Verbotener Seitensprung
„Sag mir nicht, dass du das wirklich bereust – du hast mich damals genau so angesehen wie ich dich, und du weißt es.“
Livias Stimme klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte. Sie stand in Antons Flur, die Hände noch feucht vom Regen, der Mantel schwer auf ihren Schultern, und spürte, wie ihr Herz gegen die Rippen hämmerte. Sie war nicht hierhergekommen, um zu streiten. Eigentlich war sie gekommen, um etwas zu holen, das sie bei ihrem letzten Treffen vergessen hatte – so hatte sie es sich zumindest zurechtgelegt. Eine fadenscheinige Ausrede für das, was sie wirklich wollte: ihn sehen. Aber jetzt, unter seiner bohrenden Frage, ob sie sich jemals wirklich zu ihm bekannt hätte, war jedes diplomatische Wort aus ihr herausgebrochen.
Anton lehnte am Türrahmen zum Wohnzimmer, die Arme vor der Brust verschränkt, das Hemd am Kragen geöffnet. Er sah müde aus, aber seine Augen – diese verdammten graugrünen Augen – fixierten sie mit einer Intensität, die ihr den Atem nahm. „Das ist nicht fair, Livia“, sagte er leise, aber es lag eine Schärfe darunter, die wie ein Messer durch den engen Flur schnitt. „Du kannst nicht einfach hier auftauchen, nach drei Wochen Funkstille, und mir Vorwürfe machen.“
Drei Wochen. Drei Wochen, in denen sie versucht hatte, ihn zu vergessen. In denen sie sich eingeredet hatte, dass dieser verbotene Seitensprung ein Fehler gewesen war, eine Verirrung, ausgelöst durch zu viel Wein und zu wenig Nähe in ihrer Ehe. Aber jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, spürte sie seine Hände auf ihrer Haut. Sie hörte sein heiseres Flüstern an ihrem Ohr und roch diesen unverwechselbaren Duft nach Holz und etwas Herbem, den sie mit nichts anderem vergleichen konnte.
„Ich mache dir keine Vorwürfe“, sagte sie und trat einen Schritt näher. Der Flur war schmal, zu schmal für zwei Menschen, die versuchten, Abstand zu halten. „Ich will nur, dass du ehrlich bist. Dass wir beide ehrlich sind, wenigstens ein einziges Mal.“
Sein Kiefer mahlte. Sie kannte diese Geste, dieses stumme Kämpfen gegen Worte, die er nicht aussprechen wollte. „Ehrlichkeit“, wiederholte er bitter. „Du willst Ehrlichkeit, während dein Mann zu Hause sitzt und denkt, du bist bei einer Freundin?“
Das saß. Livias Wangen brannten, und sie spürte, wie Wut in ihr hochstieg. Es war Wut auf ihn, weil er recht hatte. Es war auch Wut auf sich selbst, weil sie sich in diese Situation gebracht hatte. Und vor allem war es Wut darüber, dass sie selbst in diesem Moment nichts anderes wollte, als ihn zu berühren. „Lass Thomas aus dem Spiel“, zischte sie. „Es geht hier nicht um ihn.“
„Ach nein?“ Anton lachte auf, ein kurzes, freudloses Geräusch. „Um wen geht es dann? Um uns? Gibt es überhaupt ein ‚uns‘, Livia? Oder bin ich nur dein verdammter Seitensprung, dein kleiner Ausbruch aus dem Spießerleben, den du dir gönnst, wenn es dir passt?“
Sie schlug ihm nicht ins Gesicht, obwohl ihre Hand zuckte. Stattdessen trat sie noch näher, so nah, dass sie seinen Atem auf ihrer Stirn spüren konnte, den leichten Schweißgeruch, der an ihm haftete, die Wärme, die von seinem Körper ausging. „Du Bastard“, flüsterte sie. „Du selbstgerechter Bastard. Als ob du nicht genauso schuld wärst. Als ob du nicht … jedes Mal …“
Sie konnte den Satz nicht beenden, weil ihre Stimme brach. Und in der Stille, die folgte, veränderte sich etwas. Die Luft zwischen ihnen verdichtete sich, die Spannung wandelte sich von Feindseligkeit zu etwas anderem, etwas, das immer an der Oberfläche gelauert hatte. Anton hob die Hand, sehr gemächlich, und strich eine nasse Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
„Du zitterst ja“, murmelte er.
