Bisexuelle Anziehung
„Komm schon, hier ist seit Jahren niemand mehr durchgegangen“, flüsterte Emma und zog Lukas am Ärmel in das dämmrige Treppenhaus.
Der Plattenbau roch nach kaltem Staub und feuchtem Putz, dieser eigentümliche Geruch, den nur DDR-Bauten in sich tragen – eine Mischung aus Linoleum, Desinfektionsmittel und jahrzehntelang eingeschlossener Luft. Das Licht der wenigen Funzeln an der Decke warf trübe Kegel auf die abgewetzten Betonstufen, und irgendwo drei Stockwerke weiter oben summte eine Neonröhre ihr nervöses Lied. Emma kannte den Block seit ihrer Kindheit; ihre Großmutter hatte im siebten Stock gewohnt, bis sie vor zwei Jahren gestorben war. Seither stand die Wohnung leer, und das gesamte Gebäude wirkte, als hätte die Stadt es vergessen.
Lukas zögerte einen Moment auf der dritten Stufe. „Und wenn doch jemand kommt?“
„Dann sagen wir, wir haben uns verlaufen. Oder wir warten einfach, bis sie vorbei sind.“ Emma drehte sich zu ihm um, ihre Augen glänzten im Halbdunkel. Sie trug eine enge Jeans und eine Lederjacke über einem dünnen Pullover, und als sie sich jetzt gegen das Treppengeländer lehnte, konnte Lukas die Konturen ihrer Brüste unter dem Stoff erkennen. Sie waren seit fast zwei Jahren befreundet, hatten unzählige Abende miteinander verbracht, über Beziehungen geredet, über Sex, über alles – aber heute war etwas anders. Heute lag eine Spannung in der Luft, die keiner von beiden benennen konnte, die aber so greifbar war wie der Staub auf dem Geländer, gegen das Emma sich lehnte.
„Außerdem“, fuhr sie fort und senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, „wolltest du nicht schon immer wissen, wie es sich anfühlt, wenn zwei Menschen dich gleichzeitig begehren?“ Sie machte eine kurze Pause, in der Lukas seinen eigenen Herzschlag hören konnte. „Marcus und ich – wir haben darüber gesprochen. Über dich. Über uns drei. Und er findet die Vorstellung genauso aufregend wie ich.“
Das Wort hing zwischen ihnen im staubigen Treppenhaus: Marcus. Emmas Freund, den Lukas bisher nur von gemeinsamen Abenden kannte, an denen sie zu dritt Wein getrunken und über belanglose Dinge geredet hatten. Marcus mit seinen ruhigen Händen und dem aufmerksamen Blick, der Lukas manchmal eine Spur zu lange auf dem Mund verweilte. Lukas hatte es bemerkt, natürlich hatte er es, aber er hatte es unter „freundlichem Interesse“ verbucht, unter „vielleicht bilde ich mir das ein“. Jetzt, in dieser halbdunklen Betonzelle, wurde aus der Einbildung etwas Handfestes, etwas, das Emma soeben ausgesprochen hatte und das nun Realität war.
„Marcus kommt in einer Viertelstunde“, sagte Emma und lächelte dieses Lächeln, das Lukas schon immer ein wenig den Atem geraubt hatte. „Bis dahin – nur wir beide. Keine Regeln. Nur das, was sich richtig anfühlt.“
Lukas schluckte. Die Frage nach seiner Sexualität hatte ihn nie sonderlich beschäftigt, jedenfalls nicht so, dass er sie für sich selbst hätte beantworten müssen. Er mochte Frauen, das wusste er, aber es hatte Momente gegeben, flüchtige Blicke in der U-Bahn, einen zu langen Händedruck, bei dem sein Puls schneller geworden war. Momente, die er nie benannt hatte, weil ihnen die Dringlichkeit fehlte. Jetzt, mit Emmas Worten im Ohr und der Vorstellung von Marcus’ Händen, bekamen diese Momente plötzlich ein Gewicht, das ihm den Mund trocken werden ließ.
