Geheime Selbstbefriedigung
Sarah ließ das Bündel aus dürren Ästen auf den halb gefüllten Anhänger fallen und wischte sich die Rinde von den Handschuhen. Das Poltern klang hohl in der Stille zwischen den Buchen, und sie fragte sich, ob Philipp es auch gehört hatte. Er stand etwa zwanzig Meter entfernt mit dem Rücken zu ihr, die Schultern leicht gebeugt unter der grauen Wolljacke, und sägte einen armdicken Ast durch, der quer über dem Waldweg lag. Das gleichmäßige Schaben der Säge war das einzige Geräusch neben dem gelegentlichen Tropfen von den kahlen Zweigen.
Der November hatte den Wald ausgedünnt, ihm die Farben genommen und dafür diese eigentümliche Klarheit hinterlassen, in der jeder Laut schärfer klang, jede Bewegung bedeutsamer wirkte.
Sie waren zu sechst am Morgen aufgebrochen, eine bunte Gruppe aus Nachbarn und Bekannten, die das jährliche Brennholzmachen zu einem geselligen Ausflug machten. Aber nach dem frühen Mittagessen, das sie auf umgedrehten Kisten zwischen den Autos eingenommen hatten, waren die anderen nach und nach aufgebrochen. Termine, Kinder, die aus der Schule geholt werden mussten, ein undichtes Dach, das vor dem nächsten Regen geflickt werden wollte.
Die üblichen Ausreden, die Sarah nur am Rande wahrnahm, während sie ihren Tee aus der Thermoskanne trank und den Rauch des kleinen Feuers beobachtete, das sie in einer Feuerschale entzündet hatten. Jetzt war es kurz nach drei, und das Licht begann bereits zu schwinden, sickerte fahl und schwer zwischen den Stämmen hindurch.
Sarah war geblieben, weil sie den Nachmittag nicht in ihrer leeren Wohnung verbringen wollte, wo die Heizung erst ab fünf Uhr programmiert war und die Wände nach dem Auszug von Markus immer noch seltsam kahl wirkten, obwohl sie die schlimmsten Lücken mit Bücherstapeln und einer neuen Zimmerpflanze gefüllt hatte. Und Philipp war geblieben – ja, warum eigentlich?
Sie kannte ihn nur flüchtig, ein Freund von Thomas, der im Sommer manchmal zum Grillen vorbeikam, immer etwas zu leise für die Runde, immer mit einem halb entschuldigenden Lächeln, als wäre er sich nicht sicher, ob seine Anwesenheit erwünscht war. Sie wusste, dass er geschieden war, dass er zwei Töchter hatte, die bei ihrer Mutter in einer anderen Stadt lebten, und dass er als Architekt arbeitete. Mehr nicht.
Die Säge verstummte. Philipp richtete sich auf und drehte sich um, die Wangen gerötet von der Anstrengung und der Kälte. Er lächelte, dieses schmale, fast schüchterne Lächeln, das Sarah schon bei den Grillabenden aufgefallen war, ohne dass sie es sich eingestanden hätte.
„Die anderen sind alle weg“, sagte er, mehr Feststellung als Frage.
„Sieht so aus.“ Sarah zog die Handschuhe aus und rieb ihre Finger aneinander. Sie waren klamm, trotz des Leders. „Ich dachte, ich mache noch den Anhänger voll. Thomas meinte, er benötigt das Holz für den Kamin im Wohnzimmer. Seine Frau hat gesagt, sie will dieses Jahr richtig einheizen, nicht nur so ein bisschen Deko-Feuer.“
Philipp nickte und kam näher, die Säge lose in der rechten Hand. Seine Schritte knirschten auf den feuchten Blättern, die den Weg bedeckten, eine dicke Schicht aus verrottendem Laub, das nach Erde und Moder roch und bei jedem Tritt nachgab wie ein alter Teppich. Der Geruch stieg auf, schwer und süßlich, vermischt mit dem Harzgeruch des frisch gesägten Holzes und dem beißenden Rauch des erlöschenden Feuers.
„Kann ich dir helfen?“, fragte er und blieb ein paar Schritte vor ihr stehen, als wollte er nicht zu nah kommen, als müsste er eine unsichtbare Grenze respektieren, die sie nicht gezogen hatte.