„Mir ist kalt.“
„Das ist es nicht.“
Nein, das war es nicht. Sie zitterte, weil seine Fingerspitzen über ihre Wange strichen, so federleicht, dass es kaum eine Berührung war. Trotzdem fuhr ihr ein Schauer über den ganzen Körper, der nichts mit der Kälte zu tun hatte.
Etwas lauerte hinter jedem Wort.
Er hatte nicht vorgehabt, sie zu berühren. Wirklich nicht. Drei Wochen lang hatte Anton sich eingeredet, dass es klüger war so, dass Livias Funkstille die einzig vernünftige Konsequenz aus dieser völlig aus dem Ruder gelaufenen Affäre war. Er hatte sich drei Wochen in Arbeit vergraben, war abends mit Freunden unterwegs gewesen und hatte versucht, nicht an den Duft ihrer Haut zu denken. Er hatte auch versucht, nicht an das Geräusch zu denken, das sie machte, wenn er sie genau dort küsste, wo der Hals in die Schulter überging.
Jetzt stand sie vor ihm, tropfnass, wütend und wunderschön, und er konnte nicht anders. Seine Finger wanderten von ihrer Wange zu ihrem Kinn, hoben es leicht an. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, ihr Atem ging schnell, und in ihren dunklen Augen lag etwas Wildes, Herausforderndes.
„Wir können nicht weitermachen wie bisher“, sagte er heiser. „Das bringt uns beide um.“
„Ich weiß.“
„Und trotzdem bist du hier.“
„Ich weiß.“ Sie schluckte. „Ich wollte dich vergessen. Ich kann es nicht.“
Das traf ihn tiefer, als er zugeben wollte. Er zog sie nicht an sich, nicht sofort. Stattdessen ließ er seine Hand sinken, drehte sich halb um, rang um Fassung. Aber Livia ließ ihn nicht entkommen. Ihre Hand schoss vor, packte sein Handgelenk, zog ihn zurück.
„Lauf nicht weg“, sagte sie. „Nicht schon wieder. Wir streiten, wir ficken, wir tun so, als wäre nichts passiert – und dann laufen wir beide weg. Ich ertrage das nicht mehr.“
Ihre Direktheit traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Er starrte sie an, sah die Verzweiflung hinter ihrer Wut, die nackte Sehnsucht, die sie nicht mehr verbergen konnte. Und etwas in ihm zerbrach, etwas, das er so sorgfältig aufgebaut hatte, eine Mauer, hinter der er sich vor genau diesem Moment schützen wollte.
„Was willst du?“, fragte er, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Was genau willst du, Livia? Sag es mir. Jetzt. Hier. Ohne Ausflüchte.“
Sie ließ sein Handgelenk los, aber nur, um beide Hände flach auf seine Brust zu legen. Er spürte die Wärme ihrer Handflächen durch den dünnen Stoff seines Hemdes, spürte sein Herz gegen ihre Handflächen schlagen, viel zu schnell, viel zu heftig. „Dich“, sagte sie einfach. „Genau das. Keine Ausflüchte. Kein Versteckspiel.
Er hätte widerstehen können. Hätte einen Schritt zurücktreten, ihre Hände von seiner Brust nehmen, irgendetwas sagen können, das diesen Wahnsinn beendete, bevor er wieder begann. Aber er tat es nicht. Stattdessen legte er seine Hände um ihre Taille, spürte den feuchten Stoff ihres Kleides unter seinen Fingern, die schmale Wölbung ihrer Hüfte, die Wärme ihres Körpers darunter.
