Salz auf der Haut – Bisexuelle Begierde auf einem Segeltörn

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  • Beitrags-Kategorie:Bisex
Lesedauer 18 Minuten

Bisexuelle Begierde. Der Hafen schläft noch, als wir ablegen.

Annika spürte das feuchte, kühle Tau in ihren Händen, noch ehe die Sonne den Dunst über dem Hafenbecken durchdrungen hatte. Das Klappern der Fallen gegen die Masten hallte über das stille Wasser wie ein hölzernes Morsealphabet, und irgendwo knarrte eine Fenderleine im Rhythmus der kaum wahrnehmbaren Dünung. Simon stand bereits an Deck der „Seeschwalbe“, als sie den Steg betrat, und sein Gesicht war nur eine Silhouette vor dem perlgrauen Himmel. Er reichte ihr wortlos den Kaffeebecher hinüber – schwarz, stark, noch dampfend – und sie schloss für einen Moment die Augen, als die Wärme durch ihre Finger kroch. Der Geruch von Kaffee vermischte sich mit Salzluft und jenem eigentümlichen Aroma von Teakholz, das sich in den Jahren in jede Faser des Schiffs gefressen hatte wie Erinnerungen.

Ihre Füße waren nackt. Sie hatte die Sandalen bereits am Auto ausgezogen, wie sie es immer tat, ehe sie ein Schiff betrat. Die Holzplanken unter ihren Sohlen fühlten sich glatt und kühl an, leicht feucht vom Morgentau oder vielleicht vom nächtlichen Sprühnebel, der sich wie ein unsichtbarer Schleier über alles gelegt hatte. Simon beobachtete sie von der Seite, während sie mit einer Selbstverständlichkeit an Bord kam, die ihn jedes Mal aufs Neue faszinierte. Sie bewegte sich auf einem Schiff, als wäre sie darauf geboren – nicht ungelenk oder zögerlich, sondern mit jener instinktiven Anpassung an den schwankenden Untergrund, die nur wenige Menschen besaßen. Ihre Zehen griffen die Planken fast wie Finger, suchten Halt, fanden ihn und gaben ihn im nächsten Moment wieder auf, um sich dem nächsten Schritt anzuvertrauen.

„Der Wind steht günstig“, sagte er und wies mit dem Kinn nach draußen, wo die Fahrwassertonnen in der Strömung leise schaukelten. „Nordnordwest. Wir können noch vor Mittag hinter der Landzunge sein.“

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Annika nickte und setzte sich auf die Cockpitbank, die noch kalt war von der Nacht. Sie zog die Knie an die Brust und wickelte sich in die Wolldecke, die Simon ihr wortlos über die Schultern legte. Ihre Finger berührten sich dabei kurz, flüchtig, aber nicht zufällig. Es war eine Berührung, die schon hundertmal stattgefunden hatte und doch jedes Mal etwas Neues enthielt, etwas, das noch nicht gesagt war. Sie spürte seine Hand einen Moment länger als nötig auf ihrer Schulter ruhen und schloss die Augen, während der erste Sonnenstrahl durch die Wanten brach und goldene Splitter aufs Deck warf.

Das Schiff war klein genug, um es zu zweit zu segeln, und groß genug, um darin zu leben. Acht Meter über alles, eine Kajüte mit zwei Kojen, die nie wie Särge wirkten. Denn das Deckshaus mit seinen vier Fenstern ließ Licht in Hülle und Fülle herein. Es gab auch eine Pantry, die kaum mehr als eine Spirituskocherflamme und einen winzigen Spülstein bot, aber alles, was zwei Menschen für einen Törn brauchten. Simon hatte die „Seeschwalbe“ vor fünf Jahren gekauft, als sein Leben noch anders aussah, und seitdem war sie sein zweites Zuhause geworden. Annika war die einzige Person, mit der er sie teilte. Nicht aus Besitzanspruch, sondern aus einer stillen Übereinkunft, die nie ausgesprochen werden musste: dass dieser Raum, dieses Schiff, ein Ort war, an dem sie beide mehr sein konnten als anderswo.

Sie legten ab, als der Hafen noch schlief. Der Diesel tuckert leise, während sie zwischen den Stegen hindurchgleiten, und Annika sitzt am Ruder, lässt die Finger auf den Speichen ruhen und spürt das leise Vibrieren des Motors durch das Holz. Vor der Mole hissten sie die Segel – erst das Groß, dann die Genua –, und als der Wind in das Tuch griff und es mit einem sanften Ruck füllte, erstarb der Motor. Die Stille danach war vollkommen. Nur das Plätschern des Wassers am Bug, das leise Singen des Windes im Rigg und das gelegentliche Knarren einer Leine, die sich spannte und entspannte wie ein atmender Körper.

