Verbotenes Verlangen in der Backstube: Wenn der Sauerteig erwacht

Verbotenes Verlangen in der Backstube
Lesedauer 13 Minuten

Verbotenes Verlangen

Lea schob die letzte Kiste mit Roggenmehl auf das Edelstahlregal und wischte sich mit dem Handrücken eine Strähne aus der Stirn. Ihr Atem ging etwas schneller als nötig, und das lag nicht an der körperlichen Anstrengung. Sie wusste, dass er jeden Moment durch die Hintertür kommen würde, so wie jeden Mittwoch, wenn die Stadt noch schlief und nur die ersten Straßenbahnen scheppernd ihre Runden drehten. Das rhythmische Stampfen der Knetmaschine erfüllte den Raum mit einem vertrauten, fast hypnotischen Takt, während draußen vor dem Schaufenster noch die nächtliche Dunkelheit hing wie ein schwerer Vorhang. In der Backstube war es bereits warm, die Luft gesättigt vom würzigen Aroma des Sauerteigs und dem süßlichen Duft der Hefe, die in der Wärme aufging. Das Neonlicht warf harte Schatten auf die weißgekachelten Wände, auf die langen Holztische, die von unzähligen Arbeitsstunden glatt geschliffen waren, auf die riesigen Edelstahlkessel, in denen die Teige ruhten. Lea griff nach dem Schürhaken und öffnete die schwere Ofentür einen Spalt, nur um zu prüfen, ob die Temperatur stimmte. Sie hatte diese Bewegungen tausendmal ausgeführt. Doch heute fühlte sich jede einzelne an wie ein kleines Ritual, das sie näher zu dem Moment brachte, auf den sie die ganze Woche gewartet hatte. Es war ein Moment, in dem sich das verbotene Verlangen bereits in ihre Routine stahl, noch bevor er überhaupt den Raum betreten hatte.

Sie hörte das vertraute Geräusch des Schlüssels im Schloss der Hintertür, dieses leise Klicken, das ihr Signal war. Lea stellte den Schürhaken zurück an seinen Platz und strich sich die Schürze glatt, eine unnötige Geste, aber sie brauchte etwas für ihre Hände. Die Tür schwang auf, und Sebastian trat ein, eine kühle Brise Morgenluft im Gefolge, die den Mehlstaub kurz aufwirbeln ließ. Er trug eine abgewetzte Lederjacke über dem Hemd und hatte die Hände in den Taschen vergraben, als müsse er sich selbst daran hindern, zu schnell zu viel zu wollen. Sein Haar war noch feucht von der Dusche, einzelne Tropfen glitzerten im Neonlicht, und seine Augen suchten sofort den Raum ab, bis sie Lea fanden. Es war ein flüchtiger Blick, nur eine Sekunde, aber er enthielt alles: Wiedersehensfreude, Spannung und jene unterschwellige Dringlichkeit, die beide seit Wochen antrieb. Sebastian ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und blieb einen Moment stehen, als müsse er die Schwelle zwischen der normalen Welt und dieser Backstube bewusst überschreiten.

»Morgen«, sagte er, und seine Stimme war belegt, als hätte er auf dem Weg hierher kaum gesprochen.

»Morgen«, erwiderte Lea und wandte sich wieder der Knetmaschine zu, ein reflexhaftes Versteckspiel, obwohl sie beide wussten, worum es ging. »Der Sauerteig ist fast so weit. Soll ich schon mal den Kaffee aufsetzen?«

Er lachte leise, dieses tiefe, warme Lachen, das sie vom ersten Tag an elektrisiert hatte. »Als ob wir jemals zum Kaffee kämen.«

Sebastian zog die Jacke aus und hängte sie an den Haken neben der Tür, genau neben ihren Mantel. Es war ein absurdes Detail, dass ihre Kleidungsstücke dort nebeneinander hingen, als gehörten sie zusammen, während draußen in der Welt ihre richtigen Leben stattfanden, mit wahren Partnern und echten Verpflichtungen. Er trat näher. Der Duft seines Aftershaves mischte sich mit dem Mehl und der Hefe – eine Mischung, die Lea längst mit diesen frühen Morgenstunden verband, mit dieser geheimen Enklave, die sie sich geschaffen hatten. Seine Hand berührte leicht ihren Ellenbogen, eine beiläufige Berührung, die dennoch einen Schauer über ihren Rücken jagte. Sie drehte sich nicht um, sondern konzentrierte sich auf die Temperaturanzeige des Ofens, deren grüne Leuchtanzeige ihr verschwommen vor den Augen tanzte.

