirt über den Kopf. Kein verführerisches Zögern, kein Augenaufschlag. Einfach eine Bewegung, die notwendig war, weil sie nun mal nackt sein wollte für das, was jetzt kam. Ihr BH war nicht aufreizend. Ein beigefarbener Alltags-BH, der ihre Brüste zusammenhielt, ohne sie zu inszenieren. Und gerade deshalb war es das Erotischste, was Julian je gesehen hatte.
„Ich stell mir vor, dass sie da sitzt, wo du jetzt sitzt.“ Carlotta kniete sich vor ihm auf das Sofa, ihre Oberschenkel berührten seine Knie. „Und dass sie mich ansieht wie du. Genau so hungrig. Genau so neugierig. Und dass ich ihren BH öffne, so wie ich jetzt deinen Gürtel tun werde, und dass es sich anders anfühlt als bei dir, aber trotzdem vertraut. Weicher vielleicht. Runder. Und dass ihre Stimme tiefer wird, wenn ich sie berühre, so wie deine gerade tiefer geworden ist, und dass ich diesen Moment hasse und liebe, in dem man nicht mehr weiß, wo die Phantasie aufhört und die Wirklichkeit anfängt, aber es ist auch egal, weil es beides ist, Julian. Es ist wirklich beides.“
Ihre Hände hatten seinen Gürtel geöffnet. Seine Hose war offen. Die Boxershorts spannten über seiner Erektion. Carlotta beobachtete sie, als wäre es das erste Mal. Ihre Zungenspitze erschien zwischen ihren Lippen.
„Was, wenn ich sie mir mit dir vorstelle?“, fragte Julian leise. „Nicht so ein abstraktes Irgendwann, sondern jetzt. Hier. Auf diesem Sofa, wo noch nie jemand außer uns gesessen hat.“ Seine Hand lag auf Carlottas nacktem Rücken. Er öffnete den BH-Verschluss mit einem einzigen Griff. Routiniert und trotzdem anders, weil alles anders war. Der BH fiel. Ihre Brüste atmeten gegen seine Brust.
„Wie stellst du sie dir vor?“, flüsterte sie.
„Wie eine Frau, die weiß, was sie will. Keine zwanzig mehr, sondern so jemand, der schon rausgefunden hat, dass Leben eine Multiple-Choice-Sache ist und nicht eine Ja-Nein-Frage.“ Er küsste Carlottas Hals, während er sprach. Sie neigte ihren Kopf zur Seite, gab ihm mehr Haut. „Jemand, der genauso neugierig ist wie wir, aber schon mehr Antworten hat und uns welche geben kann. Oder einfach nur jemand, die mit uns herausfinden will, was passiert, wenn man die Schubladen offenlässt, statt sie zuzudrücken. Die sich hierhin setzt, zwischen uns beide. Die deinen Mund schmeckt und ich sehe zu und dann schmeckt sie meinen und du siehst zu, und niemand von uns muss sich für irgendwas schämen, weil das hier unser Sofa ist und dieser Sonntag unser Sonntag, und wir haben gerade entdeckt, dass wir viel mehr Platz haben, als wir dachten. Viel mehr Haut. Viel mehr Möglichkeiten.“ Seine Hände glitten über ihre Brüste, ihre Bauchdecke, ihre Hüften. Sie atmete schneller jetzt. Drängte sich ihm entgegen.
„Mach weiter“, hauchte sie. „Red weiter. Ich will hören, was du siehst, während du mich anfasst. Das ist unsere Fantasie, Julian. Wir bauen sie zusammen. Und ich bin so nass, dass es fast peinlich ist, aber es ist nicht peinlich, weil du es sein sollst – weil du es sein darfst, der das mit mir macht. Der das aus mir rausholt. Nach all den Jahren. Nach all dem Nichterzählen.“ Sie griff in seine Boxershorts und umfasste seinen Schwanz mit einer Dringlichkeit, die nichts mit Routine zu tun hatte. Sie war vielmehr von einem Hunger befeuert, der von den Worten und Bildern kam, von der unbekannten Frau, die sie gemeinsam erfunden hatten. Diese saß jetzt mit ihnen auf diesem Sofa, so real wie die Kissen unter ihrem Rücken.
