Verbotener Seitensprung
„Sag mir, dass wir falsch abgebogen sind.“
Emma hörte ihre eigene Stimme, als käme sie von außerhalb der Fahrerkabine. Lukas’ Hände lagen noch immer am Lenkrad, obwohl der Wagen längst stand. Die Tankstellenbeleuchtung schnitt scharfe Kanten in sein Gesicht, ließ die Bartstoppeln an seinem Kinn silbrig aufblitzen wie Reif auf Asphalt. Es war kurz nach Mitternacht, Mitte November, und die Kälte kroch bereits durch jede Ritze des Wohnmobils, das sie seit drei Tagen durch eine Geschäftsreise karrte, die keiner von ihnen gewollt hatte.
„Wir sind nicht falsch abgebogen“, sagte Lukas.
Sein Daumen strich einmal über das abgewetzte Leder des Lenkrads, hin und zurück, eine Bewegung, die Emma länger verfolgte, als nötig gewesen wäre. Sie kannte diesen Daumen. Sie kannte, wie er eine Kaffeetasse hielt, wie er auf einer Tastatur tippte, wie er sich in Besprechungen gegen seine Schläfe drückte, wenn die Zahlen nicht stimmten. Sie kannte ihn aus vier Jahren Büroalltag, aus unzähligen Meetings und genau zwei Weihnachtsfeiern, auf denen sie beide zu viel getrunken hatten und auf denen trotzdem nichts passiert war.
„Wir hätten vor einer Stunde am Hotel sein sollen“, sagte sie.
„Der Stau.“
„Der Stau war vor zwei Stunden.“
Lukas drehte den Kopf. Die Bewegung war langsam, fast zögernd, als müsste er sie gegen einen Widerstand durchführen. Das Licht der Zapfsäule fiel jetzt seitlich auf sein Gesicht, und Emma bemerkte zum ersten Mal die feine Narbe über seiner linken Augenbraue. Vier Jahre, und sie hatte diese Narbe nie gesehen. Vielleicht, weil sie nie so nah bei ihm gesessen hatte. Vielleicht, weil sie nie so genau hingesehen hatte. Vielleicht, weil sie sich nie getraut hatte.
„Ich habe den Abzweig verpasst“, sagte er. „Absichtlich.“
Die Heizung des Wohnmobils summte leise vor sich hin, ein Geräusch, das Emma in den vergangenen Tagen vertraut geworden war wie der Herzschlag eines schlafenden Tieres. Draußen war die Welt schwarz und still, nur das orangefarbene Licht der Tankstelle tropfte über den nassen Asphalt. Es hatte den ganzen Nachmittag geregnet, dieser feine, stetige Niesel, der im November keinen Anfang und kein Ende zu kennen scheint. Emmas Mantel roch noch immer nach feuchter Wolle, und unter dem Sitz lag ihr Schal, den sie vor Kilometern achtlos abgestreift hatte, als die Heizung endlich warm genug war.
„Absichtlich“, wiederholte sie.
Es war keine Frage. Es war eine Feststellung, die sie in den Raum stellte wie etwas Zerbrechliches, das man nicht zu hart anfassen durfte. Sie spürte, wie ihr Puls gegen die Innenseite ihrer Handgelenke drückte, dort, wo die Haut am dünnsten war. Der Gedanke an zu Hause schob sich kurz in ihr Bewusstsein – an das leere Bett, das auf sie wartete, an die Nachricht auf ihrem Handy, die sie seit Stunden nicht beantwortet hatte – und sie schob ihn ebenso schnell wieder beiseite.
„Ich wollte noch nicht ankommen“, sagte Lukas. „Ich wollte noch nicht, dass diese Fahrt vorbei ist.“
Seine Worte hingen zwischen ihnen, schwer wie der Geruch von kaltem Kaffee und dem Diesel, der draußen in der Luft lag. Emma sah auf ihre Hände hinunter. Sie lagen in ihrem Schoß, die Finger ineinander verschränkt, als hielten sie einander fest. Sie lockerte sie nicht. Sie wusste, wenn sie jetzt ihre Hände öffnete, würde etwas anderes sich öffnen, und sie war nicht sicher, ob sie dafür bereit war. Noch nicht.