Wo die Jacke fällt und Blicke mehr sagen als Worte
Emma streifte ihre Lederjacke ab und legte sie sorgfältig über den Handlauf der Treppe. Eine seltsam intime Geste, als bereite sie ein Zimmer für die Nacht vor. Darunter trug sie einen dünnen, grauen Pullover, der an der rechten Schulter ein Stück weit heruntergerutscht war und den Ansatz ihres Schlüsselbeins freigab. Lukas registrierte jede Einzelheit mit einer Klarheit, die ihn selbst überraschte. Er bemerkte den feinen Stoff, der sich über ihren Brüsten spannte, sowie die kleine Narbe an ihrem Hals, die von einem Fahrradunfall in der Kindheit stammte. Auch den leichten Schimmer von Schweiß auf ihrer Stirn registrierte er, obwohl es hier eher kühl war.
„Du siehst mich an, als würdest du mich zum ersten Mal richtig wahrnehmen“, sagte Emma leise.
„Vielleicht tue ich das auch“, antwortete Lukas, und seine Stimme war rauer als beabsichtigt.
Es stimmte. Er kannte Emma seit Jahren und war vertraut mit ihrer Art zu lachen, ihren Marotten und den Geschichten hinter ihren Narben. Aber er hatte nie erlaubt, dass sein Blick länger auf ihr verweilte, als es gesellschaftlich angemessen war. Jetzt, da das Verbot aufgehoben war, wurde aus dem Betrachten ein Verlangen, das sich mit jedem Atemzug tiefer in seinen Körper grub.
Emma machte einen Schritt auf ihn zu. Sie war kleiner als er, musste den Kopf heben, um ihm in die Augen zu sehen, und diese Bewegung ließ die Spannung zwischen ihnen ins Unerträgliche steigen. „Darf ich dich küssen?“, fragte sie, und es war eine echte Frage, keine rhetorische. Sie wartete auf seine Antwort.
„Ja“, sagte Lukas. „Bitte.“
Ihr Mund war weich und bestimmt zugleich. Sie küsste nicht wie jemand, der etwas ausprobierte, sondern wie jemand, der genau wusste, was er wollte. Ihre Lippen öffneten sich, ihre Zunge suchte seine, und Lukas spürte, wie sein ganzer Körper auf diesen Kuss reagierte, als hätte er jahrelang darauf gewartet. Seine Hände legten sich auf ihre Hüften, erst zaghaft, dann mit wachsendem Druck, während Emma ihre Finger in seinen Nacken grub und ihn näher zu sich zog.
Das Treppenhaus um sie herum existierte kaum noch. Nur das Echo ihrer Atemzüge, das leise Geräusch von Stoff, der sich an Jeans rieb, und das Summen der kaputten Neonröhre, das monoton und fern klang wie das Meer in einer Muschel.
Emma löste sich zuerst. Ihre Lippen waren leicht geschwollen, ihre Wangen gerötet. „Das war erst der Anfang“, murmelte sie und fuhr mit einem Finger die Linie seines Kiefers entlang. Sie blickte dabei in seine Augen, und in diesem Blick lag nicht nur Lust, sondern auch Zärtlichkeit – eine Mischung, die Lukas tiefer traf, als er erwartet hatte. „Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass Marcus das gleich mit ansieht? Dass er zusehen wird, wie ich dich berühre, und dass er dann näher kommt und uns beide berührt?“
Die Frage traf ihn an einer Stelle, von der er nicht gewusst hatte, dass sie existierte. Es war nicht nur die Vorstellung von Emma, die ihn erregte. Und es war nicht nur die Vorstellung von der körperlichen Lust. Es war das Bild von Marcus, der ihn beobachtete und zu ihnen trat. Es war der Gedanke, begehrt zu werden, und zwar von beiden. Bisexuelle Anziehung, dachte er, aber das Wort war zu akademisch, zu trocken für das, was in ihm vorging. Es war wie eine Tür, die sich in einem stockdunklen Raum einen Spaltbreit öffnete und Licht hereinließ, das nicht grell war, sondern warm.
„Ich will es“, sagte er, und es klang einfacher, als es war. „Ich will, dass er kommt.“ Dass er uns zusieht. Dass er mich anfasst.“ Die letzten Worte kamen zögerlich, aber sie waren da, und als sie ausgesprochen waren, fühlte Lukas eine Leichtigkeit, die er nicht erwartet hatte. Kein Schrecken, keine Scham – nur die Gewissheit, dass etwas Neues begann.
