Fremdgehen Geschichte
Das ist völlig bescheuert, dachte Nora, während sie mit schweißnassen Handflächen das Lenkrad umklammerte und auf den Campingplatz einbog, der eher einer überlaufenen Kleinstadt glich als einem Ort der Erholung. Zelte drängten sich an Zelte, dazwischen flatterten Wäscheleinen, und irgendwo plärrte ein Radio einen Schlager, den sie nicht zuordnen konnte und auch nicht wollte. Neben ihr auf dem Beifahrersitz summte ihr Handy – eine Nachricht von Markus. Viel Spaß, Schatz. Denk an mich. Sie tippte ein Herz-Emoji zurück, ohne wirklich hinzusehen, und spürte dabei dieses flaue Ziehen im Magen, das sie seit Wochen begleitete. Es war nicht das schlechte Gewissen, noch nicht. Es war Vorfreude, vermischt mit der nervösen Energie einer Lüge, die noch nicht ausgesprochen war.
Der Platzwart, ein sonnenverbrannter Mann mit einem Basecap, das bessere Tage gesehen hatte, winkte sie zu Parzelle 47. »Da hinten, zwischen dem Wohnwagen mit der Fahne und dem komischen Tipi-Ding. Ihr Nachbar ist schon da.«
Nora nickte, lächelte, spielte die entspannte Wochenendcamperin, die sie definitiv nicht war. Sie hatte noch nie ein Zelt aufgebaut. Nicht allein jedenfalls. Markus war der Outdoor-Typ, der Mann mit den Planen und den Heringen und der unerschütterlichen Ruhe beim Entwirren von Schnüren. Aber Markus war dieses Wochenende auf einem Fortbildungsseminar in Frankfurt. »Rhetorik für Führungskräfte«, hatte er gesagt. Nora hatte »Viel Erfolg« gesagt und dabei schon gewusst, dass sie nicht allein fahren würde.
Der Kies knirschte unter ihren Sandalen, als sie ausstieg. Es roch nach Gegrilltem, Sonnencreme und dem eigentümlichen Mief von zu vielen Menschen auf zu wenig Raum. Ein Kind rannte quietschend an ihr vorbei, verfolgt von einem kleineren Kind mit einer Wasserpistole. Nora zuckte zusammen, dann lachte sie über sich selbst. Was hatte sie erwartet? Ein einsames Bergpanorama? Sie war auf einem Campingplatz an einem See in Brandenburg, am ersten richtigen Sommerwochenende des Jahres.
»Nora!«
Die Stimme kam von links, von der Parzelle neben ihrer. Daniel stand zwischen zwei Haufen Gestänge und Stoffbahnen, grinste breit und hielt etwas in die Höhe, das aussah wie ein missglücktes Origami-Kunstwerk aus Aluminium. Seine Haare waren zerzaust, sein T-Shirt spannte über den Schultern, und seine kurze Hose saß so tief auf der Hüfte. Nora fragte sich kurz, ob sie wirklich aus reiner Freundlichkeit hier war oder aus etwas, das sie sich selbst noch nicht ganz eingestehen wollte.
»Ich habe schon mal angefangen«, sagte er. »Aber ich fürchte, ich brauche Supervision.«
Nora warf ihre Tasche, die Klamotten enthielt, die Markus nicht kannte, sowie das Parfüm, das Daniel einmal beiläufig als »betörend« bezeichnet hatte, auf den Boden und lief zu ihm hinüber. Die Sonne brannte auf ihren Nacken. Sie war froh, dass sie an diesem Morgen die rote Bluse gewählt hatte, die ihre Augenfarbe unterstrich. Es war eine Entscheidung, die sie vor dem Spiegel mit einem mulmigen Kribbeln getroffen hatte, das sie noch immer nicht ganz einordnen konnte oder wollte.
