Lesbische Verführung
»Hör auf zu grinsen, Isabel. Das ist mein Ernst.«
Annika hielt das hochrote Strandtuch wie einen Schild vor ihre Brust. Sie funkelte ihre beste Freundin an, die bereits seelenruhig auf der karierten Wolldecke lag, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Es sah so aus, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt, als sich an diesem verlassenen Baggersee in die Sonne zu legen.
»Ich grinse nicht«, sagte Isabel und grinste breiter.
»Du grinst genau so, wie du gegrinst hast, als du meintest, wir fahren an einen ›total frequentierten Badesee mit Kiosk und allem Drum und Dran‹.« Annika ließ das Strandtuch sinken und deutete auf die umliegende Wildnis. »Wo ist der Kiosk, Isabel? Wo sind die Leute? Wo ist – irgendwas außer Brennnesseln und diesem verdächtig stillen Wasser?«
Isabel reckte den Hals und tat, als würde sie sich suchend umschauen. »Der Kiosk … ist in unseren Herzen. Und die Leute – wir sind doch Menschen. Zwei Stück. Völlig ausreichend.«
»Du hast mich in die Pampa entführt.«
»Ich habe dich an einen Ort gebracht, an dem niemand deine kreischenden Kinder oder deine passive-aggressive Schwiegermutter findet. Du könntest dankbar sein.«
Annika öffnete den Mund, schloss ihn wieder und ließ sich dann mit einem dramatischen Seufzer auf die Decke fallen. Die Mittagshitze lag schwer über der kleinen Lichtung, nur das Zirpen der Grillen und das gelegentliche Plätschern des Wassers durchbrachen die Stille. Der Baggersee war tatsächlich wunderschön – türkisgrün schimmernd, umstanden von alten Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hingen. Kein Mensch in Sichtweite. Nur sie beide, die Decke und ein picknickgefüllter Rucksack, aus dem Isabel gerade zwei Dosen Aperol Spritz zog.
»Du bist unverbesserlich«, murmelte Annika, nahm die Dose aber bereitwillig entgegen.
»Ich bin genial«, korrigierte Isabel und stieß mit ihr an. »Auf den geheimsten See Brandenburgs und auf Freundinnen, die sich zu selten sehen.«
Sie tranken schweigend, während die Sonne auf ihre Haut brannte. Annika spürte, wie die Anspannung der letzten Wochen langsam von ihr abfiel – der Spagat zwischen Job, Kindern und einem Ehemann, der neuerdings mehr auf sein Handy starrte als in ihre Augen. Sie hatte Isabel seit Monaten nicht mehr gesehen, und jetzt, in der flirrenden Hitze mit dem kühlen Getränk in der Hand, fragte sie sich, warum eigentlich.
Isabel streifte ihr Top über den Kopf. Darunter trug sie einen zweiteiligen Badeanzug in tiefem Weinrot, der ihre sommersprossigen Schultern und die Rundung ihrer Brüste perfekt zur Geltung brachte. Annika beobachtete die Bewegung eine Sekunde zu lang. Sie registrierte das mühelose Selbstbewusstsein, mit dem Isabel sich bewegte – so anders als sie selbst, die selbst am einsamsten Strand noch darüber nachdachte, ob ihr Bikini nicht vielleicht zu viel oder zu wenig zeigte.
»Zieh dich aus«, sagte Isabel. »Das Wasser wartet nicht.«
Annika zögerte. Dann griff sie entschlossen zum Saum ihres Kleides.
Was unter der Oberfläche lauert
Das Wasser war kälter als erwartet, ein jäher Schock nach der gleißenden Hitze, und Annika keuchte auf, als es ihre Oberschenkel umspülte. Isabel watete bereits bis zur Hüfte voraus, die Arme ausgebreitet, als wolle sie den ganzen See umarmen. Ihr Lachen hallte über das Wasser.
»Komm schon, du Frostbeule!«
»Ich komme – ich komme nur langsam.« Annika biss die Zähne zusammen und ging weiter, bis das Wasser ihre Taille erreichte, ihren Bauch, die empfindliche Haut unter ihren Brüsten. Sie spürte jeden Temperaturunterschied, jeden feinen Strudel um ihre Knöchel. Vor ihr drehte Isabel sich um, und das Sonnenlicht brach sich auf ihren nassen Schultern.