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»Du riechst nach Brot«, murmelte er dicht an ihrem Ohr.

»Und du nach kaltem November.« Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. » Ich mag diese Kombination.«

Jetzt drehte sie sich doch um und stand ihm direkt gegenüber. In dem grellen Licht der Neonröhren wirkte sein Gesicht markanter als sonst, die Wangenknochen schärfer, die kleinen Fältchen um die Augen tiefer. Er war vierzig und sah müde aus, aber auf eine Weise, die sie anziehend fand, wie ein Mann, der wusste, was er tat. Seine Hand löste sich von ihrem Ellenbogen und strich langsam ihren Arm hinauf, über die Schulter, bis seine Fingerspitzen ihren Hals fanden. Es war eine beiläufige, fast träge Bewegung, aber sie genügte, um Leas Atem stocken zu lassen. Sie kannten sich seit drei Monaten, seit Sebastian als neuer Lieferant für die Konditoreiwaren angefangen hatte, und seit sechs Wochen trafen sie sich jeden Mittwoch vor Ladenöffnung in der Backstube. Es war nie verabredet, nie ausgesprochen, aber es war zu einer festen Größe in ihrem Leben geworden, so unverrückbar wie die Morgendämmerung.

Der Geruch von Mehl und die Unmöglichkeit, zu widerstehen

Sebastians Daumen glitt über ihre Halsschlagader und er fühlte das beschleunigte Pochen unter ihrer Haut. Es faszinierte ihn jedes Mal aufs Neue, wie transparent ihr Körper war, wie bereitwillig er ihre Erregung verriet. Er selbst spürte die vertraute Anspannung im Unterleib, jenes Ziehen, das eingesetzt hatte, sobald er auf den Parkplatz vor der Bäckerei eingebogen war. Wochenlang hatten sie versucht, sich einzureden, dass dies nur eine körperliche Angelegenheit war, ein Ausgleich für das, was in ihren Ehen fehlte – doch längst ging es darüber hinaus. Sie redeten miteinander, sie lachten zusammen, sie kannten die Namen der Kinder des anderen und die Macken der Ehepartner. Es war zu spät für einfache Antworten, zu spät, um es nur mit Lust zu erklären. Er zog sie näher, und sie kam bereitwillig, legte ihre Hände auf seine Brust, fühlte den festen Widerstand unter dem Baumwollhemd.

»Ich habe die ganze Woche an diesen Moment gedacht«, sagte er, und es war die schlichte Wahrheit. Nicht an den Sex, nicht nur daran – sondern an diesen Moment, das Stehen im Neonlicht, ihre Hände auf seiner Brust, ihr Geruch, die Wärme des Raums.

»Ich auch«, flüsterte sie. »Es ist verrückt. Ich dachte, es würde nachlassen.«

»Tut es aber nicht.«

»Nein. Überhaupt nicht.«

Sie küssten sich, und es war ein Kuss, der alle Zweifel wegwischte. Seine Lippen waren fest und zielstrebig, und sie öffnete sich ihm ohne Zögern, ließ seine Zunge eintreten und erwiderte die Berührung mit einer Intensität, die sie selbst überraschte. Seine Hände wanderten über ihren Rücken, folgten dem Band der Schürze, nestelten an dem Knoten, den sie vor zwanzig Minuten noch so selbstverständlich gebunden hatte. Sie schmeckte Kaffee auf ihrer Zunge, und ihr wurde schwindelig, als wäre dieser Geschmack das Tor zu einer anderen Welt. Die Schürze glitt zu Boden, und darunter trug sie nur ein dünnes T-Shirt und eine Jeans, die an den Knien schon ausgebleicht war. Arbeitskleidung, nichts Besonderes, aber unter Sebastians Blick fühlte sie sich, als trüge sie ein Kleid aus Seide.