Emma lächelte, und diesmal war es ein Lächeln, das ihn nicht atemlos machte, sondern geborgen. „Gut. Dann gehen wir ein paar Stufen höher. Der Treppenabsatz zwischen dem vierten und fünften Stock ist breiter – und dort brennt keine Lampe, die stört. Nur das Notlicht von oben. Perfekt für das, was wir vorhaben.“ Sie griff nach ihrer Lederjacke und bedeutete ihm, ihr zu folgen.
Hände, die sich suchen, und ein Schatten, der näher kommt

Der Treppenabsatz zwischen dem vierten und fünften Stock war tatsächlich anders als der Rest des Treppenhauses. Er war breiter und bot fast so viel Platz wie ein kleines Zimmer. Außerdem waren die Wände nicht mit diesem kalten Grau gestrichen, sondern mit einer dunkleren Farbe, die das gedämpfte rote Licht der Notbeleuchtung seltsam warm reflektierte. Von unten hörte man nichts, von oben nur das gelegentliche Knacken des alten Betons. Emma stellte sich mit dem Rücken an die Wand und zog Lukas zu sich.
„Jetzt sind wir wirklich allein“, sagte sie und öffnete den obersten Knopf seiner Jeans.
Lukas atmete scharf ein, als ihre Finger die Haut unter seinem Hemd berührten. Er legte seine Hände auf ihre Schultern und schob den Pullover nach unten, bis er den Ansatz ihrer Brüste und den Rand ihres BHs ganz freigab. Seine Finger waren ungeschickt und zugleich zielstrebig – sie fanden ihren Weg wie von selbst, als hätte sein Körper schon lange darauf gewartet, diese Berührungen auszuführen.
„Fass mich an“, flüsterte Emma und legte seine Hände direkt auf ihre Brüste. „Richtig. Nicht zögerlich. Ich bin nicht aus Glas.“
Er tat es. Er spürte ihre Brustwarzen hart unter dem Stoff werden, hörte ihr leises Stöhnen, als seine Daumen darüberstrichen. Sie schob sein Hemd nach oben und legte ihre flache Hand auf seinen Bauch, ließ sie weiter gleiten, bis ihre Finger unter dem Bund seiner Boxershorts lagen.
Da hörten sie die Tür.
Es war nur ein leises Klicken, gefolgt von Schritten, die zwei Stockwerke unter ihnen begannen und nun langsam die Treppen hinaufkamen. Emma hielt inne, aber sie zog ihre Hand nicht zurück. Sie sah Lukas an, und ihr Blick war ruhig, fast belustigt.
„Das ist er“, sagte sie. „Bereit?“
Lukas nickte. Sein Herz hämmerte so laut, dass er sicher war, Marcus müsse es hören, bevor er oben ankam.
Die Schritte kamen näher. Gleichmäßig, schwer, die Schritte eines Mannes, der es nicht eilig hatte. Und dann tauchte Marcus im Treppenhaus auf, erst als dunkle Silhouette gegen das trübe Licht des dritten Stocks, dann deutlicher, je höher er stieg. Er trug eine schwarze Jacke und eine Jeans, und als er den Treppenabsatz unter ihnen erreichte, blieb er stehen und sah herauf.
Einen Moment lang war es völlig still. Marcus musterte die Szene: Emma, an die Wand gelehnt, den Pullover halb von den Schultern gerutscht, und Lukas dicht vor ihr, mit geöffneter Jeans und fahrigem Atem. Dann lächelte Marcus, und es war kein triumphierendes Lächeln, sondern eines, das echte Freude ausdrückte.
„Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte er leise, während er die letzten Stufen zu ihnen hinaufstieg.
„Du störst genau richtig.“ Emmas Stimme war dunkel vor Verlangen. „Komm her. Schau nicht nur zu. Ich will, dass du ihn berührst, während er mich berührt.“
Lukas fühlte, wie sich sein ganzer Körper spannte, als Marcus hinter ihn trat. Nicht vor Schreck, sondern vor Erwartung – einer Erwartung, die sich so lange aufgestaut hatte, dass ihre Entladung fast schmerzhaft sein würde. Er spürte Marcus’ Atem an seinem Nacken, dann eine Hand, die sich langsam auf seine Schulter legte.