„Gern. Ich sammle noch das Kleinholz da drüben, bevor es stockdunkel wird. In einer halben Stunde sieht man hier keine Hand mehr vor Augen.“
Sie zeigte auf eine Lichtung, die sich etwa fünfzig Meter entfernt zwischen den Bäumen öffnete. Dort hatte der Wind im Oktober eine alte Buche umgeworfen, und das Geäst lag kreuz und quer, ein Durcheinander aus morschen Ästen und abgebrochenen Zweigen, perfektes Anmachholz, wenn man es nur klein genug hackte. Die Lichtung selbst war ein seltsamer Ort, fast kreisrund, als hätte jemand mit Absicht eine Bresche in den Wald geschlagen. Moos wuchs dort, wo sonst nur Unterholz war, und im Frühjahr, hatte Thomas erzählt, blühten dort wilde Narzissen, ein ganzer Teppich aus Gelb.
Jetzt im November war das Moos stumpf und feucht, und die Pilze, die an den Baumstümpfen wucherten, sahen aus wie abgestorbene Haut.
Sarah hatte die Lichtung gemocht, als sie sie am Vormittag entdeckt hatte. Sie hatte etwas Abgeschiedenes, fast Privates, und sie hatte kurzzeitig daran gedacht, wie es wäre, sich einfach ins Moos zu setzen, den Rücken an einen Baumstumpf gelehnt, und die Augen zu schließen. Aber da waren noch die anderen gewesen, das Lachen und Rufen, die Aufforderung, doch mit anzupacken, und der Gedanke war verflogen wie der Atem in der kalten Luft.
Jetzt, mit Philipps stillem Blick auf sich, kam er zurück, anders eingefärbt, weniger nach Rückzug als nach etwas, das sie nicht gleich benennen konnte. Die Vorstellung, allein zu sein mit sich selbst, hatte immer auch eine Note von etwas Verbotenem, etwas, das mit der geheimen Selbstbefriedigung zu tun hatte, der sie sich manchmal hingab, wenn die Wohnung zu still wurde und die Gedanken an Markus sich nicht mehr mit Wein und Fernsehen betäuben ließen.
„Da drüben liegt genug“, sagte sie und griff nach der kleinen Axt, die an den Anhänger gelehnt war. „Wenn wir das noch klein machen, haben wir in einer Stunde genug für drei Abende.“
Philipp folgte ihr wortlos, und gemeinsam traten sie auf die Lichtung hinaus.
Der Geruch von nassem Moos und etwas anderem
Das Licht auf der Lichtung war anders als im Rest des Waldes. Es fiel nicht schräg und gebrochen durch das Geäst, sondern stand wie eine diffuse Helligkeit im Raum, reflektiert von den grauen Wolken, die tief und schwer über den Baumkronen hingen. Die Buche, die der Sturm gefällt hatte, lag am Rand der Lichtung, ihr Wurzelwerk ragte wie ein gefrorenes Gewitter aus dem Boden, und die Krone war ein Gewirr aus abgebrochenen Ästen, die in alle Richtungen zeigten.
Sarah begann, die dünneren Zweige aus dem Geäst zu ziehen und auf einen Haufen zu werfen. Sie spürte Philipps Blick auf sich, während sie arbeitete, nicht aufdringlich, sondern eher beiläufig, wie man einen Vogel beobachtet, der sich im Laub zu schaffen macht. Es war ein ungewohntes Gefühl, beobachtet zu werden, ohne dass es fordernd war. Markus hatte sie immer angesehen, als erwarte er etwas, eine Reaktion, eine Bestätigung, etwas, das sie nicht immer geben konnte. Philipps Blick war anders. Er nahm einfach wahr.
„Du bist gern im Wald“, sagte er nach einer Weile. Es war wieder keine Frage.
„Ja. Seit ich ein Kind war. Mein Vater hat mich immer mitgenommen, wenn er Feuerholz gemacht hat. Das war ein solches Ritual bei uns, jedes Jahr im Oktober, bevor der erste Schnee kam.“ Sie richtete sich auf und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Er hat mir beigebracht, wie man die richtigen Äste findet. Nicht zu grün, nicht zu morsch. Genau dazwischen. Die brennen am besten.“
„Mein Vater war nie im Wald“, sagte Philipp. „Er war Buchhalter. Der einzige Wald, den er kannte, war auf den Kalenderblättern in seinem Büro.“ Er lächelte wieder, und dieses Mal war etwas Selbstironisches darin, ein kleines Eingeständnis, dass er sich seiner eigenen Geschichte nicht ganz sicher war.