Drei Köpfe, zwei Körper, eine grenzenlose Lust

„Ich will sie nicht nur sehen. Ich will sie anfassen.“ Carlottas Stimme hatte die Kontrolle verloren. Sie war nicht mehr leise, nicht mehr vorsichtig tastend. Sie war eine Frau, die genau wusste, was sie wollte, und die es sich endlich erlaubte, genau das zu sagen.
Julian zog sie auf seinen Schoß, ihre Beine um seine Hüften, seinen Schwanz zwischen ihnen, noch bedeckt, bisher nicht in ihr. Nur diese Herausforderung, diese Präsenz, dieser Druck, der beide erzittern ließ.
„Wo würdest du sie zuerst anfassen?“, fragte er. Seine Hand lag auf ihrem Steißbein, ganz unten, genau da, wo der Rücken in etwas anderes übergeht.
„Im Gesicht. Immer zuerst im Gesicht. Ich würde wissen wollen, wie sie schmeckt, bevor ich überhaupt verstehe, warum ich das wissen will.“ Sie küsste ihn. Es war kein sanfter Kuss. Es war ein Kuss, der Antworten verlangte. Julian erwiderte ihn, fester, als er es sonst wagte. Und irgendwo dazwischen, zwischen ihren Zungen und ihren Atemzügen, entstand sie, das dritte Wesen auf diesem Sofa. Nicht wirklich anwesend und doch gegenwärtig in jeder Bewegung, jeder Vorstellung, jeder feuchten Spur, die Carlottas Finger auf seinem Bauch hinterließen.
„Ich hab sie“, flüsterte er. „Sie sitzt hier. Neben uns. Sie ist blond. Oder vielleicht dunkelhaarig. Oder rothaarig, was weiß ich, es ist mir auch völlig egal, Caro, ich will gar kein genaues Bild, ich will nur dieses Gefühl, dass da noch jemand ist, den du haben willst und den ich haben will und der uns beide haben will.“ Seine Hüften drängten gegen ihre. Reibung durch den Stoff seiner Shorts. Sie keuchte auf.
„Ja. Genau das. Nicht aussuchen müssen. Einfach nur mehr.“ Carlotta rutschte von ihm herunter, zerrte an seiner Shorts, bis sie über seine Knie glitt, über seine Knöchel, irgendwo auf dem Boden landete. Sie befreite sich von ihrer eigenen Hose mit zwei ruckartigen Bewegungen, so ungeduldig, dass der Saum riss, ein kleines Geräusch, das sie ignorierte. Ihre Unterwäsche folgte. Sie warf sie zur Seite, ohne hinzusehen. Dann stand sie vor ihm. Nackt. Atemlos. Die Brüste gehoben vom stoßweisen Ausatmen. Schamhaar dunkel und gelockt. Die Schenkel bereits mit einer dünnen Schicht glänzender Feuchtigkeit benetzt.
Carlotta kniete sich zwischen seine Beine. Ihre Hände auf seinen Schenkeln. Sie sah zu ihm auf, und in ihren Augen war etwas, das er noch nie gesehen hatte. Eine Frage, die sie nicht mehr stellen musste, weil sie die Antwort bereits kannte. Sie nahm ihn in den Mund, ohne Vorwarnung, ohne dieses übliche Zögern, das sie manchmal hatte, wenn sie nicht sicher war, ob er es wollte. Heute gab es kein „nicht sicher“. Es gab nur den feuchten, warmen Sog ihrer Lippen, die Bewegung ihrer Zunge, den leichten Unterdruck, den sie mit jedem Senken ihres Kopfes erzeugte. Und während sie das tat, während ihr Mund seinen Schwanz umfasste und ihre Hand den Rest von ihm massierte, sah sie ihn an, und ihr Blick sagte: Stell sie dir weiter vor. Lass sie zusehen. Oder nicht nur zusehen. Lass sie mitmachen.