Daniel hielt ihr das Gestänge entgegen wie ein Ritter sein Schwert. Seine Augen funkelten. »Willkommen in der Hölle der Freizeitgestaltung. Ich hoffe, du hast deine härtesten Flüche eingepackt. Wir werden sie brauchen.«
»Ich dachte, du bist der Pfadfinder«, konterte Nora und griff nach einem der Stäbe. Ihre Finger streiften seine und der kurze Kontakt sandte einen winzigen elektrischen Schlag durch ihren Arm. Sie ignorierte ihn. Oder tat zumindest so.
»Ich war Pfadfinder. Vor zwanzig Jahren. Da konnte ich noch Knoten und wusste, welches Blatt man sich auf Wunden legt. Heute kann ich vor allem Präsentationen erstellen und Kaffee trinken.«
Nora lachte. Es war so leicht, mit Daniel zu lachen. Das war von Anfang an so gewesen, seit sie sich vor drei Monaten auf dieser schrecklichen Networking-Veranstaltung kennengelernt hatten. Beide waren unglücklich an Stehtischen festgehalten und auf der Suche nach einer Rettung, die sie ineinander fanden. Damals hatte sie noch gedacht, es sei nur Freundschaft. Heute wusste sie es besser, auch wenn sie es noch nicht ausgesprochen hatte.
Der Campingplatz summte um sie herum, während sie sich gemeinsam über das Gestänge beugten. Ein Mann drei Parzellen weiter fluchte leise über einen undichten Schlauch. Eine Frau rief nach ihren Kindern. Irgendwo klapperte Geschirr. Nora und Daniel standen in ihrer eigenen kleinen Blase aus Aluminiumstangen und unausgesprochenen Möglichkeiten, und Nora fragte sich, ob diese Fremdgehen Geschichte schon begonnen hatte oder ob sie noch die Kurve kriegen konnte.
Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich wollte sie das auch gar nicht.
Als das Gestänge sich fügte und die Blicke sich verhedderten
»Also, wenn ich mich recht entsinne, kommt Stange A in Öse B, es sei denn, wir haben ein neueres Modell, dann ist es andersrum oder völlig egal, weil am Ende sowieso alles schief hängt.« Daniel hielt die verblichene Aufbauanleitung gegen das Sonnenlicht und kniff die Augen zusammen. »Kannst du das lesen? Das Chinesisch? Oder das verblasste Deutsch?«
Nora stellte sich neben ihn, so nah, dass ihre Schulter fast seine berührte. »Da steht: Zuerst das Innenzelt aufbauen. Nicht das Gestänge zuerst. Du hast das Gestänge zuerst aufgebaut.«
»Natürlich habe ich das. Ich bin ein Mann. Wir bauen zuerst das Gestänge auf. Das steht in unseren Genen.«
»Zwischen Herdpräferenz und Unfähigkeit, nach dem Weg zu fragen?«
Daniel lachte und ließ die Anleitung sinken. »Genau da. Chromosom C-17, auch bekannt als das ›Ich-brauche-keine-Anleitung‹-Gen.«
Sie brauchten fast eine Stunde. Es war ein simples Sechs-Personen-Zelt, das Markus vor Jahren im Angebot gekauft hatte, für den Fall, dass sie mal zu zweit campen wollten oder mit Freunden oder irgendwann vielleicht mit einer Familie. Sie alberten unentwegt. Daniel warf Nora spielerisch Zelthaufen zu, die sie nicht auffing. Nora drohte, ihn mit einem Hering zu erstechen, und Daniel tat so, als müsse er in Deckung gehen. Dazwischen trugen sie einen Wettbewerb aus, wer die dämlichsten Campingwitze kannte, den Daniel mit einem unschlagbar grottigen Kalauer über Zelte gewann, die ja »immer etwas gespannt« seien.
Irgendwann, als das Gestänge endlich stand und sie die Plane darüberzogen, musste Daniel auf die andere Seite des Zeltes gehen, um die Befestigungen festzuzurren. Nora stand auf ihrer Seite und hielt die Plane straff. Währenddessen beobachtete sie durch den dünnen Nylonstoff seine Silhouette. Die breiten Schultern, die schmale Taille und die Konzentration in seiner Haltung, während er die Schnüre verknotete, fielen ihr auf. Es war merkwürdig intim, dieses gemeinsame Arbeiten, bei dem sie sich nicht sahen und doch spürten.