Der Riss im Vertrauten
Lukas stellte den Motor ab. Die Stille, die folgte, war von einer anderen Qualität als das bloße Fehlen von Geräusch. Es war eine Stille, die Raum schuf. Raum für das leise Ticken des abkühlenden Motors, für das ferne Rauschen der Autobahn, für Emmas eigenen Atem, der plötzlich zu laut schien in der Enge der Fahrerkabine.
„Frierst du?“, fragte er.
„Ein bisschen.“
Es stimmte nicht. Sie fror nicht. Ihr war warm, fast zu warm, aber sie wollte nicht, dass er die Heizung höher stellte, weil sie dann vielleicht ihren Mantel ausziehen müsste und diese Bewegung, dieses Heraustreten aus dem schützenden Stoff, sich anfühlte wie ein Schritt, den sie noch nicht gehen konnte. Oder noch nicht wollte. Die Grenze dazwischen war in den vergangenen Stunden unscharf geworden.
Lukas griff trotzdem nach dem Regler. Seine Hand kam dabei nah an ihrem Knie vorbei, ohne es zu berühren, aber die Möglichkeit dieser Berührung war so präsent, dass Emmas Haut an der Stelle zu kribbeln begann, als hätte er sie tatsächlich gestreift. Sie kannte dieses Gefühl. Es war dasselbe, das sie vor zwei Tagen im Stau gespürt hatte, als er sich zu ihr herübergebeugt hatte, um etwas aus dem Handschuhfach zu holen, und sein Ärmel ihren Unterarm gestreift hatte.
Damals hatte sie es weggeschoben, hatte es der Müdigkeit zugeschrieben, der Enge des Wagens, der Tatsache, dass sie zu wenig geschlafen hatte.
Jetzt schob sie nichts mehr weg.
„Warum hast du den Abzweig verpasst?“, fragte sie. Ihre Stimme war leiser, als sie beabsichtigt hatte.
Lukas lehnte sich in seinem Sitz zurück. Das Leder knarrte unter ihm, ein vertrautes Geräusch, das Emma in den vergangenen Tagen hundertmal gehört hatte und das jetzt trotzdem anders klang. Intimer. Als wäre das Wohnmobil nicht mehr nur ein Fahrzeug, sondern ein Raum, in dem die üblichen Regeln nicht galten.
„Weil ich nicht weiß, wie ich morgen neben dir in diesem Meeting sitzen soll“, sagte er. Er sah sie nicht an, während er sprach. Sein Blick war auf die Windschutzscheibe gerichtet, auf der sich das Tankstellenlicht spiegelte und die Dunkelheit dahinter zu einem diffusen Grau machte. „Ich weiß es seit Tagen nicht. Ich wusste es schon nicht, als wir losgefahren sind. Und ich dachte, wenn ich einfach weiterfahre, muss ich es noch nicht wissen.“
Emma spürte, wie etwas in ihr nachgab. Kein Dammbruch, nichts Dramatisches. Eher wie ein Türspalt, der sich öffnete, einen Zentimeter nur, aber genug, um Licht hindurchzulassen. Sie hatte immer gedacht, dass solche Momente laut sein müssten, überwältigend, dass sie einen mitreißen würden wie eine Welle. Aber das hier war leise. Es war so leise, dass sie es fast überhört hätte.
„Ich weiß es auch nicht“, sagte sie.
Jetzt sah er sie an. Und in seinem Blick lag etwas, das sie noch nie bei ihm gesehen hatte, nicht in vier Jahren, nicht in unzähligen gemeinsamen Mittagspausen und Projektbesprechungen. Es war keine Gier, keine plumpe Anmache. Es war etwas, das viel gefährlicher war: erkennen. Als hätte er in ihrem Gesicht etwas gefunden, das er lange gesucht und nicht zu benennen gewusst hatte.
Draußen fuhr ein Auto von der Tankstelle. Seine Scheinwerfer strichen über die Windschutzscheibe, tauchten die Kabine für einen Moment in grelles Weiß, bevor die Dunkelheit zurückkehrte. Emma sah, wie Lukas’ Hände jetzt auf seinen Oberschenkeln lagen, die Handflächen nach unten, die Finger leicht gespreizt. Sie kannte diese Hände so gut und gleichzeitig gar nicht. Sie wusste nicht, wie sie sich anfühlten. Sie wusste nicht, ob die Haut an seinem Handrücken rau oder weich war. Sie wusste nicht, ob seine Finger kalt oder warm sein würden, wenn sie ihre jetzt endlich löste und hinüberlangte.