„Sie kniet neben dir“, sagte Julian. Seine Stimme klang, als gehöre sie jemand anderem. „Sie beobachtet genau, wie du das machst. Sie will lernen, was mir gefällt. Von dir. Sie sieht deine Lippen, deine Zunge, deine Handbewegung, und sie leckt sich selbst über die Lippen, weil sie es kaum erwarten kann, mich so zu schmecken, nachdem du es getan hast. Nachdem dein Speichel noch auf mir ist und sie ihn mit ihrer eigenen Zunge vermischt. Sie ist so geil, Caro, und ich sehe es ihr an, wie sie zusieht, wie du mich bläst, und gleichzeitig wandert ihre Hand an ihren eigenen Körper, zwischen ihre Brüste, tiefer, dorthin, wo sie feucht ist, genauso feucht wie du, und sie berührt sich langsam, während sie dich beobachtet, und das macht dich an, ich sehe es, du bewegst dich schneller, du nimmst mich tiefer, weil du weißt, dass sie zusieht, dass sie dich zusehen lässt, dass sie gerne zusieht, wie du deinen Mann zum Stöhnen bringst –“
Carlotta nahm ihn tiefer. So tief, dass ihr Würgereflex kurz aufflackerte und sie ihn mit einer bewussten Anspannung unterdrückte. Sie zog den Kopf zurück, eine Speichelspur verband ihre Unterlippe mit seiner Eichel. Sie wischte sie mit dem Handrücken weg, lächelte, ein fast wildes Lächeln.
„Und dann?“
„Dann ziehst du sie hoch. Ihr steht euch gegenüber. Nackt. Ihr küsst euch, und das Erste, was ihr bemerkt, ist mein Geschmack auf den Lippen der anderen. Das teilt ihr. Das tauscht ihr. Es ist, als würdet ihr mich schmecken, ohne mich zu berühren, und gleichzeitig schmeckt ihr euch, und es ist neu und vertraut zugleich. Meine Frau küsst eine andere Frau, und ich sitze hier und sehe das, und es ist das Schönste, was ich je gesehen habe, und ich fasse mich an, während ich euch zusehe, so wie du mich gerade angefasst hast, und ihr dreht euch zu mir um, und ihr seht, was ihr mit mir macht, und ihr lächelt beide, und dann kommt ihr zu mir. Nicht eine nach der anderen. Beide gleichzeitig. Vier Hände auf meinem Körper. Zwei Münder auf meiner Haut. Und ich weiß nicht, wem welche Hand gehört oder wessen Zunge gerade über mein Schlüsselbein fährt, und es ist auch völlig egal, weil es nur um dieses Mehrgefühl geht, diesen Überfluss, der trotzdem nicht zu viel ist, sondern genau richtig –“
Carlotta hatte sich auf ihn gesetzt, während er sprach. Sie führte ihn in sich hinein, mit einer langsamen, fast zeremoniellen Bewegung, ihre Hände auf seinen Schultern. Der Druck war überwältigend, dieses feuchtwarme Gleiten, das er kannte und doch nie so empfunden hatte wie jetzt. Sie bewegte sich nicht gleich. Ließ ihn nur spüren, ganz in ihr zu sein, während ihre inneren Muskeln ihn umfassten und wieder losließen in einem Rhythmus, den sie kaum bewusst steuern konnte.
„Und dann?“, flüsterte sie wieder. Es war ihr Stichwort für ihn, weiterzureden, weiterzuerfinden, weiter diese Welt zu bauen, in der sie zu dritt waren, obwohl nur zwei Körper auf diesem Sofa existierten.
„Dann legt ihr euch hin. Beide. Ich bin zwischen euch. Ich küsse deine Brüste und ihre Brüste. Abwechselnd. Ich vergleiche, wie sie sich anfühlen. Deine sind schwerer. Ihre sind – keine Ahnung – anders. Und ich will beides. Ich möchte den Unterschied. Ich will nicht wählen müssen, welche sich besser anfühlt, weil sie sich beide unglaublich anfühlen, nur auf verschiedene Weise, und ich darf beides haben, und du darfst zusehen, wie ich eine andere Frau küsse, und es macht dich nicht eifersüchtig, sondern es macht dich heiß, und du fasst sie an, während ich sie küsse, und sie fasst dich an, während ich dich küsse, und unsere Hände und Münder sind überall, und es ist völlig egal, wer was mit wem tut, Hauptsache, es tut jemand was mit jemandem, und alle wollen es so, und alle sagen es, die ganze Zeit, dieses Ja, dieses Mach weiter, dieses Genau da, bitte, bitte, ja!“