„Ist das okay?“, fragte Marcus. Auch er wartete auf eine Antwort, und Lukas liebte ihn für diese Frage, liebte beide dafür, dass sie ihn nicht einfach überrollten, sondern ihm Raum gaben.
„Ja. Mach weiter.“ Lukas schloss die Augen, als Marcus’ Hand von seiner Schulter über seinen Rücken strich, die Wirbelsäule entlang, bis sie auf seiner Hüfte liegen blieb und dort einen sanften Druck ausübte. Es fühlte sich anders an als Emmas Berührung, aber nicht weniger intensiv – im Gegenteil. Die Unterschiedlichkeit der beiden Hände, der beiden Körper, machte jede einzelne Berührung schärfer, als sie allein je hätte sein können.
Emma begann, seine Jeans ganz zu öffnen, und Marcus’ Hand schob sich unter sein Hemd, während die andere immer noch auf seiner Hüfte lag. Lukas atmete tief durch und konnte gefallen werden in dieses Netz aus Berührungen, das ihn von zwei Seiten umgab. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, dass sein Begehren keine Einbahnstraße war – dass er sich nicht entscheiden musste, dass die Lust auf Emma die Lust auf Marcus nicht schmälerte, sondern vervielfachte.
Was zwischen den Körpern geschieht, braucht keine Namen.
Emma ließ sich an der Wand hinabgleiten, bis sie auf dem kalten Beton kniete, und zog Lukas sanft mit sich. Marcus folgte, positionierte sich hinter Lukas, sodass dieser zwischen ihnen saß wie in einer Klammer aus Wärme. Lukas spürte Emmas Hände an seinem Gürtel, wie sie ihn öffnete, die Jeans nach unten schob, die Boxershorts, bis er hart und bloß in der kühlen Luft des Treppenhauses stand. Gleichzeitig legte Marcus seine Arme von hinten um ihn, presste seine Brust an Lukas’ Rücken und fand mit seinen Händen Lukas’ Brustwarzen, die er mit einer Geduld rieb, die fast unerträglich war.
„Lass dich einfach gehen“, murmelte Marcus an seinem Ohr, und die Vibration seiner tiefen Stimme lief durch Lukas’ Körper wie ein elektrischer Impuls. „Du musst nichts tun. Nur fühlen. Nur genießen. Wir beide sind für dich da.“
Emma blickte zu ihm auf, und in der trüben Notbeleuchtung sah sie aus wie etwas, das nicht ganz in diese triste Betonwelt gehörte. Ihre Lippen waren geöffnet, ihre Zunge fuhr kurz über die untere, bevor sie sich vorbeugte.
Als ihre Lippen ihn umschlossen, stöhnte Lukas so laut auf, dass das Echo von den Wänden widerhallte. Sie nahm ihn tief in den Mund, ihre Zunge spielte um seine Eichel, während eine Hand seine Hoden massierte. Gleichzeitig glitten Marcus’ Hände tiefer, über seinen Bauch und seine Hüften, und während Emma ihn liebkoste, übernahm Marcus’ Hand die Bewegung, wenn sie eine Pause machte. Es war, als würden sie ohne Worte kommunizieren, als hätten sie dieses Spiel schon hundertmal geübt, und Lukas war der Mittelpunkt, um den sie kreisten, die gemeinsame Quelle ihrer Aufmerksamkeit.
Emma zog sich kurz zurück und sah zu Marcus hinauf. „Lass mich zusehen, wie du ihn küsst“, verlangte sie, und ihre Stimme war heiser. „Richtig. Auf den Mund. Ich will sehen, wie er darauf reagiert.“
Marcus zögerte keine Sekunde. Er drehte Lukas’ Kopf sanft zu sich, und dann trafen sich ihre Lippen, und es war völlig anders als der Kuss mit Emma. Der Kuss war fester und fordernder, mit dem Geschmack eines anderen Mannes und der leichten Rauheit des Kinns, das an seinem rieb. Lukas hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, ob ihm das gefiel; sein Körper antwortete für ihn, indem er sich Marcus entgegendrängte, seine Zunge tiefer suchte und seine Hände nach hinten griffen, um Marcus’ Hüfte zu umfassen.