„Ich habe zu Hause noch nie von dir erzählt“, sagte Lukas.
Emma zog die Augenbrauen hoch. „Gar nicht?“
„Doch. Dass du die Projektleitung übernimmst. Dass du die Quartalszahlen früher fertig hattest als ich. Dass deine Präsentation letztes Jahr besser war als meine.“ Er lachte kurz auf, ein Geräusch ohne echten Humor. „Nur das eben nicht. Das andere nicht.“
Das andere. Emma wusste sofort, was er meinte. Das, was in den Pausen geschah, wenn sie beide als Letzte in der Kantine saßen und über alles redeten, außer über das, was sie eigentlich sagen wollten. Das, was in den Blicken lag, die zu lang wurden, und in den Berührungen, die nie stattfanden.
Wenn die Haut vergisst, was richtig ist

Lukas drehte sich in seinem Sitz. Es war eine unbeholfene Bewegung, der Sicherheitsgurt schnitt in seine Schulter, und er musste ihn lösen, um sich richtig zu ihr wenden zu können. Das metallische Klicken des Gurtschlosses war unnatürlich laut in der Stille. Emma sah, wie der Gurt sich langsam über seine Brust zurückzog, und sie dachte daran, wie oft sie diesen Gurt in den vergangenen Tagen gelöst und geschlossen hatte, ohne ihm Beachtung zu schenken. Jetzt kam ihr jede Bewegung bedeutsam vor, als wäre die Welt enger geworden und hätte alles Unwichtige ausgespart.
„Ich möchte nicht, dass das hier einfach so passiert“, sagte Lukas. Seine Stimme war rau, als hätte er seit Stunden nicht gesprochen. „Ich will nicht, dass wir morgen so tun, als wäre nichts gewesen. Ich will, dass es zählt. Dass wir wissen, was wir tun.“
Emma nickte langsam. Sie verstand ihn. Es wäre einfacher gewesen, sich einfach küssen zu lassen, sich treiben zu lassen, die Verantwortung dem Moment zu überlassen und dem Zufall und der Dunkelheit. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte es nicht einfach so passieren lassen. Sie wollte es wollen. Mit vollem Bewusstsein. Mit allen Konsequenzen, die sie noch nicht überblicken konnte und die sie trotzdem in Kauf nahm.
„Ich will es“, sagte sie. „Ich will das hier. Mit dir. Jetzt.“
Die Worte standen im Raum, und sie nahm sie nicht zurück. Sie spürte, wie ihr Körper auf das reagierte, was sie gerade ausgesprochen hatte. Ihr Atem wurde flacher, ihre Lippen trockener, und tief in ihrem Bauch begann etwas zu ziehen, ein warmes, drängendes Gefühl, das sie seit Wochen unterdrückt hatte, vielleicht seit Monaten, vielleicht seit dem ersten Tag, an dem sie Lukas gesehen hatte.
Er beugte sich zu ihr herüber. Langsam, als gäbe es keinen Grund zur Eile, als hätten sie alle Zeit der Welt auf diesem verlassenen Tankstellenparkplatz im November. Sein Gesicht kam näher, und Emma sah jede Einzelheit – die kleinen Fältchen um seine Augen, den dunklen Punkt auf seiner Wange, den sie immer für einen Leberfleck gehalten hatte und der jetzt aussah wie ein winziges Muttermal. Sie roch seinen Geruch: kein aufdringliches Aftershave, sondern etwas Warmes, Holziges, vermischt mit dem schwachen Schweiß eines langen Tages.
Seine Lippen berührten ihre Stirn. Nicht ihren Mund. Ihre Stirn.
Emma schloss die Augen. Die Berührung war so unerwartet zärtlich, dass ihr kurz die Kehle eng wurde. Seine Lippen waren warm und trocken und blieben einen Moment länger, als nötig gewesen wäre. Dann wanderten sie tiefer, über ihre Schläfe, ihre Wange, bis sie schließlich ihren Mundwinkel erreichten. Immer noch kein Kuss. Nur dieses langsame, fast fragende Erkunden, als müsste er jede Stelle ihres Gesichts einzeln kennenlernen.
„Lukas“, flüsterte sie.
Es war das erste Mal, dass sie seinen Namen in diesem Tonfall sagte. Nicht kollegial, nicht scherzhaft, nicht beiläufig. Sondern als Bitte und Angebot zugleich.