„Wenn wir das jetzt tun“, sagte er langsam, wobei jedes Wort eine bewusste Entscheidung war, „dann wird es anders. Dann gibt es kein Zurück mehr zu ‚Wir tun so, als wäre nichts passiert‘. Hast du mich verstanden?
Sie nickte, und in ihren Augen las er die gleiche Angst, die gleiche Gier, die gleiche überwältigende Erleichterung, die er selbst empfand. Er beugte sich zu ihr hinunter, so langsam, dass der Raum zwischen ihnen sich mit jedem Herzschlag neu auflud, und als seine Lippen endlich ihre berührten, war es kein sanfter Kuss. Es war hungrig, fordernd, ein Aufeinandertreffen, das drei Wochen der Entbehrung und monatelang angestaute Spannung in einer einzigen Berührung entlud.
Ihre Hände krallten sich in sein Hemd und zogen ihn näher, während seine Hände von ihrer Taille über ihre Hüften zu ihrem Rücken wanderten und sie an sich drückten, sodass er jede Kurve ihres Körpers spüren konnte. Ihr Kuss schmeckte nach Regen und Lippenstift und einer Verzweiflung, die ihn schwindelig machte. Er stieß sie gegen die Wand des Flurs und sie keuchte auf, aber es war kein Protest. Ihre Beine schlangen sich um seine Hüften, als er sie hochhob, und ihre Finger fuhren durch sein Haar und zogen leicht daran, genau so, wie er es mochte.
„Anton“, murmelte sie an seinen Lippen, und allein die Art, wie sie seinen Namen aussprach, rau und atemlos, ließ ihn hart werden, schneller, als er es für möglich gehalten hätte.
Du hast jetzt nur noch mich.

Er trug sie nicht ins Schlafzimmer. Es gab keine Geduld für diesen Weg, kein Warten auf Laken und gedämpftes Licht und all die Inszenierungen, die sie bei ihren vorherigen Treffen umgeben hatten. Stattdessen ließ er sie auf die Kommode im Flur sinken, so hart, dass sie ein leises Aufstöhnen von sich gab. Währenddessen fuhren seine Hände unter ihr Kleid, schoben den Saum hoch und umfassten ihre Oberschenkel.
„Gott, ich habe das vermisst“, stieß er hervor, während seine Lippen von ihrem Mund zu ihrem Hals wanderten, zu dieser Stelle, die sie so empfindlich machte. Sie bog den Kopf zurück, bot ihm mehr Haut, und er nahm sie, küsste, leckte, saugte leicht, bis eine Röte zurückblieb, die sie morgen würde verstecken müssen. Aber das war morgen, und der folgende Tag existierte nicht in diesem Raum, in diesem Moment.
Livias Hände arbeiteten an seinem Hemd, fummelten an den Knöpfen, rissen fast einen ab in ihrer Hast. „Zu viele Klamotten“, murmelte sie. Er lachte heiser gegen ihren Hals und half ihr, das Hemd über die Schultern zu streifen. Dann spürte er ihre Fingernägel über seine nackte Brust kratzen. Es waren präzise Bahnen, die kleine Feuerstürme auf seiner Haut entfachten.
Er griff hinter ihren Rücken, fand den Reißverschluss ihres Kleides, zog ihn mit einem Ruck herunter, der den Stoff teilte wie eine Wunde. Ihre Schultern kamen zum Vorschein, dann die Spitze ihres BHs, schwarz und dünn, unter der ihre Brustwarzen hart gegen den Stoff drängten. Er schob das Kleid weiter hinunter, über ihre Hüften, ließ es einfach fallen, sodass es in einer feuchten Pfütze auf dem Boden landete. Dann trat er einen halben Schritt zurück, nur einen, und sah sie an.
Sie saß auf seiner Kommode, nur noch in Unterwäsche, das Haar zerzaust, die Lippen geschwollen, die Wangen gerötet, und sah ihn mit einem Blick an, der alles von ihm forderte. „Warum hörst du auf?“, fragte sie, und ihre Stimme war tief, rauchig, voller Ungeduld.