Simon saß auf dem Kajütdach und ließ die Beine baumeln. Er sah zu ihr hinüber, zu der Frau am Ruder, deren Haar sich im Wind gelöst hatte und in Strähnen um ihr Gesicht tanzte. Sie trug ein Leinenhemd, das ihr zu groß war. Es war seins, erkannte er jetzt, gestohlen aus seiner Tasche beim letzten gemeinsamen Törn. Die Ärmel waren hochgekrempelt, sodass ihre Unterarme nackt waren, braun von der Sonne vergangener Tage. Er kannte jeden Leberfleck auf dieser Haut, wusste um die kleine Narbe am Handgelenk von einem Sturz als Kind, kannte den feinen blonden Flaum, der sich im Spätsommerlicht silbrig färbte. Und doch sah er sie jetzt mit neuen Augen. Er sah etwas, das er zuvor nur geahnt hatte. Eine Spannung, die nicht vom Segeln kam. Eine Wachheit, die in ihren Pupillen saß und sich auf ihn richtete wie ein noch ungestelltes Fragezeichen.

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Das Meer vor ihnen war glatt wie gehämmertes Zinn, und der Himmel darüber weitete sich, während die Küste zurückwich und zu einem dunstigen Streifen am Horizont wurde. Annika hielt den Kurs, den Simon ihr angedeutet hatte, und spürte, wie das Ruder lebendig wurde unter ihren Händen, wie es auf jede Welle antwortete, als wäre es Teil ihres eigenen Körpers. Sie liebte dieses Gefühl – ein Schiff zu steuern, es mit dem Wind zu verhandeln, ihm Richtung zu geben, ohne es zu zwingen. Es war wie eine Sprache, die sie fließend beherrschte, eine Grammatik aus Druck und Gegendruck, aus Nachgeben und Halten.

Was sie nicht sagte, was sie noch nicht einmal in Gedanken fasste: dass da etwas war zwischen ihnen beiden, das sich verändert hatte. Nicht plötzlich, nicht dramatisch, sondern langsam und unmerklich wie die Verschiebung einer Sandbank unter Wasser. Es lag in der Art, wie ihre Blicke sich trafen und länger hielten als früher. Es lag in der Weise, wie ihre Körper sich im Raum bewegten, stets mit einem Abstand, der kleiner war als nötig und größer als gewollt. Eine bisexuelle Begierde, die noch keinen Namen trug, noch kein Ziel, noch keine Form. Nur eine Ahnung von etwas, das möglich war.

Das Meer zwischen uns und der erste unbedachte Blick

Gegen Mittag passierten sie die Landzunge. Der Wind hatte aufgefrischt, und die „Seeschwalbe“ lag jetzt mit sieben Grad Krängung auf Backbord, pflügte durch die Wellen mit einer Gier, die beinahe übermütig wirkte. Annika hatte das Ruder abgegeben und saß jetzt auf dem Vordeck, die nackten Füße gegen die Reling gestemmt und das Gesicht in den Wind gehalten wie eine Opfergabe. Das Salz hatte sich bereits in ihre Haare gefressen und ließ sie wild und struppig aussehen. Sie sah aus wie eine jener Frauen auf alten Gemälden, die auf Felsen saßen und auf etwas warteten, das nie kam.

Simon sah zu ihr hinüber, während er die Großschot nachfierte. Er ertappte sich dabei, wie sein Blick nicht ihrem Gesicht galt, sondern der Linie ihres Halses, die sich zum Schlüsselbein hinabzog wie eine Einladung. Er kannte diese Linie. Er hatte sie schon hundertmal gesehen, beim Segeln, beim Schwimmen, beim Schlafen. Aber heute sah er sie anders, sah sie mit einer Deutlichkeit, die fast schmerzte. Es war, als hätte jemand die Schärfe eines Bildes neu justiert, das zuvor verschwommen gewesen war, und jetzt war jede Kontur klar, jede Biegung, jeder Schatten unter ihrer Haut. Er schluckte und konzentrierte sich wieder auf die Leine in seiner Hand, die feucht war und warm von der Reibung.

„Hunger?“, rief sie gegen den Wind.

„Immer“, rief er zurück.