»Weißt du, was mir gerade auffällt?«, rief Daniel durch den Stoff.
»Dass du die falsche Seite festgemacht hast?«
»Das auch. Aber außerdem: Wir machen das gut zusammen. Wir sind ein gutes Team.«
Nora hielt inne, die Hand noch an der Plane. »Ja«, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm. »Das sind wir.«
Als das Zelt stand – es stand tatsächlich, lehnte nicht einmal schief –, setzten sie sich auf die Isomatten, die Daniel mitgebracht hatte, und tranken lauwarmes Bier aus der Dose. Die Sonne stand jetzt tiefer, tauchte den Campingplatz in goldenes Licht, und Nora spürte die angenehme Müdigkeit in ihren Armen von der ungewohnten Arbeit.
Daniel stieß mit seiner Dose gegen ihre. »Auf den Triumph über das Gestänge!« Und auf die Bauleitung, ohne die ich jetzt noch versuchen würde, das Ding als Drachen fliegen zu lassen.«
»Auf das Gestänge«, sagte Nora, und dann, ohne nachzudenken: »Und auf das schlechte Gewissen, das ich haben sollte, aber irgendwie nicht habe.«
Daniel setzte die Dose ab. Sein Blick wurde weicher, ernster. »Nora …«
Sie schüttelte den Kopf, lächelte, wollte das gerade entstandene Knistern noch nicht in Worte fassen. »Nicht jetzt. Lass uns einfach … nicht jetzt.«
Er nickte. Verstand. Nahm ihre Hand, ganz beiläufig, als täte er es jeden Tag, und sie ließ es geschehen. So saßen sie eine Weile, zwei Menschen auf Isomatten in einem Zelt, das nach Plastik und Abenteuer roch. Draußen kam der Campingplatz langsam zur Ruhe und drinnen wuchs etwas, das weder Zelt noch Isomatte brauchte, um Raum einzunehmen.
Die Reißverschlüsse der Versuchung schließen nie ganz dicht.

Der Abend kam schnell, wie er auf Campingplätzen immer so ist. Es gab ein allmähliches Verstummen der Kinderstimmen, das leise Zischen von Gaskochern und das Klirren von Gläsern und Besteck. Vereinzelt waren Lacher zu hören. Währenddessen roch die warme Luft jetzt nach gegrilltem Fleisch und dem Rauch von Lagerfeuern, nach Sonnencreme-Resten und dem modrigen Geruch des Sees, der irgendwo hinter der nächsten Baumreihe liegen musste. Nora und Daniel hatten keine Ausrüstung zum Kochen dabei. Sie hatten nur Brot, Käse, Tomaten und eine Flasche Rotwein, die Daniel feierlich aus seinem Rucksack zog wie ein Zauberer. Er hielt es formlos in die Höhe, als sei es eine Reliquie und kein Discounter-Fund.
»Schon mal Camping-Fondue gemacht?«, fragte er und hielt den Käse in die Höhe.
»Das ist ein Stück Gouda. Das ist kein Fondue.«
»Alles ist Fondue, wenn du den Mut hast, es in Wein zu tunken. Oder Wein in es. Ich bin mir nicht ganz sicher.«
Sie aßen, saßen auf Decken vor dem Zelt, der Wein wärmte ihre Wangen auf und ihre Worte weicher. Der Himmel färbte sich orange, dann violett, dann dunkelblau, und die ersten Sterne wagten sich hervor. Um sie herum wurde es ruhiger, aber nie still – dafür war der Campingplatz zu voll, es gab zu viele Menschen, zu viele Leben, die nur durch hauchdünne Zeltwände getrennt waren.