„Weil ich dich ansehen will.“ Seine Stimme war rau, kaum wiederzuerkennen. „Weil ich dieses Bild brauche. Für die Nächte, in denen du nicht da bist.“
Etwas in ihrem Gesicht wurde weich für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie die Beine um seine Hüften schlang und ihn wieder an sich zog. „Dann sorg dafür, dass es ein verdammt gutes Bild wird.“
Er brauchte keine weitere Aufforderung. Seine Hände fuhren über ihren Körper, als wollte er jede Kurve neu kartografieren. Die Wölbung ihrer Brüste befreite er mit einem geübten Griff vom BH. Danach wanderten seine Hände zur schmalen Taille und dem weichen Fleisch ihrer Hüften. Seine Finger rutschten unter den Bund ihres Slips, fanden sie feucht, bereit, und sie keuchte an seinem Hals, als er sie dort berührte, genau dort, mit exakt dem richtigen Druck.
„Mehr“, forderte sie, und er gab ihr mehr. Seine Finger glitten in sie, erst einer, dann zwei, während sein Daumen auf der empfindlichsten Stelle Kreise zog, die sie zittern ließen. Sie krallte sich an seinen Schultern fest, ihre Hüften bewegten sich gegen seine Hand und ihr Atem kam in kurzen, abgehackten Stößen. Er sah ihr dabei zu und sah, wie die Lust ihr Gesicht veränderte und wie sie Stück für Stück die Kontrolle verlor.
„Komm für mich“, murmelte er an ihrem Ohr. „Jetzt. Hier. Auf meiner gottverdammten Kommode.“
Und sie kam. Ein erstickter Schrei, ihre Muskeln spannten sich um seine Finger, ihr ganzer Körper bäumte sich auf und fiel dann gegen ihn, zitternd, keuchend, ihre Stirn gegen seine Schulter gepresst. Er hielt sie, während die Wellen durch sie hindurchliefen, spürte ihren Herzschlag, der sich langsam beruhigte.
Aber er war noch lange nicht fertig mit ihr.
Keine Wände, kein Halt
Livia brauchte einen Moment, um wieder zu sich zu finden. Ihr Körper fühlte sich an, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen, jede Nervenendung vibrierte noch nach. Aber sie wollte mehr. Sie wollte alles, und sie wollte es jetzt, ohne Zögern, ohne die leise Stimme in ihrem Kopf, die sie sonst immer zurückhielt.
Sie schob sich von der Kommode, ihre Knie waren weich, aber sie ließ sich nichts anmerken. Stattdessen griff sie nach seinem Gürtel, öffnete ihn mit einer Geschicklichkeit, die ihn überrascht aufstöhnen ließ, entknöpfte seine Hose und zog den Reißverschluss herunter. Seine Härte drängte gegen den Stoff seiner Boxershorts, und als sie ihn befreite, als sie seine warme, pulsierende Länge in ihrer Hand spürte, zischte er scharf durch die Zähne.
„Warte“, brachte er hervor, aber sie wartete nicht. Sie ließ sich auf die Knie sinken, direkt dort im Flur, auf den kühlen Fliesen, und nahm ihn in den Mund, so tief sie konnte, ohne Vorwarnung, ohne Zögern. Der Laut, den er von sich gab, war halb Stöhnen, halb Fluchen, und seine Hände fuhren in ihr Haar, krallten sich fest, ohne sie zu führen, einfach nur, um Halt zu finden.
Sie wusste, wie er es mochte – kannte es aus Monaten heimlicher Treffen, aus geflüsterten Anweisungen und gierigen Erkundungen. Sie wusste, wann sie schneller werden, langsamer werden, ihre Zunge und zu welchem Zeitpunkt ihre Lippen einsetzen musste. Es war eine Sprache, die sie gemeinsam entwickelt hatten, und heute sprach sie sie fließend, ohne Hemmung, ohne den Hauch von Zurückhaltung, der ihre früheren Begegnungen manchmal überschattet hatte.