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Der Knetarm der Maschine hielt inne mit einem letzten mechanischen Seufzer, und in der plötzlichen Stille war nur ihr Atem zu hören, rau und unregelmäßig. Sebastian ließ seine Hände unter ihr T-Shirt gleiten, und sie hob gehorsam die Arme, sodass es über ihren Kopf gleiten konnte. Die kühle Luft der Backstube ließ sie kurz erschauern. Aber dann waren seine Hände da, warm und rau von der Arbeit, und seine Lippen fanden ihren Hals, ihre Schulter, die Wölbung ihrer Brust. Er knöpfte sein Hemd auf, ohne Eile. Während sie zusah, wie sich Zentimeter für Zentimeter seine Brust enthüllte, sah sie auch das dunkle Haar und die Narbe unter dem Schlüsselbein. Sie wusste, dass die Narbe von einem Fahrradunfall in der Jugend stammte. Diese Details – sie waren gefährlich. Sie machten aus einer Affäre etwas, das wehtat, wenn es endete.

»Deine Haut schmeckt nach Mehl«, murmelte er an ihrem Hals.

»Ist das gut?«

»Es ist perfekt. Es ist du.

Er hob sie auf den Holztisch, den gleichen, auf dem sie vor einer Stunde noch Brotlaibe geformt hatte. Die Platte war kühl unter ihren Oberschenkeln, aber Sebastians Körper wärmte sie, als er zwischen ihre Beine trat. Sie schlang die Arme um seinen Nacken, zog ihn tiefer, während seine Hände den Bund ihrer Jeans öffneten. Es war eine präzise, beherrschte Bewegung und zugleich voller Dringlichkeit, als könnte er keine Sekunde länger warten, sie zu berühren. Lea hob die Hüften und half ihm, ihre Jeans und den Slip hinunterzuschieben. Sie spürte, wie die kühle Morgenluft ihre nackte Haut traf und dann sofort von der Hitze seiner Hände und der des Ofens abgelöst wurde. Ihr eigenes Verlangen war so greifbar, dass es fast schmerzte, ein Drängen tief im Bauch, das jede Scham und jeden Zweifel übertönte.

Ein unsichtbarer Faden aus Hitze und Lust

Sebastian kniete sich vor sie und sie wusste bereits, was kommen würde, denn sie kannten einander inzwischen, wussten um die kleinen Vorlieben und Routinen. Seine Lippen legten sich auf ihre Innenschenkel, langsam, bedächtig, fast andächtig, und sie durchfuhr ein Zittern, das nichts mit Kälte zu tun hatte. Er nahm sich Zeit – das war eines der Dinge, die sie an ihm liebte. Wie er sich Zeit nehmen konnte, obwohl die Uhr gegen sie arbeitete und um halb sechs der erste Geselle durch die Tür kommen würde, fand sie sehr beeindruckend. Seine Zunge zeichnete Muster auf ihre Haut, kam näher, entfernte sich wieder, ein stummes Spiel, das ihren Atem stocken und ihre Hände nach seinem Kopf greifen ließ.

Als seine Zunge sie endlich fand, entwich ihr ein Laut, der sich in der gewölbten Decke der Backstube verlor. Er kannte ihren Körper genau, wusste um die Stelle, die sie empfindlich machte, um den Rhythmus, der sie aufbaute. Leas Kopf sank zurück, ihre Hände krallten sich in sein Haar, während die Welt um sie herum verschwamm zu einer einzigen Empfindung. Es war ein Strudel, der sie hinabzog, und sie konnte gefallen werden, gab jeden Widerstand auf, den sie vielleicht noch hätte leisten können. Der Druck baute sich auf, Wellen, die immer höher schlugen, bis sie mit einem erstickten Schrei kam, die Zähne in ihre eigene Lippe gepresst, um nicht zu laut zu werden.