»Siehst du? Niemand kreischt, niemand will etwas von dir, und dein Handy hat keinen Empfang. Das Paradies.«
»Das Paradies hat Mücken«, gab Annika zurück, aber sie lächelte dabei und tauchte endlich ganz unter. Als sie wieder auftauchte, war Isabel näher herangerückt. So nah, dass Annika die einzelnen Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken und die kleinen Krähenfüße um ihre Augen erkennen konnte, wenn sie lächelte.
»Du hast dich verändert«, sagte Isabel leise.
»Ich habe drei Kilo zugenommen und Augenringe bis zu den Knien.«
»Du hast vergessen, wie man entspannt. Das meine ich.« Isabels Stimme war weich, ohne den neckenden Unterton von eben. Sie hob eine Hand aus dem Wasser und strich eine nasse Strähne aus Annikas Stirn. Die Geste war nichts Besonderes, etwas, das sie hundertmal getan hatte, und doch lief ein kleiner Schauer über Annikas Rücken.
»Das Leben ist gerade … viel«, gab Annika zu.
»Dann lass es hier im Moment.« Wirf es in den See.
Annika lachte auf. »Wenn das so einfach wäre.«
»Ist es. Du musst nur – Isabel griff nach ihrer Hand, hob sie aus dem Wasser und ließ sie dann los, sodass Annikas Handfläche auf die Oberfläche klatschte. »Loslassen. Siehst du? Einfach loslassen.«
Etwas in Annikas Brust lockerte sich. Sie konnte zurückgesunken werden, spürte den Auftrieb des Wassers, das sie trug. Isabel neben ihr tat dasselbe, und für einen langen Moment trieben sie einfach, Gesichter dem Himmel zugewandt, die Finger im Wasser fast – aber nicht ganz – berührend. Annika dachte an den Kiosk, den es nicht gab, an die Leute, die abwesend waren, und an Isabel, die gelogen hatte, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, nur um sie hier herauszuholen.
»Du bist eine schreckliche Freundin«, sagte sie, aber es klang wie eine Liebeserklärung.
»Die schrecklichste«, stimmte Isabel zu, und ihr kleiner Finger hakte sich unter Wasser in Annikas.
Wo Worte überflüssig werden und Blicke alles sagen
Sie trockneten sich am Ufer ab. Annika war sich jeder Bewegung Isabels überdeutlich bewusst – wie sie das Handtuch über ihre Arme führte, wie Wassertropfen an ihrem Nacken hinunterliefen und in dem kleinen Grübchen zwischen ihren Schulterblättern verschwanden. Sie schob den Gedanken beiseite, sofort und routiniert, wie sie es immer tat. Isabel war ihre beste Freundin. Isabel war wunderschön, ja, aber das war nichts, worüber sie nachdenken musste.
»Ich habe uns Caprese gemacht«, verkündete Isabel und kramte zwei Tupperdosen aus dem Rucksack. »Und es gibt Ciabatta. Und mehr Aperol. Und Wassermelone.«
Sie aßen mit den Fingern, leckten sich Olivenöl und Tomatensaft von den Handgelenken. Irgendwann legte Isabel sich auf den Bauch, das Kinn auf die verschränkten Arme gestützt, und sah Annika einfach nur an. Lange. Ohne etwas zu sagen.
»Was?«, fragte Annika schließlich, verunsichert.
»Nichts. Ich sehe dich nur an. Dich anschauen ist nicht verboten, oder?«
»Es ist … ungewohnt. In letzter Zeit sieht mich niemand wirklich an. Nicht so. Nicht …« Sie brach ab, weil ihr die Worte zu nah kamen, zu wahr.
Isabel richtete sich halb auf, stützte sich auf einen Ellbogen. Das weinrote Oberteil ihres Badeanzugs war noch feucht, der Stoff schmiegte sich an sie wie eine zweite Haut. »Dann sind sie alle Idioten«, sagte sie schlicht.
Annika spürte, wie etwas in ihrem Inneren kippte. Vielleicht war es die Hitze. Vielleicht der Aperol auf nüchternen Magen. Vielleicht die Tatsache, dass Isabel sie ansah, als wäre sie etwas Kostbares, etwas, das man behutsam auspacken musste. Sie beugte sich vor, ohne nachzudenken, und küsste Isabel auf den Mund.