Seine Hand hob und legte sich an ihre Wange. Die Handfläche war warm und ein wenig rau, genau wie sie es sich vorgestellt hatte, und sein Daumen strich über ihren Wangenknochen, einmal, zweimal, eine Bewegung, die so selbstverständlich war, als hätte er sie schon tausendmal berührt. Emma drehte den Kopf ein wenig, nur so viel, dass ihre Lippen seinen Handballen streiften. Seine Haut schmeckte leicht salzig.
„Ich will dich ansehen“, sagte er. „Wenn es passiert. Ich will dein Gesicht sehen.“
Emma öffnete die Augen. Er war so nah, dass sie sein Gesicht nicht mehr scharfstellen konnte, nur noch eine Landschaft aus Haut und Schatten und dem dunklen Glanz seiner Pupillen. Sie nickte, so minimal, dass es kaum eine Bewegung war, aber er verstand.
Dann küsste er sie.
Es war kein zögerlicher Kuss, kein vorsichtiges Antesten. Es war ein Kuss, der vier Jahre Wartezeit in sich trug, vier Jahre unausgesprochener Sätze und abgebrochener Blicke und dem quälenden Wissen, dass da etwas war, das sie beide nicht anfassen durften. Seine Lippen waren fester, als Emma erwartet hatte, und sie öffnete ihren Mund unter seinem, ließ ihn hinein, spürte seine Zunge, warm und fordernd, und den Geschmack von kaltem Kaffee und etwas anderem, das einfach nur nach ihm schmeckte.
Ihre Hände, die noch immer in ihrem Schoß lagen, lösten sich endlich. Sie griff nach ihm, fand den Kragen seiner Jacke, den festen Stoff unter ihren Fingern, zog ihn näher, obwohl er schon so nah war, dass zwischen ihnen kein Platz mehr blieb. Der Winkel war unbequem, die Mittelkonsole drückte gegen ihre Hüfte, und unter ihr knirschte der Sitz, als sie ihr Gewicht verlagerte. Aber nichts davon spielte eine Rolle.
Mehr als ein Augenblick
Lukas löste sich von ihr. Sein Atem ging schnell, und seine Stirn lehnte gegen ihre, während sie beide versuchten, wieder zu sich zu kommen. Die Scheiben des Wohnmobils waren von innen beschlagen, ein feiner Film, der das Tankstellenlicht in diffuse Muster verwandelte. Emma spürte, wie die Wärme, die sich in ihrem Bauch gesammelt hatte, sich jetzt in ihrem ganzen Körper ausbreitete, ihre Brust hinaufkroch, und ihren Hals, ihre Wangen rötete.
„Komm“, sagte er und griff nach ihrer Hand.
Er zog sie vom Beifahrersitz hoch, und sie folgte ihm, ließ sich führen, obwohl sie genau wusste, wohin er wollte. Das Wohnmobil war klein, aber es hatte hinten eine Sitzbank, die man zu einem Bett ausklappen konnte. Sie hatten sie in den letzten Nächten abwechselnd benutzt, jeder für sich, während der andere vorn geschlafen hatte. Jetzt war die unausgesprochene Trennung aufgehoben.
Sie standen zwischen Fahrersitz und Sitzbank, und der enge Raum ließ keine Distanz zu. Lukas’ Hände fanden den Saum ihres Pullovers, schoben sich darunter, und Emma sog scharf die Luft ein, als seine kalten Finger auf ihre warme Haut trafen. Er zog die Hände sofort zurück.
„Entschuldige. Ich hätte sie wärmen sollen.“
Emma schüttelte den Kopf. „Ist egal. Wirklich. Mach weiter.“
Sie griff selbst nach ihrem Pullover und zog ihn über den Kopf, warf ihn irgendwohin, wo er landete, ohne dass sie es sah. Die Luft im Wohnmobil war kühl, aber nicht unangenehm, und sie spürte, wie ihre Brustwarzen sich unter dem dünnen Stoff ihres Tops aufrichteten. Lukas sah es. Sein Blick blieb dort hängen, und sie sah, wie er schluckte.