Sie lachten beide, und das Kichern wurde vom Wind davongetragen, zerstreut über die Wellen, die jetzt höher wurden und der „Seeschwalbe“ einen unruhigen Takt unter die Planken schoben. Annika stand auf und balancierte mit der Selbstverständlichkeit einer Artistin übers schwankende Deck zur Kajüte, während Simon das Ruder übernahm. Er spürte ihre Nähe, als sie an ihm vorbeiging. Sie musste sich an der Niedergangsluke festhalten und streifte dabei kurz mit der Hüfte seinen Arm. Aber es war genug, um ihm den Atem stocken zu lassen.

Unter Deck war es dämmrig und roch nach dem Curry von gestern Abend, nach feuchtem Holz und nach dem Lavendelsäckchen, das Annika vor jedem Törn in die Kojen stopfte. Denn sie konnte den Geruch von alten Klamotten und Diesel nicht ertragen. Sie öffnete die kleinen Luken, um frische Luft hereinzulassen, während sie Brot aus dem Stauapparat holte, Tomaten, einen Kanten Käse, der bereits zu schwitzen begann. Ihre Finger arbeiteten flink und sicher, schnitten, verteilten, schichteten, während das Schiff unter ihren Füßen tanzte und sie mit ihrem Körper jede Bewegung ausglichen. Sie dachte an nichts Bestimmtes, nur an das Essen, nur an die Handgriffe, aber unter diesen Gedanken lag ein Summen, eine Vorfreude, die nicht vom Essen kam und nicht vom Segeln.

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Als sie wieder an Deck trat, hatte Simon das Ruder mit einer Leine fixiert und saß jetzt auf dem Kajütdach, die Beine gespreizt, die nackten Füße auf die Cockpitbank gestützt. Er trug nur ein dünnes Baumwollhemd, das der Wind gegen seine Brust presste. Sie sah den Umriss seiner Brustwarzen durch den Stoff. Sie sah den feinen dunklen Flaum auf seinen Unterarmen. Sie sah die Narbe am Knie von einem Sturz aus der Takelage vor Jahren. Sie kannte jede dieser Einzelheiten, und doch sah sie sie jetzt wie zum ersten Mal. Sie reichte ihm das Brot und setzte sich neben ihn, Schulter an Schulter, Hüfte an Hüfte. Sie aßen schweigend, während das Meer unter ihnen rauschte und die Möwen über ihnen kreisten wie Buchstaben in einer unbekannten Schrift.

„Warum hast du mich gefragt?“, sagte sie plötzlich und biss in ihr Brot, als wäre die Frage nur ein Nachsatz.

„Gefragt? Wofür?“

„Für diesen Törn Nur wir beide. Ohne die anderen. Ohne die übliche Crew.“ Sie kaute und sah aufs Meer hinaus, auf einen Punkt irgendwo zwischen Himmel und Wasser, der nicht existierte und den sie dennoch zu fixieren schien.

Simon legte das Brot auf seine Knie und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Er wusste nicht, ob er die Wahrheit sagen sollte oder eine jener Halbwahrheiten, die so bequem waren wie alte Segel. Er entschied sich für etwas dazwischen.

„Weil ich mit dir das Schweigen nicht aushalten muss“, sagte er. „Weil du die einzige Person bist, bei der ich nicht ständig etwas sein muss. weil du mein Freund bist.“ Er stockte bei dem letzten Wort, als hätte es plötzlich einen anderen Klang bekommen. „Meine Freundin“, korrigierte er sich, und das war auch nicht besser, nur anders.

Annika nickte. Sie nahm einen Schluck Wasser aus der Flasche, die zwischen ihnen stand, und ihre Lippen hinterließen einen feuchten Abdruck auf dem Metallrand. Sie reichte ihm die Flasche und er trank und legte seine Lippen genau auf dieselbe Stelle. Sie sah es und sagte nichts, aber ihre Pupillen weiteten sich um einen Hauch, den nur das Meer sehen konnte, hätte es Augen gehabt.

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Der Nachmittag zog sich hin wie ein langes Tuch, das über das Wasser geschleppt wurde. Sie segelten weiter, sprachen wenig, aber das Schweigen zwischen ihnen war nicht leer, sondern voll. Es war angefüllt mit Blicken, die sich trafen und wieder lösten, sowie mit Berührungen, die zufällig schienen und es nicht waren. Außerdem war es mit einem Knistern angefüllt, das wie statische Elektrizität in der Luft lag und jeden Moment einen Blitz versprechen konnte. Simon spürte es in seinen Fingerspitzen, wenn er eine Leine durchholte, und sie sah ihm dabei zu, als wäre die Bewegung seiner Hände eine Sprache, die sie lesen konnte. Annika spürte es in ihrem Bauch, wenn er sich reckte und sein Hemd über die Hüfte rutschte. Es zeigte eine Handbreit nackte Haut, die sie noch nie gesehen zu haben meinte und die ihr doch vollkommen vertraut war wie eine Landschaft, in der sie schon immer gelebt hatte.