Sarah lachte leise. „Das klingt traurig.“
„War es auch. Aber ich hab’s überlebt.“
Er bückte sich und hob einen Ast auf, prüfte ihn zwischen den Fingern, bog ihn leicht, bis er mit einem trockenen Knacken brach. Die Geste war so alltäglich, so selbstverständlich, und doch lag etwas darin, das Sarah nicht mehr losließ. Vielleicht war es die Art, wie seine Hände den Ast hielten, fest und doch behutsam, als könnte er mit ihnen ebenso gut etwas sehr Zerbrechliches berühren.
Sie ertappte sich dabei, dass sie seine Hände länger ansah als nötig: die schmalen Finger, die feinen Härchen auf den Knöcheln, den feinen Riss in der Haut des Daumens, wo die Kälte ihre Spuren hinterlassen hatte.
„Alles okay?“, fragte er, und sie merkte, dass sie den Ast in ihrer Hand umklammerte, ohne ihn auf den Haufen zu werfen.
„Ja. Nur kalt.“ Sie ließ den Ast fallen und rieb ihre Hände an den Oberschenkeln. Die Jeans war feucht vom Hinknien, und die Kälte kroch ihr langsam die Waden hinauf. „Ich hätte wärmere Sachen anziehen sollen. Aber heute Morgen dachte ich noch, es wird nicht so schlimm. Der Wetterbericht hat was von zehn Grad gesagt.“
„Der Wetterbericht lügt im November immer.“ Philipp zog seine Wolljacke aus und hielt sie ihr hin. „Hier. Ich habe noch einen Pullover darunter.“
„Nein, das musst du nicht–“
„Doch. Ich friere nicht so schnell. Und du zitterst schon.“
Es stimmte. Sarahs Finger waren steif vor Kälte, und ihre Lippen fühlten sich spröde an. Sie zögerte einen Moment, dann nahm sie die Jacke. Sie war warm von Philipps Körper, roch nach Wolle und einem Hauch von Waschmittel, und als Sarah sie über ihre eigene Jacke zog, spürte sie, wie die Wärme sie einhüllte wie eine Umarmung. Es war eine seltsame Intimität, seine Jacke zu tragen, als würde sie für einen Moment in seine Haut schlüpfen, und sie fragte sich, ob er das auch so empfand oder ob es nur eine Geste der Höflichkeit war.
„Danke“, sagte sie leise.
„Kein Problem.“ Er griff wieder nach einem Ast, und sie arbeiteten eine Weile schweigend weiter, das Krachen der brechenden Äste als einzige Unterbrechung der Stille. Der Haufen wuchs, und das Licht wurde noch eine Spur fahler, als würde jemand einen Dimmer herunterdrehen, ganz langsam, fast unmerklich.
Sarah spürte, wie sich etwas in ihr löste. Es war nicht die Kälte, die nachließ, sondern etwas anderes, eine innere Verkrampfung, die sie den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte, ohne es zu merken. Die Stille zwischen ihnen war nicht unangenehm, sondern erwartungsvoll, wie die Pause zwischen zwei Sätzen eines Musikstücks, die den nächsten Ton schon in sich trägt, bevor er erklingt.
„Warum bist du eigentlich geblieben?“, fragte sie schließlich. „Als die anderen gegangen sind?“
Philipp hielt inne und sah sie an. Seine Augen waren grau wie der Himmel, aber wärmer, als hätte jemand ein Stück von dem fahlen Licht genommen und mit etwas Lebendigem vermischt. Er zögerte, und Sarah sah, wie er nach Worten suchte, wie er sie im Mund hin und her schob, bevor er sie aussprach.