Sie brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen, während Sebastian sich aufrichtete und sie mit einem Ausdruck ansah, der zwischen Zärtlichkeit und Triumph schwankte. Seine Hände ruhten auf ihren Oberschenkeln, und er wartete, bis ihr Blick wieder klar wurde. Er wartete darauf, bis sie ihn ansah mit diesen Augen, die er so liebte. Sie waren graugrün, mit winzigen bernsteinfarbenen Sprenkeln, die nur im Sonnenlicht sichtbar wurden. Dieses kroch jetzt allmählich durch das schmale Fenster über der Teigknetmaschine. Es war gespenstisch, dieses Licht, es tauchte den Raum in ein unwirkliches Zwielicht, in dem die Mehlpartikel in der Luft tanzten wie winzige Sterne.

»Komm her«, flüsterte sie und zog ihn am Gürtel zu sich.

Jetzt war sie es, die die Kontrolle übernahm. Sie öffnete seine Hose mit flinken Fingern, denselben, die wenige Stunden zuvor hauchdünne Croissant-Teigschichten gefaltet hatten. Sie spürte ihn hart und warm in ihrer Hand, hörte seinen Atem scharf einsetzen, als sie ihn berührte. Es war ein Moment vollkommener Klarheit – die Wärme seiner Haut, der Geruch von Hefe und Schweiß und Verlangen, das dumpfe Stampfen ihres eigenen Herzens. Sie führte ihn zu sich, und als er in sie eindrang, war es, als würde ein lange zurückgehaltener Atemzug endlich ausgestoßen.

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Sebastian bewegte sich langsam zuerst, fast zögerlich, als wollte er diesen Moment ausdehnen bis zum Zerreißen. Seine Stirn lag an ihrer, ihre Blicke ineinander verschränkt, und in dieser Nähe gab es keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Sie sah die Lust in seinen Augen. Aber sie sah auch etwas anderes, etwas Tieferes, das sie nicht benennen wollte – nicht jetzt, nicht hier, nicht in dieser Backstube, in der sie nur geliehen waren für einen Morgen pro Woche. Seine Hände umfassten ihre Hüften, und der Tisch unter ihr begann leise zu knarren, ein uraltes Geräusch, das sich mit ihrem gemeinsamen Atem vermischte.

»Schneller«, forderte sie, und er gehorchte. Der Rhythmus wurde drängender, sein Griff fester, und Lea spürte, wie sich die Spannung in ihr erneut aufbaute. Diesmal war sie tiefer, intensiver, eine Welle, die von weit heranrollte und alles mit sich reißen würde. Sebastians Bewegungen wurden unkontrollierter, seine Atemzüge abgehackt, und sie wusste, dass auch er nicht mehr lange durchhalten würde. Genau das wollte sie – ihn fallen sehen, ihn seine Fassung verlieren, ihn ganz und gar bei sich haben ohne die Mauern, die sie beide um ihre Leben errichtet hatten.

Die Hitze zwischen Metall und Mehl

Verbotenes Verlangen

Ihre Körper fanden jetzt einen gemeinsamen Rhythmus, der nichts mehr mit Bedacht zu tun hatte. Lea hatte ihre Beine um seine Hüften geschlungen und zog ihn bei jedem Stoß tiefer in sich hinein. Währenddessen strichen ihre Hände über seinen Rücken und spürten die Muskeln unter der Haut, die sich bei jeder Bewegung anspannten. Sie hatte das Gefühl, auf einer Klippe zu stehen, kurz vor dem Sprung, und der Absturz war zugleich das, wovor sie sich fürchtete und wonach sie sich sehnte. Die Ofenwärme hüllte sie ein, machte ihre Haut schweißbedeckt, und Sebastians Lippen fanden ihre Brustwarzen, erst die eine, dann die andere. Zunge und Zähne spielten in einem Wechsel, der sie fast verrückt machte. Sie spürte jeden einzelnen Nerv in ihrem Körper, als wäre sie ein Instrument, das er zu spielen verstand.