»Weißt du, was ich an Campingplätzen mag?«, fragte Daniel und schenkte ihnen nach. Er sprach jetzt ohne die gewohnte Heiterkeit, sah sie über den Rand seines Bechers hinweg an. »Dass alle vorgeben, als hätten sie Privatsphäre, obwohl jeder jeden hören kann. Da drüben« – er deutete mit dem Kinn auf ein beleuchtetes Zelt – »streitet sich ein Ehepaar über die richtige Art, Marshmallows zu rösten. Und zwei Zelte weiter schnarcht jemand so laut, dass der Boden vibriert, während ein Liebespaar versucht, diskret zu sein, und natürlich völlig scheitert.«
Nora lauschte. Sie hörte das gedämpfte Murmeln, irgendwo ein Kichern, das leise Quietschen einer Luftmatratze, das sie sofort an Dinge denken ließ, die sie nicht sollte, wenn sie neben Daniel saß. Sein Knie war jetzt nah genug an ihrem, dass sie die Wärme seiner Haut durch den Stoff ihrer Hose spürte.
»Es ist, als wäre der ganze Platz eine Bühne«, sagte sie, »und alle spielen ›normales Familienwochenende‹, während in Wirklichkeit jeder seine eigenen kleinen Geheimnisse hat. So wie wir.«
Das letzte Wort hing in der Luft. Wir. Sie hatte es ausgesprochen, absichtlich, sie wollte es nicht zurücknehmen. Daniel drehte sich zu ihr, und in der Dämmerung waren seine Augen dunkel und ernst, kein Lachen, keine Albernheit mehr. Nur noch die Frage, die sie beide seit Wochen mit sich herumtrugen.
»Nora.« Nur ihr Name, aber er klang anders als zuvor. Keine Frage, sondern eine Feststellung. Ein Anfang.
Sie spürte, wie ihre Kehle trocken wurde, wie ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte. Alles in ihr schrie nach ihm, und gleichzeitig flüsterte eine kleine, hartnäckige Stimme in ihrem Kopf: Markus. Du hast Markus. Das ist falsch. Aber das Flüstern wurde leiser, je länger Daniel sie ansah und je näher er kam, ohne sich wirklich zu bewegen, nur durch das leichte Neigen seines Kopfes und die Art, wie seine Hand jetzt ganz bewusst und ganz langsam ihre Hand auf der Decke berührte. Ein Finger auf ihrem Handrücken, eine Spur von Wein und Wärme und Wagemut.
»Ist es falsch?«, fragte er, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
»Vielleicht«, flüsterte sie. »Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es nur … später falsch. Morgen. Nicht jetzt.«
Seine Hand schloss sich um ihre, und der Druck war fest, warm und so genau das, was sie wollte, dass sie einen kleinen, erstickten Laut ausstieß. Draußen, hinter der Zeltplane, hustete jemand. Ein Hund bellte. Ein Kind rief nach seiner Mutter. Die Welt drehte sich weiter und ignorierte sie. Sie saßen auf ihrer Decke, nur Zentimeter voneinander entfernt, und das Unvermeidliche bahnte sich an wie ein Gewitter, das sich schon den ganzen Nachmittag über zusammengebraut hatte.
»Dann«, sagte Daniel, »lass uns nicht warten, bis es falsch wird.«
Er stand auf, zog sie sanft hoch, und sie konnte gezogen werden. Ihre Knie waren weich, ihr Kopf leicht vom Wein, ihr ganzer Körper summend vor Erwartung und Angst und der prickelnden, verbotenen Freude auf das, was jetzt kam. Das Zelt stand dunkel und still hinter ihnen, der Reißverschluss halb offen, eine Einladung. Um sie herum schlief der Campingplatz, oder tat zumindest so, und Nora folgte Daniel ins Innere, als ginge sie durch eine Tür, hinter der nichts mehr so sein würde wie zuvor.