„Ich wollte nicht nach Hause“, sagte er. „Es ist … zu still da. Zu leer. Meine Töchter sind nur jedes zweite Wochenende bei mir, und dieses Wochenende sind sie bei ihrer Mutter. Ich saß heute Morgen in der Küche und habe meinen Kaffee getrunken, und da war dieses Geräusch von der Heizung, dieses Klicken, wenn sie anspringt, und ich dachte: „Wenn ich das noch einmal höre, drehe ich durch.“ Er machte eine Pause. „Klingt das verrückt?“
„Nein. Überhaupt nicht.“ Sarah dachte an das Ticken der Uhr in ihrem Wohnzimmer, das sie neulich abgehängt und in die Schublade gelegt hatte, weil es sie an die Stille erinnerte, die Markus hinterlassen hatte. „Ich kenne das. Dieses Gefühl, dass die Wohnung auf dich wartet. Und du willst nicht, dass sie wartet. Du willst, dass sie einfach … verschwindet, für ein paar Stunden.“
„Genau.“ Philipp nickte, und in seinem Gesicht lag so etwas wie Erleichterung, als hätte er nicht erwartet, verstanden zu werden. „Deshalb bin ich geblieben. Wegen der Stille hier. Die ist anders. Die fordert nichts von dir. Sie ist einfach nur da, und du kannst in ihr verschwinden, ohne dass es weh tut.“
Die Nässe kroch durch den Stoff

Sie hatten den Haufen auf eine stattliche Größe gebracht, als Sarah vorschlug, eine Pause zu machen. Ihre Finger waren inzwischen so klamm, dass sie die Äste kaum noch greifen konnte, und die Dämmerung kroch jetzt schneller heran, sickerte zwischen den Stämmen hindurch wie kaltes Wasser. Sie setzten sich auf den umgestürzten Stamm der Buche, der ihnen als Bank diente, ein wenig abseits des Astgewirrs, wo das Moos dicker war und die Sicht auf die Lichtung frei.
Philipp holte eine Thermoskanne aus seinem Rucksack und schraubte den Becher ab. „Tee? Das ist noch warm. Ingwer-Zitrone. Meine Mutter schwört darauf, gegen Erkältungen, also trinke ich das jetzt auch, seit ich vierzig bin. Man wird plötzlich abergläubisch, was die Gesundheit angeht.“
Sarah lachte und nahm den Becher entgegen. Ihre Finger berührten sich kurz, und obwohl die Berührung nur flüchtig war und durch die Kälte kaum zu spüren, blieb ein Echo davon in ihrer Handfläche zurück, ein leises Pochen, das nicht von der Kälte kam. Der Tee war tatsächlich noch warm, und der Ingwer brannte angenehm im Hals.
„Vierzig also“, sagte sie und reichte den Becher zurück. „Ich bin zweiunddreißig. Fühlt sich manchmal älter an. Vor allem morgens, wenn ich aufstehe und meine Knie knacken.“
„Warte mal ab, bis du vierzig bist. Da knackt nicht nur das Knie.“ Philipp trank einen Schluck und verzog das Gesicht. „Meine Mutter macht den Tee immer mit mehr als genug Ingwer. Der brennt wie Schnaps.“
„Lass uns mal probieren.“ Sarah nahm den Becher wieder und trank. Ihre Lippen legten sich an dieselbe Stelle, an der eben noch Philipps Lippen gewesen waren, und sie spürte eine Wärme, die nichts mit dem Tee zu tun hatte. Es war eine seltsame Vertrautheit, fast ein kleiner Verrat an der Distanz, die sie beide gewahrt hatten, und sie fragte sich, ob er es bemerkte. Sein Blick ruhte auf ihr, ruhig und aufmerksam, und sie meinte, ein winziges Zucken um seine Mundwinkel zu sehen.
„Du hast recht“, sagte sie. „Mehr als genug Ingwer. Aber das ist auch gut so. Der weckt einen richtig auf.“
Die Dämmerung hatte nun fast vollständig Besitz von der Lichtung ergriffen. Die Konturen der Bäume verschwammen, und das Moos unter ihren Füßen war nur noch als dunkler Fleck zu erkennen. Sarah spürte, wie die Kälte durch die Jacken kroch, durch den Stoff ihrer Jeans, wie sie sich an ihre Haut schmiegte wie ein ungebetener Liebhaber. Sie zog Philipps Wolljacke enger um sich und atmete den Geruch ein, der noch immer darin hing, ein Gemisch aus Wolle, Rauch und etwas, das sie als Philipps eigenen Geruch erkannte, einen Hauch von Seife und Haut, der sie seltsam beruhigte.