Gegen Abend, als die Sonne tiefer stand und das Licht golden wurde wie flüssiger Honig, fanden sie eine Bucht, die nicht auf der Karte stand. Sie war klein und rund und geschützt von Felsen, die wie abgenagte Knochen aus dem Wasser ragten. Als sie in die Bucht hineinsegelten, wurde das Wasser plötzlich still, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Die „Seeschwalbe“ glitt in die Stille hinein wie in einen Spiegel. Als Simon den Anker fallen ließ und die Kette rasselnd durch die Klüse lief, atmeten sie beide aus, als hätten sie den Atem den ganzen Tag über angehalten.

Die Stille vor dem Sturm und das Ungesagte zwischen uns

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Die Nacht kam schnell, wie sie auf dem Meer immer rasch kam – kein Übergang, kein langes Zögern. Es war ein Fallen, ein Zuziehen wie ein Vorhang vor einem Fenster, hinter dem noch Licht brannte. Annika hatte zwei Öllampen angezündet. Diese schwangen und warfen tanzende Schatten an die Wände. Simon hatte den Spirituskocher in Gang gesetzt. Auf diesem stand ein Topf mit Wasser, das noch nicht kochte, aber bald. Sie würden Nudeln mit Pesto aus dem Glas essen und danach vielleicht einen Schluck Wein aus der Flasche trinken, die zwischen zwei Sandsäcken in der Bilge kühlte und die niemand brauchte.

Die Kajüte war klein, aber nicht beengt. Wenn sie beide darin waren, mussten sie sich umeinander herumbewegen wie zwei Tänzer, die eine Choreografie ausweichender Körper einstudiert hatten. Sie stießen dennoch immer wieder aneinander, weil der Raum nicht genug Platz bot für Distanz. Jedes Mal, wenn Annika an Simon vorbeimusste, um an den Schrank zu kommen, berührte sie ihn – mit der Schulter, mit der Hüfte, mit dem Oberschenkel. Und jedes Mal blieb die Berührung einen Moment länger als nötig, wie ein Wort, das man nicht zu Ende spricht, weil der Satz noch nicht fertig ist. Sie spürte seine Wärme durch den Stoff und roch seinen Geruch – Salz, Schweiß, etwas Holziges, das von seiner Haut kam und von den Jahren auf dem Meer. Sie dachte an nichts, aber ihr Körper dachte für sie. Und was er dachte, war eine Sprache, die sie noch nicht übersetzen konnte.

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Simon rührte im Topf, obwohl es nichts zu rühren gab. Er sah auf seine Hände hinab, als wären sie ihm fremd, als gehörten sie jemand anderem, der zufällig denselben Körper bewohnte. Er spürte Annika hinter sich und hörte ihr Atmen, das leise Rascheln ihrer Kleidung. Sie schälte sich aus dem Leinenhemd und tauschte es gegen ein frisches T-Shirt. Er sah nicht hin, aber er sah sie dennoch – mit einem inneren Auge, das genauer war als jedes äußere. Er sah ihre Schulterblätter, die sich unter der Haut bewegten wie Flügel, die noch nicht entfaltet waren. Er sah die leichte Rötung auf ihrem Rücken, wo die Sonne sie geküsst hatte. Er sah die Rundung ihrer Brüste, die sich gegen den dünnen Stoff drückten, als sie das Hemd über den Kopf zog. Er sah all das, ohne hinzusehen, und er schämte sich nicht dafür, sondern wunderte sich nur, dass er es jetzt erst sah, nach all den Jahren, nach all den Törns. Die bisexuelle Begierde, die er in sich spürte, war wie ein Tier, das geschlafen hatte und jetzt erwachte – nicht hungrig, nicht wild, nur wach.

Sie aßen im Cockpit, unter den Sternen, die über ihnen standen wie ein Versprechen, das noch nicht eingelöst war. Die Nudeln waren zu weich, der Wein zu warm, aber nichts davon spielte eine Rolle. Was eine Rolle spielte, war die Art, wie ihre Knie sich unter dem kleinen Tisch berührten und keiner sie wegzog. Wie Simons Hand auf dem Tisch lag und Annikas Hand daneben, nicht darüber, nicht darunter, nur daneben, aber so nah, dass sie die Wärme seiner Haut spürte wie ein eigenes Organ. Wie ihre Blicke sich trafen und dann nicht mehr lösten, sondern ineinander versanken wie zwei Schiffe, die aufeinander zuhalten und den Kurs nicht ändern.