„Genau so“, hörte er Emma flüstern. Dann senkte sie ihren Kopf wieder und nahm ihn erneut in den Mund. Die Kombination dieser beiden Empfindungen – Marcus’ fordernder Kuss auf seinem Mund und Emmas warme, nasse Geschicklichkeit an seinem Schwanz – ließ Lukas jede Kontrolle über seinen Körper verlieren. Er war nicht mehr Subjekt, sondern Objekt, und das war vollkommen in Ordnung so.
Marcus löste den Kuss und begann, Lukas’ Hals zu küssen, seine Schultern, alles, was er erreichen konnte. Währenddessen wanderten seine Hände über Lukas’ Brust und Bauch und fanden schließlich Emmas Kopf, der sich rhythmisch bewegte. Er legte seine Finger in ihr Haar, nicht dirigierend, sondern zärtlich, und Emma stöhnte leise um Lukas herum, was eine Vibration auslöste, die ihm ein weiteres Stöhnen entlockte.
„Ich will dich in mir spüren“, flüsterte Emma. Sie ließ von ihm ab und lehnte sich zurück. Dann zog sie ihren Pullover ganz aus, öffnete ihren BH und warf beides achtlos beiseite. Ihre Brüste waren klein und fest, ihre Brustwarzen hart und dunkel im rötlichen Licht. Anschließend öffnete sie ihre Jeans und streifte sie zusammen mit ihrer Unterhose ab, bis sie schließlich nackt vor ihnen auf dem kahlen Beton kniete.
„Komm her. Jetzt. Wir haben nicht ewig Zeit. Ich will dich in mir spüren, während er uns dabei zusieht und uns beide berührt. Alles andere können wir später ausprobieren. Für heute will ich dich in mir haben und ihn ganz nah bei uns wissen. Das reicht mir fürs Erste.“
Lukas nickte, außerstande zu sprechen. Marcus half ihm, sich über Emma zu positionieren, ohne die Verbindung zwischen ihnen zu verlieren. Seine Hand lag auf Lukas’ unterem Rücken, während er zusah, wie Lukas in Emma eindrang – ein einziger, tiefer Stoß, bei dem sie beide laut aufstöhnten.
Emma schlang ihre Beine um seine Hüften und ihre Arme um seinen Nacken. Sie zog ihn tief in sich hinein und bewegte sich ihm entgegen, während Marcus nun beide berührte: eine Hand auf Emmas Brust, die andere auf Lukas’ Hintern, ihn tiefer drückend und den Rhythmus bestimmend. Es war ein Dreiklang aus Bewegung, Schweiß und keuchenden Atemzügen, die im Treppenhaus widerhallten und einen Kontrapunkt zum monotonen Summen der Neonröhre bildeten.
Lukas verlor jedes Zeitgefühl. Er spürte Emmas Enge um seinen Schwanz und Marcus’ feste Hand auf seinem Hintern und zwischen seinen Schulterblättern. Er hörte die leisen, kehligen Laute beider und roch den Schweiß und den Sex und den kalten Staub. Und das alles verschmolz zu einer Wahrnehmung, die er nicht mehr getrennt verarbeiten konnte. Er fickte Emma mit tiefen, gleichmäßigen Stößen. Währenddessen rieb sich Marcus von hinten an ihm. Die Lust baute sich auf wie eine Welle, die von weit draußen kam und unaufhaltsam auf die Küste zuraste.
„Ich komme“, keuchte Emma, und ihre Fingernägel gruben sich in Lukas’ Schultern. „Oh Gott, ich komme, hör nicht auf, hör um Himmels willen nicht auf –“ Ihr Körper spannte sich, zitterte, und das löste etwas in Lukas, das er nicht länger halten konnte. Er stieß ein letztes Mal tief und hart zu und ergoss sich in ihr. Währenddessen hielt und stützte Marcus ihn. Seine Lippen schmeckten nach Lukas’ Schweiß und seine eigene Erregung presste gegen Lukas’ Körper.