»Ich habe den Wunsch, dich kommen zu hören«, flüsterte er in ihr Ohr, und die Worte lösten etwas in ihr aus, das sie nicht kontrollieren konnte. Ihr ganzer Körper spannte sich an, und dann kam sie, härter und länger als zuvor, eine Entladung, die ihren Rücken durchbog und ihre Finger in seinen Schultern vergraben ließ. Sie hörte sich selbst aufschreien, konnte die Lautstärke nicht mehr regulieren, und es war ihr egal, völlig gleichgültig, denn in diesem Moment existierte nichts außerhalb dieser Backstube. Sebastian folgte ihr Sekunden später, und sie fühlte, wie er in ihr pulsierte, wie seine Bewegungen abebbten und er sein Gewicht auf sie sinken ließ, schwer, warm und lebendig.

So lagen sie eine Weile, ineinander verschlungen, auf dem Holztisch. Währenddessen füllte die Morgendämmerung den Raum mit fahlem Licht und die ersten Geräusche der erwachenden Stadt drangen durch die Wände – ein ferner Bus, das Klappern von Mülltonnen, eine einzelne Autohupe. Ihr Atem beruhigte sich allmählich, und die Realität sickerte zurück, langsam und unerbittlich wie Wasser durch feinen Sand. Lea spürte, wie das Mehl auf dem Tisch an ihrer nackten, schweißfeuchten Haut klebte, eine weiße Patina, die sie später mühsam würde abwaschen müssen. Sie roch sich selbst, roch ihn, eine Mischung, die sich mit dem Brotaroma zu etwas ganz Eigenem verband.

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Sebastian richtete sich auf und sah sie an. Sein Gesicht war weich, ungeschützt, und für einen Moment sah er jünger aus, als sei alle Anspannung von ihm abgefallen. Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, eine kleine, fast schüchterne Geste, die in seltsamem Kontrast zu dem stand, was sie gerade miteinander getan hatten.

»Das wird nicht einfacher«, sagte er leise.

»Ich weiß.«

»Jedes Mal, wenn ich gehe, fühlt es sich schlimmer an.«

Lea schwieg. Sie wusste, was er meinte, und sie war sich auch darüber im Klaren, dass es keine einfachen Antworten gab. Da war Daniel, ihr Mann, der noch schlafen würde, wenn sie in zwei Stunden nach Hause kam, mit nichts in der Hand als einem frischen Croissant und dem üblichen Morgengruß. Da war Julia, Sebastians Frau, die beim Frühstück fragen würde, wie die Lieferung gelaufen sei, und nie ahnen würde, was hinter den Worten wirklich steckte. Sie lebten beide in Welten, die sorgfältig abgedichtet waren, getrennt von diesem Raum, dieser Stunde, diesem gestohlenen Glück.

Brotlaibe und Maskerade vor der ersten Ladenklingel

Sie glitt vom Tisch und suchte ihre Kleider zusammen, während Sebastian sich wusch, so gut es am Ausguss ging. Die Routine war eingespielt – sie hatten das Dutzende Male getan, und jeder Handgriff saß. Lea streifte die Jeans über, zupfte Mehlspuren von ihrem T-Shirt und band sich mit routinierter Bewegung eine frische Schürze um. Sie würde zu Hause duschen müssen, sorgfältig darauf bedacht, kein verdächtiges Parfüm zu benutzen. Sebastian schloss seine Hose, zog das Hemd glatt und fuhr sich mit feuchten Fingern durchs Haar, um es zu bändigen. Sie sahen sich an, und zum ersten Mal an diesem Morgen war die Stille zwischen ihnen nicht elektrisch, sondern schwer.

»Nächste Woche?«, fragte er, und es klang beiläufig, aber sie hörte die Angst in seiner Stimme, sie könnte nein sagen.