„Was passiert hier?“, fragte Annika schließlich, und es war keine Frage, auf die sie eine Antwort erwartete. Es war eine Frage, die sie laut aussprach, weil sie zu lange in ihr herumgelaufen war wie ein Fremder, der nicht nach dem Weg fragt.

Simon legte die Gabel beiseite und trank einen Schluck Wein, der ihm nicht schmeckte. Er sah sie an. In seinen Augen lag etwas von dem Jungen, der er einmal gewesen war. Dies war, ehe er gelernt hatte, dass Gefühle etwas sind, das man besser unter Verschluss hält wie ein Segel bei zu viel Wind.

„Ich weiß es nicht“, sagte er ehrlich. „Ich weiß nur, dass ich dich ansehe, wie ich dich noch nie angesehen habe. Oder vielleicht habe ich dich immer so angesehen und habe nur weggesehen, ehe es zu spät war. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass du die einzige Person bist, bei der ich keine Angst habe vor dem, was ich fühle. Und das ist neu für mich. Das ist so neu, dass ich nicht weiß, wie ich es halten soll, ohne es zu erdrücken wie eine Möwe, die man füttern will und dabei zu fest zudrückt.“

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Annika lachte leise. Es war kein spöttisches Lachen, sondern eines der Erleichterung. Sie hatte erwartet, dass er etwas anderes sagen würde – etwas über Freundschaft, über Grenzen, über das, was man tut und was man nicht tut. Aber er hatte keines dieser Wörter benutzt, und das machte ihr Mut.

„Ich auch nicht“, sagte sie. „Ich habe auch Angst. Aber nicht vor dir. Sondern davor, dass ich etwas fühle, das ich nicht fühlen sollte. Weil du mein Freund bist. Weil wir Freunde sind. Weil das alles so einfach war zwischen uns und jetzt plötzlich nicht mehr einfach ist, sondern …“ Sie suchte nach einem Wort und fand keines, das imposant genug war. „… sondern schwer. Aber nicht schwer wie eine Last. Schwer wie ein Anker, der hält. Der uns hält. Der uns nicht treiben lässt, sondern festmacht an etwas, das wir noch nicht kennen.“

Simon nickte. Er nahm ihre Hand, einfach so, ohne zu fragen, und sie ließ es geschehen. Ihre Finger verschränkten sich wie zwei Leinen, die man miteinander verknotet, und der Knoten war fest und würde halten, auch wenn noch nicht klar war, wofür.

Sie saßen lange so, während die Sterne über ihnen weiterzogen und die See unter ihnen atmete. Der Wind hatte sich gelegt, und die Stille war so vollkommen. Sie hörten ihr eigenes Blut rauschen oder vielleicht das des anderen. Wer konnte das schon unterscheiden in einer Nacht wie dieser?

Was das Meer verschluckt und wieder freigibt

Später, sie wussten beide nicht, wie viel später, gingen sie unter Deck. Es war eine Entscheidung, die keiner von ihnen traf und die dennoch getroffen wurde. Als hätte das Schiff selbst sie für sie gefällt, als hätte die „Seeschwalbe“ genickt mit ihrem Bug und gesagt: „Jetzt.“ Jetzt ist es Zeit.

Die Kajüte war warm von den Öllampen und roch nach dem Docht, der noch glimmte. Sie roch auch nach dem Wein in ihren Gläsern und nach ihren Körpern, die sich in dem kleinen Raum gegenüberstanden wie zwei Kontinente, die einmal eins gewesen waren und jetzt wieder zueinanderdrifteten. Simon war im Vergleich zu ihr großgewachsen und breiter. Sein Schatten fiel auf sie, als er vor ihr stand und sie ansah mit Augen, die im Halbdunkel schwarz wirkten wie die See draußen vor den Luken. Annika hob die Hand und legte sie auf seine Brust, genau auf den Punkt, wo sein Herz schlug. Sie spürte es – schnell, aber nicht hastig, stark, aber nicht gewaltsam. Es war ein Herz, das wusste, was es wollte, auch wenn der Kopf noch zögerte.