Nur einen Herzschlag lang. Leicht wie ein Blatt, das auf Wasser fällt.
Dann zuckte sie zurück, als hätte sie sich verbrannt. Ihre Lippen kribbelten. »Oh Gott. Isabel. Das – ich weiß nicht, warum ich das – es tut mir leid, ich –
Isabel hielt ihren Blick fest. Kein Schrecken in ihren Augen, keine Verwirrung. Eher etwas wie ein stilles, lang erwartetes Ja. Sie hob eine Hand, legte sie an Annikas Wange, die Daumenkuppe strich über ihre erhitzte Haut.
»Du musst dich nicht entschuldigen«, flüsterte sie. »Nicht dafür.«
Und dann küsste Isabel sie.
Diesmal kein flüchtiger Hauch, sondern ein Kuss, der blieb. Der sich entfaltete wie eine Blüte in Zeitlupe. Isabels Lippen waren weich und warm und schmeckten nach Aperol und Salz, und Annikas ganzer Körper antwortete, bevor ihr Verstand überhaupt begriff, was geschah. Ihre Hände fanden Isabels Schultern, zogen sie näher, während der Kuss tiefer wurde, fragender, fordernder. Isabels Zunge strich fragend über Annikas Unterlippe, und Annika öffnete sich ihr mit einem kleinen, erstickten Laut.
Sie schmeckte nach Sommer. Nach etwas, das Annika nie gewusst, aber immer geahnt hatte.
Als sie sich voneinander lösten, atemlos, mit glasigen Augen, lachte Isabel leise auf. Es war kein spöttisches Lachen, sondern ein glückliches. »Ich dachte schon, du fragst mich nie.«
»Du – du hast das gewollt? Die ganze Zeit?«
»Annika. Seit Jahren. Aber du warst so beschäftigt mit deinem Leben, deinem Mann, deinen Kindern, deiner makellosen Fassade. Ich wollte dich nicht drängen. Ich wollte nur … dir nahe sein. Auf welche Weise auch immer.«
Annikas Kehle fühlte sich eng an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, also sagte sie nichts. Stattdessen küsste sie Isabel wieder.
Wenn Hände endlich finden, was sie nie zu suchen wagten

Isabel legte sich zurück auf die Decke und zog Annika mit sich, ohne den Kuss zu unterbrechen. Ihre Körper schmiegten sich aneinander, nasse Badekleidung, heiße Haut, und Annika spürte zum ersten Mal bewusst die Weichheit einer anderen Frau unter sich. Isabels Oberschenkel zwischen ihren, Isabels Brüsten, die sich gegen ihre pressten, Isabels Händen, die über ihren Rücken wanderten und jede Kurve nachzeichneten, als würden sie eine Landkarte lesen.
»Du zitterst ja«, murmelte Isabel gegen ihre Lippen.
»Ich bin nervös. Ich hab so was noch nie – ich meine, ich weiß nicht, was ich –«
»Hey.« Isabel strich ihr übers Haar, beruhigend, zärtlich. »Wir machen nur, was du willst. Nichts, was du nicht willst. Und vor allem: Wir haben Zeit. Der Kiosk hat nicht geöffnet, weißt du?«
Annika musste lachen, und dieser freudige Ausbruch löste die Anspannung ein wenig. Sie ließ ihre Stirn gegen Isabels sinken und atmete den Duft von Sonnencreme, See und Isabel ein. Dann hob sie den Kopf und sah sie an. Isabels braune Augen waren weich und weit, und in ihnen spiegelte sich so viel Zärtlichkeit, dass Annika das Herz eng wurde.
»Ich will«, sagte sie. »Ich möchte das. Ich will dich.«
Langsam, fast ehrfürchtig, schob sie die Träger von Isabels Badeanzug über die Schultern. Der Stoff glitt nach unten und gab Isabels Brüste frei. Annika hielt den Atem an. Sie waren voll und fest, mit dunklen Brustwarzen, die sich in der warmen Luft zusammenzogen. Sie senkte den Kopf und küsste eine davon, ganz behutsam, nur mit den Lippen. Isabel seufzte und legte ihre Hand auf Annikas Hinterkopf, um sie dort zu halten.