Carlotta begann, sich zu bewegen. Rhythmisch, tief, ihre Hüften kreisten gegen seine. „Und dann leckst du sie“, keuchte sie. „Weil ich es sehen will. Ich will sehen, wie du deinen Kopf zwischen ihre Schenkel legst und sie leckst, während ich auf dir reite. Ich will ihre Hand auf deinem Hinterkopf sehen und ihre andere Hand auf meiner Brust, und ich will hören, wie sie kommt, und dann will ich kommen, und dann willst du kommen, und es ist ein einziges langes, wildes Ding, das wir gemeinsam haben, und danach liegen wir alle drei auf diesem Sofa, das viel zu klein ist für drei, aber genau richtig, weil wir uns nicht loslassen wollen und weil es so warm ist und so echt und so verdammt lange überfällig –“
Ihre Bewegungen wurden unkontrollierter. Julian spürte, wie sich etwas in seinem Unterleib zusammenzog, dieser unaufhaltsame Druck vor dem Höhepunkt. Seine Hände umfassten ihre Hüften, führten sie, verstärkten ihren Rhythmus. Sie warf den Kopf zurück, die Augen geschlossen, aber er wusste, ihr inneres Kino lief, und in dem war gerade eine dritte Person, und diese Person war jetzt ihr Name, seine Stimme, seine Worte, die er ihr zuwarf wie Rettungsringe in einem Ozean, der aus Lust bestand und keine Küste kannte. Ihr Orgasmus begann als Zittern in ihren Oberschenkeln, griff über auf ihren Bauch, brachte ihren Atem zum Stocken und schließlich zum explosiven Ausstoßen eines Lautes, der kein Wort mehr war, nur noch Klang, tief und heiser und langgezogen, und in diesem Moment gab Julian jeden Rest von Kontrolle auf und ließ sich von seiner eigenen Welle erfassen, die durch ihn hindurchbrach, während er in ihr pulsierte und Carlottas Namen stöhnte und dahinter, ganz leise, den Namen, den sie der Phantomfrau gemeinsam gegeben hatten.
Nach der Sintflut wird die Stille sprechen gelernt haben.
Eine Zeit lang sagte niemand etwas.
Carlotta lag auf ihm, ihr Herzschlag allmählich normalisierend. Seine Hand lag auf ihrem Rücken, genau zwischen den Schulterblättern, wo vorhin noch die Anspannung gesessen hatte und jetzt nur noch warme, entspannte Haut war. Der Regen war leiser geworden. Oder vielleicht hatte er schon vor einer Weile aufgehört und sie hatten es nicht bemerkt.
„Das war –“ Carlottas Stimme brach. Sie räusperte sich. „Ich habe keine Worte. Ich, die sonst immer zu viele Worte hat.“ Sie stützte sich auf seine Brust, sah auf ihn hinab. „Ist das jetzt unser Ding? Diese Frau? Dieses bisexuelle Verlangen, das wir uns zusammen ausgedacht haben?“
Julian strich eine verschwitzte Strähne aus ihrem Gesicht. „Wenn du willst, kann es unser Ding sein. Oder der Anfang von was Größerem. Oder einfach nur eine heiße Phantasie, die wir an tristen Sonntagen herausholen, wenn die Teekanne kalt und das Fotoalbum staubig ist.“ Er zögerte. „Oder auch keins von alledem. Wir müssen da nichts festlegen. Das ist ja vielleicht der Punkt. Nichts festlegen müssen und trotzdem weiterreden.“ Carlotta rollte von ihm herunter und kuschelte sich in die Lücke zwischen seinem Körper und der Sofalehne. Das Polster war viel zu schmal für zwei Leute in dieser Position. Aber sie machten es trotzdem, Körper an Körper, Halten und Gehaltenwerden, dieses stumme Verhandeln von Platz, das Liebende so gut beherrschten.