Als die Plane erzitterte und nichts mehr zählte außer uns
Der Reißverschluss schloss sich mit einem leisen Sirren, und plötzlich war die Welt auf drei mal zwei Meter Nylon zusammengeschrumpft. Das Licht der Stirnlampe, die Daniel achtlos in die Ecke geworfen hatte, warf weiche Schatten an die Zeltwände und tauchte alles in ein diffuses, unwirkliches Orange. Es roch nach frischer Plane, nach Gras, nach Deodorant und nach dem Wein in ihren Atemzügen. Und plötzlich war es still, so still, dass Nora ihren eigenen Herzschlag hören konnte, laut, schnell und völlig außer Takt.
Daniel stand vor ihr, atemlos, so als hätte er schon angefangen zu rennen, obwohl es nur das Stehen war, das ihn außer Atem brachte, das Hier-Sein mit ihr. Er hob die Hand und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht, eine Geste so zart, dass sie fast schmerzte. Seine Finger wanderten ihren Kieferknochen entlang, und sie spürte die schwieligen Kuppen, die kleinen Unebenheiten, die ihn so echt machten.
»Ich will dich«, sagte er, und es klang nicht nach Verführung. Es klang nach einer Tatsache, der einzigen, die gerade noch zählte. »Ich will dich schon, seit du auf dieser bescheuerten Veranstaltung über dein Weinglas gelacht hast, weil der Rotwein nach Korken schmeckte, und du sagtest, du würdest lieber den Tafelsenf aus der Kantine trinken.«
Nora lachte, kurz und erstickt. »Das war nicht witzig. Das war ehrlich. Der Wein war wirklich grauenhaft.«
»Ich weiß. Genau das fand ich so unglaublich anziehend.«
Seine Lippen fanden ihre, und es war kein fragender Kuss, kein zögerndes Antasten. Es war hungrig, ungeduldig und so voller aufgestauter Sehnsucht, dass Nora einen Moment lang vergaß zu atmen. Seine Hände lagen jetzt in ihrem Nacken, zogen sie näher, und sie schmeckte Wein, Daniel, eine winzige Spur Käse und etwas, das einfach nur richtig war. Ihre eigenen Hände fuhren unter sein T-Shirt, spürten warme Haut, harte Muskeln, die sich unter ihren Fingerspitzen bewegten. Er stöhnte in ihren Mund, und der Laut vibrierte durch ihren ganzen Körper, setzte sich in ihrem Bauch fest, zog tiefer, dorthin, wo die Hitze schon den ganzen Abend wartete.
Sie fielen auf die Isomatten, ungeschickt, fast kichernd, als Daniels Ellbogen auf einem Hering landete und er mit einem unterdrückten Fluch zur Seite rollte. Die Matten knisterten, die Plane raschelte, und draußen vor dem Zelt ging jemand vorbei, eine Taschenlampe strich über den Stoff, aber sie waren schon zu weit weg, schon verloren ineinander, um sich darum zu scheren.
Daniels Hände, die so geschickt das Gestänge zusammengesteckt hatten, nestelten jetzt an den Knöpfen ihrer Bluse. Einen, zwei, drei – er fluchte leise, weil der vierte sich widersetzte. Dann glitt der Stoff auseinander und seine Finger fuhren forschend und fordernd unter den Bund ihrer Hose über ihren Bauch, so langsam, dass es fast unerträglich war. Nora biss sich auf die Lippe und unterdrückte ein Stöhnen. Das Zelt war dünn, die Nachbarn waren nah, und auch wenn Daniel vorhin über die fehlende Privatsphäre gescherzt hatte, wollte sie jetzt nicht, dass irgendjemand Zeuge wurde von dem, was hier geschah.
»Still«, flüsterte Daniel, aber er lächelte dabei, eine Spur von Schalk in den Augen, während seine Finger tiefer glitten und er genau wusste, wie schwer es ihr fiel, leise zu bleiben.
Nora konterte, indem sie ihre Hand auf seine Brust legte und langsam, sehr langsam, abwärts wandern ließ. Über den Bund seiner Hose, über die harte Wölbung, die sich unter dem Stoff abzeichnete, und sie spürte, wie sein Atem stockte, wie sein Lächeln gefror und seine Augen sich weiteten. Er war hart, überraschend hart, und die Hitze, die durch den Stoff drang, ließ ihre eigene Erregung in Wellen kommen. Sie wollte ihn spüren, nackt, ganz, ohne Stoff und ohne Distanz, und sie zerrte an seinem Reißverschluss, bis er nachgab.