„Livia.“ Ihr Name war ein Stöhnen, eine Warnung, eine Bitte. Sie sah zu ihm auf, ohne ihn loszulassen, und der Anblick ihrer dunklen Augen, ihres Mundes, der sie umschloss, ließ ihn fast die Kontrolle verlieren. Er zog sie sanft, aber bestimmt hoch, seine Hände unter ihren Achseln, sein Mund fand ihren, schmeckte sich selbst auf ihren Lippen, stöhnte noch einmal.
„Ich will in dir sein“, sagte er gegen ihren Mund, „wenn ich komme. Nicht so. Nicht jetzt.
Sie nickte, verstand und wollte dasselbe. Er drehte sie um, drückte sie gegen die Kommode, diesmal mit dem Bauch zum Holz, und sie stützte sich mit beiden Händen ab, bog ihren Rücken durch und bot sich ihm an. Er riss ihren Slip herunter. Sie hörte den Stoff reißen und registrierte es kaum. Dann spürte sie ihn, wie er sich an ihr rieb und die Spitze gegen ihre Nässe drückte. Er zögerte nur eine Sekunde, als wollte er ihr eine letzte Chance geben, es sich anders zu überlegen.
Sie überlegte es sich nicht anders. Sie drückte sich ihm entgegen, und er glitt in sie hinein, mit einem einzigen, tiefen Stoß, der sie beide aufstöhnen ließ.
Es war anders als zuvor. Härter, dringlicher, ehrlicher. Kein Spiel, keine Verführung, keine Vorsicht. Seine Hände umfassten ihre Hüften, zogen sie auf sich, während seine Stöße einen Rhythmus fanden, der irgendwo zwischen Zärtlichkeit und Besitzanspruch lag. Sie stützte sich auf ihre Unterarme, ließ den Kopf hängen, gab sich dem Gefühl hin, ausgefüllt zu werden, genommen zu werden, vollständig zu sein in einer Weise, die sie nirgendwo sonst erlebte.
„Härter“, hörte sie sich flüstern, und er gehorchte. Seine Finger gruben sich in ihre Hüften, sein Körper schlug gegen ihren, der Klang von Haut auf Haut füllte den Flur, vermischt mit ihren kehligen Lauten und seinen heiseren Stöhnen. Die Kommode wackelte. Etwas fiel herunter und zerbrach. Aber es war ihnen egal, völlig gleichgültig. Denn die Welt hatte sich auf diesen einen Punkt reduziert, auf diese eine Verbindung, auf das primitive, überwältigende Gefühl, eins zu sein.
Sie spürte, wie sich ein weiterer Höhepunkt in ihr aufbaute, diesmal tiefer, intensiver, eine Welle, die von irgendwo aus ihrem Zentrum aufstieg und alles mitzureißen drohte. „Anton“, keuchte sie, „ich … ich komme wieder …“
„Ja“, zischte er, „ja, komm, jetzt, mit mir –“
Und sie stürzten gemeinsam ab, fielen, zerbrachen und setzten sich neu zusammen, in einem Moment, der sich endlos dehnte und gleichzeitig viel zu kurz war.
Was von diesem Abend bleibt
Danach war Stille. Nur ihr Atem, der sich langsam beruhigte, das leise Tropfen von irgendwo – der Regen, der draußen gegen das Fenster schlug, oder vielleicht ein undichter Wasserhahn, sie konnte es nicht sagen. Anton hatte sich über sie gebeugt, seine Stirn lag auf ihrem Rücken, sein Atem strich warm über ihre Wirbelsäule. Sie spürte ihn noch in sich, spürte das Pulsieren, das langsam abebbte, die Feuchtigkeit, die an ihren Oberschenkeln hinunterlief.
Dann zog er sich vorsichtig zurück, und sie drehte sich um, lehnte sich gegen die Kommode, sah ihn an. Sein Gesicht war gerötet, sein Haar verschwitzt, seine Augen noch dunkler als sonst. Er sah aus, wie sie sich fühlte: zerstört und neu geboren, erschöpft und voller unerwarteter Energie.