»Ja«, hauchte sie. »Genau so.«
Annika nahm die Brustwarze in den Mund, saugte sanft, ließ ihre Zunge darum kreisen. Isabel bäumte sich ein wenig auf, drängte sich ihr entgegen, und das Gefühl, diese Reaktion hervorzurufen, ließ Annikas eigene Erregung heiß und fordernd zwischen ihren Beinen pochen. Sie wechselte zur anderen Brust, ließ ihre Zunge dasselbe langsame Spiel treiben, während ihre Hand über Isabels Bauch wanderte – über die flache, gebräunte Haut, tiefer, bis ihre Finger den Bund von Isabels Bikinihose ertasteten.
»Darf ich?«, flüsterte sie.
»Bitte«, antwortete Isabel, ihre Stimme rau. »Bitte, Annika.«
Annika schob den nassen Stoff beiseite. Ihre Finger fanden weiche, feuchte Wärme – so anders als alles, was sie kannte, und doch auf eine Weise vertraut, die sie erschauern ließ. Sie strich sacht über Isabels Schamlippen, erkundete die geschwollenen Ränder, die glatte Nässe, die sich dort gesammelt hatte. Isabel stöhnte leise und spreizte die Schenkel weiter, lud sie ein.
»Du bist so nass«, murmelte Annika, fast ehrfürchtig.
»Für dich. Die ganze Zeit schon. Seit wir aus dem Wasser kamen.«
Annika spürte, wie ihre eigene Erregung bei diesen Worten zuckte. Sie strich mit dem Finger weiter, fand Isabels Klitoris, diese kleine, harte Spitze, die unter ihrer Berührung zuckte. Sie umkreiste sie, erst zart, dann mit etwas mehr Druck, und Isabels Atem ging schneller, ihre Hüften begannen, sich dem Rhythmus von Annikas Fingern entgegenzubewegen.
»Nicht aufhören«, keuchte Isabel. »Oh Gott, genau da. Genau – ja.«
Annika erhöhte den Druck, malte kleine Kreise, während Isabels Fingernägel sich in ihren Rücken gruben. Sie beobachtete Isabels Gesicht, wie es sich veränderte – der leicht geöffnete Mund, die geschlossenen Augen, das feine Zittern der Lider. Dass sie das tat, dass sie das bewirkte, erfüllte sie mit einer Macht und Zärtlichkeit, die sie nie gekannt hatte.
Dann spürte sie Isabels Hand an ihrem eigenen Bikini, Finger, die sich unter den Stoff schoben, direkt zu ihrer pochenden Mitte. Ein Aufkeuchen entfuhr ihr, als Isabel sie im selben Rhythmus zu berühren begann, in dem Annika sie streichelte. Ihre Finger fanden einander nicht, aber sie bewegten sich im Gleichtakt, und das war vielleicht noch intimer – zwei Frauen, die sich gaben, was sie selbst kannten, und im Geben empfingen.
»Komm«, flüsterte Isabel. »Komm mit mir.«
Annika nickte, keuchend, und tauchte einen Finger tiefer in Isabel ein, dann zwei. Spürte, wie die Muskeln sich um sie schlossen, heiß und pulsierend. Gleichzeitig glitten Isabels Finger in sie, füllten sie, und Annika verlor jeden Rest von Kontrolle. Sie bewegten sich zusammen, schneller, drängender, und die Wellen, die sich in Annikas Unterleib aufbauten, waren wie das Wasser des Sees – kalt und heiß zugleich, überwältigend und unausweichlich.
Isabel kam zuerst. Ein langer, tiefer Schrei, den sie halb in Annikas Schulter erstickte, während ihr Körper sich aufbäumte und um dessen Finger herum pulsierte. Und das Gefühl, dass Isabel sich ihr so vollkommen hingab, kippte auch Annika über die Kante. Sie verspürte ein orgasmisches Zucken, das durch ihren ganzen Körper fuhr und sie schluchzen ließ, während Isabel sie immer weiter streichelte, durch jede Welle hindurch. Annika sackte zitternd und leer und vollkommen erfüllt auf Isabel zusammen.
Was bleibt, wenn die Sonne weiterwandert
Die Schatten der Weiden waren länger geworden, als Annika wieder zu sich kam. Sie lag halb auf Isabel, den Kopf an ihrer Schulter, und lauschte dem langsamen, ruhigen Herzschlag unter ihrem Ohr. Irgendwo weit entfernt rief ein Vogel. Der See glitzerte noch, aber jetzt im tiefen Gold der späteren Nachmittagssonne.