„Erzähl mir was von dir“, sagte Philipp. „Etwas, das nichts mit dem Wald zu tun hat. Oder mit Brennholz. Oder mit der Kälte.“
Sarah dachte einen Moment nach. „Ich male“, sagte sie dann. „Nicht beruflich, nur so. Aquarelle, meistens. Landschaften, manchmal auch Porträts, aber die werden nie so, wie ich sie mir vorstelle. Es ist eher so eine … Flucht. Wenn ich male, bin ich woanders. Da gibt es keine leere Wohnung und keine Gedanken, die sich im Kreis drehen. Nur Farben und Wasser und Papier.“
„Das klingt schön. Zeigst du mir mal etwas davon?“
„Vielleicht. Wenn du mir dafür was von deinen Häusern zeigst. Thomas hat erzählt, du baust Sachen, die aussehen wie aus einem Science-Fiction-Film.“
Philipp lachte, und es war ein warmes, tiefes Lachen, das Sarah bis in den Bauch spürte. „So schlimm ist es nicht. Aber ja, ich mag klare Linien. Glas und Beton und Stahl. Sachen, die halten. Die nicht einstürzen, wenn der Wind zu stark bläst.“ Er machte eine Pause. „Vielleicht ist das mein Problem. Ich baue Sachen, die halten sollen. Aber bei mir selbst klappt das nicht so gut.“
Sarah sah ihn an, und zum ersten Mal an diesem Nachmittag hielt sie seinem Blick stand, ohne wegzusehen. Seine Augen waren nicht nur grau, sie hatten kleine goldene Sprenkel, die im schwindenden Licht aufleuchteten wie Glimmstücke in der Asche. Sie spürte, wie sich etwas in ihr verschob, eine Gewissheit, die noch keine Worte hatte, aber schon da war, unterhalb der Gedanken, im Körper, in der Wärme, die trotz der Kälte in ihr aufstieg.
„Vielleicht“, sagte sie leise, „geht es gar nicht darum, dass alles hält. Vielleicht geht es darum, dass man jemanden findet, der einen auffängt, wenn es doch einstürzt.“
Die Worte hingen zwischen ihnen in der kalten Luft, und Sarah wusste nicht, woher sie gekommen waren. Sie klangen fremd in ihren eigenen Ohren, zu direkt, zu ungeschützt für ein Gespräch zwischen zwei Leuten, die sich kaum kannten. Aber Philipp sah sie an, als hätte er genau diesen Satz erwartet, als hätte er ihn schon vorher gehört, in einer anderen Sprache, und jetzt nur noch die Übersetzung gebraucht.
„Ja“, sagte er. „Vielleicht geht es darum.“
Er streckte seine Hand aus und berührte ihre Wange. Die Geste war so langsam, so vorsichtig, dass Sarah genügend Zeit gehabt hätte, sich abzuwenden, wenn sie es gewollt hätte. Aber sie wollte es nicht. Seine Finger waren kalt, aber die Berührung war weich, fast zärtlich, und sie spürte, wie sich ihre Haut unter seinen Fingerspitzen erwärmte, als würde die Kälte vor ihm zurückweichen.
„Deine Wange ist eiskalt“, sagte er.
„Deine Finger auch.“
Er lächelte, und seine Hand blieb, wo sie war, eine Insel aus Wärme auf ihrer Haut, während die Dämmerung um sie herum immer dichter wurde und die Lichtung in ein diffuses Grau tauchte, das alle Konturen auflöste. Sarah spürte, wie ihr Herz schneller schlug, ein dumpfes Pochen, das sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete, bis in die Fingerspitzen, bis in die Kniekehlen, bis in jene verborgene Stelle, die seit Monaten nur noch sie selbst berührt hatte.
Sie dachte an die geheime Selbstbefriedigung, an die Nächte in ihrem Bett, wenn die Stille unerträglich wurde und ihre Hände unter die Decke wanderten, um sich jene Erleichterung zu verschaffen, die der Körper forderte und die die Seele nur widerwillig gewährte. Sie dachte an die Fantasien, die sie dabei begleiteten: namenlose Gesichter, verschwommene Körper, Berührungen, die sie sich ausmalte, während ihre Finger die Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln fanden und den Rhythmus vorgaben, der sie schließlich erlöste.