Der Orgasmus raubte Lukas das Sehvermögen, das Gehör, jeden rationalen Gedanken. Es gab nur noch diesen einen Moment, diesen einen Punkt. Und dann löste sich alles auf in ein Zittern, das seinen ganzen Körper erfasste wie eine Stimmgabel, die angeschlagen wurde und immer weiterschwang.
Zwischen Etagen und dem, was morgen möglich ist
Sie blieben noch eine Weile auf dem Betonboden liegen, ineinander verschlungen, während ihre Atmung sich allmählich beruhigte. Emma hatte ihren Kopf auf Lukas’ Brust gebettet, Marcus hielt beide im Arm, und durch die Milchglasscheibe des Treppenhausfensters fiel das gedämpfte orange Licht einer fernen Straßenlaterne. Über ihnen summte noch immer die Neonröhre, aber jetzt klang sie nicht mehr feindselig, sondern beruhigend, fast vertraut.
„Ich wusste nicht, dass es sich so anfühlen kann“, sagte Lukas irgendwann. Seine Stimme war leise, aber sie hallte in der Stille nach wie ein Stein, den man in einen Brunnen wirft. „Dass man beide gleichzeitig begehren kann, ohne dass es sich widerspricht. Ich dachte immer, man müsse sich entscheiden. Aber das hier – das fühlt sich an, als wäre ich erst jetzt ganz. Er hielt inne und spürte Emmas Haar an seiner Wange, Marcus’ warmen Atem an seinem Nacken. „Als hätte ich einen Teil von mir gefunden, von dem ich nicht wusste, dass er existiert. Oder vielmehr: von dem ich wusste, dass er existiert, aber ich hatte Angst, hinzuschauen. Weil ich dachte, es würde bedeuten, das andere aufzugeben. Aber es bedeutet gar nichts, aufgeben. Es bedeutet nur dazugewinnen. Emma und dich. Und mich selbst.“
Emma richtete sich ein wenig auf und sah ihn an. Ihre Augen waren klar, ernst, ohne jede Spur von Nachsicht oder Belustigung. „Das ist genau der Grund, warum ich wollte, dass wir das machen. Nicht nur für uns, nicht nur, weil ich dich immer schon attraktiv fand und Marcus genauso. Sondern weil ich sehen konnte, dass da etwas in dir schlummert, das du nie geweckt hast. Diese Schwelle, an der du immer stehengeblieben bist. Und ich dachte, vielleicht brauchst du einfach jemanden, der sie mit dir überschreitet. Jemanden, der dich an die Hand nimmt und sagt: „Es ist okay.“ Du darfst. Du bist nicht falsch. Du bist einfach nur du, und das ist genug, und das ist richtig, und das ist wunderschön.“ Sie streichelte seine Wange mit einer Zärtlichkeit, die fast mütterlich war und zugleich vollkommen erwachsen und sinnlich. „Bisexuelle Anziehung ist kein Entweder-oder, Lukas. Sie ist ein Sowohl-als-auch. Und du musst dich nicht festlegen, musst kein Label tragen, das dir nicht passt. Du musst nur fühlen, was du fühlst, und es zulassen. Mehr nicht. Der Rest kommt von allein.“
Marcus nickte. Er hatte sich etwas zur Seite gedreht, zog jetzt seine Jeans wieder hoch, aber langsam, ohne Hast. „Ich war vierundzwanzig, als ich das erste Mal mit einem Mann geschlafen habe. Vor dieser Erfahrung hatte ich zwei Freundinnen und war stets überzeugt, dass ich hetero sei. Nicht aus Überzeugung, sondern weil ich nie darüber nachgedacht hatte. Und dann stand da auf einmal dieser Typ in einer Bar, und er sah mich an, und ich wusste: Das will ich. Das ist kein Ersatz, keine Verwirrung – das ist echt. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich es meiner besten Freundin erzählt habe. Zwei Jahre, in denen ich dachte, mit mir stimme etwas nicht. Dabei stimmte mit mir nichts anderes als mit jedem anderen auch. Ich mochte einfach Menschen. Männer, Frauen – was zählt, ist die Person. Und jetzt, wo das für mich klar ist, fühlt es sich an, als wäre ein Knoten geplatzt. Kein Widerspruch mehr. Nur noch Möglichkeiten. Und das ist ein verdammt schönes Gefühl.“ Er lächelte und strich Lukas kurz über den Rücken. „Du musst nicht sofort alles benennen. Du musst nicht einmal mit mir schlafen, wenn du nicht bereit dafür bist. Heute warst du mit Emma zusammen, und ich war dabei, und das war ideal so. Vielleicht gibt es ein nächstes Mal, vielleicht nicht. Aber was auch immer passiert – was du heute über dich gelernt hast, das nimmt dir keiner mehr. Das gehört dir. Für immer.“
Lukas spürte, wie etwas in ihm sich löste, von dem er nicht gewusst hatte, dass es so fest saß. Er setzte sich auf, zog seine Jeans hoch und atmete tief durch. Der Geruch des Plattenbaus war jetzt nicht mehr modrig, sondern vertraut. Kindheitserinnerungen an Besuche bei der Großmutter kamen hoch – die Aufzugtüren, die so schwer zugingen, die Klingeln, die alle gleich klangen, der Geruch von Kohlrouladen im Treppenhaus. All das war jetzt verbunden mit dieser neuen Erfahrung, und der Gedanke war tröstlich. Als hätte sich ein Kreis geschlossen.