„Du bist schön“, sagte er. Es klang nicht wie ein Kompliment, sondern wie eine Feststellung, die er gerade zum ersten Mal machen durfte. „Ich habe das immer gedacht. Jedes Mal, wenn du im Meeting gegenüber von mir gesessen hast. Ich habe gedacht: Sie ist schön. Und ich habe es nicht gedacht wie etwas, das man einfach so denkt. Sondern wie etwas, das wehtut, weil man es nicht anfassen darf.“
Emma zog ihn an ihrem Top, zog ihn zu sich heran, küsste ihn wieder. Dieses Mal heftiger, ungeduldiger. Seine Hände fanden ihren Rücken, fuhren die Wirbelsäule hinauf, und sie spürte jeden einzelnen Wirbel unter seinen Fingerspitzen. Er öffnete ihren BH mit einer Selbstverständlichkeit, die sie überraschte, und sie fragte sich kurz, ob er das oft tat, ob er zu Hause jemanden hatte, dem er den BH öffnete, und dann schob sie den Gedanken weg, weil er jetzt nicht zählte. Jetzt zählte nur der Moment, in dem seine Hände ihre Brüste fanden und sie leise aufstöhnte.
Sie ließ sich auf die Sitzbank sinken, und zog ihn mit sich. Das Polster war hart und der Bezug kratzig, aber sie spürte es kaum. Lukas beugte sich über sie, und sein Gewicht auf ihr war genau richtig, nicht zu schwer, nicht zu leicht, sondern wie ein Anker, der sie in diesem Moment hielt. Seine Lippen wanderten ihren Hals hinunter, und seine Hand lag auf ihrer Brust, sein Daumen strich über ihre Brustwarze, langsam, fast beiläufig, während sein Mund tiefer wanderte.
Sie zerrte an seinem Hemd, bekam es nicht auf, und er half ihr mit einer Hand, ohne seinen Mund von ihrer Haut zu nehmen. Als der Stoff endlich nachgab und sie seine nackte Brust unter ihren Fingern spürte, machte sie ein Geräusch, das sie selbst nicht kannte – ein halb ersticktes Keuchen, das tief in ihrer Kehle entstanden war.
Lukas richtete sich kurz auf, sah sie an. Sein Haar war zerzaust, seine Lippen leicht geschwollen, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, den sie nie zuvor bei ihm gesehen hatte – nicht im Büro, nicht auf der Fahrt, nicht in den unzähligen Stunden, die sie nebeneinander gesessen und über alles geredet hatten außer über das, was sie wirklich wollten.
„Bist du sicher?“, fragte er.
„Ja“, sagte sie. Und dann, weil ein Wort nicht genug war: „Ja, Lukas. Ich bin sicher. Ich war mir noch nie so sicher wie jetzt.“
Er öffnete ihre Jeans, zog sie ihr über die Hüften, und sie half ihm, so gut sie konnte, in dem engen Raum. Ihre Schuhe fielen polternd zu Boden, und sie lachte kurz auf, weil das alles so absurd war – sie beide, halb ausgezogen, in einem geparkten Wohnmobil auf einer Tankstelle irgendwo im Nirgendwo, während draußen der Novembernebel gegen die Scheiben kroch.
Dann war sie nackt, und er war es auch, und die Kälte, die noch vor einer Stunde allgegenwärtig gewesen war, existierte nicht mehr. Da war nur noch Wärme, Haut auf Haut, und Lukas’ Mund, der jeden Zentimeter ihres Körpers zu entdecken schien. Seine Zunge zeichnete Muster auf ihren Bauch, seine Finger fuhren die Innenseite ihrer Schenkel entlang, und Emma spürte, wie sie feucht wurde, wie ihr Körper sich auf das vorbereitete, was kommen würde.
Als seine Hand zwischen ihre Beine glitt, stöhnte sie auf. Seine Finger waren vorsichtig, erkundend, und gleichzeitig genau wissend, als hätte er schon lange darauf gewartet, sie so zu berühren. Er fand ihre Klitoris, umkreiste sie mit leichtem Druck, und Emma krallte ihre Finger in den Bezug der Sitzbank.
„Nicht aufhören“, flüsterte sie. „Bitte nicht aufhören.“
Er hörte nicht auf. Seine Finger bewegten sich in einem Rhythmus, der sie höher und höher trieb, während sein Mund ihre Brustwarze umschloss und seine Zunge mit derselben langsamen Gründlichkeit arbeitete. Emma spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog, ein Knoten, der immer fester wurde, und sie wusste, dass sie nah dran war, so nah, dass es fast schmerzte.