„Hast du das schon immer gewusst?“, fragte sie. „Dass du auf Männer stehen könntest?“
„Stehen könntest“ ist ein gutes Wort. Genau so hat es sich angefühlt. Als Möglichkeit. Als Option, die existiert, aber die ich nie gewählt habe, weil niemand je gefragt hat und ich selbst am wenigsten.“ Er küsste ihre Schläfe, schmeckte Salz von ihrem Schweiß. „Und du? Marieke war die Einzige?“
„Marieke war die Einzige, bei der ich’s fast kapiert hätte. Aber da waren noch andere. Blicke auf Partys. Zu langes Starren bei Umkleidekabinen. Sachen, die ich mir eingeredet habe, dass sie nichts bedeuten.“ Sie lachte kurz. „Weißt du, was das Absurdeste ist? Ich habe nie darüber nachgedacht, es dir zu erzählen, weil ich dachte, du würdest es nicht verstehen. Und jetzt sitze ich hier und frage mich, ob du der einzige Mensch bist, der es wirklich verstehen kann. Weil du es selbst fühlst. Weil wir es beide fühlen. Und weil wir darüber reden können, ohne dass es komisch wird. Das ist doch eigentlich das größte Geschenk, oder? Nicht das mit der Fantasie, nicht der Sex, sondern dass wir das endlich ausgesprochen haben und es nicht zwischen uns steht, sondern zwischen uns liegt, wie dieses Album. Offen. Anschaubar. Kein Geheimnis mehr, das uns Stein für Stein auseinander treibt, ohne dass wir’s merken.“ Sie drehte den Kopf, sah zu dem Album hinüber, das immer noch aufgeschlagen auf dem Couchtisch lag. Die tanzende Frau mit den lockigen Haaren. Der Mann im offenen Hemd. Und am Rand, halb aus dem Bild geschnitten, die andere Frau, die Carlotta sofort bemerkt hatte.
„Wir haben nur eine einzige Frage nicht geklärt“, sagte Julian.
„Welche?“
„Ob wir sie jemals suchen werden. Im echten Leben. Nicht mehr als Phantasie, sondern als Person, die es gibt und die vielleicht dasselbe sucht wie wir, und die wir fragen, ob sie sich zu uns auf dieses enge Sofa setzen will, auf dem man eigentlich keinen Platz hat und dann doch so viel Platz findet, wenn man nur will. Und ob sie ja sagt. Oder nein, was ja auch okay wäre, aber –
„– aber wir würden es wissen wollen“, beendete Carlotta den Satz für ihn. „Ja. Hab ich auch schon dran gedacht. Die ganze Zeit, während du in mir warst und geredet hast, hab ich genau das gedacht: „Wenn sie jetzt echt wäre.“ Wenn es sie gibt. Ob wir den Mut hätten, sie anzusprechen. Ob wir den Mut hätten, diesen Schritt von der Phantasie in die Wirklichkeit zu gehen und uns einzugestehen, dass wir nicht nur theoretisch neugierig sind, sondern auch praktisch. Dass wir dieses bisexuelle Verlangen nicht nur im Kopf ausleben wollen, sondern auch im Bett. Mit jemandem, den wir beide begehren und der uns beide begehrt. Und ob die Ehe das aushält oder ob es sie kaputt macht, und woher soll man das wissen, bevor man’s nicht probiert hat?“
Eine vernünftige Frage. Julian hatte keine vernünftige Antwort. Nur eine ehrliche.
„Ich weiß nicht, ob die Ehe das aushält. Aber ich weiß, dass die Ehe das aushalten musste, was vorher war. Es handelt sich um diesen Zustand, in dem wir beide Teile von uns verschwiegen haben. Und das hat sie fast zerstört. Wir haben’s nur nicht gemerkt, weil wir so geschickt waren im Nichtmerken. Jetzt haben wir’s gemerkt, und siehe da, wir sind nicht kaputt. Wir sind nackt und klebrig und haben ein verrissenes Hosenbein, aber wir sind nicht kaputt. Wir sind näher beieinander als in den letzten sechs Jahren. Vielleicht ist diese Offenheit das, was die Ehe aushält. Und der Rest ist Verhandlungssache. Kommunikation. Langsam machen. Keine Alleingänge. Keine Entscheidungen über den Kopf des anderen hinweg. Aber auch keine Entscheidungen gegen den eigenen Kopf, nur weil es bequemer wäre, die Schublade wieder zuzumachen.“ Er drehte sich zu ihr, sodass sie sich ansahen, Auge in Auge, Nasenspitze an Nasenspitze. „Was willst du, Caro? Nicht hypothetisch. Nicht in zehn Jahren. Sondern jetzt. Oder bald. Was wünschst du dir wirklich?“
Sie überlegte. Nicht lange. Aber gründlich. Ihre Antwort, als sie kam, war fest.