Es war immer ein einsamer Akt gewesen, ein notwendiger, aber einsamer, und jetzt, mit Philipps Hand auf ihrer Wange, spürte sie zum ersten Mal seit Langem, dass es auch anders sein konnte. Dass Berührung nicht nur ein Mittel zum Zweck war, sondern ein Anfang.
Unter der Wolljacke, auf dem Moos
Philipp beugte sich vor, und seine Lippen trafen ihre mit einer Sanftheit, die Sarah überraschte. Es war kein fordernder Kuss, kein stürmischer, sondern einer, der fragte, der um Erlaubnis bat, und sie antwortete, indem sie ihre Lippen öffnete und ihn tiefer hineinließ. Sein Mund schmeckte nach Ingwer und Kälte, nach dem Rauch des erloschenen Feuers und nach etwas Süßlichem, das sie nicht benennen konnte.
Seine Zunge fand ihre, und für einen langen Moment gab es nichts anderes mehr auf der Welt als diesen Kuss, der die Kälte vergessen ließ und die Dämmerung in etwas Weiches, Bergendes verwandelte.
Seine Hände wanderten von ihrer Wange in ihren Nacken, vergruben sich in ihrem Haar, das feucht war vom Nebel, der jetzt aufstieg, und sie spürte jeden einzelnen Finger wie einen eigenen Mund, der ihre Haut küsste. Sie legte ihre Hände auf seine Brust, spürte unter dem Pullover die Wärme seines Körpers, die Festigkeit seiner Muskeln, das Heben und Senken seines Atems, der schneller ging als zuvor.
„Ist dir kalt?“, flüsterte er, seine Lippen dicht an ihrem Ohr.
„Nein. Jetzt nicht mehr.“
Er zog sie näher zu sich, und sie rutschte vom Baumstamm, landete auf dem Moos, das weich und feucht unter ihr nachgab, und er folgte ihr, kniete sich vor sie, seine Hände auf ihren Schultern, sein Gesicht über ihr, ein Schatten unter Schatten, aber sie sah seine Augen, die goldenen Sprenkel, die jetzt brannten, und sie wusste, dass dies der Moment war, auf den der ganze Nachmittag zugesteuert hatte, ohne dass sie es geahnt hatte.
Er öffnete ihre Jacke, zuerst seine eigene Wolljacke, dann ihre, knöpfte sie auf, langsam, als hätte er alle Zeit der Welt, und sie ließ ihn gewähren, hob sogar den Oberkörper ein wenig an, um es ihm leichter zu machen. Die kalte Luft traf ihre Haut wie ein Schock, aber bevor sie frösteln konnte, legte er seine Hände auf ihren Bauch, unter den Pullover, und die Wärme seiner Handflächen breitete sich aus wie ein Lauffeuer.
„Deine Haut ist so weich“, murmelte er, und seine Finger wanderten höher, schoben den Stoff ihres Pullovers nach oben, bis er ihre Brüste erreichte, die sich unter dem dünnen Stoff ihres BHs hart und empfindlich anfühlten. Er berührte sie durch den Stoff, erst mit den Fingerspitzen, dann mit der ganzen Hand, und Sarah stöhnte leise auf, ein Geräusch, das sie selbst überraschte, das tief aus ihrer Kehle kam und sich mit dem Rascheln des Mooses und dem fernen Tropfen der Bäume vermischte.
„Ja“, sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Ja, bitte.“
Er öffnete den Verschluss ihres BHs mit einer Geschicklichkeit, die sie kurz lächeln ließ, und dann lagen seine Hände auf ihren nackten Brüsten, und seine Daumen strichen über ihre Brustwarzen, die sich sofort aufrichteten, und hart wurden unter seiner Berührung. Er beugte sich hinab und nahm eine von ihnen in den Mund, und Sarah spürte, wie die Feuchtigkeit seiner Zunge und die Wärme seines Atems sich mit der Kälte der Luft vermischten zu einer Empfindung, die fast zu intensiv war, um sie auszuhalten, und doch genau das, wonach sie sich gesehnt hatte.
Ihre Hände fanden den Saum seines Pullovers und zogen ihn nach oben, und er half ihr, ihn auszuziehen, warf ihn achtlos beiseite auf das Moos, und dann war sein Oberkörper nackt, blass im grauen Licht, die Muskeln unter der Haut sichtbar, die Brust mit einem schmalen Streifen dunklen Haars, der sich nach unten zog und unter dem Bund seiner Jeans verschwand.