„Ich will dich in mir spüren“, sagte sie. Die Worte kamen, ohne dass sie darüber nachdachte, direkt aus dem Teil von ihr, der jegliche Zurückhaltung aufgegeben hatte. „Jetzt. Bitte.“
Lukas zögerte keinen Moment. Er positionierte sich über ihr, und sie spürte seine Erektion an ihrer Innenseite, warm, hart und genau da, wo sie ihn haben wollte. Er drang langsam in sie ein, und Emma stöhnte auf, als er sie ausfüllte, als ihr Körper ihn umschloss und sie beide für einen Moment vollkommen still hielten, als müssten sie diesen einen Augenblick festhalten, bevor alles andere begann.
Dann bewegte er sich. Langsam zuerst, fast zärtlich, aber mit jedem Stoß dringlicher. Emma schlang ihre Beine um seine Hüften, zog ihn tiefer in sich hinein, und der Rhythmus, den sie fanden, war nichts, das sie hätten planen können. Es war ein Rhythmus, der aus ihnen beiden entstand, aus vier Jahren ungelebter Nähe und dem unbändigen Verlangen, das sie so lange unterdrückt hatten.
Die Sitzbank quietschte leise bei jeder Bewegung, und würde ihnen kalt werden, und irgendwann würde die Tankstellenbeleuchtung durch die beschlagenen Scheiben dringen und sie daran erinnern, wo sie waren. Aber jetzt war nur das hier. Nur Lukas in ihr, nur ihre Hände auf seinem Rücken, nur sein Atem an ihrem Hals und die Welle, die in ihr aufstieg und aufstieg und schließlich brach.
Sie kam mit einem Schrei, den sie nicht zurückhalten konnte und nicht zurückhalten wollte. Ihr Körper spannte sich an, zog sich um ihn zusammen, und sie spürte, wie auch Lukas den Rhythmus verlor, wie seine Bewegungen schneller, unkontrollierter wurden, bis er sich mit einem tiefen Stöhnen in ihr ergoss.
Danach lagen sie still. Die beschlagenen Scheiben schirmten sie von der Welt ab, und das einzige Geräusch war ihr Atem, der langsam ruhiger wurde. Emma spürte, wie sich der Schweiß auf ihrer Haut abkühlte, aber sie fühlte sich nicht kalt. Sie fühlte sich lebendig. So lebendig wie schon lange nicht mehr.
Der Geruch von Diesel und Novemberluft
Sie lagen noch eine Weile so, Lukas’ Kopf an ihrer Schulter, ihre Hand in seinem Haar. Die Enge der Sitzbank ließ keine großen Bewegungen zu, aber das war in Ordnung. Emma wollte sich nicht bewegen. Sie wollte diesen Moment konservieren, ihn mitnehmen in das Leben, das morgen wieder auf sie warten würde, und sie wusste gleichzeitig, dass das nicht möglich war.
„Wir sollten zurückfahren“, sagte sie schließlich.
Lukas hob den Kopf. „Zurück?“
„Zum Hotel. Es ist spät. Und morgen früh ist das Meeting.“
Die Worte fühlten sich falsch an in ihrem Mund, zu normal für das, was gerade vorgefallen war. Aber sie musste sie aussprechen, musste die Welt da draußen wieder hereinlassen, auch wenn sie es nicht wollte. Der verbotene Seitensprung war vollzogen, und jetzt kam der Teil, vor dem sie sich gefürchtet hatte: das Danach.
Lukas setzte sich auf. Sein nackter Oberkörper warf seltsame Schatten in dem diffusen Licht, und Emma sah die Gänsehaut auf seinen Armen. Er begann, seine Kleider zusammenzusuchen, und sie tat dasselbe, und für ein paar Minuten waren sie nur zwei Menschen, die sich in einem zu engen Raum anzogen und versuchten, nicht an das zu denken, was als Nächstes kam.
Als sie wieder auf dem Beifahrersitz saß, den Sicherheitsgurt angelegt und den Mantel über den Knien, startete Lukas den Motor. Die Heizung sprang an, und warme Luft strömte in die Kabine. Er fuhr vom Tankstellengelände, bog auf die Landstraße, und der Nebel draußen war dichter geworden. Die Scheinwerfer schnitten nur ein kurzes Stück in die Dunkelheit, bevor das Licht sich im Grau verlor.