„Ich möchte euch beide wiedersehen“, sagte er schließlich. „Nicht heute. Heute muss ich das erst mal verarbeiten. Aber bald. Vielleicht bei mir zuhause? Mit einem Bett und einer Dusche und ohne Neonröhren und Beton unter dem Rücken. Ich glaube, ich wäre bereit für mehr. Für alles, was ihr mir zeigen wollt. Und alles, was ich euch zeigen kann.“ Er lächelte, und es war kein unsicheres Lächeln, sondern eines, das von einer neuen Gewissheit zeugte.
Emma und Marcus tauschten einen Blick. Dann nickte Emma. „Das klingt nach einem Plan. Einem hervorragenden Plan sogar. Aber jetzt lass uns erst mal hier verschwinden, bevor der Hausmeister seine Runde dreht. Ich habe keine Lust, meine halbe Garderobe aus dem Treppenhaus zu fischen, während ein Siebzigjähriger uns Vorträge über jugendlichen Leichtsinn hält. Kommt, ich gebe euch draußen noch einen Kuss – einen zahmen, für den Anfang vom neuen Durchstarten – und dann sehen wir uns nächste Woche. Deal?“
„Deal“, sagten beide Männer gleichzeitig und begannen zu lachen.
Sie sammelten ihre Sachen ein, zogen sich an und gingen die Treppen hinunter, drei Paar Schritte, die im leeren Treppenhaus hallten. Unten drückte Emma die Tür auf, und die kalte Nachtluft schlug ihnen entgegen, klar und frisch, ganz anders als die abgestandene Wärme, die sie hinter sich ließen. Auf dem menschenleeren Gehweg gab sie Lukas einen Kuss auf die Wange, Marcus ebenfalls, und dann stiegen sie in verschiedene Richtungen in die Nacht hinaus.
Lukas blieb noch einen Moment stehen und sah ihnen nach. Das hatte er heute gelernt, dachte er: dass Verlangen sich nicht in Schubladen sortieren lässt. Dass er nicht der war, der er gestern gewesen war. Dass es keine Rolle spielte, wie er es nannte – bisexuell oder einfach nur Lukas. Dass es genügte, zu fühlen. Und dass da draußen, in dieser Stadt voller Plattenbauten und vergessener Treppenhäuser, zwei Menschen waren, die ihm Folgendes gezeigt hatten. Der nächste Schritt musste nicht in einen Abgrund führen, sondern konnte in etwas Neues, Weites münden, von dem er nicht gewusst hatte, dass es auf ihn wartete. Er steckte die Hände in die Taschen und ging nach Hause, und in seiner Brust war eine Wärme, die nicht von der Heizung stammte und auch nicht von der Anstrengung des Abends. Sie stammte von der einfachen, unumstößlichen Gewissheit, dass er sich selbst ein Stück näher gekommen war. Und dass das erst der Anfang war.
– ENDE –
Falls dir diese erotische Geschichte gefallen hat, bewerte sie doch bitte.