»Ich kann meine Beine nicht spüren«, murmelte Annika.
»Das ist gut so. Dann kannst du nicht weglaufen.«
»Ich will gar nicht weglaufen.« Sie hob den Kopf und sah Isabel an. Da war ein neuer Glanz in Isabels Augen, eine Zufriedenheit, die tiefer saß als bloße körperliche Entspannung. »Das war … ich habe keine Worte dafür.«
Isabel lächelte. »Dann such keine. Fühl es einfach.«
Annika ließ sich zurücksinken und fühlte tatsächlich einfach – die Wärme, die noch in ihren Gliedern pulsierte, die Nässe zwischen ihren Schenkeln, den Geruch von beider Haut, der sich mit dem erdigen Duft der Wiese mischte. Ihr ganzes Leben lang hatte sie gedacht, sie wüsste genau, wer sie war. Eine Ehefrau, eine Mutter, eine Frau, die ihr Leben nach einem Plan lebte, der ihr irgendwann ausgehändigt worden war. Jetzt, an diesem abgelegenen Baggersee, mit dem Geschmack einer anderen Frau auf der Zunge, war sie sich da nicht mehr so sicher.
»Ich muss dir etwas sagen«, begann sie, aber Isabel legte ihr einen Finger auf die Lippen.
»Sag es nicht. Nicht jetzt. Nicht Dinge wie ›Was mache ich jetzt mit meinem Mann?‹ oder ›Das war ein Fehler.‹ oder ›Es tut mir leid.‹ Das können wir später klären. Oder nie. Aber nicht jetzt, okay? Jetzt will ich nur, dass du hier bist. Bei mir. Ohne schlechtes Gewissen.«
Annika nickte stumm. Isabel hatte recht, natürlich hatte sie recht, wie immer. Die Fragen würden nicht weglaufen. Die Entscheidungen, die Konsequenzen, die schwierigen Gespräche – all das existierte noch, irgendwo außerhalb dieser Lichtung, aber es konnte warten. Es musste warten.
Sie setzte sich auf und griff nach der Wassermelone, die noch unberührt in der Kühlbox lag. Biss in das kühle, süße Fruchtfleisch, ließ den Saft übers Kinn laufen und lachte, als Isabel sich vorbeugte, um ihn mit der Zunge aufzufangen. Das Lachen fühlte sich neu an, als hätte sie es lange nicht benutzt.
»Weißt du«, sagte Isabel und nahm ihr die Melone aus der Hand, um selbst hineinzubeißen, »ich hatte gehofft, dass das so kommt. «Aber ich hätte nicht gedacht, dass es wirklich passiert, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ich verstehe«, sagte Annika. »Ich glaube, ich hatte auch gehofft. Nur wusste ich es nicht.«
Sie packten langsam zusammen, als die ersten Abendmücken kamen. Die Decke roch nach Gras und Sex und Sonnencreme, und als Annika sie zusammenfaltete, lächelte sie bei dem Gedanken, diesen Geruch später in ihrer Wohnung wiederzufinden. Ein Beweis, dass es wirklich geschehen war.
Bevor sie den schmalen Pfad zurück zum Auto gingen, blieb Isabel noch einmal stehen und sah auf den See hinaus. Das Wasser lag jetzt spiegelglatt, eine vollkommene, ungestörte Fläche in der beginnenden Dämmerung. Annika trat neben sie.
»Kommst du wieder her?«, fragte Isabel. »Mit mir?«
Statt einer Antwort nahm Annika ihre Hand und verschränkte ihre Finger fest mit Isabels. Es war keine Antwort auf alle Fragen, die noch kamen. Aber es war eine Antwort auf die eine Frage, die jetzt zählte.
»Irgendwann musst du mir noch erklären, wie du diesen See gefunden hast«, sagte sie, während sie losgingen.
Isabels Lachen war leicht und frei, und es trug sie beide den Pfad hinunter. »Das ist eine lange Geschichte. Braucht mindestens noch einen Sommer. Mindestens.«
Annika drückte ihre Hand und dachte: Gut. Sie hatten Zeit. Und zum ersten Mal seit Jahren freute sie sich darauf.
– ENDE –
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