Seine Hose und seine Boxershorts landeten irgendwo im Dunkel des Zeltes. Eine Planecke knisterte empört. Dann waren sie Haut an Haut, Brust an Brust, sein Mund an ihrem Hals, ihre Beine um seine Hüften geschlungen. Er schob ihr Höschen beiseite, ungeduldig, und seine Finger hielten sie für feucht, so unglaublich nass, dass er einen Moment verharrte, sie ansah mit einem Ausdruck von Staunen und Begehren, der ihr den Atem raubte.
»Nora …« Diesmal war es anders, diesmal waren es Ehrfurcht und Dringlichkeit und die flehende Frage, die sie mit einem Kopfnicken beantwortete, mit einem gedämpften »Ja, bitte, jetzt«.
Und dann war er in ihr, und die Welt bestand nur noch aus Bewegung. Langsam zuerst, ein vorsichtiges Erkunden, das sich anfühlte wie ein Nachhausekommen an einen Ort, an dem sie nie gewesen war. Die Isomatten knarrten unter ihnen, die Plane spannte sich und gab nach. Nora presste ihr Gesicht an Daniels Schulter und schmeckte Salz und Haut, während er den Rhythmus fand, der sie beide höher und höher trug. Seine Stöße wurden fester, sicherer, und sie trafen sie an einer Stelle, die kleine Explosionen hinter ihren geschlossenen Lidern auslöste.
»Oh Gott«, murmelte sie, vergrub ihre Fingernägel in seinem Rücken, »genau da. Genau. Ja.«
Daniels Atem ging stoßweise, seine Bewegungen wurden drängender, und Nora spürte, wie sich in ihrem Bauch etwas zusammenzog, eine Spiralwelle, die sich immer enger drehte. Sie bäumte sich ihm entgegen, ritt die Welle, ließ sich treiben, bis sie nicht mehr konnte. Bis alles in ihr zerbarst in einem grellen, blendenden Moment der puren Lust, der ihr die Luft aus der Lunge presste. Sie sank mit einem langen, zitternden Seufzer wieder auf die Isomatte.
Daniel folgte ihr Sekunden später mit einem tiefen, kehligem Stöhnen, das er in ihrer Schulter vergrub, während sein Körper sich anspannte und verharrte; sie spürte das heiße Pulsieren tief in sich, das rhythmische Zucken seiner Erleichterung. Sie hielt ihn, bis er ruhig wurde, bis sein Atem sich normalisierte und sein Gewicht auf ihr lag wie eine Decke aus warmem, atmendem Frieden.
Das Zelt um sie herum war still, nur das leise Knacken der Plane im Abendwind, das ferne Lachen von irgendwo, das Zirpen der Grillen. Nora starrte an die Zeltdecke, spürte Daniels Herzschlag gegen ihre Brust und dachte für einen Moment gar nichts. Nur fühlen. Nur sein.
Der Morgen danach riecht nach Gras und halben Wahrheiten.
Nora erwachte, weil jemand in der Nähe einen Gaskocher bediente – das charakteristische Klick-Klick-Zisch, gefolgt vom blauen Flackern, das sie durch die Zeltplane erahnen konnte. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war. Dann spürte sie den warmen Körper neben sich, den Arm, der quer über ihrem Bauch lag, die regelmäßigen Atemzüge an ihrer Schulter, und die Erinnerung kam zurück, weich, warm und unausweichlich.
Das Zelt war stickig, die Luft verbraucht. Durch die Moskitonetze drang erstes Tageslicht, das die Plane in ein zartes Bernstein tauchte. Draußen hustete jemand. Ein Hund bellte. Normale Campingplatzgeräusche, die jetzt surreal klangen nach dem, was in dieser Nacht geschehen war.