„Wirst du es bereuen?“, fragte er.
Emma sah ihn von der Seite an. Sein Profil war wieder dasselbe wie zuvor: die Bartstoppeln, die Narbe über der Augenbraue, die Hände am Lenkrad. Und doch war nichts mehr, wie es vorher gewesen war.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich. „Ich glaube, ich werde es erst wissen, wenn ich zu Hause bin. Wenn ich in meiner Wohnung stehe und den Schlüssel auf die Kommode lege und ganz normal meinen Mantel aufhänge. Dann werde ich wissen, ob ich es bereue oder nicht.“
Lukas nickte. Er sagte nichts, aber seine Hand löste sich vom Lenkrad und legte sich auf ihren Oberschenkel. Es war keine fordernde Geste, keine Einladung zu mehr. Es war einfach nur eine Hand, die dort lag, warm, schwer und tröstlich.
„Ich bereue es nicht“, sagte er. „Noch nicht. Und ich glaube nicht, dass ich es bereuen werde. Ich glaube, ich werde eher bereuen, dass wir es nicht schon früher getan haben. Vor zwei Jahren. Oder vor drei. Oder an dem Abend nach der Weihnachtsfeier, als du im Taxi neben mir gesessen hast und ich dich die ganze Fahrt über angesehen habe und nichts gesagt habe.“
Emma erinnerte sich an diesen Abend. Sie hatte dasselbe gedacht, damals, im Taxi. Sie hatte ihn angesehen und gedacht: „Warum sagst du nichts? Und sie hatte selbst nichts gesagt, weil sie nicht wusste, wie. Jetzt wusste sie es. Jetzt wusste sie, wie es sich anfühlte, die Worte auszusprechen, die man so lange zurückgehalten hatte. Es fühlte sich an wie Fallen und Fliegen gleichzeitig.
„Vielleicht“, sagte sie, „vielleicht war es genau der richtige Zeitpunkt. Vielleicht wäre es vor zwei Jahren falsch gewesen. Und jetzt ist es richtig. Oder so richtig, wie etwas Falsches eben sein kann.“
Lukas lachte leise. „Das ist eine ziemlich gute Zusammenfassung.“
Sie fuhren weiter durch die Nacht, und der Nebel wurde lichter, je näher sie der Stadt kamen. Irgendwann tauchten die ersten Straßenlaternen auf, dann die ersten Häuser, dann das Hotelschild, das sie seit drei Tagen jeden Abend begrüßt hatte und das heute anders aussah. Nicht mehr wie ein Ziel, sondern wie ein Anfang.
Lukas parkte das Wohnmobil auf dem Hotelparkplatz und stellte den Motor ab. Bevor er ausstieg, drehte er sich noch einmal zu ihr um.
„Morgen früh“, sagte er, „beim Frühstück. Wenn du mich ansiehst und ich dich ansehe. Was machen wir dann?“
Emma dachte einen Moment nach. Dann lächelte sie. Es war kein triumphierendes Lächeln, kein verlegenes. Es war das Lächeln einer Frau, die gerade entdeckt hatte, dass sie zu Gefühlen fähig war, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte.
„Wir werden uns ansehen“, sagte sie. „Und wir werden wissen, was passiert ist. Nur wir beide. Und niemand sonst wird es wissen. Und vielleicht ist das genau das, was einen verbotenen Seitensprung ausmacht. Nicht die Heimlichkeit vor anderen. Sondern das Wissen, das man miteinander teilt.“
Lukas nickte langsam. Dann stieg er aus, und sie folgte ihm, und die Novemberluft schlug ihnen entgegen, kalt, klar und voller Gerüche nach nassem Laub und Asphalt und dem fernen Versprechen von Schnee.
Sie gingen nebeneinander auf den Hoteleingang zu, nicht zu nah und nicht zu fern, und Emma dachte, dass dies vielleicht der gefährlichste Moment von allen war. Nicht der Kuss, nicht die Berührung, nicht der Höhepunkt auf der engen Sitzbank. Sondern dieser Moment hier, in dem sie nebeneinander gingen und wussten, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor, und es trotzdem taten. Schritt für Schritt. Seite an Seite.
Die automatische Tür öffnete sich, und warmes Licht empfing sie. Emma trat als Erste hindurch.
– ENDE –
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