„Ich wünsche mir, dass wir nicht vorgeben, als wäre dieser Nachmittag nicht passiert. Dass wir weitersprechen. Dass wir uns umsehen. Aufmerksam. Nicht mit der Brechstange suchen, sondern mit offenen Augen durch die Welt gehen und gucken, ob da jemand ist, der zurücksieht. Eine Frau. Ein Mann. Irgendjemand, der uns dieses Gefühl gibt, das wir uns vorhin vorgestellt haben. Dass mehr möglich ist. Dass mehr möglich ist und dass drei möglich sind. Dass drei möglich sind, ohne dass einer zu viel ist oder einer fehlt.“ Sie legte ihre Hand auf seine Wange. „Und wenn’s niemanden gibt, dann haben wir immer noch uns. Und diese Phantasie. Und diesen grauen Sonntag, der plötzlich gar nicht mehr grau ist, sondern irgendwie leuchtend. Vielleicht ist das auch schon genug. Vielleicht müssen wir nicht mehr haben. Aber ich will zumindest die Erlaubnis, mich umzusehen. Die Erlaubnis von mir selbst. Und von dir.“ Julian küsste sie. Sanft diesmal. Ohne Dringlichkeit, ohne Ziel. Einfach nur ein Kuss, der Ja sagte.
„Die hast du“, sagte er. „Und du gibst sie mir hoffentlich auch? Diese Erlaubnis? Dieses Zugeständnis, dass der Mensch, der ich bin, bedeutender ist als der, den ich eingeheiratet habe? Dass es da noch mehr zu entdecken gibt, und vielleicht entdecken wir es zusammen, auf eine Art, die kein bisschen unanständig ist, auch wenn sie nicht in die Standarddefinition von Ehe passt?“
Carlotta nickte. Sie streckte die Hand aus und schloss das Fotoalbum. Nicht, um es wegzuräumen. Sondern um es an den sicheren Platz neben dem Sofa zu legen, wo es nicht herunterfallen konnte und wo sie es jederzeit wieder aufschlagen würden. Bald. Oder in ein paar Tagen. Oder wann immer sie das Bedürfnis hatten, sich an diesen Moment zu erinnern, in dem zwei Menschen auf einem Sofa eine dritte Person erfanden und dabei sich selbst ganz neu fanden.
„Ich hab Hunger“, sagte Carlotta unvermittelt.
Julian lachte. „Ich auch. Es ist halb vier. Wir haben seit dem Frühstück nichts gegessen und gerade eine Menge Kalorien verbrannt. Komm, ich mach uns was. Rührei? Toast?“
„Toast und Rührei. Und danach?“ Sie sah ihn an, und in ihrem Blick war ein Glitzern, das er wiedererkannte. Das Glitzern von vorhin. Das Glitzern, das sie den ganzen Nachmittag nicht verlassen hatte.
„Danach reden wir weiter. Oder machen weiter. Oder beides. Je nachdem, wie anstrengend das Rührei war.“ Julian stand auf, zog seine Shorts vom Boden und schlüpfte hinein. Carlotta blieb noch einen Moment auf dem Sofa liegen, nackt und zufrieden, die Hand auf dem geschlossenen Album. Ihre Hand darauf wirkte wie ein Versprechen. Julian warf ihr seinen Pullover zu, und sie fing ihn lächelnd aus der Luft. Während sie ihn überstreifte und ihm in die Küche folgte, realisierte er, dass dieser Sonntag sie nicht zu anderen Menschen gemacht hatte. Er hatte sie nur zu Menschen gemacht, die sich endlich ganz kannten. Und das war keine Bedrohung für ihre Ehe. Das war der Beginn von etwas, auf das sie beide gewartet hatten, ohne es zu wissen. Der Geruch von brutzelnder Butter und verquirlten Eiern füllte die Küche. Carlotta stellte sich neben ihn, während er kochte, ihre Hüfte an seiner, und sah zu, wie er die Pfanne schwenkte.
„Vielleicht sollten wir öfter alte Fotoalben durchstöbern“, sagte sie.
„Oder öfter graue Sonntage haben.“ Julian gab die Eier auf die Teller.
„Oder einfach öfter ehrlich sein.“ Sie nahm ihren Teller und setzte sich an den Küchentisch. „Das ist einfacher und braucht weniger Staub.“ Sie aßen schweigend, aber es war kein verlegenes Stillschweigen. Es war das Schweigen zweier Menschen, die nichts mehr beweisen mussten und die genug geredet hatten für einen Tag und die jetzt einfach nur noch die Gegenwart des anderen spürten und die Wärme des Essens und das ferne Geräusch des Verkehrs, das durch das gekippte Fenster drang und darauf hindeutete, dass der Regen endgültig vorbei war.
– ENDE –
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