Daniel schlief noch, sein Gesicht entspannt, jünger als sonst. Nora betrachtete ihn, die leichten Fältchen um seine Augen, die Stoppeln an seinem Kinn, und spürte einen Kloß im Hals. Es war kein schlechtes Gewissen, noch nicht. Eher eine Zärtlichkeit, die so überraschend kam wie ein unerwarteter Gast. Sie legte eine Hand auf seine Wange, ganz vorsichtig, und er bewegte sich, murmelte etwas Unverständliches, zog sie im Halbschlaf näher an sich.
»Morgen«, nuschelte er, die Augen noch geschlossen.
»Morgen.«
»Wie spät?«
»Zu früh für philosophische Fragen.«
Er öffnete die Augen, lächelte sie an wie jemand, der sich an den herrlichsten Traum erinnert und feststellt, dass er Realität ist. »War das …?«
»Ja. War es.«
Sie küssten sich, sanft und verschlafen, und für eine Weile lagen sie einfach so, ohne zu sprechen, während der Campingplatz um sie herum erwachte. Irgendwann setzte sich Daniel auf und suchte nach seiner Hose. Der Anblick – er, halb nackt im diffusen Zeltlicht, auf einer quietschenden Isomatte, auf der Suche nach seiner Unterwäsche – hätte komisch sein können, war es aber nicht. Es war vertraut. Zu vertraut.
Nora setzte sich ebenfalls auf, wickelte sich in den dünnen Schlafsack. Die Luft war kühl an ihren Schultern, und das Licht wurde heller, gnadenloser.
»Was jetzt?«, fragte sie.
Daniel hielt inne, die Shorts in der Hand. Der Moment der Wahrheit, auch wenn sie ihn beide hatten kommen sehen. »Das entscheidest du«, sagte er, und es war die Antwort, die sie von ihm erwartet hatte, die anständige, die richtige. Er würde sie nicht drängen.
Nora dachte an Markus, an seine SMS von gestern, an das kleine rote Herz, das sie zurückgeschickt hatte in einer Welt, die es nicht mehr gab. Das schlechte Gewissen war jetzt da, leise und hartnäckig, aber es war seltsamerweise nicht so schlimm, wie sie es sich ausgemalt hatte. Vielleicht war es noch nicht angekommen, das ganze Ausmaß. Vielleicht kam es auch nie. Vielleicht war das hier nicht das Ende von etwas, sondern der Anfang.
»Ich muss heute zurück«, sagte sie in die Stille. »Er kommt morgen wieder. Ich muss … nachdenken.«
Daniel nickte. Zog seine Sachen an, gab ihr einen Kuss auf die Stirn, der fast keusch war, und kroch aus dem Zelt, um Kaffee zu organisieren – auf Campingplätzen gab es immer irgendwo welchen, das gehörte zu den ungeschriebenen Gesetzen. Nora blieb sitzen und lauschte seinen sich entfernenden Schritten.
Sie würde das Zelt allein abbauen müssen, das wusste sie. Das war die Konsequenz von allem. Aber sie war nicht besorgt. Sie war überrascht, wie sicher sie sich fühlte. Nicht, weil sie wusste, was sie tun würde. Sondern weil sie wusste, dass sie es konnte.
Das Klicken des Gaskochers war verstummt, stattdessen hörte sie Daniels Stimme von irgendwoher, wie er mit jemandem über die genialste Methode scherzte, Camping-Espresso zuzubereiten. Sie lächelte, schüttelte den Kopf und machte sich daran, den Schlafsack zu rollen.
Diese Fremdgehgeschichte war weder sauber noch einfach, und sie endete nicht mit dem Zusammenpacken eines Zeltes. Aber vielleicht musste sie das auch gar nicht. Vielleicht war es eine Geschichte, die weiterging, über diesen Campingplatz hinaus, und die sie noch ein ganzes Stück begleiten würde. Nora wusste nicht, was sie sich wünschte, aber sie verstand, was sie fühlte. Und das war genug für den Anfang.
– ENDE –
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