Sarah legte ihre Hände auf seine Brust, spürte den Herzschlag unter ihren Handflächen, das Pochen, das ihrem eigenen antwortete, und sie zog ihn zu sich hinunter, bis sein Gewicht auf ihr lag, schwer und tröstend, wie eine Decke aus Fleisch und Knochen.
Seine Lippen wanderten ihren Hals hinab, küssten die Mulde zwischen ihren Schlüsselbeinen, die Wölbung ihrer Brüste, den Bauch, der sich unter seinen Küssen zusammenzog, und dann öffnete er den Knopf ihrer Jeans, zog den Reißverschluss hinunter, und sie hob die Hüften, damit er ihr die Hose ausziehen konnte, zusammen mit dem Slip, der schon feucht war, nicht von der Nässe des Mooses, sondern von ihr selbst, von der Erregung, die sich aufgestaut hatte und jetzt aus ihr herausfloss, warm und unaufhaltsam.
Sie lag nackt auf dem Moos, die Kälte um sie herum und in ihr die Hitze, die sich unter ihrer Haut ausbreitete wie ein Schwarm glühender Vögel. Philipp kniete zwischen ihren Beinen, und sie sah, wie er sie ansah, mit einem Blick, der nicht nur Begehren war, sondern auch Staunen, als könnte er nicht glauben, dass sie hier lag, dass sie sich ihm so zeigte, ohne Scham, ohne Zurückhaltung.
„Du bist wunderschön“, sagte er, und es klang nicht wie eine Floskel, sondern wie eine Entdeckung, die er gerade erst machte.
Er beugte sich hinab und küsste die Innenseite ihres Oberschenkels, und Sarah spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, wie ihr Atem stockte. Seine Lippen wanderten höher, und dann war sein Mund zwischen ihren Beinen, und seine Zunge fand jene Stelle, die sie selbst so oft berührt hatte, in den einsamen Nächten, wenn die geheime Selbstbefriedigung ihr einziger Trost gewesen war. Aber jetzt war es anders.
Jetzt war es nicht ihre eigene Hand, die sie berührte, sondern ein anderer Mensch, ein anderer Mund, eine andere Zunge, und die Empfindung war so überwältigend, dass sie aufschrie, ein kurzer, abgebrochener Laut, der sich im Nebel verlor.
Er ließ sich Zeit. Seine Zunge umkreiste ihre Klitoris, erst langsam, dann schneller, und seine Finger glitten in sie hinein, erst einer, dann zwei, und sie spürte, wie sie sich um ihn zusammenzog, wie ihr Körper ihn in sich aufnahm, als hätte er nie etwas anderes gewollt. Sie griff in sein Haar, hielt ihn fest, während er sie leckte und seine Finger sich in ihr bewegten, und die Spannung in ihr wuchs, breitete sich aus, von ihrem Bauch in ihre Brust, in ihre Kehle, in ihre Augen, die sie schloss, weil sie das Gefühl hatte, dass sie sonst platzen würden vor lauter Licht.
„Komm“, flüsterte er, ohne seinen Mund von ihr zu nehmen, und das Wort vibrierte gegen ihre Haut wie ein Befehl und ein Gebet zugleich.
Und sie kam. Die Welle brach über ihr zusammen, riss sie mit sich, und sie schrie, dieses Mal lauter, hemmungsloser, während ihr Körper sich aufbäumte und wieder sank, und die Wellen kamen in immer neuen Stößen, eine nach der anderen, bis sie erschöpft auf dem Moos lag und nur noch atmete, tief und gleichmäßig, während die Welt um sie herum langsam wieder Gestalt annahm.
Philipp richtete sich auf und sah sie an. Sein Gesicht war gerötet, seine Lippen glänzten, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, den Sarah nicht deuten konnte. Zufriedenheit? Stolz? Oder einfach nur Dankbarkeit, dass sie ihm erlaubt hatte, sie so zu berühren?
„Komm her“, sagte sie und zog ihn zu sich hinauf, und als er neben ihr lag, öffnete sie seine Jeans und griff hinein, fand ihn, hart und warm, und begann, ihn zu streicheln, mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen, die er mit einem tiefen Stöhnen quittierte.