„Wir müssen nichts tun“, sagte sie, und es war das Ehrlichste, was sie je gesagt hatte. „Wir können einfach schlafen. Jeder in seiner Koje. Und morgen früh tun wir so, als wäre nichts gewesen. Das können wir. Wir sind erwachsen. Wir können vorgeben, als hätten wir nichts gefühlt, als wäre es nur der Wein gewesen und die Sterne und die Einsamkeit einer Bucht, die nicht auf der Karte steht. Das können wir. Wir sind gut im So-tun-als-ob. Wir haben es jahrelang geübt, ohne es zu merken.“

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Simon nahm ihre Hand von seiner Brust und hielt sie fest, nicht hart, nur fest, wie man ein Ruder hält, das man nicht loslassen will. Er führte ihre Hand zu seinen Lippen und küsste ihre Fingerknöchel, einen nach dem anderen. Langsam und bedächtig küsste er sie, als wären es Wörter, die er buchstabierte, als wäre es ein Satz, den er schrieb, ohne ihn auf Papier zu bringen. Sie sah ihm zu und atmete flach, und ihr ganzer Körper war nur noch ein einziges Warten.

„Ich will nicht vorgeben, als ob“, sagte er gegen ihre Finger. „Ich will echt sein. Ich möchte das hier. Ich möchte dich. Nicht nur als Freundin, nicht nur als Crew, sondern als das, was du bist – ein Mensch, den ich ansehen kann, ohne wegzusehen. Ein Mensch, den ich berühren kann, ohne dass es eine Entschuldigung braucht. Ein Mensch, der mich berühren darf, ohne dass ich erschrecke. Ich möchte das. Ich möchte dich. Jetzt. Heute Nacht. Und wenn es morgen früh vorbei ist, dann ist es vorbei, aber dann war es wenigstens echt. Dann war es wenigstens wahr. Dann haben wir uns nicht wieder weggeduckt wie vor einem Schlag, der nie kam, weil wir ihn nicht kommen ließen.“

Annika zog ihre Hand nicht weg. Sie ließ sie an seinen Lippen spüren, ihren Atem, der warm und feucht war. Und dann, ganz langsam, ganz vorsichtig, zog sie ihn zu sich heran, wie man ein Segel dichtholt. Nicht zu fest, nur gerade so fest, dass der Wind es füllt und das Schiff Fahrt aufnimmt. Sie küsste ihn auf den Mund, und es war kein Kuss, der fragte, sondern einer, der antwortete. Ein Kuss, der sagte: „Ja.“ Hier bin ich. Ich möchte das auch.

Sie küssten sich. Der Kuss war salzig von der Seeluft, süß vom Wein und warm von ihren Mündern. Ihre Münder öffneten sich und fanden einander, als hätten sie sich schon immer gekannt und nur nie gewagt, sich zu begegnen. Simons Hände lagen auf ihren Schultern, dann auf ihrem Rücken und schließlich unter ihrem T-Shirt, auf ihrer Haut. Diese fühlte sich an wie Sand, der noch warm war von der Sonne, obwohl diese längst untergegangen war. Annikas Hände lagen auf seiner Brust, dann an seinem Hals, dann in seinem Haar. Es fühlte sich an wie Tauwerk, das nachgab und doch hielt, als sie ihre Finger hineinlegte und es umklammerte wie einen Halt, den sie brauchte.

Sie zogen sich aus, nicht hastig, sondern mit der Langsamkeit zweier Menschen, die wussten, dass dieser Moment nur einmal kam. Jedes Kleidungsstück, das fiel, war ein Versprechen, das sie sich selbst gaben – das, sich nicht zu verstecken, nicht mehr, nie wieder. Als Simon sein Hemd über den Kopf zog und seinen Brustkorb entblößte, sah Annika die Narbe an seiner Schulter, die sie kannte. Sie küsste sie, als wäre sie neu, als wäre sie ein Teil von ihm, den sie noch nie berührt hatte. Als Annika ihre Hose abstreifte und vor ihm stand, nur in einem dünnen Slip, sah Simon ihre Schenkel, die er kannte. Er berührte sie, als wären sie eine Landkarte, die er noch nie gelesen hatte.

Sie legten sich auf die Koje, die zu schmal war für zwei und doch breit genug, weil sie sich nicht mehr voneinander unterscheiden mussten. Ihre Körper passten sich einander an wie zwei Wellen, die sich begegnen und kurz eins werden, ehe sie weiterziehen. Simon küsste Annikas Hals, ihre Brüste und ihren Bauch. Sie bog sich ihm entgegen wie ein Segel, das den Wind sucht. Sie stöhnte leise, als seine Lippen tiefer wanderten, dorthin, wo sie noch nie von jemandem geküsst worden war, den sie so sehr liebte, ohne es gewusst zu haben. Annika zog ihn wieder zu sich herauf und küsste seinen Mund, seine Schultern und seine Hände. Dann, als sie beide bereit und gewillt waren, vereinigten sie sich mit einer Langsamkeit, die fast schmerzte, so hinreißend war sie.