»Natürlich nächste Woche.« Sie lächelte, aber ihr Lächeln fühlte sich brüchig an.

Sebastian griff nach seiner Jacke, zögerte, kam dann noch einmal zurück, nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie. Dieser Kuss war anders als die zuvor – kein Begehren, keine Eile, sondern ein stummes Versprechen, das sie nicht zu deuten wagte. Dann ließ er sie los und ging zur Hintertür, den Kragen hochgeschlagen gegen die Kälte, die ihn draußen erwartete.

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Die Tür fiel ins Schloss, und Lea stand allein in der Backstube. Sie sah sich um, als sähe sie den Raum zum ersten Mal – die weißgekachelten Wände, die Edelstahlregale, die Knetmaschine, die wieder zu stampfen begonnen hatte, als wäre nichts geschehen. In einer halben Stunde würde Lars kommen, der Bäckermeister, und die ersten Kunden würden vor der Ladentür warten, mit verschlafenen Gesichtern und dem ungeduldigen Wunsch nach frischen Brötchen. Sie würde ihnen freundlich zulächeln, ihnen die gewohnten Semmeln und das Bauernbrot einpacken und vorgeben, als wäre sie dieselbe wie gestern und vorgestern.

Sie atmete tief ein und aus. Dabei nahm sie den Geruch wahr, der noch in der Luft hing – ihr eigener, sein Geruch, der Duft des Sauerteigs, der jetzt fertig war und in den Ofen musste. Lea öffnete die schwere Ofentür, und die Hitze schlug ihr entgegen, tröstlich und vertraut. Sie griff nach dem Schießer, holte die geformten Brotlaibe vom Gärwagen und schob sie mit einer geschmeidigen Bewegung in die glutrote Tiefe. Das Brotbacken war eine Kunst, die ihr Großvater sie gelehrt hatte, eine Fertigkeit der Geduld und der Präzision. Obwohl ihre Gedanken noch bei Sebastian waren, führten ihre Hände jede Bewegung perfekt aus.

Das Verlangen nach ihm war für eine Weile gestillt, aber sie wusste, dass es zurückkehren würde – morgen, übermorgen, spätestens am nächsten Mittwoch, wenn wieder sein Schlüssel im Schloss klackte. Es war ein Kreislauf, aus dem sie nicht ausbrechen konnte, und vielleicht wollte sie das auch gar nicht. Was sie mit Sebastian hatte, war falsch, daran gab es keinen Zweifel – aber es war auch das Lebendigste, das sie seit Jahren fühlte. Sie schloss die Ofentür, wischte sich die Hände an der Schürze ab und warf einen Blick auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten, bis die Routine sie wieder verschluckte, bis sie die Bäckersfrau sein würde, die stets ein Lächeln für ihre Kunden hatte.

Mehlspuren im Zwielicht der Auslage

Die ersten Sonnenstrahlen fielen jetzt steil durch das Schaufenster und ließen die Auslage mit den Croissants und den Streuselschnecken golden aufleuchten. Lea schaltete die Ladenbeleuchtung an und warf einen prüfenden Blick auf die fertigen Backwaren, die sie noch vor Sebastians Ankunft aus dem Ofen geholt hatte. Alles sah perfekt aus, wie immer. Sie fuhr mit dem Finger über die Glasplatte, auf der ein feiner Mehlfilm lag, ein letzter Überrest der frühen Morgenstunden, und beschloss, ihn nicht wegzuwischen. Es war eine stumme Rebellion, ein winziger Akt der Erinnerung daran, dass hinter dieser geordneten Fassade etwas Ungeordnetes, Wildes lauerte, etwas, das nur ihr gehörte.