„Das hier“, sagte sie und ihre Stimme klang fremd, rau und verletzlich, „das ist nicht mehr nur ein Seitensprung, oder?“
Er antwortete nicht sofort. Stattdessen hob er ihr Kleid vom Boden auf, reichte es ihr und bückte sich nach dem zerrissenen Slip, der daneben lag. Sein Gesicht war ernst, als er sich wieder aufrichtete.
„Es war nie nur ein Seitensprung“, sagte er schließlich. „Nicht für mich. Nicht nach dem ersten Mal.“
Livias Herz zog sich zusammen. Das war die Wahrheit, die sie hatte hören wollen, und gleichzeitig die, vor der sie sich am meisten fürchtete. Denn sie hieß Entscheidungen, bedeutete Konsequenzen, bedeutete ein Morgen, das sie nicht länger ignorieren konnten.
Sie zog ihr Kleid über, ohne BH, der lag noch irgendwo im Halbdunkel. Anton trat hinter sie, zog den Reißverschluss hoch, und seine Fingerspitzen berührten dabei flüchtig die empfindliche Haut ihres Rückens. Ein abschließender Schauer, ein letztes Echo dessen, was zwischen ihnen gerade passiert war.
„Was machen wir jetzt?“, fragte sie, und es war die schwerste Frage, die sie je gestellt hatte.
Er seufzte, lehnte sich neben ihr gegen die Kommode, nackt bis auf die halb heruntergerutschte Hose, die er mit einer beiläufigen Bewegung hochzog. Der Anblick hätte komisch sein können, war es aber nicht. Er war echt. Echt, verwundbar und genau das, was sie brauchte.
„Ich weiß es nicht“, gab er zu. „Aber ich weiß, dass ich dich nicht wieder drei Wochen ohne ein Wort gehen lassen will. Ich weiß, dass ich das hier nicht bereue.“ Er zögerte. „Bereust du es?“
Livia schaute auf ihre Hände, sah den schmalen Goldring an ihrem Finger, der im trüben Flurlicht stumpf schimmerte. Sie drehte ihn, eine unbewusste Gewohnheit, die sie schon tausendmal ausgeführt hatte, ohne darüber nachzudenken.
„Nein“, sagte sie leise. „Ich bereue es nicht. Das ist ja das Schlimme.“
Er nickte langsam, als hätte er diese Antwort erwartet, als wäre sie nur die Bestätigung dessen, was er bereits wusste. Dann richtete er sich auf, griff nach ihrer Hand und führte sie aus dem Flur, vorbei an den Scherben dessen, was von der Kommode gefallen war, hinein ins Wohnzimmer. Es war dunkel hier, nur die Straßenlaterne warf fahle Muster durch das Fenster. Er ließ sich auf das Sofa sinken, zog sie neben sich, legte seinen Arm um sie.
„Dann müssen wir reden“, sagte er. „Keine Ausflüchte, keine Funkstille, kein Versteckspiel. Wenn dieser verbotene Seitensprung mehr sein soll – wenn er wirklich mehr ist –, dann müssen wir raus aus dem Schatten.“
Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und spürte seinen Herzschlag, der sich endlich normalisiert hatte. Sie fühlte die Wärme seiner Haut und barg den vertrauten Geruch, der jetzt nach Sex roch und nach ihnen beiden. Draußen wurde es langsam hell, ein fahles Morgenlicht sickerte durch die Ritzen der Jalousien.
„Ich muss mit Thomas reden“, sagte sie, und allein die Worte auszusprechen, machte es real. Machte es unausweichlich.
„Ja“, sagte er einfach. „Und ich werde hier sein. Wenn du … wenn du das willst.“
Sie hob den Kopf, sah ihn an. In seinen Augen lag keine Forderung, kein Druck – nur eine ruhige, stetige Sicherheit, die ihr den Boden unter den Füßen zurückgab, den sie vor Stunden verloren hatte.
„Ich möchte das“, sagte sie. „Ich will dich.“
Draußen begannen die Vögel zu singen, und der Regen hatte aufgehört.
– ENDE –
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