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Es war anders als alles, was sie kannte. Es war nicht die Gier eines One-Night-Stands, nicht die Vertrautheit einer langen Beziehung, sondern etwas dazwischen. Es war etwas, das noch keinen Namen hatte, etwas, das wie eine bisexuelle Begierde in ihnen beiden brannte, hell und heiß und doch nicht verzehrend, sondern erhellend. Es war, als würde eine Lampe in ihnen angezündet, die sie beide wärmte. Sie bewegten sich miteinander, nicht gegeneinander, und ihre Körper sprachen eine Sprache, die sie beide verstanden, ohne sie gelernt zu haben.

Simon sah Annikas Gesicht unter sich. Er sah ihre geschlossenen Augen und ihre geöffneten Lippen. Er sah auch die Röte, die über ihren Hals kroch und sich auf ihrer Brust ausbreitete wie eine Morgenröte, die noch nicht Tag war, aber bald. Er sah sie an und dachte: Das ist sie. Das ist die Frau, die ich immer schon geliebt habe, ohne es zu wissen. Und jetzt weiß ich es. Und es macht mir keine Angst, sondern es befreit mich.

Annika sah Simons Gesicht über sich, sah seine zusammengezogenen Brauen, seine starren Augen, die sie fixierten wie ein Ziel, das er nicht verfehlen würde, und sie dachte: Das ist er. Das ist der Mann, den ich immer schon gesucht habe, ohne zu wissen, dass ich ihn längst gefunden hatte. Und jetzt halte ich ihn. Und es macht mich nicht schwach, sondern es gibt mir Kraft.

Sie kamen gemeinsam, nicht gleichzeitig, aber doch zusammen, wie zwei Schiffe, die in denselben Hafen einlaufen, mit unterschiedlichem Tiefgang, aber demselben Ziel. Danach lagen sie still, ihre Körper noch ineinander verschlungen wie zwei Leinen, die man nicht mehr lösen kann, und atmeten. Draußen gluckste das Wasser gegen den Rumpf. Drinnen war es nur noch still, aber nicht leer. Die Stille war voll – gefüllt mit allem, was sie sich gesagt hatten, ohne Worte zu brauchen.

Morgenlicht auf zwei Körpern und was bleibt, wenn die Segel sich füllen

Annika erwachte als Erste. Das Licht, das durch die kleinen Luken fiel, war noch blass und milchig, und die See draußen lag still wie ein See, der vergessen hatte, dass er ein Meer war. Sie lag auf der Seite, Simons Arm unter ihrem Kopf, sein Bein zwischen ihren Beinen. Sie spürte seinen Atem an ihrem Nacken, gleichmäßig und ruhig wie die Dünung draußen vor der Bucht. Sie rührte sich nicht, weil sie diesen einen vollkommenen Augenblick nicht zerstören wollte, in dem alles noch möglich war und nichts bereut werden musste.

Sie dachte nach, aber nicht mit dem Kopf. Sie dachte mit dem Körper, der noch ganz erfüllt war von der Nacht, von seinen Berührungen, von der Art, wie er sie gehalten hatte, als wäre sie etwas Kostbares, das man nicht verlieren durfte. Sie spürte einen Muskelkater an Stellen, die sie noch nie zuvor gespürt hatte. Sie lächelte in sich hinein über diese kleine Gemeinheit des Körpers, der sich immer erinnerte, auch wenn der Kopf versuchte, zu vergessen.

Simon erwachte, als sie ihren Kopf bewegte, nur minimal, nur um ihre Wange an seiner Schulter zu reiben, aber es war genug, um ihn aus dem Schlaf zu holen. Er öffnete die Augen und sah als Erstes ihr Haar, das sich über sein Gesicht gelegt hatte wie ein Vorhang aus Gold und Salz und etwas, das nur sie war. Er atmete ihren Geruch ein – nicht Parfüm, nicht Seife, nur sie, nur Annika – und schloss die Augen wieder, um den Traum festzuhalten, der kein Traum war.

„Guten Morgen“, flüsterte sie.

„Guten Morgen“, flüsterte er zurück.