Der Schlüssel des Bäckermeisters klirrte im Schloss des Haupteingangs, und Lea richtete sich auf, strich ihre Schürze glatt und setzte das einstudierte Lächeln auf. Lars polterte herein, brummte einen Morgengruß und begann sofort, die frische Ware für die Auslage umzuschichten. Er warf ihr einen kurzen Blick zu, prüfend wie immer, und sagte dann: »Du siehst müde aus. Wieder schlecht geschlafen?«

»Geht so«, antwortete sie und griff nach der Kaffeekanne. »Willst du einen?«

»Immer.«

Sie schenkte zwei Becher voll und stellte einen auf den Tresen vor ihm ab. Der Kaffee war stark und schwarz, genau das, was sie jetzt brauchte. Lars nahm einen Schluck und verzog das Gesicht, wie er es jeden Morgen tat, als hätte er nicht schon tausend Tassen von genau diesem Kaffee getrunken. Die vertraute Geste beruhigte sie, verankerte sie in der Wirklichkeit, zog sie zurück aus der Sphäre, in der nur sie und Sebastian existierten.

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Durch die Fensterscheibe sah sie, wie draußen die ersten Passanten vorbeigingen, die Köpfe eingezogen gegen die Novemberkälte, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Es war ein ganz gewöhnlicher Mittwoch für sie, nur ein weiterer Tag in der langen Reihe von Tagen, die ein Leben ausmachten. Sie beneidete sie um diese Unwissenheit, um die Einfachheit ihrer Existenz, in der es keine zerrissenen Gefühle gab und keine Entscheidungen, die alles zerstören konnten. In ihrem eigenen Leben hatte sich eine Bruchlinie aufgetan, und sie balancierte täglich darauf, wusste nie, wann der Boden unter ihr nachgeben würde.

Die Ladenklingel ertönte, und die erste Kundin des Tages trat ein. Sie war eine ältere Dame mit Kopftuch und Einkaufstrolley, die jeden Mittwoch um Punkt halb sieben nach einem Körnerbrötchen und zwei Scheiben Graubrot fragte. Lea begrüßte sie mit Namen, wickelte die Ware in Pergamentpapier und plauderte über das Wetter. Währenddessen wanderten ihre Gedanken sechs Stunden zurück, zu dem Moment, als Sebastian sich auf den Holztisch gebeugt und ihre Stirn geküsst hatte, bevor er verschwunden war. Die Diskrepanz war fast unerträglich, und doch hielt sie stand, wie sie es immer tat.

Als die Frau gegangen war und Lars in der Backstube verschwunden war, um neuen Teig anzusetzen, holte Lea ihr Handy aus der Schürzentasche. Eine Nachricht von Sebastian, abgeschickt vor einer Minute: »Der Geruch deiner Haut verfolgt mich bis nach Hause.«

Sie las den Satz dreimal, dann löschte sie ihn, wie sie es mit all seinen Nachrichten tat. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, ein Reflex, den sie beide perfektioniert hatten. Aber die Worte brannten in ihrem Gedächtnis und konnten nicht gelöscht werden. Sie wusste, dass sie sie den ganzen Tag mit sich herumtragen würde, ein geheimes Feuer, das unter der Schürze der Bäckersfrau weiterloderte. Nächste Woche um diese Zeit würde sie wieder hier stehen, mit klopfendem Herzen. Sie hätte die unmögliche Hoffnung, dass dieses verbotene Verlangen vielleicht doch einen Weg finden könnte, mehr zu sein als nur eine gestohlene Stunde vor der ersten Klingel.

Sie schob das Handy zurück in die Tasche, griff zur Ofentür und holte die frischen Brote heraus. Der Duft erfüllte den Raum wie eine Verheißung, warm und tröstlich. Für einen Moment war sie fast dankbar für die Einfachheit dieser Geste, für die handfeste Wirklichkeit von Mehl und Wasser und Hitze. Dann biss sie sich auf die Lippe, schmeckte noch eine Spur von Sebastian und wusste, dass sie den nächsten Mittwoch herbeisehnen würde, trotz aller löblichen Vorsätze. Die Knetmaschine stampfte weiter, das Brot kühlte auf dem Gitter aus, und Lea wartete auf den nächsten Kunden.

– ENDE –

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