„Das ist gut“, murmelte er. „So gut. Mach weiter. Bitte.“
Sie machte weiter, spürte, wie er in ihrer Hand zuckte, wie sein Atem schneller wurde, wie er die Hüften gegen ihre Hand bewegte, und sie beobachtete sein Gesicht, das sich im Dämmerlicht veränderte, weicher wurde, offener, bis er schließlich kam, mit einem langen, bebenden Seufzer, der sich in der Kälte verlor wie ein Versprechen.
Das Knistern des Feuers, später
Sie lagen noch eine Weile auf dem Moos, eng umschlungen unter Philipps Wolljacke, die er über sie beide gebreitet hatte. Die Kälte war jetzt deutlicher zu spüren, kroch von unten durch das Moos und von oben durch die Jacke, aber Sarah wollte noch nicht aufstehen. Sie wollte diesen Moment festhalten, die Wärme seines Körpers an ihrem, den Geruch von Moos und Sex und Ingwertee, der in der Luft hing, das Gefühl, dass die Welt für eine kleine Weile nur aus dieser Lichtung bestand und aus nichts sonst.
„Wir sollten zurück“, sagte Philipp schließlich, und seine Stimme klang widerstrebend. „Es ist fast dunkel. Und wir müssen das Holz noch aufladen.“
„Ich weiß.“ Sarah seufzte und setzte sich auf. Ihre Kleider waren feucht vom Moos und kalt, und sie zog sie mit klammen Fingern an, während Philipp dasselbe tat. Sie halfen einander, schweigend, mit kleinen Berührungen, die jetzt anders waren als vorher, vertrauter, als hätten sie ein Recht darauf, das sie sich verdient hatten.
Sie trugen das gesammelte Holz zum Anhänger und luden es auf, und dann standen sie neben dem Auto, im Schein der Taschenlampe, die Philipp aus seinem Rucksack geholt hatte, und sahen sich an.
„Das war …“, begann Sarah, aber sie wusste nicht, wie sie den Satz beenden sollte.
„Ja“, sagte Philipp. „Das war es.“
Er lächelte, und sie lächelte zurück, und dann umarmten sie sich, eine lange, feste Umarmung, die mehr sagte als alle Worte, die sie hätten finden können.
„Kommst du mit zu mir?“, fragte er. „Ich mache uns Feuer. Einen richtigen Kamin, nicht eine solche Feuerschale. Und ich koche uns was. Nichts Besonderes, nur Nudeln oder Ähnliches. Aber ich würde mich freuen, wenn du … wenn du bislang nicht nach Hause willst.“
Sarah dachte an ihre Wohnung, an die Stille, die sie dort erwartete, an die Heizung, die jetzt wahrscheinlich schon angesprungen war und dieses Klicken machte, das sie so hasste. Sie dachte an das Ticken der Uhr in der Schublade und an die Bücherstapel, die die Lücken an den Wänden füllten. Und dann dachte sie an Philipps Hände, an seinen Mund, an die goldenen Sprenkel in seinen Augen, und sie wusste, dass sie noch nicht bereit war, diese Stille zu ertragen. Nicht heute.
„Ja“, sagte sie. „Ich komme mit. Aber nur, wenn die Nudeln nicht zu viel Ingwer enthalten.“
Philipp lachte, und sein Lachen hallte durch den dunklen Wald, warm und lebendig, und Sarah spürte, wie etwas in ihr aufbrach, etwas, das lange verschüttet gewesen war unter der Last des Alltags und der Einsamkeit. Es war noch zart, noch fragil, aber es war da. Und das reichte für diesen Abend.
Sie stiegen ins Auto, und Philipp ließ den Motor an. Die Scheinwerfer schnitten zwei helle Kegel in die Dunkelheit, und während sie den Waldweg hinunterfuhren, vorbei an den schwarzen Silhouetten der Bäume, spürte Sarah, wie die Wärme aus den Lüftungsschlitzen ihre kalten Finger umhüllte und wie Philipps Hand auf ihrem Knie lag, leicht und selbstverständlich, als wäre sie schon immer dort gewesen.
Draußen zog der Nebel auf, dichter jetzt, und die Welt schrumpfte auf den kleinen, beleuchteten Innenraum des Autos zusammen. Aber das war in Ordnung. Für heute reichte das. Für heute war es genug.
– ENDE –
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