Keiner von ihnen sagte: „Was haben wir getan?“ Keiner von ihnen sagte: „Das war ein Fehler.“ Keiner von ihnen sagte: „Wir sollten das vergessen.“ Stattdessen lagen sie einfach da, in der Koje, die zu schmal war für zwei und die doch genau richtig war. Sie ließen die Stille um sich herum werden, die eine andere Ruhe war als die von gestern Abend. Es war nicht mehr gespannt, nicht mehr erwartungsvoll, sondern erlöst, als hätte ein Gewitter sich entladen und der Himmel wäre jetzt klar, so klar wie noch nie zuvor.

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Irgendwann standen sie auf, nacheinander, weil es nicht anders ging in der engen Kajüte. Sie machten Kaffee, und das Wasser kochte, und sie tranken aus denselben Bechern wie immer, aber jetzt war es anders, weil alles anders war und nichts sich verändert hatte. Simon legte seine Hand auf Annikas Rücken, als sie an ihm vorbeiging, und es war keine zufällige Berührung mehr, sondern eine, die bestehen durfte, die bestehen sollte. Annika strich ihm durchs Haar, als er den Kaffee eingoss, und er schloss die Augen unter ihrer Berührung wie ein Kater, der die Sonne sucht.

Sie segelten zurück, spät am Vormittag, als die Sonne schon höher stand und der Wind aufgefrischt hatte und die „Seeschwalbe“ wieder durch die Wellen pflügte, als wäre nichts geschehen. Aber alles war geschehen. Die ganze Welt war eine andere, nur die See war noch dieselbe, nur der Wind war noch derselbe, nur das Schiff war noch dasselbe. Aber sie beide – sie waren nicht mehr dieselben. Sie waren zwei Menschen, die in einer einzigen Nacht eine Tür geöffnet hatten, die sie nie wieder schließen würden. Hinter dieser Tür lag etwas, das noch keinen Namen hatte, aber einen Klang: Es klang wie Segel, die sich im Wind füllten; es klang wie Wellen, die gegen den Rumpf schlugen; es klang wie zwei Stimmen, die einander riefen, ohne Worte zu brauchen.

Am späten Nachmittag erreichten sie den Hafen. Die Sonne stand schon tief, und die Schatten der Masten fielen lang über das Wasser wie schwarze Finger, die auf etwas deuteten. Sie machten die „Seeschwalbe“ fest, vertäuten die Leinen und klärten das Deck auf. All das taten sie still, aber es war ein Schweigen, das redete – in jeder Bewegung, in jedem Handgriff, in jedem Blick, der sich traf und wieder löste und wieder traf.

Als sie auf dem Steg standen, ihre Taschen in der Hand, die nackten Füße wieder in Sandalen, das Salz noch auf der Haut, drehte Simon sich zu ihr um. Er sah sie an. Er sah sie an, wie er sie noch nie betrachtet hatte – nicht mit Verlangen, nicht mit Zärtlichkeit, sondern mit etwas, das beides war und noch mehr: mit einer Liebe, die keinen Namen brauchte, weil sie alle Namen trug, die es gab.

„Nächstes Wochenende?“, fragte er.

„Nächstes Wochenende“, sagte sie.

Und dann küssten sie sich, mitten auf dem Steg, vor allen Möwen und allen Masten und allen unsichtbaren Zeugen, die es nicht gab und die es doch alle da waren. Sie küssten sich wie zwei Menschen, die wussten, dass sie etwas gefunden hatten, das selten, kostbar und zerbrechlich war, aber nicht zu zerbrechlich, um es zu halten. Sie küssten sich, und in diesem Kuss lag alles, was sie einander noch nicht gesagt hatten. Dass sie keine Angst mehr hatten, dass sie bereit waren, dass sie wussten, dass die bisexuelle Begierde, die sie füreinander empfanden, kein Ende war, sondern ein Anfang.

Dann gingen sie, jeder in seine Richtung, aber nur für jetzt, nur für diesen einen Abend, nur bis zum nächsten Wochenende. Denn dann würde die „Seeschwalbe“ wieder ablegen und sie beide wären wieder an Bord, zusammen, bereit für das, was kam. Was es auch war – es würde sie nicht trennen, sondern verbinden, wie zwei Leinen, die man aneinanderknotet und die halten, egal, wie stark der Wind bläst.

Hinter ihnen schaukelte das Schiff im Hafenbecken, und die Wanten sangen leise im Abendwind, und das Wasser klatschte gegen den Rumpf, als würde es applaudieren. Aber das hörten sie schon nicht mehr. Sie hörten nur noch ihre eigenen Herzen, die laut genug schlugen, um den Rest der Welt zu übertönen.

– ENDE –

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